Analyse: Früher Gegentreffer, zu wenig Qualität auf den Flügeln und der Fluch der Erzgebirges – das war einfach zu viel

Die emotionale Berg- und Talfahrt geht weiter, auch wenn der Tabellenstand des 1. FC Kaiserslautern unverändert bleibt. Denn nach der 1:2-Auswärtsniederlage beim FC Erzgebirge Aue ist der FCK für seinen Anhang nun wieder ein wesentlich hoffnungsloserer Tabellenletzter, nachdem unter der Woche, nach dem 2:1-Erfolg in Darmstadt, wieder tüchtig Euphorie aufgeschäumt war. Wir dagegen bleiben, wie immer, ganz nüchtern: Nach nunmehr drei Niederlagen und drei Siegen im Jahr 2018 bleibt das oberste Gebot, die Nerven zu behalten. Behält Lautern diesen Rhythmus bei, schlägt er nach dem 34. Spieltag mit 36 Punkten auf – und die reichen für den Relegationsplatz. So war es jedenfalls immer, seit die Zweite Liga in diesem Modus spielt.

Tenor in Medien und Fanforen nach der Haue von Aue: Der FCK hat die erste Hälfte verpennt, ist erst in der zweiten Hälfte aufgewacht, als es bereits zu spät war und so weiter. Wir erlauben uns einmal mehr eine etwas differenziertere Meinung: Was mannschaftliches Auftreten, Konzentration und Leistungsbereitschaft angeht, war die Mannschaft von Michael Frontzeck eigentlich nicht viel schlechter aufgestellt als beim umjubelten Sieg am Böllenfallentor.

Es sind immer nur wenige Faktoren, die dafür sorgen, dass die Punkte mal in die eine, mal in die andere Waagschale fallen. Diesmal waren es im Wesentlichen zwei. Zum einen war der Qualitätsverlust auf den Flügeln war gegenüber dem Darmstadt-Spiel zu hoch. Am Böllenfalltor hatte Michael Frontzeck nach dem Ausfall von Ruben Jenssen, der aus privaten Gründen weiterhin freigestellt ist, Brandon Borrello und Philipp Mwene auf den offensiven Außenpositionen aufgeboten. Beide waren absolute Aktivposten, markierten beide Treffer. In Aue musste der Trainer beide ersetzen: Der Australier war kurzfristig erkrankt, der Österreicher musste nach fünf Gelben Karten eine Partie aussetzen.

GERADE ÜBER DIE FLÜGEL HÄTTE WAS GEHEN KÖNNEN

Frontzecks Antwort: Links Leon Guwara nach vorne ziehen und Joel Abu Hanna den Verteidigerposten überlassen, rechts agiert Nicklas Shipnoski vor Benjamin Kessel. Auf den ersten Startelfeinsatz Halil Altintops, der unter diesen Voraussetzungen erwartet worden war, verzichtet der Trainer. Weshalb? Vermutlich, weil er Tempo auf den Flügeln will. Dafür steht der 35-jährige Altintop nicht mehr unbedingt.

Effektives Flügelspiel wäre womöglich auch der Schlüssel zum Erfolg gewesen. Denn Aue formiert hinten wie üblich eine Fünferkette, die bei Ballbesitz zur Dreierreihe wurde. Wer am Freitag auf Eurosport die Partie Mainz gegen Wolfsburg gesehen hat, erinnert sich vielleicht noch, wie Studio-Experte Matthias Sammer an seiner Taktiktafel verdeutlichte, dass es gerade gegen solche Formationen erfolgversprechend ist, die Räume zwischen dem aufrückenden Verteidiger und dem äußeren Innenverteidiger zu bespielen…

LINKS LÄUFTS NOCH EINIGERMASSEN, ABER RECHTS KLAPPT GAR NICHTS

Auf der linken Seite klappt das beim FCK in der ersten Hälfte sogar ein paar Mal. Abu Hanna kommt exakt aus dieser Positionen zu zwei guten Flanken, die eine findet keinen Abnehmer, die andere bekommt Sebastian Andersson nicht unter Kontrolle. Rechts versucht es Kessel ein paar Mal erfolglos, Shipnoski kommt dagegen gar nicht ins Spiel und wird in der Pause gegen Lukas Spalvis ausgetauscht. In Hälfte zwei agiert Kessel dann mehr oder weniger allein auf der rechten Seite, da sich Osawe, der den Flügel nun vermutlich besetzen soll, schon bald ausschließlich in die Sturmmitte orientiert.
Über 90 Minuten gesehen, ist Lautern eigentlich fast nur nach ruhenden Bällen gefährlich. Was freilich weniger an kollektivem Versagen liegt, sondern eher an den typischen Verhaltensmustern von Zweitligamannschaften nach frühen Führungstreffern.

In diesen Genuss ist Aue nämlich schon in der zweiten Minute gekommen. Pascal Köpke darf eine Ecke von Christian Tiffert am langen Eck vollkommen frei annehmen und abziehen. Danach tut Aue, was alle anderen in der Klasse tun, wenn sie in Führung gehen, erst recht, wenn sie selbst noch Punkte für den Klassenverbleib sammeln: Zurückziehen, auf die Balleroberung tief in der eigenen Hälfte warten und kontern.

ZU FRÜH ODER ZU SPÄT? LAUTERN SUCHT RISIKO ERST IN HÄLFTE ZWEI

Die Lauterer lassen sich darauf jedoch nicht ein, versuchen, sich zu ordnen und attackieren weiter erst ab der Mittellinie. Nach etwa zwölf Minuten setzen sie einem langen Ball mal kollektiv nach. Dabei ist durchaus zu erkennen, dass Aue Probleme hat, unter Bedrängung den ersten Ball aus der Abwehr zu spielen. Doch bleibt es bei der Momentaufnahme, sogar, als die Auer nach einer halben Stunde etwa gezielt versuchen, Lautern durch Ballgeschiebe aus der eigenen Hälfte zu locken und so die Räume zu öffnen.

Für wen, wird in den Offensivaktionen, die die Gastgeber vor der Pause haben, bereits deutlich. Für Köpke, der in Hälfte eins vornehmlich über die linke Seite kommt, und Ridge Munsy, der ein paar Meter braucht, um Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, die aber ist gewaltig. Also einer wie Osayamen Osawe, der Typ, auf den der FCK setzt, wenn er früh in Führung geht.

So werden es erste 45 Minuten, von denen es zwangsläufig später heißen wird, der FCK hätte sie verschlafen. Hätte Frontzeck schon in Hälfte eins eine riskantere Spielweise verordnet, wäre es eben schon entsprechend früher zu den Situationen gekommen, die sich zwischen den Minuten 45 und 63 ergeben.

DRÜCKEN GEGEN KONTERN – AUE IST EFFEKTIVER

Lautern baut eine ansehnliche Druckphase auf, ist zwar fast nur durch ruhende Bälle gefährlich, aber auch die wollen erst einmal provoziert werden. In der 56. Minute landet der Ball auch mal im Auer Tor, doch wird der Treffer zurecht wegen einer Abseitsstellung Osawes nicht anerkannt.

Die Gastgeber nutzen derweil ihre Räume: Munsy versemmelt eine Hundertprozentige, die ihm Köpke, der nun über die rechte Seite kommt, aufgelegt hat, kurz darauf verzieht der gleiche Stürmer aus halbrechter Position knapp. Dann ist es soweit: Nach einem Ballgewinn in der eigenen Hälfte schickt Tiffert abermals Munsy.
Den hat unglücklicher Weise gerade Nils Seufert übernehmen müssen. Der Youngster hat im zentralen Mittelfeld zwar immer wieder starke Szenen, als Verfolger von konternden Turbosprintern ist er aber nur sehr bedingt geeignet. Munsy lässt auch in den ansonsten souveränen Jan-Ingwer Callsen-Bracker ins Leere laufen und vollstreckt. 2:0 für Aue.

IN AUE IST HINTERHERRENNEN NUN MAL PROGRAMM

Und dann? Man muss es Lautern lassen: Die Mannschaft gibt nicht auf, versucht es weiter, wenngleich spätestens nach der Einwechslung von Altintop für Andersson kaum noch ein geordnetes System erkennbar ist. Dennoch kommt der FCK durch Stipe Vucur, natürlich nach einer erneuten Ecke, zum Anschlusstreffer. Hat eine halbgare Kopfballchance durch Spalvis, der aber keinen Druck hinter den Ball bekommt, und in der Nachspielzeit fällt dem Litauer sogar das Leder fünf Meter vorm Tor sogar noch einmal vor die Füße, was ihn selbst aber wohl am meisten überrascht.
Aue gewinnt, Lautern ist geschlagen. Hauptursachen sind, wir bleiben dabei, der frühe Führungstreffer, und der Umstand, dass der Tabellenletzte nicht beliebig viele Flügelspieler ersetzen kann.

Und natürlich der Fluch des Erzgebirges.

Von seinen letzten sechs Gastspielen in Aue hat der FCK nunmehr vier verloren. In diesen Partien ist er insgesamt 283 Minuten lang erfolglos einem Rückstand hinterher gelaufen. Von insgesamt 360, wohlgemerkt, und wenn man noch die Nachspielzeiten dazu zählt, die in den Statistiken nicht dokumentiert werden, dürften es sogar noch zehn bis zwölf Minuten mehr sein. Kein Wunder, dass sich da langsam ein flaues Gefühl im Magen einstellt, sobald ein Lautern-Spiel im Erzgebirge angepfiffen wird.

DIE GRAFIKEN: ZU VIEL LIEF HINTENRUM

Zum Abschluss noch die Grafiken von „11tegen11“, die uns nach dem Darmstadt-Spiel leider vorenthalten wurden. In der Aufrechnung der erarbeiteten Einschusspositionen mit qualitativer Bewertung ergibt sich ein Verhältnis 1.19 : 1.11 für Aue. Das ist verdammt knapp und zeigt: Ein Remis wäre drin gewesen. Das nackte Torschussverhältnis von 12:6 für Aue ist da längst nicht so aussagekräftig.

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Die Positions- und Passgrafik Lauterns zeigt: Der Ball zirkulierte zu viel innerhalb der Abwehrreihe und den beiden zentralen Mittelfeldspielern, man betrachte nur die Dicke der Pfeile. In die Spitze kam zu wenig, allerdings bildet diese Grafik nur die ersten 70 Minuten ab. Müller bevorzugte diesmal kurze Abschläge auf Callsen-Bracker.

2018-02-24 Kaiserslautern Passing plot Erzgebirge Aue - Kaiserslautern.jpg

3 Kommentare zu „Analyse: Früher Gegentreffer, zu wenig Qualität auf den Flügeln und der Fluch der Erzgebirges – das war einfach zu viel

  1. Zwei Auswärtsspiele in vier Tagen gegen direkte Konkurrenten sind nicht einfach.
    Der FCK hätte auch mit der 5-2-3 Formation spielen können (Kessel – CallsenBracker, Vucur, Correia – Guwara).
    Es ist schwer zu verstehen, dass Spalvis am Ende ein fast offenes Tor verpasst hat.

    Irfan
    Helsinki

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