Der Kampf um die Lizenz ist voll entbrannt – Jetzt hilft nur noch die Geschlossenheit, die diese JHV nicht demonstriert hat

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen den Vorhang zu – und alle Fragen offen.“ Doch, nach einer Jahreshauptversammlung (JHV) wie dieser muss auch mal Bertolt Brecht zitiert werden. Dass eine vierstündige Sitzung, die in der Hauptsache informieren soll, die anwesenden Vereinsmitglieder und alle mithörenden und mitlesenden Anhänger des Klubs ratloser zurücklässt, als sie es zuvor waren, dürfte ein Novum in der Geschichte des pfälzischen Traditionsklubs sein. Die finanzielle Situation angesichts der bevorstehenden Lizenzierung für eine weitere Drittligasaison ist bedrohlicher denn je. Sorgen bereitet aber auch die Art und Weise, wie sich der Verein, der eigentlich ja keiner mehr ist, an diesem 3. Advent präsentierte.

Viele Besucher in der Fanhalle Nord des Fritz-Walter-Stadion verdauen im Stillen noch den Auftritt des Vereinsvorsitzenden Rainer Keßler, als Vereinsmitglied Johannes B. Remy nach Aufruf des Tagesordnungspunktes „Aussprache“ ans Mikrofon tritt und noch einmal den Finger in die Wunde legt, die sich da gerade aufgetan hat: „Wenn dem Vorsitzenden des Vereins, der ja hundertprozentiger Eigentümer der Kapitalgesellschaft ist, der Einblick in die Unterlagen verwehrt wird – dann stimmt hier doch etwas ganz gewaltig nicht.“ 

Doch auch nach diesem neuerlichen Wink mit dem Zaunpfahl macht Aufsichtsratsvorsitzender und Sitzungsleiter Patrick Banf keine Anstalten, zu diesem Punkt konkret Stellung zu beziehen. Zuvor hat er dazu lediglich ausgeführt, dass sich neue Konstellation „e.V“ und Kapitalgesellschaft – also ausgegliederte Profiabteilung – noch einspielen müsse und dies noch einige Zeit brauche. 

Und von Vereinschef Keßler hat Banf sich „mehr Flexibilität“ gewünscht, was dieser äußerlich ungerührt zur Kenntnis nahm. Empfindsame Gemüter könnten Banfs Empfehlung auch als Unverschämtheit auffassen.

WELCHE KONFLIKTLINIEN VERLAUFEN DA ZWISCHEN „E.V.“ UND KAPITALGESELLSCHAFT?

Da die Strukturen noch neu sind, seien sie hier noch mal kurz erklärt. Nach ihrer Ausgliederung ist die Profi-Abteilung des FCK nun eine Kapitalgesellschaft, die ehemaligen Vereinsvorstände Martin Bader und Michael Klatt firmieren jetzt als deren Geschäftsführer. Vorsitzender des„e.V.“, also des Restvereins, ist nun besagter Rainer Keßler. Der „e.V“ ist allerdings auch Haupteigentümer der Kapitalgesellschaft, und dank der im deutschen Profifußball geltenden „50 plus 1“-Regel wird er das auch bleiben.

Und dieser Vorstandschef Keßler hat zunächst einen gänzlich unaufgeregten Jahresbericht abgeliefert – bis er am Ende für einen Paukenschlag sorgt: Er habe um einen Einblick in die Liste mit den potenziellen Sponsoren gebeten. Er wisse, dass eine solche Liste existierte. Doch sei ihm dieser Wunsch verweigert worden. Daher wollte er eigentlich seinen Rücktritt verkünden, tue dies nun aber doch nicht. Weil er den Verein nicht im Stich lassen wolle.

Einige Beobachter ziehen nach diesem Rücktritt vom Rücktritt in Rekordzeit direkt Vergleiche zu einem gewissen Horst Seehofer. Lustig, nur: Nach Spötteleien ist beim FCK derzeit niemand zumute.

Anzunehmen ist vielmehr, dass Keßler mit seiner Aktion ein deutliches Signal setzen wollte, dass der „e.V.“ von der Kapitalgesellschaft auch künftig miteinbezogen werden will – ansonsten droht Ungemach.Und falls dies seine Absicht war, hat Rainer Keßler diese Botschaft durchaus wirksam vermittelt.

SELTSAM: VEREINS- UND EHRENRAT SCHMETTERN AUFSICHTSRATSANTRÄGE AB

Dass sich in den neuen Strukturen Konfliktlinien gebildet haben, die der FCK in diesen Tagen am allerwenigsten gebrauchen kann, offenbart sich später noch ein weiteres Mal. Der Aufsichtsrat beantragt drei Satzungsänderungen – und liefert für diese durchaus auch nachvollziehbare Argumente.

So soll ein Mitglied dem Verein künftig mindestens fünf Jahre angehört haben, ehe es für den Aufsichtsrat kandidiert – dadurch könne etwa Investoren erschwert werden, Vertreter ihrer Interessen über den „e.V“ ins Kontrollgremium einzuschleusen. Gute Idee eigentlich. Außerdem soll der Aufsichtsratsvorsitzende künftig nicht mehr verpflichtet sein, nach jedem Quartal einen Bericht abzuliefern, selbst wenn es gar nichts zu berichten gibt – leuchtet ein. Und im Vereinsvorstand soll es künftig keinen Vorstandsvorsitzenden mehr geben – na ja.

Doch was geschieht? Erst tritt der Vertreter des Vereinsrats vors Mikrofon und empfiehlt, die Anträge abzulehnen, da sie sehr kurzfristig eingereicht worden seien und gerade Satzungsänderungen bedacht werden wollen. Ins gleiche Horn stößt kurz darauf Michael Koll, Vorsitzender des FCK-Ehrenrats. Der Vereinsrat beantragt, die Abstimmung über diese  Satzungsänderungen zu verschieben, was auch mehrheitlich beschlossen wird. Seltsam, seltsam.

ZUSAMMENSTEHEN, ANPACKEN, RUHE BEWAHREN – JA BITTE WO DENN?

Was hatte Finanzgeschäftsführer Michael Klatt am Ende seines Berichts allen mit auf den Weg gegeben? „Zusammenstehen, anpacken, die Ruhe bewahren – das kann der Lösungsweg sein.“ Denn die Lage ist ernst. So ernst wie nie.

Die Eckdaten sind ja mittlerweile oft genug publiziert worden. Mit fünf Millionen Euro Defizit kalkuliert der FCK in der laufenden Saison, 6,7 Millionen Euro werden mit der Rückzahlung der Fan-Anleihe fällig, die im August 2019 ansteht. Wenn der Klub Ende Februar beim DFB eine Lizenz für eine weitere Spielzeit in der Dritten Liga beantragen will, muss er liquide Mittel in Höhe von zwölf Millionen Euro nachweisen. 

Mal ganz abgesehen davon, dass der FCK auch in der nächsten Saison einen Lizenzspieler-Kader aufstellen will, der oben mitspielen soll, damit der Abwärtsstrudel, in dem der FCK sich seit Jahren befindet, endlich durchbrochen werden kann. Und auch sein nicht-kickendes Personal will bezahlt werden.

Und nun?

Wenn in den nächsten Wochen keine Investoren gefunden werden müssen, droht also in der Tat das Aus, das die Zeitung mit den großen Buchstaben bereits am Sonntagabend ankündigte. Und da der große „Ankerinvestor“ nach wie vor nicht in Sicht ist, sollen es nun mittlere Unternehmen aus der Region richten, denen Aktienpakete an der Kapitalgesellschaft ab 100.000 Euro angeboten werden. Auch „stille Gesellschafter“ sollen mit ins Boot geholt werden. Sich Anteile für kleineres Geld zu sichern, soll erst im Frühjahr 2019 möglich sein.

Insgesamt will der FCK 120.000.000 Millionen Euro mit Anteilsverkäufen generieren. Als Banf die Zahl nennt, ist von verschiedenen Stellen im Publikum ein Räuspern zu vernehmen. Anscheinend sitzen da Finanzfachleute.

„FATALER FEHLER?“ NÖ. „GUTER GEDANKE MIT FATALEN FOLGEN.“

Dass mit der Akquise erst jetzt begonnen werden kann, habe an gewissen Regularien gelagen, die nach dem Vollzug der Ausgliederung im Juni eingehalten werden mussten, so Banf. Freilich: Wäre es, wie ursprünglich geplant, schon im Januar dazu gekommen, wäre man heute ein halbes Jahr weiter.

Ein entscheidendes halbes Jahr vielleicht.

Seinerzeit war die außerordentliche Mitgliederversammlung, die diesen Beschluss fassen sollte, aber wieder verschoben worden, weil der aktuelle Aufsichtsrat erst kurz zuvor gewählt worden war und die ausscheidenden Mitglieder ihren Nachfolgern Gelegenheit geben wollten, sich einzuarbeiten.

„Ein fataler Fehler“, gibt Sitzungsleiter Banf zunächst zu Protokoll, um sich dann zu korrigieren in: „Ein an sich guter Gedanke, der fatale Folgen hatte.“ Ein schönes Beispiel für das rhetorische Bandenspiel, das der Aufsichtsratsvorsitzende bisweilen vollführt. Er sagt aber auch einige Sätze, die in dieser Deutlichkeit so bislang noch nicht zu hören gewesen waren. Etwa:

„Wir haben über Jahre auf zu großem Fuß gelebt und auf die falschen Pferde gesetzt.“

Es ist ja nicht so, dass man den Verantwortlichen nicht abnimmt, dass sie sich  höchst engagiert und kompetent ins Zeug legen, um zu retten, was zu retten ist. Schließlich können sie schon einiges vorweisen. Bereits der Kampf um die Lizenz für die laufende Saison war ein gewaltiger Kraftakt, den der nunmehrige Finanz-Geschäftsführer Michael Klatt weitgehend „geräuschlos“ meisterte, wie er sich selbst attestiert.

DER ROTSTIFT REGIERT – AUCH FÜR DIE KOMMENDE SAISON

Unter anderem musste nach dem Abstieg aus der Zweiten Liga mit Umsatzrückgängen von über 60 Prozent kalkuliert werden. Die Strukturkosten wurden in den vergangenen beiden zwei Jahren in Millionenhöhe gesenkt, der Personalaufwand um 35 Prozent reduziert. Das hat auch Jobs in der Verwaltung gekostet, aber dem Verein die Drittligalizenz ermöglicht, die er bei einem Abstieg 2016 mit Sicherheit nicht bekommen hätte.

In diesem Zusammenhang erwähnt Klatt auch: Dass für den Abstiegsfall keine Verträge mit Spieler des Zweitligakaders geschlossen worden waren, mag unter sportlichen Gesichtspunkten heftig kritisiert worden sein, im Kampf um die Lizenzierung sei dieser Umstand jedoch immens vorteilhaft gewesen.

Und für die kommende Lizenzierung wird der Rotstift noch mal angesetzt, kündigt der Finanzchef an.

Sicher: Klatt ist kein Typ, dem die Herzen zufliegen, aber das sind Finanzfachleute nie. Und dass er nicht zu allem Auskunft erteilen kann, ist ebenfalls verständlich. Etwa, als Vereinsmitglied Ken Kinscher ihn fragt, ob er bereit ist, Anteile der Kapitalgesellschaft zu verpfänden, wenn er die „Zwischenfinanzierung“ auf die Beine stellen will, mit der das Finanzloch bis Ende Februar gestopft werden soll.

Das könne er nicht sagen, solange er sich dazu noch nicht in konkreten Verhandlungen befinde, antwortet Klatt. Wie gesagt, kann man verstehen. Allerdings sind auch Kinschers Bedenken einleuchtend: Wenn der FCK Anteile verpfändet, seinen Kredit irgendwann später aber doch nicht mehr bedienen kann, bestimmt nicht mehr der Verein, sondern die Bank, an wen die Anteile verkauft werden.

BADER MIT VIEL ROUTINE – UND EINEM NETTEN ZUCKERCHEN

Sport-Geschäftsführer Martin Bader kann aus den ersten knapp zehn Minuten seiner Tätigkeit beim FCK nicht so viele positive Leistungsnachweise vorlegen wie Klatt. Wie bescheiden die sportliche Situation ist, müssen wir hier nicht mehr erläutern. Zur Installation und Entlassung des Trainers Michael Frontzeck wiederholt Bader im wesentlichen seine bereits bekannten Statements. Dass er dafür nicht viel Anerkennung aus dem Plenum erntet, scheint ihm selbst nur allzu bewusst zu sein, entsprechend routiniert begegnet er kritischen Einwürfen. Elf extrem wechselvolle Jahre beim 1. FC Nürnberg haben ihn für solche Auftritte eben gestählt.

Von daher weiß Bader auch, dass, selbst wenn es nichts Positives zu berichten gibt, dem Volk wenigstens ein Zuckerchen verabreicht werden muss. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Juni gab er die Vertragsverlängerung von Mads Albaek bekannt, diesmal verkündet Bader, dass die U19-Spieler Lorenz Otto, Leon Hotopp, Constantin Fath, Anas Bakhat und Anil Gözütok mit längerfristigen Verträgen ausgestattet worden sind. So können sie nicht mehr für kleines Geld vom Betzenberg weggeholt werde, wie diverse andere Talente jüngst. Applaus, Applaus.

ANKERINVESTOR WILL IMMER AUCH STADIONFRAGE GEKLÄRT WISSEN

Und was ist mit dem heiß ersehnten Ankerinvestor? Zu dem Punkt schildert er Banf ein weiteres Mal das Dilemma, auf das schon der seinerzeitige Vorstandsvorsitzende Thomas Gries vor über einem Jahr hingewiesen hat. Es lasse sich nicht mit einem potenten Interessenten verhandeln, ohne die Stadionfrage gleich mitzuverhandeln.

Das Stadion aber gehört der Stadt und für die ist es seit Jahren ein Klotz am Bein. Sie benötigt 3,2 Millionen Euro im Jahr, um die Zinsen des Kredits zu bedienen, den sie einst dafür aufgenommen hat. Wenn die Stadt ihrem einzigen Pächter, dem FCK, die Jahresmiete wie aktuell auf 425.000 Euro reduziert, verschafft sie dem Verein zwar eine ungeheure Erleichterung in der laufenden Haushaltsplanung, türmt ihre eigenen Probleme aber immer weiter nach hinten auf. Verhandlungsspielraum, um einem Investor das Stadion schmackhaft zu machen, besteht da nicht viel.

Wie auch immer: Im aktuellen Kampf um die Lizenzierung dürfte das Thema Ankerinvestor ohnehin kaum eine Rolle spielen, denn der wird kaum in den nächsten Wochen auf den Plan treten. Für diesen bleibt zunächst mal zu hoffen, dass „e.V.“ und Kapitalgesellschaft schnell zu der Geschlossenheit finden, die er am 3. Advent nicht demonstriert hat. Sonst greift das tatsächlich das Szenario, das Michael Klatt in einem Anflug sarkastischen Humors so skizziert hat: „Gute Nacht, Marie.“