Gästeblog: „Gegen Unions Pressing wird Lauterns Spielaufbau nicht funktionieren“- Im Gespräch mit dem Berliner Blogger Daniel Rossbach

Die letzten zehn Saisonspiele stehen an. Die Hälfte davon muss der 1. FC Kaiserslautern gewinnen, um wenigstens den Relegationsplatz so gut wie sicher zu haben. Der nächste Sieg soll am kommenden Freitag, 18.30 Uhr, zuhause gegen Union Berlin eingefahren werden. Die „Eisernen“, eigentlich als Geheimfavorit in die Saison gestartet, segeln bislang den Erwartungen hinterher, auch nach dem Trainerwechsel von Jens Keller zu André Hofschneider scheint sich noch nicht recht abzuzeichnen, wohin die Reise geht. Einer, der diese in seinem Blog „Eiserne Ketten“ aufmerksam begleitet, ist Daniel Roßbach, ein versierter Fußballanalytiker, der sich nunmehr auch im deutschen Taktik-Referenzblog spielverlagerung.de profiliert. Ein idealer Gesprächspartner also fürs anstehende Spiel, aber auch, um die Situation der Unioner und der Zweiten Liga insgesamt anzuschneiden.

Daniel, nach drei Niederlagen in Serie zum Jahresabschluss 2017 und drei sieglosen Partien zum Start ins Jahr 2018 scheint Union zumindest zuhause wieder in der Spur – zuletzt zwei Siege gegen Düsseldorf und Sandhausen. Darauf deuten zumindest die Ergebnisse hin. Wie siehst Du das? Ist Union tatsächlich im Begriff, sich zu stabilisieren?

Nein, wenigstens noch nicht. Denn einerseits gab es zwischen den beiden Spielen eben auch ein sehr schwaches in Braunschweig. Und andererseits war auch gegen Sandhausen längst nicht alles gut, souverän oder eben stabil. Insgesamt sind die Leistungen seit dem Trainerwechsel aber tatsächlich selten katastrophal, aber auch selten so gut, dass man sich einigermaßen sicher sein könnte, damit ein Spiel zu gewinnen – von etlichen Spielen in Folge ganz zu schweigen.

Als externer Beobachter war man ziemlich überrascht, dass sich Union Berlin gegen Ende der Vorrunde von Jens Keller trennte. Angegeben wurden sportliche Gründe – angesichts des damals 4. Tabellenplatzes erstaunlich. Du dagegen hast in Deinem Blog ausgeführt, dass Du diese Argumentation durchaus nachvollziehen kannst – vor allem das Offensivspiel Unions habe sich unter Keller einfallslos gestaltet und auch nicht weiterentwickelt. Gilt das nicht für fast alle Mannschaften der Zweiten Liga?

Nein. Es gibt in der Liga mit Kiel, aber auch Duisburg und vor allem Nürnberg durchaus Mannschaften, die stringente oder variable Konzepte in der Offensive haben. Und Unions Kader gibt es her, etwas konstruktiver und pro-aktiver zu spielen. Dass dies nicht glückte, war aber nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein pragmatisches Problem. Denn Union gelang es in dieser Saison nicht konstant, sich mit Pressing Chancen zu erspielen – oder vielleicht besser: zu erarbeiten. Da gab es zu viele Spiele, in denen Gegner es sich leisten konnten, den Ball mit langen Schlägen herzugeben  – die manchmal sogar ein probates offensives Mittel waren -, und sich so dem Pressing zu entziehen. Die Weiterentwicklung der Mannschaft im Ballbesitzspiel, die man in der zweiten oder dritten Halbserie mit Jens Keller und Henrik Pedersen hätte erwarten können, fand aber eben nicht so recht statt.

Wie siehst Du die Entwicklung unter André Hofschneider bislang? Sind Tendenzen erkennbar, dass im Angriffsdrittel nun tatsächlich mehr Fußball gespielt wird – wie’s unter Keller ja anscheinend nicht der Fall war?

Nicht unbedingt. Das Bemühen, neben dem Pressing auch aus längeren Ballbesitzphasen zu Chancen zu kommen, war in manchen Spielen unter Hofschneider zwar zu sehen, aber zum einen hatte man damit noch nicht wirklich Erfolg – die druckvolle Anfangsphase gegen Düsseldorf zum Beispiel beruhte wesentlich auf sehr aggressivem Pressing. Zum anderen war etwa das Spiel gegen Sandhausen ein stilistischer Rückfall in die spielerisch schwächeren Phasen in Kellers Zeit. Spieleröffnungen über das zentrale Mittelfeld gab es fast nie, lange Bälle in den Lauf von Steven Skrzybski waren ein zentrales Mittel. Überhaupt ist eine ganz klare Linie noch nicht zu erkennen – weder in der Entwicklung von Spiel zu Spiel, noch innerhalb der Mannschaft in manchen Spielen, wie Hofschneider am Wochenende selbst bemängelte.

 Hofschneider wechselt  bislang oft und gerne – sowohl personell, als auch was das Umstellen von 3-/5er Kette auf  Viererkette angeht. Will er Flexibilität zum persönlichen Stil der Eisernen entwickeln oder sucht er noch nach einer idealen Grundordnung, die er fest etablieren kann?

Nein, ich hatte eher den Eindruck, dass mit den Wechseln zwischen 4-3-3 und 3-4-2-1 auf konkrete Probleme etwa in der Restverteidigung reagiert wurde. Die Rollen vieler Spieler sind sich aber in beiden Systemen sehr ähnlich: das gilt neben den Außenverteidigern und Stürmer Sebastian Polter auch für den Sechser und zu gewissem Grad auch für Steven Skrzybski, der als zweite Spitze und als rechter Flügelstürmer letztlich recht ähnliche Dinge tut. Da gibt es in der Liga andere Mannschaften, die deutlich öfter gravierendere Umstellungen vornehmen, etwa  Nürnberg und Sandhausen.

Du scheinst eine besondere Verbindung zu Eroll Zejnullahu zu haben, dem, wie in Deinem Blog nachzulesen ist, letzten Union-Nachwuchsspieler, der den Sprung in den Profi-Kader schaffte. Derzeit ist er an Sandhausen ausgeliehen, wo er aber auch nicht zum Zug kommt. Was fehlt ihm für den Durchbruch?

Nichts. Zejnullahu hat sich in der Saison 2015/16 schon einmal bei Union als Stammspieler durchgesetzt, bevor er unter Jens Keller einen schweren Stand und eine unglücklich verlaufene Saison überstehen musste. In Sandhausen spielt er nun, wenn er fit ist – das aber war er in der Hinrunde wegen einer Verletzung in der Vorbereitung und einer weiteren im Herbst lange nicht. Um die Jahreswende spielte er dann regelmäßig und gut, bis er sich gegen Braunschweig das Außenband anriss. Seine Qualitäten – gute Technik und Pressingresistenz, kreatives Passspiel, durchaus auch Balleroberungen – reichen aber mindestens für gehobenes Zweitliganiveau.

Zur Lage der Liga: Mit Kiel, Regensburg und Duisburg segeln zwei Aufsteiger gegenwärtig den „Etablierten“ vorne weg, mit Sandhausen mengt ein weiterer Klub vorne mit, der vom wirtschaftlichen Rahmen eigentlich zu den Zwergen gehört. Interessant in die Zusammenhang: „Spiegel online“ hat gerade geschildert, wie dreckig es vielen Drittligavereinen geht. Dennoch formieren sich da unten immer wieder Aufsteiger, die in der Zweiten Liga bestens zurecht kommen… Reden die „Etablierten“ nicht vielleicht doch zu viel übers Geld? Lässt sich nicht auch ohne Geld noch was auf die Beine stellen, wenn die richtigen Leute am Werk sind?

Nicht ohne Geld natürlich, aber mit etwas weniger als dem durchschnittlichen Zweitligaetat schon. Wichtig ist, dass die Schere der individuellen Qualität zwischen Zweit- und Drittligaspielern nicht so weit auseinandergeht, wie sie das vielleicht näher an der absoluten Spitze tut. Auf diesem Niveau ist es leichter, mit kluger Auswahl der Spieler passend zu einem sportlichen Konzept erfolgreich zu sein. Sowohl Regensburg als auch Kiel verbrachten aber auch weniger Zeit als zum Beispiel Erfurt oder Osnabrück in der Dritten Liga, sodass deren fehlende wirtschaftliche Nachhaltigkeit diese Vereine nicht so sehr erodieren konnte.

Vor allem die Auftritte von Holstein Kiel finde ich beachtlich, spielerisch und taktisch. Die Positions- und Passgrafik vom Spiel in Lautern ergibt ein wunderbar gleichmäßig geknüpftes Netz, wie ich in dieser Saison noch keines gesehen haben. Wie hast Du die Mannschaft bislang wahrgenommen?

Vorweg: Mehr zu Kiel und der Frage, warum sie aufgehört haben, zu gewinnen, gibt es im Lauf der Woche auf Eiserne Ketten zu lesen. Und ein Portrait ihrer Spielweise gibt es im deutschsprachigen Blog The False Fullback.  Man kann aber sagen, dass Kiel vor allem erfolgreich war, weil sie einen klaren, ausgewogenen Plan und dazu passende Spieler hatten und haben. Im Fokus stehen dabei Schnellangriffe und Konter, allerdings durchaus mit Elementen von Ballbesitz und Positionsspiel. Diese Elemente sind vor allem, dass Markus Anfang offensichtlich wert darauf legt, die Außenverteidiger und Außenstürmer die phasenweise die Halbräume besetzen zu lassen und das ‚Spiel über die dritte Person‘ mit Steilpässen und Ablagen ein immer wieder eingesetztes Mittel auch in den Schnellangriffen ist. Dominick Drexler ist ein hervorragender Spielmacher für dieses Konzept, und auch die Außenstürmer passen sehr gut und haben individuelle Qualität. Da kann man sich selbst leisten, dass Marvin Ducksch viele der erspielten Chancen vergibt – für eine gewisse Zeit jedenfalls. Dass Kiel nun schon so lange kein Spiel mehr gewonnen hat liegt einerseits daran, dass sie etwas zu erfolgreich für ihr eigenes Glück waren und Gegner sich nun oft sehr defensiv gegen sie einstellen. In solchen Spielen finden sie nicht immer Durchbrüche. Andererseits hat Kiel auch etwas mehr Pech mit eigenen und gegnerischen Abschlüssen.

Wie geht Euer Stadionneubau voran? Es soll ja ein Optimum an Stehplätzen ausweisen, sich also wohltuend gegen den Trend stellen…

Da gibt es aktuell wenig Neues. Die Pläne, die im letzten Sommer vorgestellt wurden, maximieren tatsächlich sowohl die Größe des Stadions im Rahmen des Standortes als auch den Stehplatzanteil und wurden auch deshalb positiv aufgenommen. Das Projekt ist nun noch in der Genehmigungsphase. Ob das neue Stadion wirklich zum 100jährigen Jubiläum fertig sein wird, hängt wesentlich davon ab, ob es dabei zu Verzögerungen kommt. Gerade, weil das Vorhaben baurechtlich nicht als Renovierung, sondern als neues Bauvorhaben gilt und entsprechend komplex ist, kann man das nicht ausschließen.

Die Hertha soll, so war zu lesen, auch über einen Stadionneubau nachdenken. Wie seht Ihr Eisernen das?

Die gemeine Unionerin gönnt Hertha, auch endlich „wenigstens ein zu Hause zu haben“. Die Stadiensituation in Berlin nordwestlich von Köpenick und Schöneweide ist insgesamt eher desolat. Mit dem Olympiastadion und dem Jahnsportpark haben zwei deutsche Diktaturen Andenken überlassen, mit denen man nicht glücklich wird. Das Olympiastadion ist überhaupt kein gutes Stadion, weil es faschistischer Kitsch ist. Und es ist kein gutes Fußballstadion, weil es eine Laufbahn hat. Und es ist kein gutes Stadion für Hertha, weil es 1,5 bis 2 mal zu groß ist. Man kann Hertha also nur wünschen, eine gute Lösung zu finden, ob in Charlottenburg, Brandenburg oder wo auch immer.

Zum Schluss die klassische Fanfrage: Was für ein Spiel erwartest Du am Freitag?

Man möchte diese Frage nicht beantworten. Denn diese Saison der Zweiten Liga und diese Union-Mannschaft weigern sich, folgerichtige Ergebnisse zu produzieren. Was sich erwarten lässt: Gegen Lauterns 4-4-2 mit der individuell ganz ordentlichen Doppelspitze dürfte Union wieder mit der Dreierkette auflaufen. Dagegen sollten lange Bälle wenig Erfolgschance haben. Aber auch der Spielaufbau des FCK wirkt nicht, also ob er gegen Unions Pressing in Normalform funktionieren wird. Interessant wird es dann, ob sich Lautern traut, seinerseits Union zu pressen und so vermeidet, dauerhaft unter Druck zu geraten. Gelingt das, wird es ein zerfahrenes Spiel. Da ich mir nicht ganz vorstellen kann, das dem über ein ganzes Spiel so sein wird und weil Lauterns Qualität in der Restverteidigung eher nicht ausreicht, vermute ich einen Union-Sieg mit circa 2:1.

3 Kommentare zu „Gästeblog: „Gegen Unions Pressing wird Lauterns Spielaufbau nicht funktionieren“- Im Gespräch mit dem Berliner Blogger Daniel Rossbach

  1. Gutes & informatives Interview; nur kurz was zum Vergleich VFL Osnabrück und SSV Jahn in Liga 3:

    Stand vor der Saison 17/18 waren beide Vereine jeweils acht Spielzeiten in Liga 3. Osnabrück hatte dabei deutlich mehr Zuschauer, bessere Platzierungen und einen höheren Etat, also doch gute, mindestens durchschnittliche Verhältnisse und dadurch auch höhere Erwartungen. Dem Jahn wurde vor neun Jahren noch Warmwasser und Strom abgedreht, Ligalizenzen gabs nur dank Sponsor Tretzel (aus eher zwielichtigen Gründen), ein Jahr Liga Zwo 12/13 brachte zwar ein neues Stadion, aber keine Kontinuität und führte in die Regionalliga. Gottseidank direkt wieder aufgestiegen. Mit sehr viel Glück bei Transfers + Leihen + einen sehr guten Trainer nochmals aufgestiegen. Unkalkulierbar. Wär nur Platz vier rausgekommen, hätte man den Spieleretat noch weiter kürzen müssen (da der Mäzen abgehauen ist).

    Kurz gesagt, der Jahn litt ebenso finanziell unter der 3. Liga.

    Holstein war m. E. durch Lütje & Langness finanziel besser aufgestellt und hat sich konsequent nach oben gearbeitet. Also das gemeistert, woran viele Vereine dort scheitern.

    Ich hoff für euch, dass es der FCK noch packt. In Liga Drei (oder gar Regio Südwest) wirds nach meiner Befürchtung zappenduster weitergehen. Die nötigen Einschnitte bei einen so großen Verein wären so brutal.

    mfg S – R

  2. das sind richtige Anmerkungen, danke! Aber mein Punkt war ja grade, dass man eben das Glück braucht, mal aufzusteigen, dass Osnabrück nun schon etwas länger nicht mehr hatte (auch wenn ich da, zugegeben, zwei Jahre zu viel im Kopf hatte.)

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