Block 4.2 – Der Roman, Kapitel IV

De Betze spielt – und es geht um alles, wieder einmal. Doch Albin ist sicher: Alles wird gut, wenn sein Schwiegervater Anton mit von der Partie ist, denn mit ihm in Block 4.2 hat de Betze noch jedes wichtige Spiel gewonnen. In der Nacht vor dem Spiel baut Albin mit seinem Kleinbus jedoch einen Unfall. Albin versucht, den Betze mit seinen Gefährten zu Fuß zu erreichen. Das bedeutet: Vierzig Kilometer durch den Wald, und das durch die Nacht. Da lauern viele Gefahren, eingebildete ebenso wie reale. Ein erstes Hindernis hat das Trio bereits gemeistert, dank Albins ebenso treuem wie schlagkräftigem Freund Champ. Doch der Weg ist noch weit… 

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Kapitel IV

Barkero

 

Albin friert. Die Kälte dringt in ihn ein wie Wasser in ein sinkendes Schiff.

Oder ist es vielleicht doch nicht die Kälte, die ihn bibbern lässt, sondern die Furcht? Die Furcht, die umso tiefer in ihn dringt, desto mehr sich der Alk in Kopf und Blutbahn abbaut?

Die Furcht, dass er seine Mission nicht erfüllt, dass sie morgen, vierzehn Uhr, nicht in Block 4.2 sitzen, wenn es für de Betze um alles geht? Die Furcht davor, dass er zu schwach ist, dass seine Knie und seine Knöchel, seine Knorpel und Sehnen seine einhundertzehn Kilo nicht über vierzig Kilometer tragen können?

Die erste Steigung hat er noch spielend gemeistert, weil die Weinschorle und die Biere davor ihn befeuerten und weil er über den Baumwipfeln hin und wieder noch den Stern erkennen konnte, der überm Betze leuchtete und der ihn anzog wie ein Magnet und ihm auch jeden Schmerz zu nehmen schien. Dann aber ging es wieder bergab, die zweite Steigung folgte und bald darauf die dritte, und er erkannte, dass dies ein Trugschluss gewesen war. Vor allem die Wurzeln, die den Waldboden durchziehen, drücken tief in die weichen Stellen seiner platten Füße und auf deren Nervenbahnen. 

Noch ist Albin fest entschlossen, die Schmerzen zu ignorieren. Sie sind Teil seiner Prüfung, sagt er sich. Und wenn es ihm gelingt, sie zu ertragen, wird der Fußballgott morgen gar nicht anders können, als ihn zu belohnen, ihn, Anton und de Betze.

Doch auch dieser Heldenmut kann ihm die Furcht nicht nehmen, die durch seine Eingeweide kriecht.

Vielleicht ist es doch die einfache, kindische Furcht vor dem schwarzen, drohenden Wald, der sich links und rechts vor ihnen und über ihnen erhebt und durch den sich die Lichtkegel ihrer Handlampen nur nervös flackernd ihren Weg bahnen können?

Oder die Furcht vor den Konsequenzen, die diese irre Unternehmung noch nach sich ziehen wird? Weil es eben doch noch ein Leben nach morgen, fünfzehn Uhr fünfundvierzig, gibt?

Er könnte Heidrun ja wenigstens mal anrufen. Aber er ist kein guter Lügner. Er kann ihr unmöglich sagen, wir haben ein paar Gläser zu viel erwischt, wir übernachten sicherheitshalber bei Werner. Das nimmt sie ihm nicht ab. Und selbst wenn: Die Gefahr, dass sie sich anschließend ein Auto organisiert, bei der schrecklichen Freundin womöglich, um ihren Vater nach Hause zu holen, ist einfach zu groß. 

Und er kann sie unmöglich anrufen und ihr erklären, dass sie sich zu Fuß auf den Weg uff de Betze gemacht haben. Unmöglich.

Also wird er sie am frühen Morgen anrufen und ihr erklären, dass sie – aus Gründen, die ihm noch einfallen müssen – noch gestern Abend Richtung Betze gefahren sind und dort übernachtet haben. Und das alles in Ordnung ist mit ihm und Anton. Das wird zwar auch eine Menge Nachfragen provozieren und wahrscheinlich wird Heidrun dennoch stinksauer sein, vielleicht auch für ewig, aber so haben sie erst einmal Ruhe bis zum Spiel.

Und der Libero wird bis dahin noch nicht gefunden worden sein. Hoffentlich. 

Albin spürt: Er braucht noch ein Bier, um seiner Furcht Herr zu werden. Er muss den Level halten, denn er spürt, dass er zu seiner irren Idee nur so lange stehen kann, wie er seinen Promillespiegel hochhält. Dabei hat er erst vor wenigen Minuten eine weitere Runde Bier ausgegeben. Jetzt haben sie noch sechzehn Dosen, die müssen reichen bis morgen, vierzehn Uhr.

Der Champ hatte sich seine ja wohl redlich verdient. Und Anton brauchte noch Bier, damit er schlafen kann, während er durch die Nacht geschoben und manchmal auch getragen wird. Ruhig schlafen wird er kaum, denn es ist schon ein ziemliches Gerumpel über die mal besser, mal schlechter befestigten Waldwege hinweg. Ab und zu wirkt eine Wurzel wie ein Schlagloch, einen Baumstamm, der quer über den Weg gefällt worden war, mussten sie auch schon überklettern. Der Champ hob Anton drüber, Albin den Rollstuhl.

Wenn Albin sich jetzt die nächste Dose öffnet, sind es allerdings nur noch fünfzehn. Und da er dem Champ dann natürlich auch die nächste genehmigen muss, vierzehn. Anton dagegen kann mal eine Runde aussetzen, der ist ohnehin gerade eingedämmert. Zuvor hat er mal eine Zeitlang in den Wald gewunken, wahrscheinlich hat er da irgendjemanden zu erkennen geglaubt, denn hin und wieder projiziert er sich das, was er träumt, in die Realität. Das wird er in der nächsten Zeit wohl immer häufiger tun.

Ob aber Bier auf Dauer genügt, um Albins Level hochzuhalten? Denn so ist es nun einmal, wenn er Gerstensaft trinkt. Ab einem bestimmten Punkt fließt der Stoff nicht mehr recht in ihn hinein, da muss er sich überwinden, und er berauscht ihn dann auch nicht mehr. Er müsste auf Klare umsteigen, um sich weiter in Sorglosigkeit wiegen zu können. Einen solchen aber haben sie nicht dabei. Werner hätte bestimmt noch einen Bauernkorn für sie in petto gehabt, einen ganz harten, heftigen. Doch Albin hat nach keinem verlangt.

Ohnehin wäre ihm jetzt ein Weinbergspfirsich lieber, so einen, wie er ihn zu Hause hat … und den er sich gerne zusammen mit Heidrun genehmigen würde, wenn es mal wieder besser zwischen ihnen läuft. Denn auch Heidrun trinkt gerne Weinbergspfirsich, weil er nicht so süß ist wie andere Liköre. Die harten Klaren dagegen mag sie ebenso wenig wie Albin. Der lässt sich das nur nicht anmerken, wenn er in geselligen Runden sitzt und ein solcher ausgegeben wird, da stürzt er den Klaren einfach mit einem Ruck in sich hinein, damit es getan ist.

Heidrun.

Was, wenn der Libero mittlerweile gefunden worden ist, am Straßenrand, auf die Seite gekippt, verwaist. Dann ist die Polizei verständigt worden, die hat mittlerweile den Fahrzeughalter ausfindig gemacht und bei Heidrun vorgesprochen. Was sie da wohl denken wird?

Egal, Hauptsache, sie ist sich darüber im Klaren, dass sie sich keine Sorgen um Anton machen muss. Weil sie sich niemals Sorgen um Anton machen muss, wenn Albin bei ihm ist und auf ihn aufpasst. Ist doch so.

Er wird Heidrun ja auch anrufen und ihr Bescheid sagen. Morgen, wenn sie aus dem Wald raus und schon so gut wie uffem Betze sind. Dann wird er zwar ein Donnerwetter zu hören bekommen, aber sie wird ihm und vor allem Anton das Spiel nicht mehr nehmen können. Wenn er sie aber jetzt anruft, ist die Gefahr, dass sie Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um Anton aus diesem Wald herauszuholen, einfach zu groß. Erst recht, wenn auch die Polizei schon bei ihr war.

Also, denk einfach nicht weiter dran, lass deine Furcht Furcht sein. Ist halt doch nur die Kälte, die dich bibbern macht, im Frühjahr sind die Nächte eben doch noch ganz schön kühl. Nimm dir ein Beispiel am blauen Ball auf deinem iPhone. Er spürt nichts von der Kälte und der schwarzen Nacht und dem Wald, aus dem Albin sich unentwegt von tausend Augen beobachtet fühlt, von Getier, Waldgeistern und welchen Mächten auch immer. Der blaue Ball kann auch Albins Knie und Knöchel, Knorpel und Sehnen nicht spüren. Stattdessen bewegt er sich quälend langsam, aber stetig weiter auf der leuchtenden Landkarte Richtung Norden. Richtung Betze.

Oder nimm dir ein Beispiel am Champ.

Was für ein Kerl.

Er marschiert, wie er boxt. Und er marschiert, wie er trinkt. Wie ein Metronom. Wie er sie da vorhin herausgehauen hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Einfach nur großartig. Okay, sie sind überhaupt nur des Champs wegen in diese Lage gekommen, weil da noch was gegen ihn anhängig war, von dem Albin nichts wusste, aber egal.

Wie der Champ vorwärtsschreitet durch die Nacht, dem flimmernden Lichtkegel folgend, als weise dieser tatsächlich den einzig denkbaren Weg, wie er den Oberkörper beim Laufen leicht nach vorne gebeugt, große Schritte macht, in einheitlich getakteten Abständen – wenn er als sein Begleiter sich davon nicht mitreißen lässt, was soll ihn denn dann noch motivieren? Mal ganz abgesehen davon, dass der Champ Albins irren Plan nie in Frage gestellt hat. Weil der Champ nie etwas in Frage stellt, was von Albin kommt. Der Champ redet nicht, er handelt – frag mal den Jungbullen, dessen Kollegen vermutlich gerade versuchen, ihm die Nase wieder zu richten. Der Champ ist ein Mann der Tat. Eigentlich hat Albin einen Freund wie ihn gar nicht verdient, auch das muss er sich wieder einmal eingestehen.

Albin ist nämlich alles andere als ein Mann der Tat, und gerade der Umstand, dass er dies so klar erkannt und dennoch nie etwas dagegen unternommen hat, macht ihm das Leben so schwer erträglich. Albin hat sich durch seine Schulzeit treiben lassen, ohne jemals ein besonderes Interesse für irgendetwas zu entwickeln, außer dem Betze natürlich. Später hat er sich von seinem alten Herrn das Geschäft übertragen lassen, weil Väter nun einmal glücklich sind, wenn die Söhne ihr Lebenswerk fortführen, und Albin hat es geschehen lassen, ohne jemals nach einem anderen Weg durchs Leben gesucht zu haben. Er hat dann zugesehen, wie das Geschäft vor die Hunde ging, denn Eisenwarenhandlungen braucht kein Mensch mehr, die Menschen strömen jetzt in Baumärkte, Albin hat das alles kommen sehen und dennoch nichts getan. Nicht einmal bei Heidrun hatte er das Gefühl, dass er es war, der sie erwählte, sie hat ihn erwählt, und selbst an der Frage, weshalb Heidrun ihn erwählt hat, verzweifelt Albin in besonders selbstkritischen Momenten, und von denen hat er viele. Als schlüssigste Erklärung erscheint ihm, dass Heidrun sich von ihm die Ehe mit den geringsten Widerständen versprach. Sie hat auch stets alle wichtigen Entscheidungen getroffen. 

Nur heute Abend nicht, da hat Albin allein entschieden.

Das heißt, das stimmt nicht so ganz. Er hat schon einmal etwas allein entschieden. Im Mai zweitausendsechs. Elsa lag im Sterben, Heidruns Mutter. Aber Albin wollte nach Wolfsburg. Musste nach Wolfsburg.

+ + +

De Betze spielte, und es ging um alles. Um was auch sonst.

Aber vorher kamen die Lederhosen uff de Betze. 

Zweitausendsechs. Dreiunddreißigster Spieltag. Die Lederhosen konnten in diesem Spiel Deutscher Meister werden.

Und de Betze spielte gegen den Abstieg.

Da musste Albin doch dabei sein, und Anton natürlich auch. Ohne sie konnte de Betze doch nicht gewinnen.

Aber Elsa lag im Sterben. Heidruns Mutter. Doktor Spinnler hatte ihr schon in der Woche zuvor Bettruhe verordnet, und allen war klar, dass sie niemals mehr aufstehen würde. Dreiundneunzig Jahre alt war Elsa geworden, hatte sich bis dahin noch gut bewegt und war im Kopf einigermaßen klar geblieben. Was war ihr da noch mehr zu wünschen als eine möglichst kurze Zeit des Siechtums im Krankenbett?

Albin hatte zunächst gehofft, es sei vielleicht noch vor dem Bayern-Spiel vorbei. Er hatte sich dies natürlich für Elsa gewünscht, denn die die stolze, alte Frau, die nie ernsthaft krank gewesen war und fast ihr ganzes Leben harte Landarbeit verrichtet hatte, mochte er nicht leiden sehen. Und er wünschte ihr nicht etwa deswegen einen schnellen Tod, weil er fürchtete, es könnte ausgerechnet an einem Spieltag zu Ende gehen oder kurz davor und es ihm unmöglich machen, uff de Betze zu gehen. Denn für Heidrun stellte dies eine Vergnügung dar, der man zu entsagen hatte, wenn der Tod eines engen Angehörigen anstand, ebenso in der sich anschließenden Zeit der Trauer. 

Heidrun verstand nun mal nicht und würde niemals verstehen, dass es eben keine Vergnügung war, uff de Betze zu gehen. Es war eine Pflicht, wenn nicht gar eine Mission.

Doch Elsa nahm sich beim Sterben Zeit. Das sei eigentlich kein Wunder angesichts ihres robusten Naturells, erklärte Doktor Spinnler, der ebenfalls schon weit über siebzig war, aber immer noch praktizierte.

Am Morgen vor dem Bayern-Spiel löffelte Elsa den Brei, den Heidrun ihr anreichte, mit einigem Appetit, was Albin prompt zum Anlass nahm zu erklären, angesichts dieser stabilen, hoffnungsfroh stimmenden Situation könne er doch mit Anton uff de Betze fahren, so bekäme der Schwiegervater vielleicht einmal den Kopf frei, das tue ihm sicherlich gut. Heidrun ließ ihn zwar durch ihren Blick spüren, dass sie ihn für einen Heuchler hielt, nickte aber. 

Es war ein tolles Spiel. De Betze ging gegen den Tabellenführer nach sechsundzwanzig Minuten mit einsnull in Führung, Altintop auf Vorlage von Beda, und so blieb es bis zur achtundsechzigsten Minute. Und das mit drei A-Junioren im Team, Schönheim, Halfar und Reinert. Trainer Wolf hatte in seiner Verzweiflung auf die Jugend gesetzt, um das Ruder im Abstiegskampf noch herumzureißen, und die jungen Wilden schlugen sich prächtig. Die Lederhosen markierten zwar noch den Ausgleich und wurden Meister, doch nach diesem Einseins waren sich alle einig: Mit diesem Spirit konnte de Betze auch in Wolfsburg gewinnen. Und sich retten. 

Denn Wolfsburg hatte zur gleichen Zeit einszwei in Stuttgart verloren. De Betze stand nun mit zweiunddreißig Punkten als Sechzehnter auf einem Abstiegsrang, Wolfsburg einen Rang und einen Punkt davor – und am finalen Spieltag musste de Betze in Wolfsburg ran. Ein Sieg, und die Wolfsburger würden zur Hölle fahren.

Die anschließende Woche war ein einziges Warten. Auf den Samstag, an dem sich alles entscheiden sollte.

Doch Elsa starb immer noch nicht.

Schweigend löffelten Albin, Heidrun und Anton ihre Mahlzeiten in sich hinein, während sich oben im Schlafzimmer die Stunden, in denen die alte Frau bei Bewusstsein war, immer weiter verkürzten. Die Blicke, die Heidrun ihrem Mann zuwarf, wurden in dieser Zeit zunehmend spöttischer, als wisse sie genau, dass Albins ernste Miene nicht von ernsten Gedanken herrührte, die Elsa galten. Damit hatte sie zwar recht, doch konnte sie es unmöglich so genau wissen, wie ihr Blick vorgab, und das nahm Albin ihr übel.

Die Lage war ernst. 

„Tradition schießt keine Tore“, überschrieb ein Journalist namens Peter Unfried – wie konnte ein Mensch nur so heißen – einen Zeitungsartikel, der in den Fanforen für Aufregung sorgte: Darin hieß es, die Zeit von Vereinen wie dem Betze sei vorbei, Klubs, die sich wie Wolfsburg von millionenschweren Unternehmen tragen ließen, gehöre die Zukunft. Das konnte, das durfte doch nicht sein, dass die Welt des Fußballs von nun an nicht mehr dem Volk, sondern den Konzernen gehören sollte. Das wollte auch niemand, der diesen Sport liebte, daher erfuhr de Betze in diesen Tagen auch aus neutralen Lagern Ermutigung, und alle riefen: „Schießt diesen Retortenklub in die Zweite Liga!“ Wenn es auf Erden eine höhere Ordnung gab, die den Sieg der einfachen Menschen, des Guten und des Erhabenen, des Schönen und des Gerechten über die Götzen des Mammons anstrebte, dann musste de Betze das Spiel gewinnen.

Aber Albin und Anton mussten dabei sein.

Und noch eine Sorge mochte von Albin in diesen Tagen nicht lassen.

Hristov.

Der Riese, der siebenundneunzig aus einem Tal im Süden des Balkangebirges gekommen war. Niemand Geringerer als König Otto hatte ihn an seinen Hof berufen, um mit ihm das Wunder zu vollbringen. Hristovs ersten Treffer für de Betze sieht Albin immer noch so klar vor sich, als hätte der Bulgare ihn erst gestern Abend erzielt. Im November siebenundneunzig war es, de Betze führte immer noch überraschend die Tabelle an, da kam der Hamburger SV und ging nach siebenundfünfzig Minuten in Führung, durch Salihamidzic, und das, obwohl Yeboah bereits vom Platz gestellt worden war. Die Spötter und Neider greinten schon, dass es nun vorbei sei mit des Betze Herrlichkeit. 

Doch nach zweiundsiebzig Minuten warf Otto den Mann vom Balkan in die Schlacht.

Drei Minuten später erzielte der kleine Ratinho den Ausgleich, dann sah Schopp Gelb-Rot. Zehn Minuten lang mussten acht Hamburger Feldspieler nun gegen zehn Betzespieler verteidigen, das klingt nach leichtem Sieg, braucht tatsächlich aber einen kühlen Kopf und einen ruhigen Fuß, um den Ball zirkulieren, den dezimierten Gegner so lange hin und her rennen zu lassen, bis sich die entscheidende Lücke öffnet.

Auf ein solches Spiel verstand sich der überragende Sforza gut, der Mann aus den Schweizer Bergen, den Otto Anfang der Saison uff de Betze zurückgerufen hatte.

Es dauerte bis zur letzten Minute, bis die Lücke gefunden war.

Und der, der durch sie hindurchbrach und das erlösende Tor markierte, hieß Hristov.

Eine Woche später schlug de Betze die Bayern, zum zweiten Mal in dieser Saison, und Hristov traf abermals. In dieser Spielzeit sollte er noch drei weitere Tore erzielen und de Betze am Ende die größte Meisterschaft aller Zeiten feiern, die je gefeiert worden ist, ein Aufsteiger war direkt zur Deutschen Meisterschaft durchmarschiert. Und Hristov sollte noch sechs weitere Jahre am Betze bleiben, sechs gute Jahre.

Keinem anderen Fußballer hat Albin jemals mit einer solchen Faszination zugesehen. Für einen Profifußballer bewegte er sich geradezu provozierend langsam über den Platz. Als wäre er einfach zu groß und zu schwer für dieses Spiel. In den Datenbänken war seine Körpergröße mit einsvierundneunzig angegeben, sein Gewicht mit neunundachtzig Kilo, unter der Hand aber wurde stets gemunkelt, dass Hristov über zwei Zentner wog. Doch verstand er es unnachahmlich, seinen Körper zwischen Ball und Gegenspieler zu schieben und sich anschließend in einen freien Raum zu drehen, in den er das Leder führte. Wenn er den Abschluss suchte, wusste er den linken wie den rechten Fuß in perfekter Haltung zu nutzen, mit enormer Zielgenauigkeit und Kraft. Albin hat nie den Treffer vergessen, den Hristov im September zweitausenddrei in Frankfurt markierte: Am linken Strafraumeck nahm er das Leder an und drosch es mit dem linken Außenspann diagonal durchs Heiligste des Gegners ins lange Tordreieck. Selbst den Adlerträgern blieb der Mund offenstehen angesichts dieses ballistischen Kunstwerks. 

Am Ende jener Spielzeit jedoch zog der Mann vom Balkan weiter.

Nach Wolfsburg.

Und an diesem Samstag im Mai zweitausendsechs sollte Hristov nun das scheußlich grüne Trikot mit den Waben tragen. Gegen de Betze. Albin war krank vor Sorge. Was würde das für ein böses, grausames, unwürdiges Ende sein, wenn ausgerechnet Hristov …

„Bist du wenigstens mal für dreißig Sekunden ansprechbar? Dann hilf mir doch mal!“ So herrschte ihn Heidrun in diesen Tagen immer wieder an, um ihn aus den immer gleichen Gedanken zu reißen.

Es war aussichtslos, aber am Freitagabend, als Elsa immer noch nicht gestorben war, versuchte Albin es tatsächlich mit der gleichen Masche wie eine Woche zuvor: Wie es denn wäre, wenn er mit Anton nach Wolfsburg führe, damit dieser auf andere Gedanken … Karten fürs Spiel hatte Albin natürlich längst besorgt. 

Und zum ersten Mal lag in dem Blick, mit dem Heidrun ihn verstummen ließ, kein Spott mehr, sondern nur noch blanker Hass.

Hätte er ihr da etwa erklären sollen, um wie viel mehr es im Grunde ging? Dass Anton in Wolfsburg nicht fehlen durfte, weil er zweiundachtzig gegen Real Madrid dabei war, einundneunzig in Köln, einundneunzig gegen Barcelona, achtundneunzig gegen Wolfsburg, und dass es unverantwortlich und fatal wäre, ihn bei diesem Spiel nicht dabei sein zu lassen?

Am Samstagmorgen ließ Elsa sich nicht einen einzigen Löffel Brei verabreichen. Albin setzte sich dennoch in den Libero und fuhr nach Wolfsburg. Ohne ein weiteres Wort, aber auch ohne Anton. Er hatte so entschieden, über Heidruns Kopf hinweg, zum ersten Mal.

De Betze spielte nur zweizwei. Das genügte nicht, er hätte einen Sieg gebraucht. Damit war de Betze abgestiegen. Weil Anton fehlte.

Und als Albin spätabends nach Hause kam, war Elsa gestorben. 

Gegen viertel nach fünf, wie er von Anton erfuhr, ungefähr also zur gleichen Zeit, zu der das Spiel in Wolfsburg abgepfiffen worden war. Anton hatte in den Stunden zuvor neben Elsa gesessen, ihre Hand gehalten. Albin glaubt bis heute, dass sein Schwiegervater dabei einen Ohrstöpsel trug und die Übertragung aus Wolfsburg im Radio verfolgte. Er hat jedoch nie gewagt, Anton danach zu fragen.

Heidrun redete vier Wochen lang nicht mit Albin. Und auch danach nicht mehr viel.

+ + + 

Heidrun Schmitter tritt noch genauso beherrscht auf wie vor einer Stunde. Kein zerzaustes Haar, keine Gleichgewichtsstörungen, kein unverständliches Genuschel, nur die Augen sind ein wenig gerötet. Offenbar hat sie dem Weinbergspfirsich nicht weiter zugesprochen. Oder sie hat sich einfach nur gut im Griff. Und wollte sich nicht in irgendeiner Form derangiert präsentieren, wenn Lea zurückkommt. Sie wirkt auch nicht überrascht darüber, dass Lea noch einmal persönlich erscheint. Dabei hätte die Erste Polizeihauptkommissarin auch anrufen können.

Eben das hatte Lea sich zunächst auch überlegt. Anrufen, um Heidrun Schmitter Bescheid zu geben, dass sie ihren Mann und ihren Vater nicht bei Werner Wärmke vorgefunden hat. Dass sie stattdessen den Gastronomen beim Abschließen eines Deals mit gefälschter Marken-, möglicherweise auch Hehlerware erwischt hatte – mittlerweile hatten sie auch noch Betäubungsmittel in dem Fahrzeug entdeckt –, hätte sie verschwiegen, einfach, um sie nicht unnötig zu verwirren. Dann aber entschloss sie sich, doch noch mal persönlich vorbeizuschauen.

Entweder, weil sie eine besonders einfühlsame Polizistin ist, oder weil ihr die Gesellschaft Heidrun Schmitters angenehmer ist als die der Jungs auf der Wache, so genau hat sie dies für sich selbst noch nicht entschieden.

Sie muss die schlechte Nachricht nicht einmal aussprechen. Heidrun Schmitter öffnet ihr, sieht Lea alleine in der Tür stehen, denkt sich ihren Teil, seufzt kurz auf und bittet sie herein.

„Ich hab auch schon versucht, ihn auf seinem Handy anzurufen, aber er geht nicht ran“, erzählt sie. „Und das Handy meines Vaters haben sie zu Hause liegen lassen. Ob mit oder ohne Absicht, kann ich nicht sagen.“

Lea bleibt im Wohnzimmer zunächst stehen, um zu signalisieren, dass sie am liebsten gleich wieder aufbrechen würde.

„Haben Sie nicht noch eine Idee, wo Ihr Mann für die Nacht Unterschlupf suchen könnte?“, fragt sie. 

„Ich wüsste nicht, wo er mitten in der Nacht sonst noch klingeln könnte, ohne dass es peinlich würde. Wem soll er denn erklären, dass er seinen an Parkinson erkrankten Schwiegervater nicht nach Hause bringen möchte? Außer Werner, dem alles verstehenden und verzeihenden Wirtsgott, kann er das niemandem erklären, der ihn nicht sofort für bescheuert halten würde.“

Darauf fällt Lea nichts mehr ein. Ihr Blick fällt auf den gläsernen Wohnzimmertisch. Da steht immer noch die Weinbergspfirsichflasche. Leer. Sie hat sie tatsächlich ausgetrunken, ohne irgendwelche Ausfallerscheinungen davonzutragen. Respekt.

„Ich brauch jetzt ein Bier“, sagt Heidrun Schmitter. „Wollen Sie auch eins?“

„Ach, scheiß drauf – ja“, hört Lea sich sagen, ein wenig erstaunt über sich selbst. So vulgär wird sie sonst nie, wenn sie Uniform trägt. Und Bier trinkt sie schon gar nicht. Sie scheint langsam die Kontrolle zu verlieren. Wird die Uhrzeit sein. Ist schließlich schon lange nach Mitternacht. 

Oder was auch immer.

„So’n schlankes Nulldreierpils trink ich am liebsten aus der Flasche. Ist das für Sie auch in Ordnung?“

„Klar.“ Lea greift nach der Bierflasche, will schon ansetzen, da registriert sie, dass Heidrun Schmitter anstoßen möchte. Also lassen sie die braunen Fläschchen aneinanderklirren.

Hat was von Klingen kreuzen.

„Heidrun“, sagt die Dame des Hauses tatsächlich.

„Lea“, kontert die Erste Polizeihauptkommissarin, ein wenig perplex. Nicht zu fassen, in welcher Geschwindigkeit sich hier ihre dienstlichen Umgangsformen verabschieden.

Schmeckt echt nicht schlecht, das Pilschen. Die beiden Frauen setzen sich nebeneinander auf die Dreiercouch, die schon einmal bessere Zeit gesehen hat. Heidrun Schmitter lässt Lea noch einen Schluck nehmen, bevor sie wieder das Wort an sie richtet.

„Weißt du, was ich glaube?“

„Hhm?“

„Er versucht es zu Fuß.“

„Zu Fuß?“ 

„Zu Fuß.“

„Durch die Nacht? Uff de Betze? Mit einem alten, kranken Mann im Schlepptau? Das sind fast sechzig Kilometer!“

„Eben nicht. Nicht, wenn du den Weg durch den Wald nimmst. Die Wanderwege sind recht gut angelegt, und wenn du eine ordentliche Lampe dabeihast … Im Libero haben wir welche.“

„Trotzdem. So bescheuert kann doch kein Mensch sein.“

„Mein Mann schon. Erst recht, wenn er ein paar Schoppen im Kopf hat. Und er der festen Überzeugung ist, dass de Betze morgen absteigt, wenn Anton nicht im Stadion ist.“

Lea schüttelt den Kopf und nimmt sicherheitshalber noch einen Schluck Bier. Das macht Heidrun Schmitters Vermutung zwar immer noch nicht plausibler, aber eine eigene Idee hat Lea schließlich auch nicht.

„Gesetzt den Fall, du hast recht, wie sollen wir die beiden ausfindig machen, mitten in der Nacht, im tiefsten Wald?“

„Ich kann dir Albins Handynummer geben. Dann könnt ihr ihn doch orten.“

„Du schaust zu viel Jack Bauer“, erklärt Lea. „Die amerikanischen Antiterroreinheiten mögen vielleicht so mir nichts, dir nichts jedes Handy orten dürfen, wenn sie nur den Hauch eines Verdachts spüren. Ich müsste mir eine solche Aktion erst einmal vom Staatsanwalt genehmigen lassen.“

„Dann tu das. Bitte.“

„Aber das muss ich doch begründen. Ich muss einen begründeten Verdacht haben, dass dein Vater Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist oder werden könnte …“

„Ist er doch.“

„Ist er nicht. Ich sehe noch nicht einmal, dass Gefahr in Verzug ist.“

„Ist es doch. Er braucht seine Medikamente.“

„Vorhin hast du noch gesagt, dass die Demenz deines Vaters noch gar nicht so weit vorangeschritten ist … Außerdem befindet er sich in Obhut seines Schwiegersohnes, der mit ihm vertraut ist und der ihn bestimmt nicht gegen seinen Willen festhält.“

„Mein Vater hat keinen eigenen Willen mehr. So gut wie jedenfalls.“

„Tatsächlich? Hast du ihn denn entmündigen lassen? Oder dir das sonstwie attestieren lassen?“

„Natürlich nicht.“

„Dann müsstest du deinen eigenen Mann wegen Freiheitsberaubung anzeigen, ist dir das klar?“

„Tu ich. Kein Problem.“

Die beiden Frauen schauen sich lange an. Heidrun Schmitter lässt einfach nicht locker. Was soll Lea dazu noch sagen?

„Gib mir noch ’n Bier.“

+ + +

Dimple.

Nichts anderes hat es sein dürfen zu diesem Anlass. Jeder Simpel trinkt Dimple. Passt also. Denn etwas anderes als ein Simpel bist du doch nie gewesen, Werner, oder? Wer nichts wird, wird Wirt. War schon immer so, ist noch immer so und wird immer so sein. Nur sind manche selbst dafür zu blöd. Solche wie du zum Beispiel, Werner.

Denn diesmal haben sie dich an den Eiern. Aber wie. Als wären die scheiß Herzblut-Shirts und die Rolex-Zwiebeln noch nicht genug gewesen, haben die Bullen beim Filzen des Espace auch noch Buff gefunden. Drei Frischhaltetäschchen, alle randvoll, unterm Sitz. Hat der Marokkaner wohl auch noch ausliefern wollen heute Nacht. Wo und bei wem auch immer, bei Werner jedenfalls nicht. Er hätte nämlich keines genommen. Was um Himmels Willen soll er mit Buff? Dem Hundeverein verticken, wenn der seine Vorstandssitzungen bei ihm im Lokal abhält? Aber erklär das mal den Bullen. In der Ekstase, die sie überkommt, wenn sie ein vermeintliches Drogennest ausheben, erst recht hier im tiefsten Wald, wo sie einen Opel Manta für einen Porsche halten. Genauso schnell mutiert ein Kneipenwirt zum Cannabiszar. Wart nur mal ab, wie die Bullen-PR diesen Brüller der Lokalzeitung servieren wird und in welchem Wortlaut diese ihn anschließend an ihre Leser weiterreicht.

Du hast schon oft in der Scheiße gesteckt, Werner. Bist aber jedes Mal wieder rausgekommen. Nicht, dass du danach zu wirklichen Höhenflügen angesetzt hättest, aber du bist rausgekrochen und hast dich weitergeschleppt. Bis du in die nächste Jauchegrube gestürzt bist. Aber aus dieser hier kommst du nicht mehr raus. Von wegen Wiederholungstäter und so.

Dagegen gibt es jetzt nur noch eins: Dimple. Bis sich auch deine letzten Gehirnzellen verabschieden. Ist eh nicht schade drum.

Keins von diesen unaussprechlichen Edelgesöffen aus den schottischen Highlands. Kein Auchentoshan, kein Bunnahabhain, kein Lagavulin. Sondern einfach nur Dimple. Genau das Richtige für dich, du Simpel. Genau das Richtige, um dir die Festplatte zu löschen. Am besten ein für allemal.

Noch hat er es nicht ganz geschafft. Ungefähr ein Viertel ist noch drin in der Flasche, dieser eigenartigen Kugel, die auf drei Seiten abgeflacht ist, sodass sie sich schön mit einer Hand greifen lässt.

Genauso fasst Werner sie auch, um nach draußen zu gehen. In seinem Schlafanzug, über den er seinen Schützenwams mit den Hirschhornknöpfen gezogen hat. Ist doch eh alles scheißegal.

Er hält es einfach nicht mehr aus in seinem eigenem Lokal, in dem er in der letzten Stunde auf der Seite der Theke gesessen hat, auf der der Wirt eigentlich niemals sitzen soll. Denn der Wirt, der gleichzeitig sein bester Gast ist, taugt erst recht nichts. Noch so ein superschlauer Spruch, auf den es jetzt auch nicht mehr ankommt.

Siebzehn Jahre hat er in diesem Lokal gewirtschaftet. Einunddreißig Sitzplätze, fünf an der Theke, über den Sommer weitere achtzehn auf der Terrasse, warme Küche von siebzehn Uhr bis einundzwanzig Uhr dreißig, montags Ruhetag, Donnerstag Schnitzeltag. Alle Schnitzel acht Euro, mit Pommes und Salat, Zigeuner – heißt jetzt Pusztaschnitzel. Okay, Essen ging in den letzten Jahren nicht mehr so gut, aber es hat gereicht. Hat ihn nicht reich gemacht, aber auch nicht arm, sein Lokal. Weil er es immer verstanden hat, nicht nur die notorischen Saufköppe bei der Stange zu halten, sondern auch die Honoratioren, die Vereinsmeier, damit sie sich zu ihren Vorstandssitzungen bei ihm treffen, im Nebenraum. Dem Schützenverein ist er sogar selbst beigetreten, und einmal sogar selbst Schützenkönig geworden, deswegen der Trachtenwams mit den Hirschhornknöpfen.

Ein bisschen von oben herab haben sie ihn schon immer behandelt, diese Honoratioren. Sind halt nicht alle so wie Albin, für den ein Wirt eine höhere Instanz ist, und speziell er ist als Wirt für Albin ein väterlicher Freund und ein bisschen auch eine permanente Inspiration. Obwohl auch Albin sicher weiß, dass Werner in seinem früheren Leben kein braver Bürger war, das sickert halt immer irgendwie durch, egal, wohin du dich verkriechst, selbst hierhin in diesen tiefen Wald. Deswegen haben die anderen ihn ja immer so von oben herab behandelt. Aber egal, es ihm nicht schlecht ergangen in all den Jahren.

Doch jetzt hält Werner es einfach nicht mehr aus in seinem eigenen Lokal. Dieser Geruch nach feuchtem Holz bringt ihn zum Würgen.

Er torkelt auf die Straße, setzt den Dimple an, nimmt einen Schluck, schaut sich um mit blitzenden Augen, als suche er jemand, auf den er seinen Zorn herabfahren lassen kann. Ist aber niemand da. Kein Albin, wegen dem das Bullenweibchen ja eigentlich gekommen ist, weswegen er nun in der Scheiße steckt. Albin, ausgerechnet. Hat anscheinend was ausgefressen, ist wohl auch kein braver Bürger mehr. Was er wohl angestellt hat? Seine Alte totgeschlagen? Kann durchaus sein. Ist ihm, Werner, aber egal. 

Noch einen Schluck Dimple. 

Werner schleppt sich weiter Richtung Hauptstraße. Kein Mensch weit und breit. Nicht einmal ein Licht brennt noch in der Nachbarschaft. Diese Nacht interessiert niemanden, und für ihn interessiert sich erst recht niemand. Ob er mal schreien soll, ganz laut? Einfach nur, damit irgendjemand wenigstens einmal auf ihn aufmerksam geworden ist, auf ihn und sein Leid?

Ach was. Ist nicht sein Ding, rumzugreinen. Oder den wilden Mann zu markieren.

Wo der Marokkaner wohl steckt? Ist einfach weggerannt. Hat seinen Espace mitsamt seiner Ware einfach im Stich geladen. Die Beine in die Hand genommen und ab. Weil da plötzlich ein Bullenweibchen stand. Und jetzt? Hockt er wahrscheinlich irgendwo im Wald und wartet auf den nächsten Tag. Dann wird er mit seinem Handy jemanden von seinem verkommenen Clan anrufen und sich abholen lassen. Drecksack. Hoffentlich schneiden sie ihm dafür, dass er seine Ware versaubeutelt hat, die Kehle durch.

Werner hat gar nicht mitbekommen, dass er mitten auf die Hauptstraße getorkelt ist. Die Lichtkegel des heranbrausenden weißen Audi Q7 registriert er ebenso wenig. 

Und der Fahrer dieses SUV nimmt von dem Fußgänger ebenso wenig Notiz. Ihm steht zwar nur eine extrem kurze Reaktionszeit zur Verfügung, da Werner völlig unvermittelt auf die Fahrbahn tritt. Doch selbst ein kurzer Kontakt mit dem Bremspedal könnte die Aufprallgeschwindigkeit entscheidend mindern. Der aber bleibt aus. 

Ist der Fahrer übermüdet, alkoholisiert – oder einfach nur unkonzentriert, geistesabwesend gar? Keine Ahnung. 

Werner hat insofern Glück, als dass ihn der Q7 nur mit dem Kotflügel erwischt, sodass er auf die Seite geschleudert wird und nicht unter den Wagen gerät. Viel nutzt ihm das aber auch nicht. Er hebt mit beiden Beinen vom Boden ab, dreht sich anderthalb Mal um die eigene Achse und schlägt mit dem Hinterkopf auf der Bordsteinkante auf.

Bis ihm bewusst geworden ist, was geschehen ist, dauert es eine Weile. Immerhin: Er atmet noch. Dafür scheitert der Versuch, die Beine anzuziehen. Er liegt flach auf dem Rücken, mit ausgestreckten Armen und Beinen, doch jeder Befehl, den sein Hirn an seine Extremitäten aussendet, läuft ins Leere. Nicht einmal die Finger lassen sich mehr bewegen. 

Schöne Scheiße.

Werner versucht den Kopf zu drehen. Nicht einmal das will mehr funktionieren. Also lässt er die Pupillen in die Augenwinkel wandern, um zu sehen, wie sich der Q7 verhält, der ihn angefahren hat. Der ist ein paar Meter weiter stehen geblieben. Werner nimmt die Rücklichter und die Nummernschildbeleuchtung wahr.

Der Fahrer macht keine Anstalten auszusteigen.

Ein paar Sekunden verstreichen, dann setzt der Q7 seine Fahrt fort.

Ungeheuerlich.

Er muss doch damit rechnen, dass ich sein Kennzeichen gesehen habe, denkt Werner. Aber er setzt einfach darauf, dass ich verrecke. Der hat Nerven. Einfach nur dicht kann er ja wohl nicht sein, denn sonst hätte er gar nicht angehalten.

„Saudummer, überzwercher Weinbauer“, fällt Werner noch ein, als er über die ersten Buchstaben des Kennzeichens sinniert, das er gerade entziffert hat. Er versucht auch, es vor sich hin zu sagen, doch ob die Worte tatsächlich seine Lippen verlassen, wird ihm nicht bewusst. Sein Blick richtet sich starr in den Sternenhimmel, in dem der Große Wagen strahlt wie lange nicht mehr. Und im Norden strahlt ein Stern, den Werner noch nie gesehen hat. 

Er nimmt noch einen letzten, tiefen Atemzug, dann stirbt er.

+ + +

Der weiße Q7 braust derweil über die Bundesstraße, nunmehr wieder verschlungen vom nachtschwarzen Wald. Konrad bemüht sich, die Geschwindigkeit nicht allzu sehr zu überhöhen, um nicht die Aufmerksamkeit eines Streifenwagens zu erregen, der da draußen ja vielleicht durch die Nacht patrouilliert. Maßzuhalten mit dem Gas fällt ihm nicht leicht, denn so ein bisschen in Aufruhr geraten ist er schon. So steif, wie der Typ da gelegen hat, war er bestimmt nicht mehr bei Bewusstsein, als Konrad mit seinem Q7 durchstartete, und vor dem Aufprall wird er das Kennzeichen kaum wahrgenommen haben. Was muss der Typ auch einfach so auf die Straße torkeln, so völlig selbstvergessen. War bestimmt voll bis Oberkante Unterlippe. Vielleicht hat er sich ja auch absichtlich vor Konrads Wagen geworfen, weil er sterben wollte, so was kommt doch vor, hört man doch immer wieder.

Und wegen so einem soll Konrad jetzt einfahren? Sein Leben aufgeben, in dem es jetzt einigermaßen rund läuft, endlich, nachdem er so lange geknechtet worden ist für sein Stück vom Glück? Nichts anderes geschähe doch, hielte er an und riefe Krankenwagen und Polizei. Der Autofahrer, der einen Fußgänger zusammenmangelt, ist doch immer der Arsch. Ein Gutachter weist dann nach, dass du auch noch fünfzehn Kilometer die Stunde zu schnell warst, okay, wahrscheinlich sogar fünfundzwanzig, was mitten in der Nacht auf menschenleeren Straßen auch ganz normal ist, gibt nur niemand zu. Und schon juckt es niemanden, dass dies eigentlich gar keine Rolle gespielt hat, so unvermittelt, so mir nichts, dir nichts, wie der Typ auf die Straße gewackelt ist, den hätte es genauso voll erwischt, wenn Konrad vorschriftsmäßige fünfzig gefahren wäre, Herrgottnochmal. Aber wen interessiert das? So einen Richter doch schon mal grad gar nicht. Überhöhte Geschwindigkeit, schuldhaftes Verursachen eines Unfalls mit Todesfolge, die ganze volle Dröhnung bekommst du dann ab, Konrad, mach dir nichts vor, so, wie der Typ da gelegen hat, steht er nicht mehr auf. Und dann geht’s ab in den Bau für die nächsten Jahre. Familie, Geschäft, Zukunftspläne, alles aus und vorbei.

Von wegen. Nicht mit mir. 

Nerven behalten. Keiner hat was gesehen, und selbst wenn der Typ noch mal wach wird, wird er sich an nichts mehr erinnern können. Wird schon gut gehen. So, wie noch immer alles gut gegangen ist. Wäre ja auch noch schöner, so, wie du dich immer abgestrampelt hast für das bisschen, was du erreichst hast im Leben. Das hast du einfach nicht verdient. Nicht wegen so einem Deppen, der sich dir quasi vors Auto wirft, warum auch immer.

Jetzt hat Konrad sich selbst so lange gut zugeredet, dass er fast zu langsam geworden ist. Das geht natürlich auch nicht. Einer, der um diese Uhrzeit zu lahmarschig unterwegs ist, macht sich erst recht verdächtig. Also zieht er wieder einen Tick an. Es muss eben alles Maß und Ziel haben im Leben. 

Ein „saudummer, überzwercher Weinbauer“ ist er allerdings nicht, wie Werner in diesem letzten, bitteren Scherz, den sein Leben ihm erlaubte, aus den Buchstaben seines Kfz-Kennzeichens entschlüsselte. Sondern ein Wildmetzger mit von Pökelsalz gerötetem Gesicht und einem kräftigem Schnauzbart. Ein Wildmetzger mit eigener Jagd und gutgehendem Geschäft, so gutgehend, dass ihm die Wildschweinbratwurst beinahe ausgegangen ist. Und da ihm in seiner eigenen Jagd zuletzt keine Sau mehr vor die Flinte lief, ist er heute Nacht in den tiefen Wald aufgebrochen, wo er Jägersleut kennt, die ihm mit einer Sau aushelfen konnten. So frisch geschossen, dass sie im Heck des Q7 noch dampft. Erst vor zwei Stunden haben ihm die Jägersleut, ein Vater mit seinem Sohn, sie in seinen Wagen hineingepackt. Konrad hat ihnen die vereinbarten Scheine zugesteckt und dann noch einen Selbstgebrannten mit ihnen getrunken, auf den Geschäftsabschluss, aber nur einen, er muss morgen schließlich wieder früh raus.

Denn morgen geht es uff de Betze. Konrad hat dort einen Businessseat, zusammen mit einigen anderen Geschäftsleuten aus seinem Ort. Ist wichtig für ihn, auch auf diese Weise Kontakte zu pflegen.

Und morgen das Spiel ist sowieso ganz wichtig. 

+ + +

Nach dem Bier und dem Wein hatte es natürlich noch ein Schnäpschen sein müssen. Zuvor hatte Lea sich ans Telefon gehängt. Sie hat es tatsächlich getan. Sie hat mitten in der Nacht den diensthabenden Staatsanwalt angerufen, der die Handyortung genehmigen soll, das LKA, das dies technisch möglich macht, die PI, damit sich ein Kollege zur Verfügung halten sollte. Und sie hat ganz schön dick aufgetragen, ihrer neuen Freundin zuliebe. Freiheitsberaubung, Gefahr in Verzug für Leib und Leben des Entführungsopfers, da es dringend pflegerischer Fürsorge bedürfe und, und, und. Jetzt warten sie auf Rückmeldungen.

Und Lea sitzt hier in diesem dunklen Wohnzimmer und säuft Schnaps. Sie kennt sich selbst nicht wieder.

Mittlerweile weiß sie über die Ehe von Heidrun und Albin Schmitter alles, was sie niemals wissen wollte.

Heidrun war eigentlich noch viel zu jung dafür gewesen, also zum Heiraten. Komm, hör auf, hat Lea am Anfang noch gedacht, dann aber hat sie sich gefangen nehmen lassen von der verzweifelten Banalität der Erzählung. Albin hat irgendwie reifer und bodenständiger gewirkt als die anderen, die sich für die aufgeblühte Heidrun interessierten, nicht, dass es da sonst keinen gegeben hätte. Die hatten Meeresbiologen werden wollen und Zahnärzte und Architekten und Gebärdendolmetscher und wenn schon Anwalt, dann irgendwo in Nadelstreifen in einem Wolkenkratzer sitzen. Aber auf keinen Fall hier im Wald, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Denn das war es, was alle wollten: weg. Einfach nur weg.

Heidrun wollte nichts dergleichen, auch wenn sie sich in der Schule besser schlug als so mancher, der später sein Glück als Vermarktungsfachmann versuchen sollte. Ihr Onkel führte eine Apotheke, hatte keine Kinder und sie schon früh zur Lieblingsnichte auserkoren, von der er sich wünschte, dass sie sein Lebenswerk fortführte. Und ihr schien an diesem Gedanken absolut nichts Falsches zu sein, das war doch was Handfestes und nicht so was Abgehobenes wie Gehirnchirurg, und krisensicher vor allem, Arzneien brauchten die Menschen schließlich immer.

Und auch Albin wollte nichts anderes, als die Eisenwarenhandlung seines Vaters übernehmen. Und er war fast zehn Jahre älter als die übrigen Aspiranten, das wirkt halt noch Mal anders auf dich, wenn sich ein älterer Mann für dich interessiert. Sie hatte ihn schon wahrgenommen, als sie noch Kind und er bereits Heranwachsender war. Da stand er bereits in der Eisenwarenhandlung hinterm Tresen, an Nachmittagen oder in den Sommerferien, das fand sie schon damals so erwachsen an ihm, viel erwachsener, als sich wie die anderen Jungs am Badesee rumzumtreiben und sich mit Dosenbier abzufüllen, bis sie enthemmt genug waren, die Mädels in ihrer Begleitung zu betatschen. Und als Albin sie das erste Mal ausführte, bezahlte er für sie beide, mit eigenem, selbst verdientem Geld, das taten die Jungs ihres Jahrgangs nie.

Nicht, dass sie nur auf Bürgerlichkeit aus gewesen wäre, so ein paar wilde Affären hätte sie sich schon auch geleistet. Sogar als sie schon offiziell mit Albin zusammen war, sei sie noch Mal nebenraus gegangen.

Denn: Ein bisschen was probieren dürfen muss man doch, wenn man jung ist.

Aber heute … war alles nur noch Scheiße.

Dass die aus dem Boden schießenden Baumärkte die mickrigen Eisenwarenhandlungen in den kleinen Ortschaften von der Erdoberfläche fegen würden, war doch eigentlich schon abzusehen, als Albin sich entschloss, das Geschäft seines alten Herren weiterzuführen. Ein bisschen mehr Weitblick hätte er auch in jungen Jahren schon haben dürfen. Aber dann musste er noch weiterwurschteln, bis die Bank ihm den Laden dichtmachte, weil es ihm an Entschlusskraft und an Mut fehlte, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, an Phantasie, was anderes zu machen, sowieso. Jetzt krebste er nur noch rum, schnappte hier und da mal ein paar Euro als Hilfsarbeiter und gab ansonsten den Hausmann, während Heidrun in der Apotheke das Geld für die Familie verdiente. Jetzt, wo Anton immer kränker wurde, betätigte Albin sich in erster Linie als dessen Pfleger, das machte er immerhin gut, und das war ja auch wichtig für Anton. So stand ihm eine Person zur Seite, die ihm vertraut war und die er noch so lange als vertraut wahrnehmen konnte, wie seine Demenz es zuließ. Andererseits was das auch keine Lösung, weil Albin sich in der Rolle des liebevollen Krankenpflegers so sehr gefiel, dass er sämtliche Ambitionen, irgendwann mal wieder selbst verdientes Geld zum gemeinsamen Lebensunterhalt beizusteuern, begraben hatte.

Und sie? Sie war nur noch ein Hamster im Laufrad, der gar nicht mehr mitbekam, wie das Leben an ihm vorbeizog. 

Und im Bett? Komm, hör auf, frag erst gar nicht.

Dabei hat Lea gar nicht gefragt. Und auch nicht vorgehabt zu fragen.

„Und wie ist es bei dir bis jetzt gelaufen mit den Männern?“, fragt Heidrun Schmitter als Nächstes.

Oje. Lea druckst herum, so gut sie kann. Immerhin: Kurz darauf entdecken Heidrun und sie, dass sie beide die Samurai Pizza Cats kennen. Den Claim „Sie kämpfen für Recht und Pizza“ finden beide einfach nur endgeil. Worauf sie sich beide halbtot lachen.

+ + +

Der Zwerg will einfach keine Ruhe geben. Ständig hüpft er in die Höhe, dreht sich um die eigene Achse, schlägt sich auf die Schenkel, streckt seinen hässlichen, knotigen Zwergenzeigefinger in Antons Richtung und lacht ihn aus. Es ist so ein leises Lachen, das kaum zu hören ist, und da im Dunklen nur sein Schattenriss zu erkennen ist, ist auch das verdorrte Zwergenmaul nicht zu sehen, das Anton sich jedoch vorstellen kann: Er zieht es zum stummen Lachen weit auseinander, ein zahnloser schwarzer Schlund, aus dem mit jeder neuen Lachsalve Schwefel wabert.

Dieses Hohnlachen ist für Anton allein in seiner enthemmten Zwergenkörpersprache erkennbar, im Hüpfen, Sich-Drehen, Schenkelklopfen und Fingerzeigen. Dieser widerwärtige Zwerg schüttet sich aus vor Lachen. Über Anton und seine Freunde.

Der Dicke ist eingeschlafen und sägt so fürchterlich, dass die Tiere des Waldes bestimmt vor Angst zittern und sich bereits tief ins Unterholz und in die hohen Baumwipfel verkrochen haben. Nur eben dieser maßlose Zwerg nicht, der sich einige Meter von Anton entfernt zwischen zwei hohen Kiefern entfernt postiert hat und seinen irren Lachtanz aufführt. Der Mond steht so hell am Firmament, dass sich seine Silhouette vom tiefen Schwarz des Nachthimmels deutlich abzeichnet.

Auch vom Kumpel des Dicken vermag Anton nur den Schattenriss auszumachen, er sitzt kerzengerade auf seiner Bank. Bis vor Kurzem hob er den rechten Arm mit der Bierdose in der Hand noch in regelmäßigen Abständen zum Kopf. Nun aber ruht auch er, möglicherweise ist er eingeschlafen. Der Dicke nennt ihn Champ, Anton kennt ihn natürlich, auch seinen richtigen Namen, der Champ ist dieser ehemalige Boxer, den jeder kennt, Anton liegt der Name auf der Zunge, nur kann er ihn von dort nicht greifen. Scheiß drauf.

Der Dicke aber, jetzt fällt es Anton wieder ein, das ist natürlich Albin, sein Schwiegersohn. Siehst du, Anton, das weißt du doch, es war halt mal kurz weg, passiert mal, macht doch nichts, so depp, wie sie dich immer machen wollen, bist du noch lange nicht.

Wenn nur dieser Zwerg da endlich mal aufhören würde mit seinem lächerlichen Tänzchen. Was bitte schön ist an ihnen denn so komisch? Sie sitzen hier mitten in der Nacht mitten im Wald und ruhen sich aus, auf ihrem Weg nach … Egal.

Was dagegen, du Zwerg?

Jetzt schlägt er sich sogar drei Mal auf die Schenkel, bevor er wieder in die Höhe springt, sich in der Luft um die eigene Achse dreht und erneut mit dem Finger auf Anton zeigt.

Ich komm dir gleich rüber, du Missgeburt. Ich kann nämlich schon noch laufen, bin halt nur schnell müde, deswegen habe ich den Rollstuhl. Aber du wirst schon sehen, wie gut ich noch unterwegs bin. Mach nur so weiter.

Gute Frage eigentlich, die er sich da eben gestellt hat: Wo will der Dicke, also Albin, eigentlich mit ihm hin? Sie haben vorhin doch noch zusammen im Wirtshaus gesessen.

Wieso liegt Anton nicht schon längst daheim im Bett?

Sie hatten einen Autounfall. Oder? Nein, das hat er bestimmt nur geträumt. Aber wieso sitzen sie dann jetzt hier im Wald?

Egal. Der Dicke, also Albin, wird schon wissen, was er tut. Er ist ein guter Kerl. Halt nicht ganz so helle, hätt schon ein bisschen was mehr aus sich machen können, sein Herr Schwiegersohn, das hätt Anton schon gefreut, vor allem für Heidrun, seine  Tochter, die hätt schon was Besseres verdient gehabt, doch, schon, muss man leider sagen, aber Anton sagt’s ja nicht mal, er denkt’s ja nur, weil, er will seinem Schwiegersohn ja nicht wehtun. Nicht mal Elsa gegenüber hat er jemals etwas Schlechtes über Albin gesagt. Schlecht ist er ja auch nicht, das schon gar nicht. Nur halt ein bisschen … schwerfällig. Hat sich im Leben niemals ernsthaft für irgendetwas interessiert. Außer für de Betze, natürlich. Das kann Anton einerseits zwar verstehen, für Heidrun aber ist es ein wenig schade.

So, jetzt reicht’s, du dummer Zwerg.

Anton springt aus seinem Rollstuhl. Da guckt er, der Zwerg, Anton sieht sofort, wie der dumme Kerl in seiner Position verharrt, bass erstaunt, wie beweglich Anton ist. Hättest du nicht gedacht, du widerlicher, warziger Gnom, was? 

Anton läuft los, stürmt nach vorne, greift in der Bewegung einen dicken, krummen Ast, der für ihn bereitzuliegen scheint. Genau richtig, um diesem Wicht eins überzubraten. Hat’s ja auch nicht anders verdient.

Anton kommt näher und näher, der Zwerg scheint vor Schreck erstarrt. Erst als Anton fast auf Schlagdistanz ist, schlägt die Kreatur des Waldes einen irren, nichtsdestotrotz vollendeten Rückwärtssalto und landet, zugegeben, gekonnt, wieder auf seinen kurzen, krummen Zwergenbeinen. Und huscht davon, geschwind und geduckt. Die vorderen Extremitäten nutzt er dabei gelegentlich zur Lautunterstützung, wie ein Aff. Doch schnell ist er, ohne Frage. Zehn Meter tiefer im Wald bleibt er stehen und schaut zu Anton zurück. Das ist an seinem Schattenriss deutlich zu erkennen.

Nun aber ist Anton starr vor Schreck. Denn für einen winzigen Moment konnte er in das Zwergengesicht sehen. So kurz zwar nur, dass es mehr eine Ahnung ist als ein echter Eindruck, den er dabei gewonnen hat, aber Anton ist sich absolut sicher. Er kennt dieses Gesicht, er hat es sofort erkannt, denn er hat es nie vergessen.

Das ist Barkero. 

Der Barkero. Der Teufel, den die Spanier zu ihrem Engel machten. Der ihnen in der Hölle erschien.

Hier also hat er sich versteckt. Im Wald, bei den Zwergen, wo auch sonst. Die ganze Zeit. Seit einundneunzig. Seit dieser Nacht. November war’s, arschkalt war’s, arschkalt und feucht, doch uffem Betze hat niemand gefroren, nicht an diesem Abend.

Zweinull hatten die Spanier im Nou Camp gesiegt, und keiner, wirklich keiner gab noch einen Pfifferling uff de Betze, von diesen sogenannten Experten schon gleich gar keiner. De Betze sei doch nur ein Zufallsmeister gewesen einundneunzig, doch, doch, genau das haben sie gesagt damals. Und dann, im Europokal der Landesmeister, ging’s schon in der zweiten Runde gegen den großen FC Barcelona, ha, was haben sie sich gefreut, die Experten, die Lederhosen, die Fischköpp und die Piefkes, die es dem Betze nicht gegönnt hatten, die dem Betze noch nie was gegönnt hatten. Da werden sie dumm gucken, die dummen Waldbewohner, da kriegen sie die Gerste geschnitten, von wegen Deutscher Meister, ha, die werden sich umgucken beim großen FC Barcelona. Und dann, im Nou Camp, gab’s auch direkt zwei Stück, zwei Mal Beguiristain. Dass de Betze saugut gespielt hatte, dass es auch schon im Nou Camp hätte ganz anders ausgehen können, wenn Hoffmann das Riesending reingemacht hätte, das sich ihm da geboten hatte, als er ganz allein vorm leeren Tor stand, das hatte natürlich keiner gesehen von den sogenannten Experten, den Lederhosen, den Piefkes und den Fischköpp.

Dann kam das Rückspiel. An diesem arschkalten Abend im November, an dem uffem Betze niemand fror.

Die Flutlichtmasten, die sich hoch über der Stadt erhoben, müssen den Spaniern schon von Weitem wie drohende Fäuste erschienen sein, als sie von der Autobahn aus Richtung des Frankfurter Flughafens kamen. Und als sie im gleißendem Licht den Rasen betraten und die bengalischen Feuer auf den Rängen erblickten, die das Stadion in einen rot-weißen Nebel tauchten, einen Nebel, aus dem schauerliche Choralgesänge erschallten und dumpfe Trommelschläge ankündigten, dass ihr Schicksal sich hier nun erfüllen sollte, da schrumpften ihnen, den Katalanen, die sich stets furchtlos geglaubt hatten, die Cojones auf Stecknadelkopfgröße.

Und dann brach die Hölle selbst über sie hinein.

Der verschlagene Hotic köpfte de Betze zweinull in Führung, jeweils nach Ecken des aufrechten Kuntz, wobei die zweite vom schlauen Funkel verlängert ward. Damit war der Spanier lächerlicher Vorsprung aus dem Nou Camp egalisiert, und die rote Bestie, die sie in ihrem Hochmut gereizt hatten, machte sich nun daran, sie vollends zu verschlingen. Der schmächtige Goldbaek erzielte in der sechsundsiebzigsten Minute das Dreinull, nach einem öffnenden Pass von Lelle, einem Zuspiel von solcher Größe und Genialität, dass einem Beckenbauer, einem Netzer, einem Cruyff Heldenepen geschrieben worden wären, hätte einer von ihnen diesen Pass geschlagen, einen Frank Lelle jedoch hat auch nach dieser Nacht nie jemand besingen wollen, so ignorant ist die Fußballwelt außerhalb des Waldes nun einmal.

Doch dann, als die Katalanen sich bereits in ihrem Blut winden wie der geschlagene Torero vorm Stier, dieser stolzen Kreatur, die er in seiner Gier nach Ruhm herausgefordert hat, tritt auf einmal dieser grausame Zwerg auf den Plan. Barkero. Eigentlich viel zu weit links vom Tor postiert, rammt der nur einssechsundsiebzig große Wicht seinen Kopf gegen eine Freistoßflanke von Koeman, und der Ball beschreibt in einem quälend hohem Bogen eine Bahn über Gerry hinweg ins lange Eck, als gleite er auf dem Gedankenstrom aller Gottlosen dieser Welt.

Dreieins. Aus. Vorbei. De Betze ist ausgeschieden, nach nullzwei im Hinspiel und dreieins zuhause. Scheiß Auswärtstorregel.

Und nun ist er wieder da. Barkero, der Zwerg. Sechzehn Jahre später. Hat sich im Wald versteckt, bei seinen Artgenossen. Die Zwerge, so hat Antons Großmutter es ihn vor vielen Jahren gelehrt, sind einst den Waldmenschen hilfreich gewesen, haben ihnen für eine Kanne Milch und einen Laib Brot jede Arbeit abgenommen. Bis ihnen ein paar vorwitzige Kinder eine Falle stellten. Sie wollten wissen, weshalb die Zwerge stets lange Hemden trugen. Also streuten sie gelben Sand vor die Höhle, in die sich die Zwerge jeden Abend nach getaner Arbeit zurückzogen. Und im nächsten Morgenlicht war es an den Spuren, die sie da hinterlassen hatten, deutlich zu erkennen: Die Zwerge hatten Ziegenfüße, so wie der Leibhaftige. Das hatten sie mit ihren langen Hemden stets zu verdecken versucht. Ertappt und erzürnt, zogen sich die Zwerge daraufhin von den Waldmenschen zurück und führen gegen diese seither nichts Gutes im Schilde.

Wo sonst hätte sich Barkero auch verstecken sollen all die Jahre?

Und warum taucht er jetzt wieder auf, nach all den Jahren? Ausgerechnet in der Nacht vor dem Spiel morgen, in dem es einmal mehr um alles geht für de Betze?

Barkero hat wieder eine Teufelei geplant. Garantiert.

Anton misst den Abstand zwischen sich und der Kreatur. Zehn Meter, maximal. Aber Anton ist alt und krank und der Zwerg klein und flink. Und der Zwerg kennt sein Revier, und er ist verschlagen wie der Teufel persönlich. Er wird Anton immer tiefer hineinziehen in den Wald, weg von seinen Gefährten. Anton weiß das, aber er weiß auch, dass er nun nicht aufgeben darf. Er muss versuchen, den Zwerg zu erwischen. Weil die Waldmenschen niemals aufgeben, die Waldmenschen kämpfen. Immer, und immer bis zuletzt.

Albin reißt seinen krummen schwarzen Ast in die Höhe und stürmt los. Soll sich der Zwerg doch amüsieren über seinen erbärmlichen Schweinsgalopp, über seinen lächerlichen kleinen Trippelschritte, durch die er kaum an Geschwindigkeit gewinnt. Und natürlich ist der Zwerg längst davongesprungen, ehe Anton ihn erreicht, und natürlich bleibt er wieder zehn Meter weiter stehen, schlägt sich auf die Schenkel vor Lachen, dreht sich um die eigene Achse, zeigt mit dem rechten Zeigefinger auf Anton und schlägt sich wieder auf die Schenkel.

Das Spiel wiederholt sich noch ein paar Mal. Doch Anton lässt sich nicht entmutigen. Er rennt einfach weiter. Immer weiter, immer weiter. Er darf nicht aufgeben. Der Zwerg wird schon sehen. Irgendwann wird er stolpern, das Gleichgewicht verlieren, bei seinen irrwitzigen Sprüngen, diesem Um-die-Achse-Drehen, das geht nicht lange gut. Dann liegt er auf der Erde, und dann ist Anton da. Hoffentlich hält der Ast, den Anton sich da gekrallt hat, auch die Schläge aus, die er dieser anmaßenden Kreatur versetzen wird, denn es werden gewaltige Schläge sein, weit ausgeholt, hart und unbarmherzig.

Anton sieht es vor seinem innerem Auge schon vor sich, wie er ihn schlagen wird, diesen Zwerg, wie er schreien, sich winden wird unter dem gerechten Zorn, der da auf ihn herabfährt, und diese Phantasie ist es, die Anton immer weiter vorantreibt, die ihn vergessen lässt, dass es für seine Lungen und sein Herz längst schon zu viel ist, dieses endlose Rennen durch die Nacht.

Doch plötzlich ist alles zu Ende.

Mit einem Mal ist die Prügelphantasie fort, stattdessen tut es einen Schlag, durch Antons Lungen fährt nur ein stummes „Uh“, ein schriller Schmerz sticht ihm durch den Rücken, und schon blickt er in die hohen Baumkronen des Waldes, durch die hindurch am tiefschwarzen Himmel ein paar Sterne funkeln. Anton will atmen, doch die Luft will sich nicht hinabziehen lassen in seine Lungen.

Nicht der Zwerg, Anton ist es, der gestolpert und gestürzt ist, so schnell, dass ihm dies erst bewusst wird, als er am Boden liegt.

Nur sein Herz schlägt noch so wild, als wäre er noch am Rennen.

Anton versucht die Beine anzuziehen, doch sie gehorchen ihm nicht. Dann versucht er, ein wenig hin und her zu schaukeln, Schwung zu holen, um sich wenigstens auf den Bauch zu drehen, damit er die Hände unter den Oberkörper ziehen kann, um sich in die Höhe zu stemmen. Aber nichts. Sein Körper kümmert sich nicht mehr um die Signale, die sein Hirn aussendet. Er ist hilflos wie ein Maikäfer, der auf den Rücken gefallen ist. Oder wie ein Schildkröte, die an einem zu steilen Felsen hinaufklettern wollte und hintenüber fiel. Und Schildkröten, hat Anton mal erfahren, überleben nicht lange in dieser Position.

Fühlt sich so der Tod an?

So unangenehm ist es gar nicht. Die Nacht ist wunderbar, es ist nicht zu kalt und nicht zu warm, und er hat sich sein Leben lang wohlgefühlt im Wald, auf der weichen Erde, umgeben vom Geruch von Harz und Nadeln. Und wenn er sich nicht bewegt, spürt er nicht einmal Schmerzen. Dass er allein ist, stört ihn ebenso wenig, da muss er nicht nach Worten suchen, die er nicht findet, wenn ihn jemand anspricht, seine Tochter, der Dicke oder wer auch immer.

Aber: Wenn er stirbt, wird er da, wo er dann seid wird, auch mitbekommen, wie de Betze spielt?

Gute Frage.

Vielleicht sollte er sich das mit dem Sterben noch einmal überlegen. Das mit dem Himmel und der Hölle, wo er nach dem Tod zusortiert wird, je nachdem, ob er als guter oder schlechter Mensch beurteilt wird, hat Anton nie so ganz überzeugt, auch wenn er das nie jemandem erzählt hat, schon gar nicht Kindern, denn dass diese stets im christlichen Glauben erzogen werden müssen, ist für Anton nie ein Thema gewesen, das hat schon seine Richtigkeit. Ihm selbst war dies Himmel-oder-Hölle-Konzept jedoch immer zu einfach erschienen, eben als etwas, mit dem sich Kindern die Notwendigkeit erklären lässt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Andererseits: Mit der Vorstellung, dass sich mit dem Tod der Apparat in seinem Kopf einfach ausschaltet, alles schwarz wird wie ein Fernsehbildschirm, der nach einer bestimmten Anzahl von Jahren einfach den Geist aufgibt, hat Anton sich ebenfalls nie anfreunden können. Irgendwas muss da doch sein, muss weiter existieren, wenn die Uhr auf Erden abgelaufen ist. Aber ob er dann auch mitbekommt, wie de Betze spielt?

Vor allem morgen, wenn es um alles geht?

So lange mindestens sollte er doch noch leben.

Vielleicht sollte er mal rufen. Der Dicke sucht ihn bestimmt schon. Doch, doch, der Dicke ist Albin, sein Schwiegersohn, der lässt ihn nicht einfach im Wald verschwinden und geht dann allein uff de Betze.

Anton versucht noch einmal, Luft in seine Lungen zu pumpen, und siehe da, es klappt ein wenig besser als beim ersten Mal.

Aber für den Schrei, der anschließend aus ihm herausfährt, kann er sich nur schämen. Das ist kein Ruf, das ist ein Klagelaut, ein erbärmliches Krächzen.

Wo ist eigentlich dieser schreckliche Zwerg abgeblieben? Bestimmt steht er ein paar Meter weiter und lacht sich einen Ast über das Missgeschick, das Anton geschehen ist. In das er ihn getrieben hat, wohlgemerkt, dieser verschlagene, missgünstige Fehltritt von Mutter Natur.

Da er den Kopf kaum drehen kann, schiebt Anton seine Pupillen langsam von links nach rechts, um so gut er kann das Blickfeld zu sondieren, das sich ihm in seiner misslichen Lage bietet.

Tatsächlich: In seinen Augenwinkeln erkennt er eine menschliche Gestalt, die sich zwischen seinen Beinen abzeichnet. 

Und es ist nicht der Zwerg. 

Denn die Gestalt tanzt nicht, dreht sich nicht im Kreis und klatscht sich nicht auf die Schenkel, sondern steht regungslos da und schaut offenbar zu ihm hinüber. Und sie ist fünf Mal so groß wie der Zwerg. Na gut, vielleicht nur vier Mal, aber dennoch: Es ist ein Riese. Offensichtlich.

Was für ein Glück.

Denn Anton hat keine Angst vor den Riesen. Nicht so wie die Deppen, die keine Ahnung haben vor den Wesen des Waldes. Die glauben, je größer Kreaturen sind, desto mehr Angst müssten Menschen vor ihnen haben. Anton hatte sich jedoch auch dies von seiner Großmutter erklären lassen: Menschen müssen die Riesen nicht fürchten, weil die Riesen die Menschen fürchten. Denn sie sind davon überzeugt, dass die Menschen sie irgendwann auffressen werden. Sie sind nämlich klug, die Riesen. Sie haben erkannt, dass die Menschen früher oder später alles auffressen, wonach es ihnen gelüstet oder womit sie sonst nichts anfangen können. Und wenn die Riesen vor etwas Angst haben, dann mit Recht. Normalerweise fürchten sie nämlich nichts und niemanden. Sie haben sogar mit Drachen gekämpft, früher, als die Lindwürmer ihre irdischen Mitbewohner noch terrorisierten und die Erde noch bebte, wenn die Riesen ihre Felsenwohnungen verließen und durch die Wälder stapften.

Aber vor einem Menschen, der hilflos und wund vor ihm auf dem Boden liegt, wird der Riese sich nicht fürchten, denkt Anton. Stattdessen wird er mir helfen. Denn in Wahrheit haben Riesen eine gute Seele.

Anton zieht ein weiteres Mal Luft in seine Lungen und stößt diesen erbärmlichen Laut aus, der ihm als einziger noch geblieben scheint, um sich mitzuteilen. Und dann, zur Sicherheit, noch ein zweites Mal.

Wieder atemlos, lauscht Anton der Stille, die auf sein Krächzen folgt. Bis der Boden unter ihm erzittert. Der Riese hat den ersten Schritt auf ihn zu gemacht.

Und mit jedem Mal, wenn er seinen Fuß nun aufsetzt, wird das Zittern stärker. Der Riese kommt auf ihn zu. Doch Anton bekommt es immer noch nicht mit der Angst. Es ist, als würde ihn das Beben in den Schlaf wiegen. 

Als der Riese sich über ihn beugt, wird es dunkel um ihn herum.

Anton spürt, wie die Riesenarme unter seine Kniekehlen und unter seine Schultern fassen. Er wird in die Höhe gehoben, als sei er leicht wie ein paar Palmblätter, die der Riese in seine Hütte tragen will, um sich darauf auszuruhen. Und als er mit Anton davonschreitet, hält er ihn so sanft, dass Anton nicht einmal mehr das Beben der Erde unter den Füßen des Riesen spürt.

Ein paar Meter weiter fällt ein Mondstrahl auf das Gesicht des Riesen, und Anton erkennt dieses sofort.

„Hristov“, flüstert er leise und glücklich. Dann schließt er die Augen.

So, wie Barkero all die Jahre bei den bösen Zwergen gelebt hat, hat Hristov sich bei den guten Riesen versteckt. Macht ja auch Sinn. Und jetzt, wo es für de Betze um alles geht, ist auch er wieder aufgetaucht.

Es wird alles gut werden morgen. Ganz bestimmt.

(Fortsetzung folgt.)

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