Analyse: Zwei Mal Alu, Stellungsfehler und ein Eigentor – Da nutzt selbst die beste Moral nichts

Was soll man dazu noch sagen? Der 1. FC Kaiserslautern hat sein letztes „Freispiel“ auf der Saisonzielgeraden verzockt, 2:3 gegen den VfL Bochum verloren. Jetzt helfen in den vier noch ausstehenden Partien im Grunde nur vier Siege – und selbst die sicherten aller Voraussicht nach lediglich Relegationsrang 16. Ganz so dünn, wie sich das jetzt vielleicht anhört, ist das Strohhälmchen, an das sich der FCK-Anhang jetzt klammern muss, allerdings nicht. Dem Team von Michael Frontzeck darf durchaus noch was zugetraut werden. Auch bei der aktuell stärksten Zweitligamannschaft ist die Elf über weite Strecken über weite Strecken bärenstark aufgetreten, hat eine bewundernswerte Moral an den Tag gelegt und mit zwei Alu-Treffern ungeheures Pech gehabt. Sich allerdings erneut einige Abwehrfehler geleistet, die in dieser ausgeglichenen Liga nunmal die Endabrechnung entscheiden.

Viele Fans haben es seit Wochen gefordert, der Spieler selbst hat, ohne stinkig zu werden, immer wieder darauf hingewiesen, dass er sich bereit fühlt, doch Michael Frontzeck hat es erst am vergangenen Freitag gewagt: Er bietet Halil Altintop von Beginn an auf. Und er bringt den technisch feinen, aber nicht mehr ganz so schnellen 35-jährigen auf der für ihn am besten geeigneten Position: als Zehner. Wodurch sein Team in ein 4-2-3-1-System mutiert.

Das wiederum macht es notwendig, Osayamen Osawe auf die linken Außenposition zu ziehen, wo er in der Regel nicht so zur Geltung kommt wie als zweiter Stürmer im 4-4-2. Eben dieser Umstand was es war wohl, der Frontzeck so lange warten ließ, bis er sich zum ersten Startelfeinsatz von Altintop entschied. Doch braucht er diesmal einen Kopf, einen Taktgeber: Christoph Moritz aus, der diese Aufgabe normaler Weise von der zurückgezogenen Mittelfeldposition erledigt, fällt verletzt aus.

NACH TRAUMSTART VERLIERT DER FCK ZU SCHNELL DEN FADEN

Zunächst mal trifft die Umstellung voll ins Schwarze. Der FCK erwischt einen Traumstart, geht schon nach sieben Minuten in Führung – und der Torschütze heißt: Halil Altintop! Gino Fechner, neben Nils Seufert auf der Doppelsechs aufgeboten, schnappt sich einen zugegeben haarsträubenden Fehlpass von Tim Hoogland, initiiert den Gegenstoß durch die Mitte, Sebastian Andersson passt am Strafraum mustergültig auf den halbrechts mitgelaufenen Altintop, der souverän Maß nimmt – so werden Tore gemacht.

Zwei Minuten später hat der Oldie die nächste Chance: Philipp Mwene, nach dem Ausfall von Leon Guwara als Linksverteidiger aufgeboten, flankt aufs kurze Eck des Fünfmeterraums, wo Altintop das Leder annimmt und knapp am linken Pfosten vorbeischiebt. Was für ein Beginn!

Leider aber verliert Lautern dann jedoch den Faden. Lässt sich zurück drängen, so dass die Bochumer ihren Schock verdauen und den Ball zusehends ins Zirkulieren bringen. Bei Lautern unterlaufen selbst Routiniers wie Routiniers wie Benjamin Kessel und Jan-Ingwer Callsen-Bracker Stellungs- und Stockfehler.

DER AUSGLEICH: HINTERSEER NUTZT RAUM WIE EIN AUSDRUCKSTÄNZER

So hält die Führung nicht mal eine Viertelstunde – und die Art, wie die Hintermannschaft Lukas Hinterseer den Ausgleich ermöglicht, weist den FCK in der Tat als Abstiegskandidat aus.

Nach einer simplen Eckballvariante – Patrick Fabian verlängert eine Ecke von Kevin Stöger vom kurzen Pfosten an den langen – darf sich Hinterseer im Rücken der kompletten FCK-Abwehr bewegen wie ein Ausdruckstänzer, ohne dass jemand Notiz von ihm nimmt. Ebenso darf die Frage gestellt werden, ob Marius Müller nicht vielleicht mit einer Faustabwehr bereits Fabians Kopfballverlängerung verhindern konnte.

Nach diesem ersten Patzer mutiert der Lautrer Fußballklub vollends vom Schwimmverein. Nachdem einige Schussversuche der nunmehr munter um den Lautrer Strafraum kreiselnden Bochumer gerade noch so abgeblockt wurden sind, köpft Osawe eine Kopfballvorlage Hooglands ins eigene Netz.

DER RÜCKSTAND: OSAWES EIGENTOR – UNFASSBAR

Auf diese Unfassbarkeit näher einzugehen, ersparen wir uns mit Rücksicht auf den Spieler, halten lediglich fest, dass dieser Gegentreffer zumindest nicht auf Osawes suboptimale Positionierung im 4-2-3-1 zurückzuführen ist, sondern eher die Binsenweisheit des einstigen Fußballkaisers bestätigt, dass Stürmer im eigenen Strafraum nichts verloren haben.

Erwähnung verdient allerdings noch die ungewöhnliche Eckballvariante. Stöger hat einen Eckball nicht in den Strafraum geflankt, um einen Kopfballabnehmer zu finden, sondern mittig vor den Sechzehner, von wo ihn Hoogland ins Heiligste bugsiert – wir vermuten allerdings schwer, dass er eigentlich einen Mitspieler finden wollte.

Bis zur Pause sieht es dann aus, als werde der FCK eingehen. Bochum kombiniert sich ein und ums andere Mal durch sämtliche Reihen, Lautern gelingt nicht mal mehr ansatzweise Entlastung, vor allem nichts über das Flügelpaar Osawe/Brandon Borrello, das völlig neben sich steht.

NACH DER PAUSE DAS KLEINE WUNDER: LAUTERN KOMMT ZURÜCK

Umso löblicher ist allerdings, wie sich die Mannschaft gerade nach diesem Einbruch einmal mehr berappelt. Nach der Pause wirkt sie plötzlich wie ausgewechselt, ohne dass Frontzeck personell etwas geändert hätte. Die Elf geht jetzt früher ins Pressing, dazu rückt Seufert zu Altintop nach vorne, so dass gegen den Ball eine 4-1-4-1-Formation entsteht.

Die aggressive Spielweise behält Lautern auch bei, nachdem ihr bereits in der 48. Minute der Ausgleich geglückt ist. Stipe Vucur friemelt eine Altintop-Ecke in Richtung VfL-Tor, Robbie Kruse erwischt das Leder erst hinter der Linie.

Es folgen wirklich starke Minuten des FCK. Osawe gelingt es nun endlich, sich auf der linken Seite durchzusetzen. Mwene flankt abermals stark, Andersson lässt fein auf Borrello abprallen, der scheitert knapp. Kurze Zeit später trifft der Australier mit einem völlig unvermittelten Schuss aus halbrechter Position den Innenpfosten.

Es ist kaum zu glauben: Der Tabellenletzte hat das Team der Stunde, das zuletzt drei Mal hintereinander gewonnen hat und auch diese Partie vor der Pause nach Belieben beherrschte, nun für fast 30 Minuten im Griff. Erst mit der Einwechslung von Offensivspieler Johannes Wurtz für Rechtsverteidiger Selim Gündüz kommt der VfL wieder zu Offensivaktionen. Und dass bei Lautern immer noch mal ein Abwehrbock drin ist, ist hinreichend bekannt. Trotz des insgesamt guten Lautern-Spiels bleibt da also ständig so ein ungutes Gefühl…

UND DANN DOCH NOCH: DER TODESSTOSS

Das Verhängnis deutet sich erstmals in der 80. Minute bereits an: Vfl-Außen Robbie Kruse kommt völlig unbedrängt im Strafraum zum Kopfball. Wie konnte das denn passieren? Hat da etwa jemand auf Abseits spielen wollen?

Nicht einmal zwei Minuten später die Entscheidung. Die FCK-Hintermannschaft versäumt zwei Möglichkeiten, eine Kruse-Flanke aus dem Strafraum zu putzen, der Ex-Lauterer Stöger vollstreckt.

Damit hat der FCK-Anhang noch nicht genug gelitten. In der Nachspielzeit köpft der eingewechselte Lukas Spalvis eine Kessel-Flanke an den Innenpfosten, der ebenfalls neu gebrachte Ruben Jenssen sowie Osawe haben im anschließenden Strafraumgeflipper noch zwei Mal die Chance einzunetzen, werden aber beide Male geblockt. Unglücklicher geht‘s nimmer.

DENNOCH: DIESES TEAM HAT UNTERSTÜTZUNG VERDIENT – BIS ZUM ENDE

„Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen“, meint Trainer Frontzeck hinterher. Das fällt schwer. Stünde der FCK auf einem gesicherten Mittelfeldplatz, ließe sich jetzt resümieren: Die glücklichere Mannschaft hat gewonnen, nichts desto trotz war es ein Topspiel. 126,22 Kilometer haben die VfL-Spieler zurückgelegt, 123,30 Kilometer die Lautrer, allein diese Zahlen sprechen für sich.

Unabhängig davon, wie Darmstadt und Heidenheim heute Mittag spielen, bleibt festzuhalten: Mit vier Siegen zum Abschluss ist immer noch Rettung möglich, und die hätte es womöglich auch gebraucht, wenn beim VfL ein Punkt herausgesprungen wäre.

Auf jeden Fall hat diese Mannschaft Unterstützung verdient, solange rechnerisch noch was möglich ist. Nächsten Sonntag geht‘s gegen Dresden.

Zum Abschluss noch die Positions- und Passgrafik von „11tegen11“. Sie zeigt ein gut strukturiertes Netz, in dem die einzelnen Punkte passtechnisch ordentlich kommunizieren.

Ein Kommentar zu „Analyse: Zwei Mal Alu, Stellungsfehler und ein Eigentor – Da nutzt selbst die beste Moral nichts

  1. Am zweiten Spieltag unter Meier gegen Darmstadt am 17. Spieltag unter Strasser gegen Ingolstadt, oder jetzt wieder die Mannschaft übernimmt die Führung und verliert sie dann.

    Mein einziger Wunsch ist jetzt für die Mannschaft und den Trainer, Nervosität zu vergessen und in den letzten vier Spielen ohne Angst vor irgendetwas zu spielen, was muss man jetzt verlieren oder fürchten?

    Auch, warum nicht hässlich und minimal aber effektiv Fußball mit:

    Correia, Vucur, JICB –
    Mwene, Moritz(Albaek/Jenssen), Guwara(Borello) –
    Altintop –
    Osawe(Borello), Spalvis, Andersson

    Forza FCK
    Irfan
    Helsinki

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