Traumtor krönt hochkonzentierte Defensivleistung – ein fast perfekter Nachmittag

Es gibt sie also doch noch, die Tage am Betzenberg, die sich einfach nur genießen lassen: Sommerschöner Herbsttag, der 1. FC Kaiserslautern schlägt den Tabellenzweiten aus Uerdingen 2:0 und statt der befürchteten elf Punkte Abstand auf einen direkten Aufstiegsplatz sind es nach Spieltag 12 nur noch fünf. Für die Spielaufarbeitung kann das oberste Gebot daher nur lauten: Zurückhaltung üben, um den notorischen Skeptikern kein Öl ins Feuer zu gießen, die bereits mit dem Sinnspruch „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ lauern.

Wie alle mit Investorenmillionen gepimpten Teams genießt auch der KFC Uerdingen bei den Anhängern so genannter Traditionsvereine nicht viel Sympathie. Insofern können sich die Krefelder trotz der Niederlage auf die Fahnen schreiben, dass zumindest einer von ihnen mächtig positive Imagewerbung für sie machte: Wie fair ihr Coach Stefan Krämer die Partie hinterher analysierte und auch mit sich selbst ins Gericht ging, zeugt von untadeligem Sportsgeist.

MAL WAS NEUES: DER COACH SUCHT DIE SCHULD BEI SICH

„Wir haben verdient verloren, und das ist zu einem großen Teil meine Schuld“, stellte sich der 51-Jährige vor sein Team. „Ich habe bei der Aufstellung daneben gelegen, auch die ersten beiden Einwechslungen waren nicht die richtigen.“ Welche Startelf-Personalie er unter anderem meinte, hatte er zuvor schon bei „telekomsport.de“ angedeutet: „Wir haben den Torwart gestellt, der im Aufbau heute ausgefallen ist, dadurch sind wir in große Probleme gekommen.“ Erstaunlich: Keeper René Vollath ist eigentlich Krämers unumstrittene Nummer eins, sein Stellvertreter Robin Benz erst einmal zum Einsatz gekommen.

25 Minuten sei die Partei ausgeglichen gewesen, so Krämer. Danach habe sein Team begonnen, zu viele Bälle im Zentrum zu verlieren. „Wir waren im Übergangsspiel nicht präsent, haben der aggressiven Verteidigung der Lauterer nichts entgegengesetzt.“ Und an diesem Punkt darf wie so oft orakelt werden: Geschah dies, weil Uerdingen an diesem Tag so schwach war oder Lautern so stark?

LAUTERN MAGS FRANZÖSISCH: UM DIE MITTELLINIE HERUM EROBERN UND DANN DIREKT NACH VORNE

Denn in der Tat erspielte der FCK ab dem von Krämer genannten Zeitpunkt eine hochkarätige Chance nach der anderen. Es beginnt mit einem Vertikalpass von Dominic Maroh, den Kevin Kraus kurz hinter der Mittellinie blockt, worauf Jan Löhmannsröben direkt Timmy Thiele in der Spitze einsetzt, der scheitert an Vollath. Das Muster wiederholt sich: Balleroberung um die Mittellinie, Löhmannsröben auf Thiele, Abschluss. Beim dritten Versuch bezieht Löhmannsröben noch Julias Biada mit ein, der Thiele mit schönem Direktspiel freispielt – dergleichen hat man schon zu Beginn der Saison immer mal gesehen.

„Aus den engen Räumen heraus direkt in die Spitze“, beschreibt Trainer Michael Frontzeck das Spiel später. Kultiviert sich da nun langsam ein Stil, der typisch werden könnte für den FCK 18/19? Auch Weltmeister Frankreich operiert so: Balleroberung kurz vor oder hinter der Mittellinie suchen und direkt ab nach vorne… Okay, wir wollten ja nicht so dick auftragen.

WENN ZWEI INNENVERTEIDIGER ZU TIEF FLIEGEN, GIBS MEISTENS ELFER

Kurz vor der Pause ist es dann soweit: Thiele hat sich wieder mal auf dem Flügel angeboten – immer gut, wenn er das tut, denn so kann er seinen Antritt mit Anlauf ausspielen. Von der linken Seite dringt er den Uerdinger Strafraum ein, wo ihn gleich drei Uerdinger mit vereinten Kräften stoppen – und das einen Tick zu eifrig, wie Schiedsrichter Lasse Koslowski findet.

Auch diese Szene beschreibt Stefan Krämer später treffend: „So groß war der Körperkontakt eigentlich nicht, aber wenn beide Innenverteidiger so heranfliegen, musst du fast schon damit rechnen, dass der Schiedsrichter pfeift, keine Fehlentscheidung also.“

Verwandelt wird der Strafstoß von Theo Bergmann, so klar und platziert, dass es Vollath auch nichts hilft, mit guter Reaktion die richtige Ecke anzuvisieren. Bergmann ist einfach Lauterns neue Nummer eins bei ruhenden Bällen, trotz seiner erst 21 Jahre.

NACH DER PAUSE: HEMLEIN SETZT DAS HIGHLIGHT

Ansonsten präsentiert sich der vor der Länderspielpause gepflegte Jugendstil diesmal ein wenig zurückgenommen. Lukas Gottwalt fehlt verletzt, Christian Kühlwetter sitzt nach einer auskurierten Blessur nur auf der Bank. Für die beiden sind die Routiniers André Hainault und Christoph Hemlein in die Startelf zurückgekehrt. Und Bergmann spielt für Gino Fechner neben Löhmannsröben im zentralen Mittelfeld. Den Platz weiter vorne hat Julius Biada wieder eingenommen.

Auch an den Standards ist in den zurückliegenden beiden Wochen weiter gefeilt worden. Bergmann und Hendrick Zuck schreiten jetzt häufiger gemeinsam zum Eckball, aber nicht unbedingt, um diesen kurz zu spielen, sondern um den Gegner so lange wie möglich im Unklaren zu lassen, ob nun der Rechtsfuß oder Linksfuß tritt – im einen Fall dreht das Leder vom Tor weg, im anderen direkt darauf zu. Jeder der beiden Schützen schafft so eine durchaus gefährliche Kopfballchance. Mitte der zweiten Hälfte werden die Doppel dann aufgegeben.

Zu dem Zeitpunkt führt der FCK aber schon 2:0. Thiele ist wieder über links geschickt worden, flankt, Uerdingen wehrt zu kurz ab, Hemlein lässt den Ball halb links vor der Strafraumlinie kurz prallen und zieht dann beherzt ab – drin. Wenn‘s mal läuft, dann läufts eben.

AUCH DIE SCHWÄCHEPHASE ZUM SCHLUSS FÄLLT DIESMAL AUS

Immer-noch-Skeptiker warten anschließend auf die obligatorische Schwächephase der Lauterer gegen Spielende. Doch auch die mag sich heute nicht einstellen. Das heißt, so um die 70. Minute gestatten sie dem KFC für einige Minuten ein paar starke Szenen. Unter anderem muss Löhmannsröben eine extrem scharfe Freistoßflanke von rechts mit einem riskanten, aber souverän ausgeführten Kopfball klären.

Der Sechser diesmal also nicht als der Mann für direkten Pass in die Spitze, sondern als Retter in höchster Not… Wenn sich „Löh“ auf diesem Niveau stabilisiert und seine gelegentlichen Aussetzer abstellt, wird er Lauterns Transfercoup dieser Saison – auch wenn er mit Bergmann einen starken Mitbewerber hat.

Und wo wir gerade beim Lobhudeln sind. Da einige Thieles Leistung auf dessen ausgelassene Torchancen reduzieren werden, sei’s noch mal deutlich gesagt, dass der Kerl Stürmer für zwei geochst hat. Überhaupt war der Schlüssel zum Sieg nicht die Offensivleistung, die in der Tat noch ausbaufähig ist, gerade im Hinblick auf die Chancenverwertung. Sondern das diesmal fast über 90 Minuten hochkonzentrierte Spiel gegen den Ball, mit dem die gesamte Elf einen Gegner mit unbestritten hohen individuellen Fähigkeiten quasi über die volle Spielzeit so gut wie nichts gestattete.

Ein Spiel, das nicht nur Hoffnungen macht auf den weiteren Verlauf der Saison, sondern regelrecht Vorfreude weckt. An dieser Stelle wollen wir aber lieber aufhören, um den Spruch von der Schwalbe und Sommer nicht über Gebühr zu provozieren.

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