Kohlis Arschkarte: Wer Leipzig und Lautern vergleicht, sollte auch bei John und Sherlock Holmes Parallelen suchen

„Nicht alles, was hinkt, muss ein Vergleich sein“, kalauerte der unvergessene Heinz Ehrhardt vor gefühlt 50 Jahren. Kohli kommt der Satz derzeit jeden Morgen in den Sinn, wenn er die Sportseite welchen Mediums auch immer anklickt. Da wird ein ziemlich starker Bundesligaaufsteiger ständig mit einer Mannschaft verglichen, die vor 19 Jahren ebenfalls ins Oberhaus aufgestiegen war – und direkt zur Deutschen Meisterschaft durchmarschierte.

Der „Kicker“ nannte die „Parallelen“ zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und RB Leipzig unlängst sogar „beängstigend“.

Parallelen? Beängstigend? Echt jetzt?

Doch, doch – weil der FCK damals wie die Roten Bullen heuer acht Spieltage ungeschlagen geblieben war, und am neunten hatten die Rangnicks nun Werder Bremen vor der Brust, wie die Ottomannen damals! Partauz, partauz – beängstigender können Parallelen nun wirklich  nicht sein.

Ähnlich beängstigend könnte vermutlich nur ein Vergleich zwischen John und Sherlock Holmes ausfallen. Immerhin heißen beide Holmes, das ist doch schon mal eine Parallele, und der eine besticht durch geistige Größe, der andere durch physische, allerdings auch nur in Teilen, beziehungsweise, eigentlich nur einem ganz bestimmten Teil…

Lassen wir das. Bevor es endgültig too much wird für einen handelsüblichen „Kicker“-Redakteur.

Sprechen wir Klartext: Wenn an diesem Vergleich etwas „beängstigend“ ist, dann, weil er zeigt, wie bizarr die Fußballwelt in den vergangenen 20 Jahren geworden ist.

Der FCK hatte sich zu seiner Rückkehr in die Bundesliga den teuersten Transfer seiner Geschichte geleistet, 3,3 Millionen Euro für Ciriaco Sforza an Inter Mailand überwiesen. Die anderen Neuverpflichtungen des Sommers kosteten allesamt weniger als 500.000 Euro, darunter Marian Hristov und Andreas Buck. In einem Interview kurz vor Rundenbeginn bezeichnete Kalli Feldkamp, Lauterns Meistertrainer von 1991, den Kader als auf „sechs Positionen nicht erstklassig besetzt“. Ein paar Monate später wollte er an dieses Zitat nicht mehr erinnert werden, so unfassbar war für ihn der Blick auf die Bundesligatabelle geworden.

RB Leipzig hat in den vergangenen drei Jahren rund 100 Millionen Euro an Ablösesummen investiert – und, immerhin: 1,9 Millionen Euro an Transfererlösen erzielt, das wollen wir doch nicht verschweigen. Der „Kicker“ lobhudelt in seinem „beängstigenden“ Bericht, dass beim 1:0-Sieg der Roten Bullen in Wolfsburg mit Bernardo und Timo Werner nur zwei Spieler gestanden hätten, die erst im Sommer nach Leipzig wechselten. Tja, aber die beiden allein kosteten mal eben 16 Millionen, und drei Minuten vor Schluss wurde mit Naby Keita noch eine 15-Millionen-Anschaffung eingewechselt.

Ansonsten, so der „Kicker“ weiter, hätten nur Spieler in Team gestanden, die mit den Aufstiegen und Aufgaben dieser Überraschungsmannschaft mitgewachsen seien – Wahnsinn. Mit Yussuf Poulsen und Dominik Kaiser seien sogar zwei dabei gewesen, die schon zu Drittligazeiten in Leipzig gekickt hätten. Mein Gott, wie sehr müssen diese beiden diesen Verein doch lieben. Und umgekehrt.

Ja, nee, is klar – Red Bull überwies seinerzeit für den erst 19-jährigen Poulsen 1,3  Millionen Euro an Lyngby, einen Betrag, den sich in Deutschland kein Drittligist sonst leisten konnte, und der Ex-Hoffenheimer Kaiser galt damals als Talent von unbestrittenem Erstliga-Format, dem der Auftritt in der unteren Klasse mit Konzernmillionen schmackhaft gemacht wurde.

Kohli weiß schon: Permanent gegen die Kommerzialisierung des Fußballs zu wettern, bringt nichts, das ewige Leipzig-Gebashe auch nicht. Geld schießt nun mal doch Tore, und Anhänger von Traditionsvereinen, die ihren Hass gegen Rote Bullen offen zur Schau tragen, werden schon bald nur noch als schlechte Verlierer dastehen, das ist keine Prophezeiung, die Darstellung zeichnet sich in den Medien bereits ab.

Viel befriedigender ist es doch, genüsslich zu grienen, wenn der Branchendienst „Meedia“ meldet, dass die „sky“-Übertragung der Partie Darmstadt gegen Leipzig am Wochenende  eine Einschaltquote verzeichnete, die „nicht mehr messbar“ gewesen sei, also in Richtung einer Null tendierte, die nicht einmal Huub Stevens stehen sehen mag.

Der im Zweitligamittelmaß versunkene Sensationsmeister von 1998 dagegen muss in dieser Hinrunde gleich fünf Mal montags antreten, weil „Sport 1“ darauf besteht, der besseren Einschaltquote wegen. Irgendwo tickt der augenscheinlich zugedröhnte Fußballkonsument also doch noch ganz normal, auch wenn die Belange des fernsehglotzenden Fans leider höher geschätzt werden als die des „Live“-Besuchers im Stadion.

Aber einen mit Konzernmillionen gepimpten Ballsportproduktionsbetrieb als „Überraschungsaufsteiger“ zu feiern und ihm dem unwiderstehlichen Charme des Underdogs anzudichten, ist noch viel bescheuerter, um nicht zu sagen „beängstigend“. Leipzig wird weder das deutsche Leicester werden noch das Kaiserslautern von 2017, dazu haben sie einfach zu viel von dem, was die beiden eben nicht hatten.

Metaphorisch gesprochen: Sherlock hätte den Vergleich mit John Holmes genauso wenig gewollt. Und umgekehrt. Vermutlich.