Fanblog: Ein Vorstands-Einstieg, der es in sich hat – Statt Vorschusslorbeeren hagelt es Beileidsbekundungen“

Mitleid deprimiert bisweilen mehr als Häme. Diese Erfahrung machen derzeit einmal mehr die ohnehin schon genug gebeutelten Fans des 1. FC Kaiserslautern. Seit der Verein  bekanntgab, dass zum 1. Februar Martin Bader als Sport-Vorstand des Vereins fungiert, hätte sich in so manchem FCK-Forum die Einrichtung einer Kondolenzliste empfohlen, so sehr häuften sich die Beileidsbekundungen, insbesondere aus Nürnberg und Hannover, den vorangegangen Tätigkeitsfeldern des 49-jährigen. Da ist viel Negatives zu lesen, mehrfach ist gar vom „Totengräber“ die Rede… Freilich: Wer das Geschäft kennt, weiß, dass der, der in Phasen des sportlichen Misserfolgs seinen Hut nimmt, von den Nachrufern stets zum Alleinschuldigen gebrandmarkt wird, das erleichtert den Zurückbleibenden nun mal den Neustart. Doch mit knalligen Einzeilern lässt sich ein so komplexer Job wie der eines Sportvorstand nicht einschätzen. Um dem Neuen an der Lautrer Klubspitze vernünftig begegnen zu können, braucht es wieder mal den differenzierteren Blick.

Baders jüngste Tätigkeit als Geschäftsführer Sport bei Hannover 96 etwa. Wie soll diese  beurteilt werden – anhand einer Amtszeit, die nur 17 Monate währte? Was lässt sich in seinem solchen Abschnitt denn an Konzepten entwickeln und umsetzen, an Strukturen schaffen, an Abläufen optimieren, dass sie so schnell schon Früchte tragen könnten? Auch auf Personalentscheidungen hatte Bader nur bedingt Einfluss. Als er den Posten in Niedersachsen im Oktober 2015 antrat, standen Kader und Trainer für die gerade gestartete Saison bereits. Coach Michael Frontzeck im Winter durch den nicht minder erfolglosen Thomas Schaaf zu ersetzen, war, da sind sich die begleitenden Medien einig, eine Entscheidung des mächtigen Klubchefs Martin Kind, ist also Bader nicht anzulasten.

MIT DER TRAINERLÖSUNG „JUNG & UNVERBRAUCHT“ HAT BADER KEIN GLÜCK

Seine Idee dagegen dürfte es gewesen sein, nach dem sang- und klanglosen Abstieg der 96er den noch unerfahrenen, aber mit dem Klub verwurzelten Daniel Stendel mit der Mission Wiederaufstieg zu betrauen – keine glückliche Idee, sicherlich. Überhaupt hat sich Baders Hang, in Trainerfragen gerne auf die Duftmarke „Jung & Unverbraucht“ zu setzen, nie als segensreich erwiesen, wie diese Betrachtung noch häufiger zeigen wird.

Im März 2017 war dann nicht nur für Stendel, sondern auch für Bader schon wieder Schluss in Hannover. Nachfolger Horst Heldt engagierte dann flugs André Breitenreiter, einen etablierten Coach mit viel Geschick in Menschenführung. Und der bewies in nur wenigen Wochen, dass der Kader, der unter Baders Federführung  zusammengestellt worden war, durchaus aufstiegstauglich war.

DIE JAHRE IN NÜRNBERG: AM ANFANG WAREN NUR ERFOLGE

Die insgesamt elfjährige Schaffenszeit Baders beim 1. FC Nürnberg stellt sich dagegen  wesentlich komplexer dar. Bader startet am Valznerweiher 2004 als Sportdirektor, als der FCN gerade wieder in die Erste Liga aufgestiegen ist. Er kommt als studierter Sport-Ökonom, war bereits für den Sportrechtevermarkter UFA tätig, hat bei Hertha BSC bereits die Fußballabteilung geleitet. Allerdings weist seine Vita keine aktiven Jahre im Profi-Fußball aus, weswegen im künftig sofort fehlende Praxiserfahrung angekreidet wird, wenn es mal nicht läuft.

Dies aber ist die ersten Jahre nicht der Fall. Nach Aufstiegstrainer Wolfgang Wolf installiert Bader mit dem fachlich wie humoristisch hochbegabten Hans Meyer einen starken Typen als Coach. Der „Glubb“ bleibt drei Jahre hintereinander erstklassig, so lange wie seit 20 Jahren nicht mehr. 2007 holt der 1. FC Nürnberg sogar den DFB-Pokal, spielt anschließend  international.

Dann die erste Zäsur. Abstieg 2007/2008. Worauf jedoch der direkte Wiederaufstieg folgt, wenn auch nur knapp über die Relegationsspiele. Dieses Happy-End überspielt ein paar Zwischentöne, die bei negativem Ausgang wohl anders geklungen hätten. Nicht teure,  etablierte Kicker wie Angelos Charisteas wenden das Blatt am Ende zum Guten, sondern junge Wilde. Unter anderem geht der Stern von ?lkay Gündogan auf, den Bader für stolze 850.000 Euro aus der U19 des VfL Bochum losgeeist hat.

HECKING-INSTALLATION VERHINDERT DIREKTEN WIEDERABSTIEG

Anschließend bleibt der „Glubb“ fünf Jahre lang erstklassig, spielt jedes Jahr im Schnitt vor über 40.000 Zuschauern – auch davon hat er vor der Ära Bader nur träumen können. Im ersten Jahr klappt’s am Ende allerdings nur dank einer deutlichen Steigerung in der Rückrunde und über die Relegation. Ins Rollen kommt der Karren erst, als mit Dieter Hecking wieder ein starker Typ auf der Trainerbank Platz nimmt. Bei Vorgänger Michael Oenning hat sich der Manager erneut mit der „Jung & Unverbraucht“-Masche verzockt.

Der FCN arbeitet in diesen Jahren wie alle Klubs, die unterhalb der geldschweren Bundesligavereine klarkommen müssen. Zu jedem Saisonende werden die Besten verkauft, deren Plätze günstigere Nachrücker einnehmen müssen, damit Überschüsse bleiben, um den Haushalt im Gleichgewicht zu halten. Das geht bei manchen Klub bekanntlich länger gut, bei anderen weniger lang gut. Weswegen sich der Verein in diesen Erstligajahren allerdings finanziell dennoch nicht konsolidieren kann, ist für einen Außenstehenden schwer zu beurteilen. Liegt‘s wirklich daran, dass Bader zu viel Geld ausgibt?

BADERS TRANSFERBILANZEN: JAHRELANG TADELLOS, ERST 2014 VERZOCKT ER SICH

Seine Transferbilanzen zumindest lassen diesen Schluss kaum zu. Unterm Strich legt der Manager, der seit 2010 als Sport-Vorstand agiert, in jeder Spielzeit positive Saldi vor, abgesehen lediglich von der Saison 2013/14. Und erzielt mit den Marktentwicklungen einiger Spieler fette Gewinne.

Gündogan geht 2011 für 5,5 Millionen Euro nach Dortmund. Timm Klose, 2011 für 400.000 Euro vom FC Thun gekommen, wechselt 2013 für sechs Millionen Euro nach Wolfsburg. Josip Drmic, 2013 für 2,2 Millionen Euro aus Zürich geholt, geht ein Jahr später für 6,8 Millionen Euro nach Leverkusen. Hiroshi Kiyotake, 2012 für eine Million Euro von Osaka verpflichtet, wechselt 2014 für 4,3 Millionen Euro nach Hannover. Philipp Wollscheid, 2011 aus der Zweiten Mannschaft hochgezogen, wechselt 2012 für sieben Millionen Euro nach Leverkusen – Nürnbergs Rekordtransfer schlechthin.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Flops. Makoto Hasebe etwa wird 2013 für 2,5 Millionen Euro aus Wolfsburg geholt und verlässt den Verein ein Jahr später ablösefrei. Jakob Sylvestr wird 2014 für 1,7 Millionen Euro von Aue verpflichtet und ist mittlerweile ablösefrei nach Aalborg abgewandert.

NACH HECKINGS ABGANG DREHT SICH DIE ABWÄRTSSPIRALE

Nachdem Hecking Anfang 2013 von Wolfsburg abgeworben wurde, scheitert Bader mit U23-Coach Michael Wiesinger erneut mit einer „Jung & Unverbraucht“-Lösung. Mit Gertjan Verbeek verpflichtet er anschließend ohne Frage wieder einen starken Typ mit Ecken und Kanten, der auch mit interessanten Fußballideen aufhorchen lässt, doch die Ergebnisse stimmen nicht. 2014 steigt Nürnberg ab.

Obwohl der „Glubb“ vor dem Gang in die Zweite Liga ein Transferplus von rund 14 Millionen Euro erwirtschaftet, gelingt es ihm nicht, eine Truppe zu formieren, die den direkten Wiederaufstieg anpeilen kann. Mit dem nächsten Trainer-Newbie, Valerian Ismael, leistet Bader sich prompt den nächsten Fehlgriff.

Nach dem Abstieg 2008 hatte Bader stolze 1,6 Millionen Euro in eine Rückholaktion für den Franken Christian Eigler aus Bielefeld investiert – und gewonnen. Jetzt überweist er 1,7 Millionen für Jakob Sylvestr nach Aue – und verliert.

AUF TUCHFÜHLUNG MIT DEN ULTRAS – TATSÄCHLICH EIN FEHLER?

Mit René Weiler glückt Bader zwar noch einmal eine richtig gute Trainer-Verpflichtung, unter der wieder eine sportliche Aufwärtsentwicklung einsetzt, doch Weiler geht mit dem Mann, der ihn engagiert hat, aber schon bald nicht mehr konform. Unter anderem wird Bader eine Aussprache zwischen Spielern, Trainer und Ultras, die Bader nach einer 3:6-Niederlage in Freiburg auf einer Raststätte erzwingt, auch vom Coach übelgenommen.

Auch generell wird dem Sportvorstand immer häufiger sein „Ranwanzen“ an die Extremfans vorgehalten. Damit wolle er sich im Umfeld die Machtposition erhalten, die intern im Verein gerade schwinde, heißt es.

Andererseits: Diese spezielle Aktion mag verunglückt sein. Grundsätzlich sollte aber ein Funktionär, der den Dialog mit den Ultras sucht, nicht verteufelt werden. Denn gerade die braucht es, wenn der Fußball nicht komplett seinen Kontakt zur Basis verlieren will. Alle  Extremfans pauschal als zündelnde Chaoten hinzustellen, wie es derzeit „Common Sense“ zu sein scheint, ist wesentlich fataler.

DAS URTEIL VON NÜRNBERG: BADER IST AN ALLEM SCHULD

Und wie es halt so ist bei einem Traditionsverein, bei dem es nicht läuft: Ist ein Schuldiger  erst mal ausgeguckt, muss er für alles herhalten, was gerade schiefläuft, und Kritiker zeigen sich zunehmend nicht nur offen, sondern schießen noch viel lieber aus dem Hinterhalt… Kennen wir das nicht von irgendwoher? Auch Wolfgang Wolf, den Bader als Fußball-Abteilungsleiter zurückgeholt hat, trägt die Entscheidungen des Chefs nicht mehr mit. Wie soll sich in diesem Klima noch etwas zum Besseren wenden?

Im Juli 2015 gibt der FCN die Trennung von Bader bekannt, Ende September wird sie offiziell vollzogen. Dass von nun alles besser wird beim Glubb, lässt sich nicht unbedingt sagen. Die erste Trainerentscheidung ohne Bader erweist sich ebenfalls als nicht glücklich, Alois Schwartz hält keine Saison durch. Unter Michael Köllner läuft es seither vielversprechend, der Aufstieg scheint heuer durchaus möglich.

Finanziell konsolidiert ist der Verein allerdings immer noch nicht, die geplante Ausgliederung verzögert sich. Seinen letzten fetten Transfergewinn hat der FCN mit Sandro Schöpf erzielt, der im Januar 2016 für fünf Millionen Euro zu Schalke wechselte. Bader hat ihn 2014 für 400.000 Euro von Bayern München geholt.

BEI EINEM ABSCHIED IM UNFRIEDEN WIRD IMMER DAS NEGATIVE HERAUSGESTRICHEN

Besserwisser würden jetzt sagen: Hätte Bader bereits 2014, als der zweite Abstieg besiegelt war, beim FCN aufgehört, wäre er vielleicht nicht mehr ganz als strahlender Held gegangen, aber mit wesentlich mehr Respekt und Dankbarkeit verabschiedet worden. Aber lassen sich menschliche Lebenswege wirklich am Reißbrett planen?

Bestand haben nach wie vor die professionellen Strukturen, die er in Nürnberg geschaffen hat, unter anderem hat er den Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums vorangetrieben, von dem der Glubb heute mehr denn je profitiert. Ebenso offenbart dieser Schnelldurchlauf die Erkenntnis: Wenn Martin Bader einen starken Trainer an seiner Seite arbeiten ließ, hatte sein Verein immer Erfolg. Seine Transferbilanzen fallen unterm Strich deutlich positiv aus, auch wenn Flops sich leugnen lassen – und erfahrungsgemäß werden diese nach einem Abschied im Unfrieden immer stärker betont.

ES DER BRANCHE NOCHMAL ZEIGEN WOLLEN – DAS EINT BADER UND DEN FCK

Als durchweg verheerend erwiesen sich lediglich die Weichenstellungen, die Bader nach dem Abstieg 2014 vornahm. Aber auch ein 49-jähriger kann aus seinen Fehlern noch lernen. Erst recht, wenn er mit dem Ehrgeiz antritt, es der Branche, die ihn nunmehr abgeschrieben hat, noch einmal zeigen wollen. Unter diesem Gesichtspunkt passt er doch ganz gut nach Lautern.

Die FCK-Aufsichtsrat hatte ja schon zu Beginn seiner Sportvorstands-Suche angekündigt, dass es jemand werden sollte, der schon einige Jahre in diesem Geschäft auf dem Buckel hat. Einer, der eine einzige Erfolgsgeschichte zu erzählen hat, würde in diesen Tagen aber nicht zum 1. FC Kaiserslautern wechseln, dem wirtschaftlich und mental schwer angeschlagenen Tabellenletzten der Zweiten Liga. Es konnte also nur einer werden, der auch schon Flecken auf der Weste hat. Und der nun mit Macht versuchen will, sich diese wieder rauszuwaschen. Sind wir also gespannt.

6 Kommentare zu „Fanblog: Ein Vorstands-Einstieg, der es in sich hat – Statt Vorschusslorbeeren hagelt es Beileidsbekundungen“

  1. Klingt in dem Artikel an, dass wir einen erfahrenen Trainer brauchen damit Bader gut arbeiten kann!? Bin nämlich der Meinung, Strasser is das einzig gute was der FCK diese Saison zu bieten hat und er sollte def. eine Chance über diese Saison hinaus erhalten egal wie sie ausgeht.
    In vielen anderen Punkten finde ich den Artikel äußerst gelungen und informativ, danke dafür.

  2. als die überheblichkeit und grössenwahn kam, hat bader den 1.fcn regelrecht kaputt gemacht. wir sind sehr froh, ihn in nicht mehr in nürnberg zu haben. für den fck schliesse ich mich zur bader entscheidung, dem beileid an.

  3. Das in Zeiten von Retortenvereinen und Marketingkonstrukten ein Verein wie der Glubb auch mal in die zweite Liga absteigt das kann immer passieren. Das außer den Münchner Bazis jeder Verein seine Besten früher oder später an einen größeren Verein verliert heute auch normal.
    Nun zur Bader Kritik: Man kann als Verein ausschließlich von Transfererlösen leben oder man kann in der Region Klinken putzen gehen um Sponsorengelder generieren. Dabei kann man Luftschlösser fabulieren oder seriöse Konzepte präsentieren um Vertrauen aufzubauen.
    Wer wissen möchte wie Martin Bader hier von Geschäftsleuten beurteilt wird der möge sich die Rede von Dr. Armin Zitzmann Vorstand der Nürnberger Versicherung ansehen als die Nürnberger in der Nach Bader Ära als Hauptsponsor gewonnen werden konnte.
    Zum sportlichen: Dass das Team nach dem letzten Abstieg schlecht zusammen gestellt war (u.a. ohne RV in die Saison gegangen) sah jeder Laie. Aber auch hier soll ein Profi das letzte Wort haben. Hans Meyer über diesen Kader: Ein ganz schlecht zusammen gestellter Kader.

    Ich hoffe der FCK hält die Klasse weil wir mehr Traditionsvereine und weniger Retortenclubs brauchen aber bei der Personalie habe ich wenig Hoffnung für Euch.

  4. Interessanter Bericht, danke dafür. Allerdings passt Michael Frontzeck weder in das Schema „Newcomer“ noch in das des „erfahrenen, starken“ Trainers, sondern eher in die Kategorie „Nicht Dein Ernst,oder?!“

  5. Zum Punkt der „positiven Transferbilanz“ auch noch etwas aus Nürnberger Sicht: der reine Vergleich der kolportierten Transfersummen greift m.E. zu kurz. Das Thema der Spielergehälter ist eine wesentliche Erklärung dafür, warum zu Erstligazeiten kein Vermögen aufgebaut werden konnte und warum zu Zweitligazeiten trotz weiterhin ordentlicher Transferüberschüsse millionenschwere Fehlbeträge gesammelt wurden.
    Dass durchschnittliche Spieler mit überdurchschnittlichen Gehältern und langer Vertragslaufzeit nach Nürnberg gelotst wurden, hat den FCN an den Rande des Konkurses gebracht und die aktuellen Vorstände viel Mühe und Zeit gekostet. Gerne den Berichten zu den Jahreshauptversammlungen nachzulesen. Oder in diversen Interviews mit unserem Finanzvorstand Meeske.
    Die letzten Verträge aus der „Bader-Ära“ laufen Ende dieser Saison aus. Für uns eine große Erleichgerung.
    Den Beileidsbekundungen schließe ich mich daher an. Dem FCK wünsche ich, dass Bader dazugelernt hat und der Aufsichtsrat seine Arbeit kritisch begutachtet und nicht nur abnickt.

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