Extrablog: „Gebt den anderen doch den Ball und wartet auf Fehler“ – Warum kein Ballbesitz auch keine Lösung ist

Im Spiel gegen die SpVgg. Fürth wies die Statistik 56 Prozent Ballbesitz zugunsten des 1. FC Kaiserslautern aus – doch der FCK verlor. Am Spieltag zuvor schlug Michael Frontecks Team in einem spektakulären Match Union Berlin 4:3  – mit nur 32 Prozent Ballbesitz. Wieder eine Woche vorher: 1:2 in Aue – 58 Ballbesitz. Davor: 2:1 in Darmstadt – nur 39 Prozent Ballbesitz. Davor: 0:1 gegen Sandhausen – trotz 58 Prozent Ballbesitz. Bei den Roten Teufeln scheint sich zu bestätigen, was der „sky“-Kommentar während der Fürth-Partie ausführte: Mannschaften mit weniger Ballbesitz gewinnen immer öfter. In den Diskussionsthreads der Fanforen entstehen aus solchen Bonmots schnell Forderungen wie „Dann gebt doch einfach denen den Ball und wartet auf Fehler“ oder „Einfach hinten rein stellen und auf Konter lauern“… Ist Ballbesitz also schlecht? Zeit, mal wieder ein wenig theoretisch zu werden.

Auf welcher aktuellen Veröffentlichung die Aussage des „sky“-Kollegen gründete, ließ sich zumindest im Rahmen einer Internet-Recherche nicht feststellen. Neu ist die Erkenntnis allerdings nicht, wenngleich wir jetzt auf keine Herleitung verweisen können, die auf Datensammlungen aus der Zweiten Liga basiert. Prof. Dr. Daniel Memmert, einer der führenden Experten für moderne Spielanalyse, hat in der Saison 2014/2015 rund 300 Millionen „Positionsdaten“ aus 200 Halbzeiten von Bundesligaspielen gesammelt, um der Frage nachzugehen, welche Kernfaktoren nun wirklich über Sieg oder Niederlage entscheiden. In seinem Buch „Revolution im Profifußball“ hat er die daraus gewonnen Erkenntnisse anschaulich dargestellt.

PROF. MEMMERT BESTÄTIGT: WENIGER BALLBESITZ – MEHR PUNKTE. ECHT JETZT?

Und dabei tatsächlich entdeckt: Stellt man Endergebnisse und Ballbesitzquote gegenüber, ergibt sich im Grunde kein Zusammenhang. Und tendenziell sind Mannschaften mit weniger Ballbesitz sogar eher erfolgreich. Das gilt umso mehr, wenn man auch internationale Vergleiche heranzieht und in den Top-Ligen die Mannschaften herausnimmt, die ihre nationalen Wettbewerbe ohnehin aufgrund der individuellen Klasse ihres Personals  dominieren, Bayern, Madrid oder Barcelona etwa. Denn die gewinnen das Gros ihrer Spiele und haben hohe Ballbesitzanteile, würden das aber auch, wenn sie sich auf „Umschaltspiel“ und dergleichen fokussierten. Doch welcher Gegner will gegen die schon das Spiel machen?

Was Teams erfolgreich macht, sind laut Memmerts Studie Faktoren wie: Präzise Pässe, mit denen möglichst viele gegnerische Spieler überwunden werden. Die Fähigkeit, die Räume zu kontrollieren, gerade auch im Defensivverhalten. Nach Ballverlust schnell zu Kompaktheit zu finden und Überzahl in Ballnähe herstellen zu können. Den ballführenden gegnerischen Spieler schnell unter Druck setzen zu können. Sich selbst aber mit präzisen Pässen befreien zu können, wenn man früh attackiert wird. Und natürlich, nach einer Balleroberung schnell umschalten zu können – denn die meisten Tore aus dem Spiel heraus fallen in den ersten acht bis zwölf Sekunden nach einem Ballgewinn.

„DIE IDIOTIE MIT DEM BALLBESITZ“ – SCHÖNE ÜBERSCHRIFT, SCHÖNER AUFSATZ

Dennoch ziehen selbst Trainer wie Thomas Tuchel gerne mal die eigene, hohe Ballbesitzquote heran, wenn sie nach einem Spiel belegen wollen, dass die Niederlage ihrer Mannschaft unverdient gewesen sei. Aus der aktuellen FCK-Saison ist vielleicht noch der damalige Darmstadt-Trainer Torsten Frings in Erinnerung, der nach dem 1:1 seiner Lilien auf dem Betzenberg erklärte, seine Mannschaft habe wegen der ausgewiesenen 69 Prozent Ballbesitz „mehr vom Spiel“ gehabt und sei daher näher dran am Sieg gewesen. Die zwei Großchancen noch in der Schlussphase, die sich Lautern mit seiner simplen, aber effektiveren Umschalttaktik erspielt hatte, vergaß er glatt.

Zur weiteren Vertiefung sei der Aufsatz von Wolfram Eilenberger empfohlen, eines Fußballexperten mit abgeschlossenem Philosophiestudium, der sich dem Phänomen in der „Zeit“ unter der schönen Überschrift „Die Idiotie mit dem Ballbesitz“ widmete. Besonders interessant sind seine Begriffsgeburten zu „felddominanten“ und „szenedominanten“ Teams, die vieles im Spiel tatsächlich anschaulicher erklären als statistische Zahlenjonglagen.

DENNOCH: BALLBESITZ IST NICHT SCHLECHT, SONDERN MUSS SEIN

Doch ist Ballbesitz tatsächlich schlecht? Die Crux ist doch: Nichts ist für den Zuschauer grausliger, als wenn sich zwei Mannschaften gegenüberstehen, die beide nur auf Fehler des Gegners und keine eigene Idee haben, was sie mit der Kugel anfangen sollen, so sie denn nun einmal haben und sich der Feind bereits massiert nach hinten formiert hat. Zwei Karniggel, keine Schlange, da kann ja nichts Vernünftiges bei rauskommen. Außer vielleicht einer zünftigen Rammelei.

Aber spielt sich Zweitligafußball nicht oft genug genauso ab? Zumindest, solange es 0:0 steht? Denn wenn ein Team erst einmal führt, ist das andere zum Ballbesitz sozusagen gezwungen. So erklären sich übrigens die in der Einleitung aufgeführten Ballbesitzquoten der jüngsten FCK-Spiele wie von selbst: Wenn Lautern führte, hatten die anderen öfter den Ball. Und umgekehrt.

Es hilft alles nichts. Irgendwas muss mit dem Ball auch angefangen werden, wenn gerade  kein „reaktiver“ Fußball möglich ist. Auch wer sich nicht mit kurzen Pässen nach vorne spielen will, sondern zunächst auf Langholz setzt, um anschließend im Angriffsdrittel die zweiten Bälle zu erobern, muss mit der Kugel eine Strategie verfolgen können, sobald er die zweiten Bälle erobert hat.

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine weitere Erkenntnis von Prof. Memmert, die wir bis hierhin zurückgehalten haben – als Belohnung für die aufmerksamsten unserer Leser: Viel Ballbesitz im Angriffsdrittel ist ebenfalls ein Merkmal siegreicher Mannschaften.

JEFF STRASSER HATTE ES ERKANNT – UND AUCH VIEL BEWIRKT

„Der Ballbesitz ist als Philosophie überbewertet, als Mittel aber unterbewertet.“ Dieser schöne Satz stammt von „Strukturdeuter“ Martin Rafelt und ist auf „spielverlagerung.de“ einem „taktiktheoretischen Diskurs“ vorangestellt, der in aller Ausführlichkeit beschreibt, auf welch unterschiedlichen Wegen es sich mit Passstafetten zum Erfolg kommen lässt. Ballbesitz ist nämlich nicht gleich Ballbesitz.

In sehr verkürzter Form hat der damalige FCK-Trainer Jeff Strasser nach dem 1:1 gegen Ingolstadt zum Jahresende 2017 dargestellt, wo seine Trainingsarbeit in der Winterpause ansetzen sollte. „Was uns fehlt, ist, im letzten Drittel des Spiels die Ruhe zu bewahren. Wie spiele ich eine organisierte Abwehr aus? Wie dringe ich hinter die Linien vor? Wo kann ich da Räume ziehen?“

Wer die FCK-Spiele 2018 bislang verfolgt hat, hat auch gesehen, dass Strasser in dieser Richtung viel bewirkt hat und sein Nachfolger Michael Frontzeck viel von dieser Arbeit profitiert. Umso wünschenswerter wäre es, wenn es über diese Saison hinaus zu einer bewusst herbeigeführten Zusammenarbeit der beiden käme und keiner ungewollten, wie sie sich aktuell ergeben hat.

In welcher Liga, sei dahingestellt. Dass es die Dritte sein wird, ist leider nach wie vor das realistischere Szenario. Denn trotz gewaltiger Steigerung der Teamleistung bringt sich der FCK nach wie vor durch individuelle Fehler um Punkte – ein Faktor, der im Grunde schon seit Jahren spielentscheidender als irgendwelche Spielanlagen oder -philosophien. So auch in Fürth. Beide Treffer fielen in Phasen, in denen der FCK gut, wenn nicht sogar einen Tick besser im Spiel war. Sich dann aber selbst ausknockte.

Ein Kommentar zu „Extrablog: „Gebt den anderen doch den Ball und wartet auf Fehler“ – Warum kein Ballbesitz auch keine Lösung ist

Kommentar verfassen