Die Fans wollen jetzt Teufel sehen, die ihre Gegner wieder auf die Hörner nehmen – Herr Hildmann, übernehmen Sie

Er kam früh an seinem Arbeitstag, noch Stunden vor seiner öffentlichen Vorstellung. Als erstes suchte er das Gespräch mit seinem neuen Co-Trainer Alexander Bugera, als nächstes den Austausch mit Martin Raschik, ebenfalls Co-Trainer, aber auch federführender Videoanalyst des 1. FC Kaiserslautern. Nein, wir wollen hier jetzt nicht prophezeien, dass von nun an alles besser wird beim FCK, aber als positives Signal werten wir das durchaus. Gerade, was die Aussagen des neuen Cheftrainers Sascha Hildmann zu Gegneranalyse und entsprechenden Anpassungen angeht, macht Hoffnung. Auch wenn nicht unbedingt zu erwarten ist, dass schon zum Heimspiel am kommenden Samstag, 14 Uhr, gegen die Würzburger Kickers eine neue Handschrift erkennbar sein wird.

Okay, es waren vor der Kür des neuen Übungsleiters einige Namen im Lostopf, die den Anhang mehr elektrisiert hätten – uns auch. Doch allen, die deswegen skeptisch sind, weil Sascha Hildmann trotz seiner bereits 46 Jahre bislang hauptsächlich im Amateurbereich tätig war, sei an dieser Stelle gesagt: Seine Fußballlehrerlizenz an der Kölner Hennes-Weisweiler-Akademie hat der gebürtige Lauterer erst 2014/15 erworben. Auch er selbst hat bei seiner Vorstellung am Donnerstag erklärt, dass er sich erst danach als Profi-Trainer ansah.

Diese neunmonatige Ausbildung stellt für jeden Übungsleiter eine enorme Weiterentwicklung dar – selbst wenn er zu diesem Zeitpunkt schon über vierzig ist. Und gerade auch, weil sie in den vergangenen Jahren noch mal deutlich verbessert worden ist. Man betrachte sich nur, wie schnell und wie viele Absolventen zuletzt in leitende Positionen bei Profivereinen gekommen sind. Hildmanns Jahrgang etwa gehörten an: Torsten Frings (ehemals Darmstadt), Florian Kohfeldt (Werder Bremen), Marco Rose (Red Bull Salzburg), Steffen Baumgart (SC Paderborn), Holger Seitz (FC Bayern München II)  und Rüdiger Rehm (SV Wehen Wiesbaden).

DIE „PHILOSOPHIE“ IST FLEXIBEL – AUCH DER GEGNER BESTIMMT SIE MIT

Dass es Hildmanns Vorgänger Michael Frontzeck mit Anpassungen an den Gegner nicht so hatte, ist hinreichend bekannt. Drum lassen Äußerungen Hildmanns wie diese umso erfreuter aufhorchen:

Ich habe zunächst mal eine oberflächliche Philosophie, das heißt, du willst nach vorne spielen, du willst schnellstmöglich in Ballbesitz kommen, du willst ein schnelles Umschaltspiel, du willst einen mutigen Auftritt, eine Mannschaft, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Das ist das eine, das wollen wir auch hier umzusetzen. Du darfst aber nicht den Fehler machen, dich nur mit deiner Mannschaft zu befassen, du musst dies auch mit der gegnerischen Mannschaft tun. Du tust gut daran, wenn du jetzt analysierst, was Würzburg für eine Truppe hat. Skarlatidis, Schuppan oder Hägele sind gestandene Zweit- und Drittligaspieler, die große Qualität haben. Darauf wird sich meine Philosophie in diesem Spiel ausrichten. Im Grunde gehst du in jedes Spiel mit einer neuen Philosophie, die abhängig ist vom Gegner, aber auch von unseren Stärken.“

Da verwundert es sich nicht, dass Videoanalyst Martin Raschik einer seiner ersten Ansprechpartner auf dem Betzenberg war. Und wie Leser unseres Interviews mit Sportdirektor Boris Notzon wissen, hat der FCK in punkto Videoanalyse und Leistungsdiagnostik in den vergangenen Jahren Strukturen geschaffen, die für Drittligaverhältnisse herausragend sind. Hildmann dürfte sie zu schätzen wissen  – und entsprechend nutzen.

Dass der Kader des FCK im Sommer zusammengestellt wurde, um das Frontzecksche 4-4-2/4-2-3-1 zu spielen, ist ebenfalls bekannt. Auch da  verspricht Hildmann mehr Flexibilität:

„Ich bin ein Trainer, der versucht, einer Mannschaft immer zwei, drei Systeme an die Hand zu geben, ob das jetzt ein 4-4-2 ist, ein 4-2-3-1 oder ein 3-5-2. So habe ich es auch in Großaspach gehalten. Immer ein Stück weit für Überraschungen sorgen – und in der Lage sein, den Gegner zu spiegeln und versuchen, ihn vielleicht mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. In der Kürze der Zeit, die ich jetzt habe, wird es schwierig sein, diese Prozesse neu reinzubekommen, aber wir wollen versuchen, am Samstag einen offensiven Fußball zu spielen, aber immer auch mit Bedacht, weil die Mannschaft etwas unsicher ist. Nach einer 05-Klatsche freut sich keiner, wenn du einen Harakiri-Sturmlauf machst und dann einen Konter bekommst.“

Wird also ein interessantes Spiel am Samstag, das sicher mehr Zuschauern verdient hat als die 15.000, deren Kommen bislang feststeht. Allein schon wegen des Gegners, der ebenfalls immer wieder für eine Überraschung gut ist.

AUCH DIE KICKERS KÖNNEN ÜBERRASCHEN – UND WIE

Für die muss nicht unbedingt Trainer Michael Schiele verantwortlich zeichnen – für unberechenbare Momente sorgen die Kickers vor allem durch ihre unkonstanten Leistungen. Drei Niederlagen in Serie zum Saisonauftakt, anschließend vier Siege am Stück, zuletzt wieder vier Pleiten nacheinander – mehr Auf und Ab als in Würzburg geht’s in der Dritten Liga nirgendwo. Am vergangenen Spieltag ließen die Kickers allerdings mit einem satten 5:2 gegen Carl Zeiss Jena aufhorchen.

Die „Süddeutsche Zeichnung“ bezeichnet die „Würzburger Kickers“ als die „Laune-Mannschaft“ der Liga – und schreibt: „An guten Tagen und in guten Momenten, das zeigte das Spiel gegen Jena, können die Kickers einen Gegner in Grund und Boden spielen. An schlechten Tagen und in schlechten Momenten aber, und auch das zeigte das Spiel gegen Jena, sind sie grotesk mittellos.“

Die letzte Niederlage leisteten sich die Kickers übrigens gegen Zwickau (0:2). Dabei brachte sie der FSV vor allem durch frühes Attackieren aus dem Konzept. Wir wollen uns an dieser Stelle natürlich nicht anmaßen, dem neuen Trainer Ratschläge zu erteilen, aber: Mal wieder Rote Teufel zu erleben, die ihren Gegner schon vor dessen Strafraum auf die Hörner nehmen – oh, wie wär das schön.

WAS WIR NIE WIEDER SEHEN WOLLEN: SOLCHE XG-GRAFIKEN

Es ist zwar ein Graus, aber wir bezahlen nun mal dafür, außerdem gibt es einen kleinen, aber erlesenen Kreis von Freunden unseres Blogs, die immer wieder gerne ein Blick darauf werfen – drum veröffentlichen hier noch xG-Grafiken von der 0:5-Megapleite in Haching.

Um die xG-Timeline zu betrachten, braucht es schon eine Prise schwarzen Humors. „11tegen11“ hat eine 97-prozentige Siegeswahrscheinlichkeit für Haching errechnet. Immerhin also sollen drei Prozent für Lautern gesprochen haben. Wann hat sich die Mannschaft die denn erarbeitet?

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Die Positions- und Passgrafik sieht dafür gar nicht mal so übel aus. Dieses Phänomen haben wir schon nach dem Grottenkick gegen Wiesbaden festgestellt.

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Deprimierend dafür die Visualisierung der Spielfreude aus der „Zone 14.“ In 90 Minuten zwei Passversuche in die Box, und beide waren für die Tonne. So etwas wollen wir nie mehr sehen. Herr Hildmann, übernehmen Sie.

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Foto: 1. FC Kaiserslautern

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