Analyse: Die Aufholjagd geht weiter – Ein wiedererstarkter Osawe führt starke  Lauterer zum verdienten Sieg 

Der Aufwärtstrend ist bestätigt. Der 1. FC Kaiserslautern schlägt den starken Aufsteiger SV Holstein Kiel nicht nur 3:1, er zeigt auch richtig guten Fußball.  Zunehmend besser greifen die einzelnen Rädchen ineinander, ganz so, wie wir es zu Jahresbeginn gefordert haben. Nach Brandon Borrello profiliert sich in dieser Partie ein wiedererstarkter Osayamen Osawe als weiterer neuer  Hoffnungsträger. Wünschenswert wäre, dass sich nun auch der Anhang stärker von der Aufholjagd des zu Jahresbeginn noch hoffnungslos abgeschlagenen Tabellenletzten elektrisieren lässt. Nur 20.664 Zuschauer bei einem so starken Zweitligaspiel – da kann die Pfalz eindrucksvoller Präsenz zeigen.

Michael Frontzeck hat sich also fürs klassische „Never change a winning team“ entschieden – abgesehen davon, dass Marius Müller wieder für Jan-Ole Sievers ins Tor zurückgekehrt ist. Im Feld starten die gleichen Zehn wie beim 2:1-Auswärtssieg in Braunschweig. Demnach ist auch Osawe dabei, das beliebteste Spekulationsobjekt der vergangenen Tage: In einem Heimspiel könnte doch ein weniger schneller, dafür aber ballsicherer Spieler eine Alternative darstellen…

Von wegen. An Osawe festzuhalten, stellt sich als Frontzecks beste Entscheidung heraus. Das zeichnet sich schon nach zwei Minuten ab. Osawe setzt sich auf der linken Seite durch, passt überlegt in den Rückraum, Borrello vollstreckt. Der Australier ist nun an fünf der letzten acht Treffer Lauterns unmittelbar beteiligt gewesen.

 Wie schon in Braunschweig also ein Einstand nach Maß. Und der beflügelt.

NACH TRAUMSTART BREMSEN STARKE STÖRCHE LAUTERNS HYBRIS

Lukas Spalvis hat kurz darauf die nächste Riesenchance. Nils Seufert hat ihn mit einer schönen direkten Weiterleitung in Stellung gebracht, auch das hat man vom FCK schon lange nicht mehr gesehen. Zwei Minuten später darf Müller einen zugegeben erbärmlich getretenen Elfer von Marvin Ducksch parieren. Worauf es für einige Minuten so aussieht, als wachse die Hybris der wiedererstarkten Tabellenletzten nun ins Ungeheuerliche.

Dann aber zeigen die Kieler Störche ihre Qualitäten. Sie bekommen das Spiel zunehmend unter Kontrolle, kombinieren gut und sicher. Erstaunlich, was Markus Anfang da für eine spielstarke Truppe geformt hat – die laut Vereinsgaben mit einem Lizenzspieleretat von 6,7 Millionen Euro zusammengestellt worden ist. Das sind rund vier Millionen weniger, als der Immer-noch-Tabellenletzte aus der Pfalz zur Verfügung hatte.

Vor allem der überall auftauchende Dominick Drexler stiftet Verwirrung. Ein Spieler, der in den Jahren zuvor in Aalen und Fürth nicht weiter auffiel, und der nun, mit 27, zum umworbenen Leistungsträger explodiert ist. Es gibt sie also durchaus, die sogenannten „Spätentwickler.“

BEIM AUSGLEICH WIRD LAUTERNS STRAFRAUM WIEDER ZUM FLIPPER

Höhepunkt der Kieler Bemühungen ist zunächst ein Schlenzer von Kevin Schindler an den Außenpfosten. Zuvor allerdings hätte der hochgelobte Osawe dem mitgelaufenen Ruben Jenssen das 2:0 auflegen können, doch der Engländer probiert es aus halbrechter Position lieber selbst. Diesmal hat ihn Philipp Mwene, erneut mit einem geistesgegenwärtigen Direktspiel, in Position gebracht.

So darf Kiel nach 32 Minuten ausgleichen, nach einer zu kurz abgewehrten Ecke und einer Flippersituation im Strafraum, wie sie unlängst schon Düsseldorf nutzen durfte, um einen Rückstand auf dem Betzenberg zu egalisieren – dergleichen reißt hoffentlich nicht ein. Diesmal heißt der Glückliche David Kinsombi.

Vor der Pause hat Lautern dann das Quäntchen Glück, das es braucht, wenn eine Aufholjagd aus einer derart verzweifelten Tabellensituation erfolgreich sein will. Osawe holt einen Elfer heraus, nach einem Pfiff, mit dem die Kieler nicht unbedingt einverstanden sind. Innenverteidiger Dominik Schmidt hat den Stürmer doch nur leicht touchiert… Allerdings zeigt die Zeitlupe: Er stellt ihm schon den Fuß in den Laufweg, und dass ein Angreifer diese Einladung zum Hinfallen annimmt, gehört zum Geschäft. Vertretbare Entscheidung also.

IN HÄLFTE ZWEI KONTERT SICH LAUTERN ZUM VERDIENTEN SIEG

 Christoph Moritz vollstreckt, mit einem Schieber ins rechte Eck, während  Keeper Kenneth Kronholm  ins linke hechtet. Den Elfer gegen Düsseldorf zuletzt hat Moritz nahezu identisch verwandelt. Ob er sich traut, den Trick noch ein drittes Mal anzuwenden?

Nach der Pause ist der FCK direkt wieder am Drücker. Halbgare Chancen für Osawe und Spalvis, dann ist es erneut Mwene, der mit einem schnellen Zuspiel Osawe in der Mitte freispielt, und der macht die Kiste im Nachschuss.

Osawes erster Treffer dieser Saison, dem gut und gerne noch ein zweiter folgen könnte: Nach Zuspiel von Spalvis und einem phantastischen Sprint schiebt er das Leder nur haarscharf am langen Eck vorbei. Ebenso gedankenschnell steckt Spalvis auf den mitstürmenden Linksverteidiger Leon Guwara durch, doch der verzieht als halblinker Position.

Insgesamt agiert Lautern in Hälfte zwei zurückgezogener, ist mit gut vorgetragenen Kontern jedoch gefährlicher als die Kieler, die nicht mehr in die Spur zurückzufinden, auf der sie in der ersten Hälfte weite Strecke gefahren sind. Schindlers versucht’s aus 16 Metern, wieder wird der Ball abgefälscht, woraus sich diesmal jedoch keine Einschusschance ergibt. Eine weitere Großchance beschwört abermals Osawe heraus, als er eine Abseitsposition aufhebt.

DUMM NUR: MORITZ FEHLT JETZT GEGEN SANDHAUSEN

In der Schlussphase handelt Moritz fast ein wenig fahrlässig, als er nach einem Konter den eingewechselten Sebastian Andersson, um diesem noch ein Erfolgserlebnis zu gönnen.

Zu Moritz: Mit 12,85 zurückgelegten Kilometern hat er diesmal wieder Nase vor dem zweiten Kilometerfresser im FCK-Team, Brandon Borrello (12,38), Überhaupt hat das FCK-Team mit 123,76 Kilometern insgesamt abermals eine weit überdurchschnittliche Laufleistung abgeliefert.

Dumm nur, dass Moritz nach seiner fünften Gelben Karte nun im Heimspiel gegen den SV Sandhausen am kommenden Freitag (18.30 Uhr) gesperrt ist. Damit ist das „Never change a winning Team“-Prinzip für Frontzeck passé. Interessant wird sein, wem der Trainer die Position des laufstarken Achters anvertraut.

Eine Lösung wäre Gino Fechner, der eher eine Sechser-Rolle ausfüllen könnte, während Seufert mehr die Ballverteiler-Funktion übernimmt. Oder aber, Frontzeck zieht Jenssen in die Zentrale und besetzt den linken Flügel neu.

 Oder Halil Altintop startet von Beginn an. Schnell ist der 35-jährige zwar nicht mehr, aber laufstark, und kluge Pässe spielen kann er auch. Auf der zurückgezogeneren Achter-Position hat er in seiner langen Karriere aber noch nie agiert.

DER BLICK AUF DIE PASSGRAFIK: LAUTERN DIESMAL LINKSLASTIG

Zum Abschluss noch, wie immer,  ein Blick auf die Positions- und Passgrafiken von „11tegen11“.

2018-02-09 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - Holstein Kiel.jpg

Wir sehen: Im Gegensatz zum Braunschweig-Spiel, als die rechte Seite brillierte, war in dieser Partie eine gewisse Linkslastigkeit des Lauterer auszumachen. Bedingt vor allem durch Osawe, der diesen Flügel bevorzugte.

Interessant auch: Abermals markiert Jan-Ingwer Callsen-Bracker das kleinste Pünktchen, das heißt, er hatte vergleichsweise wenig Ballkontakte. Dennoch ist die Augsburger Leihgabe als besonnener Abwehr-Organisator ein As – das lässt sich eben nicht grafisch darstellen.

Und weil uns Kieler vor allem in ihrer starken Phase so imponiert haben, schauen wir uns auch mal ihre Positions- und Passgrafik an.

2018-02-09 Holstein Kiel Passing plot Kaiserslautern - Holstein Kiel.jpg

Ist schon hochinteressant, wie wunderbar gleichmäßig der Ballbesitz übers Team verteilt ist, und wie schön sich die Elf auffächert. Der hochvariable Drexler erscheint hier im Grunde als Stürmer. Die Grundordnung der Kieler wird gemeinhin als 4-1-4-1 bezeichnet. Hier sieht man, wie vage solche Festlegungen in Wahrheit sind.

Ein Kommentar zu „Analyse: Die Aufholjagd geht weiter – Ein wiedererstarkter Osawe führt starke  Lauterer zum verdienten Sieg 

  1. „Kaiserslautern schafft die Relegation
    Der 1. FC Köln gewinnt als Tabellenletzter drei Spiele in Folge? Premier-League-Schlusslicht Swansea City schickt den FC Liverpool ohne Punkt oder Tor nach Hause (1:0)? Rot-Weiß Erfurt nimmt sich als rote Laterne der 3. Liga den Aufstiegskandidaten 1. FC Magdeburg zur Brust und zeigt ihm, wie man ein Spiel dreht (3:1)? Alles Lappalien, bedenkt man, dass der 1. FC Kaiserslautern bei seiner Bundesligarückkehr 1997 direkt die Meisterschale holte. Und jetzt, wo mit Jan-Ingwer Callsen-Bracker eine wahre Koryphäe der Bundesliga auf dem Betzenberg angekommen ist, scheinen die 21 Punkte, die den Tabellenletzten vom Aufstiegsrelegationsplatz trennen, lediglich eine Formalität darzustellen. Unsere Meinung zu den Träumen des Deutschen Meisters von 1998: Es wäre nicht das erste Mal, dass die roten Teufel keiner auf dem Zettel hat.“

    https://www.11freunde.de/artikel/fuenf-thesen-zur-zweiten-liga-1/page/1

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