Fanblog: Michael Frontzeck – der schlechteste Trainer der Bundesliga? Da schauen wir doch mal genauer hin

Sein Einstand ist mit dem 2:1-Auswärtssieg bei Eintracht Braunschweig schon mal geglückt. Somit hat der neue FCK-Trainer Michael Frontzeck auch beim FCK-Anhang seine ersten Kreditpunkte gesammelt. Bis er sämtliche Vorbehalte abgetragen hat, die mit seiner Verpflichtung vor allem in den Internet-Foren laut wurden, wird es aber wohl noch eine Weile dauern. Dazu hängen dem 53-Jährigen zu viele angebliche Misserfolge an. Unter anderem wird die „ran“-Statistik, die ihn anhand seines „Punkte-pro-Spiel“ (PPS)-Schnittes von 0,93 als schlechtesten Bundesligatrainer aller Zeiten ausweist, gern gegen ihn ins Feld geführt. Dabei sollte es den einigermaßen informierten Fußballfreund eigentlich stutzig machen, dass etwa auch Jos Luhukay oder Hermann Gerland in dieser Worst-Ten auftauchen… Gute Gründe also, sich den Werdegang Michael Frontzecks einmal ein wenig genauer anzuschauen.

Das erste Mal als Chef auf die Bank setzte sich der 19-fache Nationalspieler 2006 bei Alemannia Aachen. Zuvor hatte der einstige Linksverteidiger bei seinem Stammverein Borussia Mönchengladbach Hans Meyer und Ewald Lienen assistiert, mit Lienen hatte er danach auch ein Gastspiel in Hannover gegeben. Aachen spielte in der Saison 2006/2007 das erste Mal seit 1969 wieder in die Bundesliga, war mit einem Etat aufgestiegen, der das  Team nicht einmal in der Zweiten Liga als Top-Team ausgewiesen hatte, galt demzufolge vom Saisonstart weg als Absteiger Nummer eins.

 Frontzeck übernimmt nach dem 3. Spieltag von Dieter Hecking, der nach Hannover abgewandert ist, hatte zuvor also keinerlei Einfluss auf Saisonvorbereitung und Kaderzustellung. Dennoch setzt er mit dem krassen Außenseiter zu einem erstaunlichen Höhenflug an, hält ihn bis Spieltag 26 auf einem sensationellen 9. Rang, ehe eine Niederlagenserie die Mannschaft doch noch zurückwirft. Am Ende steigt Aachen mit 34 Punkten ab.

Statt Frontzeck die Brandzeichen „Absteiger“ oder „gescheitert“ auf die Stirn zu brennen, ließe sich da auch formulieren: Er hat sich mit dem designierten Abstiegskandidaten immerhin achtbar aus der Affäre gezogen.

AUCH IN BIELEFELD UND GLADBACH LIEF ES ANFANGS IMMER GUT

Nächste Station: Bielefeld, 2008. Frontzeck übernimmt im Januar, die Arminen stehen auf Platz 14, die Situation ist also eigentlich noch gar nicht so prekär. Die Arminen haben sich dennoch von Ernst Middendorp getrennt. Möglicher Weise hat der Traumstart von sieben Punkten nach drei Spielen die auch in Lautern berühmte „überzogene Erwartungshaltung“ geschürt. Frontzeck finalisiert auf Rang 15 – Mission erfüllt. In der Saison gerät er mit der Mannschaft in den Abstiegsstrudel. Kurioser Weise wird Frontzeck am 33. Spieltag entlassen, als kaum noch was zu retten ist. Für den letzten Spieltag verpflichtet Arminia eigens  Jörg Berger, der in Hannover ein 2:2 erreicht, Bielefeld steigt dennoch ab.

Nächste Station: Stammverein Borussia Mönchengladbach, 2009. Hier soll Frontzeck 61 Spiele das Zepter schwingen, seine längste Trainerstation. Und er wird das erste und bis heute einzige Mal ein Team eine komplette Spielzeit hindurch coachen. Diese schließt er auf Rang 12 ab, womit die Erwartungen, die realistischer Weise an ihn gestellt werden durften, durchaus erfüllt sind. Die Borussia spielt erst im zweiten Jahr wieder Bundesliga, hatte den Klassenverbleib in der Saison zuvor knapp auf Rang 15 gesichert.

Im Januar 2011 wird Frontzeck jedoch entlassen, mit 16 Punkten auf Rang 18 stehend. Lucien Favre übernimmt, rettet die Borussia über die Relegationsspiele und führt sie anschließend in neue Höhen. Da scheint in der Tat ein Trainerkaliber am Werk gewesen sein, an dem man Lauterns Neuen besser nicht messen sollte.

IN ST.PAULI GING ER ALS ACHTER – WAS DIE PPS-STATISTIK NICHT BERÜCKSICHTIGT

Nächste Station: St. Pauli, Zweite Liga, 2012. Frontzeck übernimmt im Oktober für André Schubert, der nach 8 Spieltagen nur 6 Punkte vorweisen konnte. Mit Frontzeck werden es dann 43 bis Ende der Saison – beachtlich. Am 34. Spieltag siegte St. Pauli 2:1 in Kaiserslautern. Im November 2013 kam dann an gleicher Stelle der Abpfiff für Frontzeck, nach einem 1:4 auf dem Betzenberg.

Aber: St. Pauli stand da immer noch auf Rang 8, die Trennung erfolgte, weil sich Verein und Trainer nicht „auf den Zeitpunkt der Vertragsverlängerung einigen konnten“, so die offizielle Version. Mag sein, dass St. Pauli in dieser Spielzeit höhere Erwartungen hatte, allerdings: Frontzecks Nachfolger Roland Vrabec vermag den Klub anschließend auch nicht weiter nach oben zu führen.

Anmerkung zur „ran“-Statistik: In dieser findet Frontzecks Punkteschnitt aus St.  Pauli-Zeit – 1,38 in 40 Spielen – keine Berücksichtigung, da diese Tabelle nur Erstligaspiele von Trainern mit mehr als 100 Einsätzen einbezieht. Das Worst-Ranking von fussballfieber.de  etwa setzt die Grenze schon bei 50 Einsätzen, und da taucht Frontzeck „nur“ als fünftschlechtester Trainer ever auf. Zum Oberloser wird hier ein gewisser Norbert Meier gekürt. Was zeigt: Statistik ist nicht unbedingt eine Form der Lüge, aber ein dankbar Spielball für Manipulation.

DIE BISLANG LETZTE STATION: AUF UND AB IN HANNOVER

Nach fast anderthalb Jahren Pause heuert Frontzeck in Hannover an. Er übernimmt  fünf Spieltage vor Schluss von Tayfun Korkut, der 13 Spiele lang mit 96 ohne Sieg geblieben ist. Mit Frontzeck gewinnt 96 zwei Mal, spielt zwei Mal unentschieden und verliert einmal.  Abstieg vermieden, Mission erfüllt, und das mit einem Punkteschnitt von 1,6 – exakt der wäre jetzt nötig, um den FCK auf die 37 Punkte zu bringen, die den fast sicheren  Klassenverbleib bedeuten.

Eine längere Amtszeit ist Frontzeck  jedoch auch in Hannover nicht beschieden. Im Dezember 2015 tritt er zurück, angeblich, weil ihm Gerüchte über seine bevorstehende Entlassung zu Ohren gekommen sind und er dieser zuvorkommen will. Hannover rangiert auf Rang 17.

Frontzeck hatte in Hannover wieder einmal die Gelegenheit, die komplette Sommervorbereitung mit einer Mannschaft durchzuziehen. Inwieweit er auch auf die Kadergestaltung Einfluss hatte, ist von außen wie immer schwer zu beurteilen. Bezeichnend ist allerdings, dass der dafür federführende Sportchef Dirk Dufner noch im Oktober entlassen und durch Martin Bader ersetzt wurde, der nun Sportvorstand in Lautern ist.

MEINUNGEN UND HINTERGRÜNDE

Abgesehen von den mauen Ergebnissen, war man in Niedersachsen auch nicht gerade berauscht von dem, was Hannover in der Hinrunde 2015/16 fußballerisch und vor allem in spieltaktischer Hinsicht ablieferte. Bereits seiner Weiterverpflichtung nach seiner erfolgreichen Mission als Feuerwehrmann war intern mit Vorbehalten begegnet worden. Das kann man jetzt kommentieren mit „Die Skeptiker sollten ja auch recht behalten“, wahlweise aber auch mit: „Wie konnte der Mann in Ruhe arbeiten, wenn der Verein schon zu Saisonbeginn nicht geschlossen hinter ihm stand?“

„Er hat es in der Nichtabstiegssaison geschafft, den Zusammenbruch zu verhindern, weil er eben Gelassenheit ausstrahlt, auch im Umgang mit den Spielern sehr gut ist und Wert auf das Team-Klima legt“, berichtet ein 96-Beobachter mit Insider-Kenntnissen. Zudem habe er mutige Personalentscheidungen getroffen. Stürmerstar Joselu zum Beispiel, zu Korkut-Zeiten gesetzt, ließ nach dem Trainerwechsel die Ohren hängen, worauf Frontzeck ihn auf die Bank setzte – und viele im Umfeld die Luft anhielten. Nach sieben Punkten in drei Spielen ohne Joselu waren jedoch alle Zweifel an der Entscheidung verflogen.

Allerdings sei Frontzeck später weder „mit gruppentaktisch sinnvollen Maßnahmen“ aufgefallen, noch schien „sein Augenmerk für individuelle Stärken und Eigenheiten der Spieler besonders ausgeprägt“, so unser Informant weiter.

DAS BEISPIEL LICHTE: EIN LICHTBLICK

Im weiteren Verlauf der Hinrunde habe es Frontzeck allerdings zugelassen, dass sein Co-Trainer Jan-Moritz Lichte sich stärker in Trainingsgestaltung und Matchplanung einbrachte – was durchaus als guter Führungsstil interpretiert werden könne. Resultat dieser modifizierten Arbeitsverteilung sei etwa das Spiel gegen Borussia Dortmund gewesen, das 96 zwar mit 2:4 verlor, dabei aber ein beachtlich einfallsreiches Pressing praktizierte, wie auch der analytisch versierte Blogger „Jaime“ auf seiner Seite niemalsallein.de darlegt. „Ich gehe nicht unreflektiert durchs Leben und bin stets bereit, dazuzulernen“, hat Frontzeck schon 2010 in einem Interview mit „11Freunde“ erklärt.

Zum Hintergrund: Der 37-jährige Jan-Moritz Lichte gilt Kennern der Branche schon länger als großes Trainertalent, das früher oder später auf einem Chefsessel landen wird. 2011 schloss Lichte die Ausbildung zum DFB-Fußballlehrer an der Hennes Weisweiler-Akademie als Jahrgangsbester ab, hatte also bessere Noten eingeheimst als seine Klassenkameraden  Markus Gisdol, Roger Schmidt und Markus Weinzierl. Aktuell assistiert Lichte dem Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz.

FAZIT: KEIN TAKTISCHES GENIE, ABER EIN BESONNENER LEADER

Fazit: So erfolglos, wie ihn die Statistiken machen, war Michael Frontzeck längst nicht. Vor allem kurzfristig kann er einem schwächelndem Team wieder Leben einhauchen, allerdings  weniger mit taktischen Geniestreichen, sondern eher mit besonnener Hand und guter Menschenführung.

Den Nachweis, einen Kader längerfristig weiterentwickeln, hat Frontzeck bislang allerdings nicht erbracht – ob er dies nicht konnte oder er schlicht und ergreifend nicht ausreichend Gelegenheit dazu kam, lässt sich nicht hundertprozentig entscheiden.

Positiv zu vermerken ist auf jeden Fall, dass Frontzeck sich offenbar nicht als Alleinherrscher versteht und Erfolge unbedingt allein für sich reklamieren will. Er verschließt sich auch Ideen und Einflüssen kompetenter Mitstreiter nicht, wie das Beispiel Lichte zeigt.

Er hat, wie er selbst erzählte, in seinen ersten Tagen beim FCK auch den Kontakt zu Jeff Strasser gesucht, seinem nun krankgeschriebenen Vorgänger. Nach dem Sieg in Braunschweig erklärte er sogar – wenn auch wohl ein wenig augenzwinkernd –, wer wolle, könne die drei Punkte auch dem Luxemburger zuschreiben, der die Mannschaft ja in der Vorbereitung betreute.

EIN GEDANKENSPIEL: WARUM NICHT FRONTZECK UND STRASSER GEMEINSAM?

Von daher erlauben wir uns mal ein visionäres Gedankenspiel: Ab Sommer 2018 wird Co-Trainer Alex Bugera aller Voraussicht nach neun Monate lang vornehmlich in Köln beschäftigt sein, wo er seinen Fußballlehrer machen will. Könnte sich da denn nicht der wiedergenesene Jeff Strasser an Frontzecks Seite stellen?

Es war so schön anzusehen, wie der Luxemburger sein Team zuletzt, wenn auch in kleinen Schritten, wieder zu mehr Spielkultur führte. Da wäre es doch schade, wenn Strassers Fähigkeiten dem Verein schon wieder verloren gingen, zumal er für den Anhang auch noch  eine Identifikationsfigur im besten Sinne darstellt.

Strassers Vertrag ist ja noch nicht aufgelöst und seine derzeitige Erkrankung soll keine bleibenden Handicaps hinterlassen, heißt es. Von daher könnte er im Juli wieder voll einsatzfähig sein.

2 Kommentare zu „Fanblog: Michael Frontzeck – der schlechteste Trainer der Bundesliga? Da schauen wir doch mal genauer hin

  1. Visionen sind nicht verkehrt. Aber Strasser als neuer „Co“ der Profis? Sorry Eric, aber davon halte ich gar nichts, auch wenn der Ansatz nachvollziehbar wäre und trotzdem etliche Risiken für alle Beteiligten beinhaltet. Stattdessen schlage ich eine aus meiner Sicht bessere Alternative vor.

    Im Sommer endet nämlich auch der Vertrag des U23 Trainers und der des NLZ Leiters. Das wäre aus meiner Sicht der richtige Platz für den Rekonvaleszenten Strasser, der auch als akribischer Arbeiter bekannt ist, sich absolut auf dem Stand der Zeit befindet, aber bei dieser Vorgeschichte nicht (so schnell) wieder in die erste Reihe sollte.

    Im Falle „Co-Trainer“ (Assistent) käme das einer persönlichen Degradierung gleich, was sich als schwierig für alle Beteiligten – auch für die Spieler, gestalten dürfte. Im Falle einer Neubesetzung der Stelle des „Nachwuchschefs“, gern in Kombination mit dem U23 Cheftrainer Job, bekäme er einfach ein anderes Aufgabengebiet.

    Will ich den maximalen Nutzen für den Verein und gleichzeitig vorhersehbare persönliche und hierarchische Konflikte vermeiden, dann wäre DAS der „Königsweg“.

    Aus meiner Sicht jedenfalls.

    Mit freundlichen Grüßen

    Johannes B. Remy

    1. Immerhin sind wir uns in dem Punkt einig, dass Jeff Strasser dem Verein unbedingt erhalten bleiben sollte. NLZ-Leiter? Sicher eine gute Idee, wenn bei ihm auch in vier Monaten noch aus gesundheitlichen Gründen eher ein Schreibtischjob angesagt ist. Ist er dagegen wieder voll belastbar, denke ich, ist ein Typ wie er auf dem Platz, bei der Arbeit mit einer Mannschaft, besser aufgehoben – und ich glaube, dass er sich auch so sieht. Außerdem ist NLZ-Leiter kein Posten für einen, der sich im Trainerberuf noch weiterentwickeln will, auch der von mir erwähnte Lichte hatte ja in Hannover darauf keine Lust mehr.

      U23-Trainer? Solange sie in der Oberliga spielt, ist das nicht unbedingt reizvoll für einen, der auf sich aufmerksam machen will. Dann schon eher U19, sofern sie in der Bundesliga bleibt. Auf dem Posten haben sich ja gerade in den letzten Jahren einige ins Rampenlicht gecoacht.

      Ich glaube aber, dass Strasser auch der Ersten Mannschaft noch einiges an Spielkultur vermitteln kann, die Fortschritte zuletzt waren ja unübersehbar. Natürlich verlangt dies einiges an Fingerspitzengefühl von und für Frontzeck in Sachen Autoritätshandling, aber dafür halte ich ihn, das ist zumindest mein erster Eindruck, durchaus für clever genug. Cheftrainer, die starke „Cos“ mit hoher Eigenverantwortung neben sich nicht nur dulden, sondern gedeihlich mit ihnen zusammenwirken, sind gar nicht so selten. Prominentes Beispiel ist wohl Jürgen Klopp.

      Gruß,
      Eric

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