Block 4.2 – Der Roman, Kapitel V

De Betze spielt – und es geht um alles, wieder einmal. Doch Albin ist sicher: Alles wird gut, wenn sein Schwiegervater Anton mit von der Partie ist, denn mit ihm in Block 4.2 hat de Betze noch jedes wichtige Spiel gewonnen. In der Nacht vor dem Spiel baut Albin mit seinem Kleinbus jedoch einen Unfall. Albin versucht, den Betze mit seinen Gefährten zu Fuß zu erreichen. Das bedeutet: Vierzig Kilometer durch den Wald, und das durch die Nacht. Da lauern viele Gefahren, eingebildete ebenso wie reale. Mitten in der Nacht verschwindet der geistig verwirrte Anton im Wald und wird von einem mysteriösen Riesen aufgegriffen, der ihn an den ehemaligen FCK-Spieler Hristov erinnert. Und die Polizistin Lea freundet sich mit Albins Frau Heidrun an …

Wer die einzelnen Fortsetzungen nicht abwarten will – Ebook und Taschenbuch gibt’s hier zu kaufen.

Kapitel V

Hristov

 

Heidrun ist aus ihrem Sessel zu Lea auf die Couch gerückt, um besser mit ihr anstoßen zu können. Mittlerweile sind sie auf den kurzen, harten Stoff umgestiegen. Mirabelle. Auf ex, aus kleinen, einfachen Schnapsgläsern. Für den Weinbergspfirsich hatten sie noch tulpenförmige Likörgläser benutzt.

Sie haben viel gelacht. Lea hat ein paar Schwänke aus der einzigen „bürgerlichen“ Beziehung, die sie in ihrem Leben hatte, zum Besten gegeben, und wahrscheinlich wird Valentin ihr morgen ein wenig leidtun, weil er schlechter weggekommen ist, als er es verdient. Aber was sagt man nicht alles für einen guter Lacher. Und Heidrun Schmitter lachen zu hören, tut einfach gut.

Insgeheim ruft Lea sich natürlich immer wieder zur Ordnung, es nicht zu übertreiben. Sie hat schließlich noch einiges vor heute Nacht. Sie will der jungen Frau ihren Vater und ihren Ehemann zurückbringen.

„Och, Mönsch …“ Mit diesen Worten legt Heidrun irgendwann den Kopf an Leas Schulter.

Lea kann nicht anders, als sie sanft zu umfassen und an sich zu drücken. Heidrun schläft innerhalb von Sekunden ein. Anscheinend hat sie mittlerweile noch einige geistige Getränke mehr intus. Die sie sich verabreicht hat, während Lea bei Wärmke war. Mirabelle, Weinbergspfirsich oder Bier, was auch immer. Anders ist ihr Promillevorsprung kaum zu erklären.

Und nun?

Sitzt die Erste Polizeihauptkommissarin in diesem verlebten Fünfziger-Jahre-Wohnzimmer und lauscht dem sanften Schnarchen einer Frau, deren Kopf an ihrer Schulter liegt, eingenebelt von einem Geruchsgemisch aus Wella-Haarspray und Mirabellenschnaps. Sie wartet, dass ihr Funkgerät zu krächzen beginnt und sie aus der PI Bescheid bekommt, dass alles startklar ist für die Ortung des bewussten Handys. Damit Lea dieser jungen Frau Ehemann und Vater zurückbringen kann, auf dass ihr Leben dann weiterhin so freudlos verläuft, wie es bislang verlaufen ist.

Eine Standuhr tickt.

Und wie geht es der Ersten Polizeihauptkommissarin dabei? Schlecht fühlt sie sich nicht. Heute Nacht ist sie Freund und Helfer im besten Sinne, und nichts anderes hat sie doch jemals sein wollen.

Der erste Hautkontakt ist eher zufällig.

Heidrun bewegt sich leicht, Lea korrigiert die Position ihres linken Arms, den sie um ihre Gastgeberin gelegt hat, ein wenig. Dabei geraten ihre Finger unter Heidruns Sweatshirt und kommen in der sanften Rundung ihrer Taille zum Liegen. Wo sie sich direkt wohlfühlen. 

Leas Fingerkuppen haben schon lange nicht mehr erlebt, wie wunderbar es sich anfühlt, über nackte Haut zu streichen. Jetzt erinnern sie sich. Warm, weich, glatt, das sind nur die oberflächlichen Empfindungen, die fraglos angenehm sind, der eigentliche Zauber aber liegt darin, mit den Fingerspitzen etwas vom Innenleben der Anderen zu erstreicheln. Es ist, als erzeuge die Reibung von Haut und Haut elektrische Schwingungen, drum beginnen Leas Hände Kreise zu beschreiben.

Heidrun seufzt leise.

Anscheinend nehmen die noch zaghaften Streicheleinheiten auf ihre Träume Einfluss. Sofern sie sich nicht nur schlafend stellt, so ganz sicher ist sich Lea da nicht.

Heidruns Kopf rutscht an Leas Schulter herunter. Sie dreht sich auf den Rücken und begibt sich in Liegeposition. Leas Oberschenkel als Kissen für ihren Nacken. Alles in einer einzigen, fließenden Bewegung, anscheinend schon in festem Schlaf. Ihr Brust hebt und senkt sich gleichmäßig, dankbar, endlich zur Ruhe gekommen zu sein nach all der Aufregung der vergangenen Stunden. Und dem leichten Alkoholexzess.

Es sind sehr angenehme Brüste übrigens, die sich da unter ihrem Sweatshirt abzeichnen. Heidrun trägt offenbar keinen BH unter ihrem Feierabend-Outfit, braucht sie auch nicht angesichts ihrer bescheidenen, aber auch nicht unbedeutenden Körbchengröße. Keine monströsen, wabbeligen Quarktaschen, die sofort die Form verlieren, wenn sie der Schwerkraft ausgesetzt werden. Eher feste kleine Cremetörtchen, bestimmt mit zarten Himbeeren gekrönt. Die zudem hochsensibel sind. 

Wie lange es wohl her sein mag, dass dieser dämliche Albin Schmitter sich diesen Knospen gewidmet hat? Sie mit der Zungenspitze erkundet hat, wie vorher schon die Vorhöfe?Bestimmt eine Ewigkeit, nach dem, was aus den Erzählungen des Abends herauszudeuten ist. So denn dieser gescheiterte Eisenwarenhändler überhaupt jemals Sinn für derart genussvolle Körpererkundungen hatte. Und sich nicht schon immer lieber an Bier und am Betze labte als am Busen seiner Frau. Was für ein Jammer.

Leas Finger gleiten langsam auf Heidruns Bauch, der Ringfinger erkundet ihn näher, dreht erst eine Runde auf der Innenseite des Bauchnabels, ehe Lea diesen anschließend mit ihrer flachen Hand bedeckt. Sie lässt die Wärme, die ihr aus der Magengrube der Schlafenden entgegenströmt, in ihre Hand fließen. Sie spürt die nicht sehr ausgeprägten, aber doch vorhandenen Bauchmuskeln, und das bisschen Speck darüber. Ist wirklich nicht so viel. Noch nicht jedenfalls. Bei dem Mann und dem Frust, den das Leben mit ihm mit sich bringt, ist es bestimmt nicht leicht, die Figur zu wahren.

Was tust du da eigentlich gerade, Lea?

Ich? Nichts, wofür ich mich schämen müsste. Ich, die Polizei, dein Freund und Helfer, wache über den Schlaf der Gepeinigten, Vernachlässigten, Vergessenen. Ist in dieser Form vielleicht nicht so ganz mein Job, aber den habe ich eben schon immer mehr als Berufung denn als Beruf gesehen.

Die Standuhr tickt weiter. 

Schade, dass es noch so hell ist in dieser piefigen Wohnstube, Heidrun hätte die Beleuchtung im Lauf des Abends ruhig mal ein wenig zurückfahren können, der Atmosphäre wegen. Dann fiele es auch Lea leichter, ein bisschen wegzudämmern, bis das Funkgerät sich wieder meldet. So aber bleibt ihr Verstand wach.

Und ihre linke Hand ebenfalls.

Wie schön es ist, auf dieser warmen, weichen, sanften Bauchdecke zu liegen und ab und an mal zart zu kreisen. Doch neue Herausforderungen warten. Der Norden lockt mit seinen Hügeln. Und Heidruns Sweatshirt sitzt locker genug, um eine Wanderung ohne Zerren und Zurren zuzulassen. Scheint es nicht, als hätten sich die kleinen Bergspitzen in den vergangenen Minuten ein wenig aufgerichtet?

So ein bisschen was probieren muss man doch dürfen, wenn man jung ist …

Und? Sind wir beide etwa alt?

Also los. Aber mit Ruhe und Bedacht, denn Verzögerung steigert den Genuss.

Leas linker Daumen erreicht Heidruns Brustbein und gleitet auf ihm hinauf, um es sich im Tal zwischen den Hügeln erst einmal gemütlich zu machen. Immer mit Ruhe. Lea erinnert sich mit Grauen daran, wie die ungestümen Aspiranten ihrer Jugend nicht schnell genug grapschen konnten, nachdem sie ihr viel zu plump und ungelenk die Zunge in den Hals gerammt hatten.

Leas Hand dagegen geht den Gipfelsturm mit Zurückhaltung an, nimmt sich erst einmal den linken Hügel vor, überlässt es Zeige- und Mittelfinger, sich vorzutasten. Sie wählen aber nicht den direkten Weg, sondern nehmen die Spitze zunächst in die Mitte, ertasten die Knubbel des Vorhofs, damit Lea sich diesen besser vorstellen kann. Ist es ein schmaler oder eher breiter Ring, der sich da erstreckt? Um weitere Aufschlüsse zu erhalten, zieht der Mittelfinger allein einen Kreis um die Spitze, sorgsam bedacht, sie nicht zu streifen. 

Was Heidrun einen weiteren Seufzer entlockt, tiefer und beseelter diesmal.

Das spornt an.

Nach dem Mittelfinger gleiten Ringfinger und kleiner Finger über die Spitze, dann erst schiebt Lea die ganze Hand darüber und startet leichte, kreisende Knetbewegungen. Heidrun beginnt, sich zunächst sanft zu winden, als Leas Linke auch den anderen Hügel besucht, etwas forscher.

Schläft Heidrun tatsächlich immer noch tief und fest? Und wenn ja, welche Träume bescheren ihr die Wohltaten, die sie gerade erfährt? Ihr dämlicher Mann taucht in ihren Phantasien bestimmt schon lange nicht mehr auf. Wer sonst aber könnte der Star in dem Porno sein, der jetzt gerade in ihrem Kopfkino abläuft? Der Nachbarsjunge, der längst zum erwachsenen, aber noch unschuldigen Mann herangereift ist? Der schwarze Zigeuner, der ihr als Backfisch auf dem Jahrmarkt begegnet ist? Ein Kunde, der regelmäßig zu ihr in die Apotheke kommt? So ein Angegrauter mit kantigen Gesichtszügen? Oder doch eher ein schlanker Kaffeebrauner, dessen strahlend weiße Zähne sie jedes Mal anfunkeln, wenn sie ihm gratis ein paar Lutschbonbons mit in die Tüte steckt? Oder doch der Nordmann mit dem blonden Kurzhaar und den leuchtenden blauen Augen, der jederzeit Herr der Lage bleibt?

Lea, wie lange willst du noch so weitermachen?

Willst du tatsächlich, dass sie irgendwann aufwacht? Und dann? Willst du tatsächlich diesen erst verdatterten, dann peinlich berührten Blick sehen?

Was, glaubst du, kann sich hier entwickeln außer einer Menge Ärger?

Also zieh endlich deine Hand aus diesem Sweatshirt, das dich nichts angeht, und lass es gut sein. Wenn du Glück hast, wacht sie auf und hat keine Ahnung, wer oder was ihr diesen schönen Traum eben beschert hat.

Nö. Einen Moment noch …

Das Funkgerät nimmt Lea weitere Entscheidungen ab. Hoffmann meldet sich. Es geht jedoch nicht um Albin Schmitters Handy, sondern um Werner Wärmke.

„Wer?“

„Werner Wärmke. Der Typ mit der Hehlerware, den sie heute Abend hochgenommen haben.“

„Was ist mit ihm?“

„Er ist tot.“

„Tot?“

„Er liegt tot an der Straße, nur ein paar Meter von seinem Lokal entfernt. Er trägt einen Pyjama und eine Trachtenjacke mit Hirschhornknöpfen.“

Es dauert ein wenig, bis Lea die nächste Frage stellen kann. Dass sie die Hand währenddessen aus Heidrun Schmitters Sweatshirt zieht, geschieht unbewusst.

„Und wonach sieht’s aus?“

„Nach dem, was ich bis jetzt gehört habe, würde ich sagen: Unfall mit Fahrerflucht. Hanns und Holbein haben ’ne fast leere Flasche Dimple bei der Leiche gefunden. Anscheinend hat er sich volllaufen lassen, nachdem sie ihn hochgenommen haben, ist dann auf die Straße getorkelt und in ein Auto gelaufen. Möglicherweise hätte der Fahrer den Zusammenprall gar nicht verhindern können, doch er wollte es wohl nicht drauf ankommen lassen, ob zu seinen Gunsten entschieden wird.“

Lea nickt, obwohl ein Kopfschütteln angebracht wäre. „Hhm. Ich bin jetzt hier fertig und komme zurück in die PI. Haben wir mittlerweile grünes Licht für die Handyortung?“

„Nix gehört bislang.“

„Na dann, bis gleich.“

Heidrun Schmitter ist mittlerweile erwacht und hat sich aufgerichtet. 

Kein verdatterter Blick, kein peinlich berührter Blick, kein Was-war-denn-das-Eben.

Sondern ein Lächeln. Keck, um nicht zu sagen anzüglich, wenn nicht gar versaut. Auf jeden Fall amüsiert. Also erfreut. Aufmunternd. Um nicht zu sagen ermutigend.

Man wird doch mal was probieren dürfen, wenn man jung ist. Schon klar.

Heidrun flankt ihr rechtes Knie über Leas Schoß und macht es sich darauf gemütlich, ohne dass das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwindet. Bis sich ihr Mund langsam Leas Lippen nähert.

Sie küsst nicht nur nicht schlecht, die Apothekenhelferin, sondern ganz phantastisch.

+ + +

Was die Minischwänze wohl sagen würden, wenn morgens, kaum, dass die Sonne sich erhoben hat, jemand ihr Wohnzimmer zertrampelt? 

Der Bisam kann es sich nur zu gut vorstellen. Gar nichts würden sie sagen, sondern Zeter und Mordio schreien. Und hinterher Vergeltung üben. An allem und jedem. Gleich, ob der Adressat ihres Zorns überhaupt an der Zerstörungsorgie schuld ist oder nur mitschuldig, vielleicht sogar vollkommen unschuldig. So sind sie nämlich, die Minischwänze. Arschlöcher halt.

Der Bisam hat Gott sei Dank nicht mehr tief geschlafen, nur noch so vor sich hingedämmert, als die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Ein monströser Plattfuß bricht krachend durch die Decke seiner Burg aus Röhricht und Schilf, die der Bisam sich in wochenlanger Kleinarbeit angelegt hat. Ja, er hat sich eine Burg gebaut und nicht nur Löcher und Gänge ins Ufer gebuddelt, wie die meisten seiner Art sie bevorzugen. Und er hat es nicht getan, um den Minischwänzen zu gefallen, die immerfort fürchten, die Erdbauten des Bisams schwächten ihre Deiche und Dämme, die sie sich als Schutz vor dem Wasser angelegt haben. Und diese Sorge muss ewig als Alibi dafür herhalten, dass sie den Bisam bekämpfen. Weil sie es sich nicht einmal selbst eingestehen wollen, dass sie einfach nur töten, weil sie es gerne tun, egal wann, egal wie oft, egal wen. Sie töten für ihr Leben gerne, die Minischwänze.

Der Bisam hat sogar gehofft, seine zukünftigen Kinder könnten einmal in seine so sorgfältig angelegte Burg einziehen. Denn er ist nun einmal ein Romantiker. Er hat sich länger Zeit gelassen als andere, um ein Eckchen zum Leben zu finden, zum Überleben. Ein Eckchen, wo er von den Minischwänzen unbehelligt bleiben konnte, die längst eine größere Bedrohung darstellen als der Fuchs oder der Bubu – von den großglotzenden Flugmonstern existieren ja auch kaum noch welche. Irgendwann hatte er diesen mickrigen Bachlauf gefunden, der eigentlich nicht genug Strömung hat, um seinesgleichen eine ideale Bleibe zu bieten, er aber hatte sich damit zufrieden gegeben. Denn mit Wanderstöcken bewehrte oder Pilzkörbe schleppende Minischwänze kamen hier nur selten des Weges, hatte er nach mehrtägiger Beobachtung festgestellt, und mehr brauchte er nicht zu wissen, um sich endgültig für diesen Standort zu entscheiden. Nur ein Weibchen, mit dem er sich seiner Fortpflanzung widmen konnte, war ihm seither noch nicht über Weg gelaufen, nach einem solchen hatte er sich justament in den nächsten Tagen umschauen wollen. Denn seine Fortpflanzung sollte sein Leben krönen, das ihm aller Voraussicht nach nur noch einen Sommer bescheren würde. Kürzlich hat er seinen zweiten Geburtstag gefeiert, war also schon erstaunlich alt geworden, das schaffte nicht einmal ein Fünftel seiner Art. Aber viel älter werden konnte er nun einmal nicht, da machten seine Mahlzähne nicht mit, und ohne die lief nichts mehr, er konnte sich seine Beißer schließlich nicht künstlich ersetzen lassen, wie die Minischwänze das konnten.

Aber jetzt, nach der Zerstörung seiner Burg? Welche Chancen hat er jetzt noch auf eine seriöse Familiengründung – als Obdachloser? Nun ja, er wird wieder auf Wanderschaft gehen müssen. Mobilität erhöht zwar die Chancen, auf eine Gefährtin zum Hagge zu stoßen, aber auch darauf, gekillt zu werden. So ist es eben, das Bisamleben. No risk, no fun.

In dem Augenblick, als der Monsterplattfuß durch die Decke in seine Wohnstube kracht, rettet sich der Bisam durch einen seitlichen Ausgang seiner Burg ins Freie, in den Bach. Erschrecken und Durchstarten, das geht Hand in Hand. Geschrien oder gequiekt wird nicht, das ist nicht sein Ding, er gibt nur sehr selten Laute von sich, lediglich als Junges hat er ein wenig vor sich hin gefiept. Ansonsten macht seine Art nur beim Hagge ein wenig Lärm, aber er hat ja noch nie gehaggt.

Im Bach schwimmt er auf die andere Seite und versteckt sich im Schilf, um sich erst einmal einen Eindruck zu verschaffen, was die Zerstörer seiner Burg überhaupt wollen. Sind sie bewusst hinter ihm her, um ihn zu töten, oder haben sie sein Zuhause nur aus Blödheit zertrampelt? Für Minischwänze kommt beides typischerweise in Frage. 

Das Wasser verlässt der Bisam bewusst nicht, als er sich in seinem Versteck einrichtet, denn das ist sein Element. An Land kann er den Minischwänzen niemals entkommen, denn da vermag er seinen massigen Leib nur schwerfällig fortzubewegen. Im Wasser aber legt er eine Grazie an den Tag, die ein Minischwanz ihm niemals zutrauen würde. Seine Schwimmborsten richten sich auf und lassen seine Zehen zu Paddeln mutieren, seine Beine sind kräftig und lassen sich weit spreizen, sodass er einige Geschwindigkeit erreicht, seinen gigantischen Schwanz nutzt er dabei als Steuer. Auch ist der Bisam ein sehr ausdauernder Schwimmer, und seine Ohren kann er wasserdicht verschließen. Das soll ihm so ein Minischwanz erst einmal nachmachen.

Als er das Chaos auf der gegenüberliegenden Seite des Bachlaufs begutachtet, sein zerstörtes Zuhause, bebt sein Näschen vor Zorn und Erregung.

Wenigstens braucht er sich keine Sorgen zu machen, dass ihm die Minischwänze nach dem Leben trachten. Sie handeln offenbar vollkommen hirnlos, vor allem der eine der beiden, ein dickes Monstrum, das vorneweg stürmt und nicht eine Sekunde darauf achtet, wohin es tritt. Dabei ruft es ständig „Anton“, mal laut, mal lauter, manchmal auch nicht so laut, dafür aber drei Mal hintereinander, „Anton, Anton, Anton“, und so verzweifelt, als ob er jeden Moment in Tränen ausbrechen wollte.

Wenn ich dieser Anton wäre, würd ich schauen, dass ich bloß versteckt bliebe, denkt der Bisam. Denn wer derart krakeelend durch den Wald tobt, führt nichts Gutes im Schilde.

Der zweite Minischwanz ist groß gewachsen und hager. Er gibt keine hörbaren Laute von sich. Dafür hat er ein schweres Gestell mit Reifen geschultert, was ihm allerdings keine große Anstrengung zu sein scheint. Wort- und mühelos setzt er Schritt vor Schritt. Er scheint gut trainiert.

Und: Der Hagere leistet sich den Luxus, mal kurz stehen zu bleiben und einen ordentlichen Schluck aus einer Dose zu nehmen, die er in der rechten Hand hält. Offenbar kann er die läuferischen Qualitäten seines Kompagnons gut einschätzen. Der wird ihm schon nicht wegrennen.

Fast beginnt der Bisam, so etwas wie Sympathie für den Hageren zu empfinden, für die Gelassenheit, mit der er seinen offenbar irren Weggefährten erträgt. Dann aber rülpst der Hagere so ohrenbetäubend, dass es sogar eine Schar Sperber in den Baumwipfeln aufschreckt. Und noch während ihm der erste Ekel den Hals hinaufsteigt, muss der Bisam mitansehen, wie der Hagere seine Hose öffnet, seinen Minischwanz hervorholt und in den Bach strullt. Der Bisam kauert direkt gegenüber, im Schilf versteckt, und muss nun, ohne sich rühren zu dürfen, ertragen, wie die Brühe langsam zu ihm hinüberschwappt. Unglaublich. Widerlich. Eine nichtswürdigere Spezies als diese Minischwänze hat dieser Wald, hat diese Welt niemals gesehen.

Immerhin hat dieses Exemplar für die Verhältnisse seiner Art einen recht ansehnlichen Schwanz. Mit den zweiundzwanzig Zentimetern, die der Bisam zu bieten hat, kann er natürlich nicht annähernd mithalten. Zudem da ja auch noch das Verhältnis zur Körpergröße ins Feld zu führen wäre. Kopf und Rumpf des Bisams kommen zusammen genommen gerade mal auf etwas mehr als dreißig Zentimeter. Da nehmen sich zweiundzwanzig Zentimeter Schwanz gewaltig aus.

Überhaupt ist der Bisam überzeugt, dass der Hass, den die Minischwänze ihm und seinen Artgenossen entgegenbringen, im Grunde sogar genau darin wurzelt, in ihrem Neid auf ihre gigantische Schwanzlänge. Denn auch so etwas ist typisch für diese primitive Art: Die männlichen Exemplare vergleichen gerne und immerfort ihre Schwänze. Und dieser aus Neid geborene Hass ist es auch, der sie den Bisam zu den Ratten zählen lässt, denn Ratten hassen die Minischwänze noch weitaus mehr, da auch sie eine enorme Schwanzlänge aufzuweisen haben.

Tatsächlich jedoch ist dem Bisam nichts fremder als eine Ratte. Allein schon deswegen, weil diese die Nähe zum Minischwanz sucht, um sich von seinem Müll zu ernähren. Das fiele dem Bisam niemals ein. Er sucht von Natur aus so viel Distanz wie möglich zum Minischwanz.

Umso erleichternder ist es zu hören, dass die hysterischen „Anton, Anton, Anton“-Schreie des Dicken immer leiser werden, und in seinem Gefolge ist auch der hagere Pisser verschwunden. Möge der Wald die beiden verschlucken und niemals mehr freigeben.

Der Bisam spuckt ein wenig uringetränktes Wasser aus, das ihm ins Mäulchen geflossen ist, und begibt sich für einen Moment an Land. Wenigstens ist jetzt entschieden, in welche Richtung er seine Wanderschaft nun beginnen wird, in die entgegengesetzte nämlich. Also flussaufwärts. Ein paar Meter weiter lässt sich der Bisam wieder ins Wasser gleiten, um sich erst einmal die Urinreste aus dem Fell spülen zu lassen.

+ + +

Das Blut in Albins Schädel brodelt bereits bedenklich. Vermutlich wird er gleich zu pfeifen beginnen wie ein Dampfkessel. Seine Schläfen pochen, er hechelt und sabbert wie eine Englische Bulldogge, die sich an einer hoch hitzigen Dalmatinerdame aufgeilt. Gut möglich, dass er gleich ohnmächtig wird.

Mein Gott, ist das peinlich. Einfach umzukippen wie die letzte Schwuchtel, und das vor den Augen von Mr. Cool persönlich, dem Champ. Der begegnet auch dieser neuerlichen Katastrophe mit dem Stoizismus eines Staubsaugers. Hat Antons Rollstuhl zusammengeklappt und trägt ihn nun geduldig hinter Albin her, der durch den Wald stürmt und quiekt wie eine angeschossene Wildsau. Wenigstens hat Albin es noch geschafft, die Tasche mit den restlichen Vorräten zu schultern, das angebrochene Zwiebelbrot, die Andurln und die noch verbliebenen zwölf Dosen Parkbräu, denn der Champ hat eine weitere bereits gefrühstückt. Die Tasche konnte der Champ ja unmöglich auch noch schleppen, der Rolli ist schon schwer genug, doch dank seiner guten sportlichen Konstitution meistert er das Gewicht spielend, und da Albin zwar ein entfesselter, aber nicht sehr begnadeter Waldläufer ist, gelingt es dem Champ auch, dem kopflos Davonstürmenden problemlos zu folgen. Nur Worte der Besänftigung oder des Trostes fallen ihm keine ein, dafür ist er nun einfach nicht der Typ. Der Champ ist ein Mann des physischen Beistandes, nicht des psychischen.

„Anton! Anton! Anton!“, schreit Albin zum wiederholten Mal, immer drei Mal hintereinander, dabei von Mal zu Mal lauter und schriller.

Jetzt ist es passiert, schreit es auch in Anton, jetzt ist er da, der GAU, der größte anzunehmende Unfall. Du hast Scheiße gebaut, wieder mal, aber diesmal ist es die größte Scheiße, die du je gebaut hast. Du warst immer Scheiße, du bist Scheiße und du wirst immer Scheiße sein. Wieder einmal hast du dir eine Aufgabe gestellt, die du unbedingt unbedingt erfolgreich abschließen wolltest, und wieder einmal ist es schiefgegangen. Du wolltest einfach nur diese eine Nacht durchlaufen, straight, nicht wanken, nicht weichen, durch diesen Wald hindurch, damit Anton morgen rechtzeitig uff de Betze kommt, weil es doch so wichtig ist, wichtig für dich, für Anton und für de Betze, wichtiger alles andere, was du jemals im Leben in Angriff genommen hast. Und du hattest den Champ an deiner Seite, den Champ, der niemals weicht und wankt und an dem du dich immer aufrichten kannst. Aber du hast es nicht gepackt, natürlich hast du es nicht gepackt, weil du nie etwas packst, weil du immer Scheiße warst, Scheiße bist und immer Scheiße sein wirst. Du hast das Geschäft deines Vaters ruiniert, deine Ehe an die Wand gefahren und jetzt hast du auch noch deinen Schwiegervater auf dem Gewissen. Jetzt wird sich nicht nur Heidrun, alle werden sich von dir abwenden, denn mit einem, der nicht einmal auf einen alten, kranken Mann aufpassen kann, will niemand mehr etwas zu tun haben, der war immer Scheiße, ist immer Scheiße und wird immer Scheiße sein. Und de Betze wird morgen ohne Anton auflaufen und dieses Spiel nicht gewinnen, so, wie er auch in Wolfsburg ohne Anton nicht gewonnen hat. Und dann wird de Betze in diese neue Dritte Liga hinabfahren und pleitegehen, weil er dann seine Stadionmiete nicht mehr zahlen kann, wegen der schwindenden Zuschauerzahlen und der sinkenden Fernsehgelder, und in ein paar Jahren wird sich außerhalb des Waldes niemand mehr daran erinnern, was de Betze einmal war.

Um dies alles niemals wahr werden zu lassen, hättest du einfach nur mal eine Nacht wach bleiben müssen, einfach immer weiter laufen, nicht weichen und nicht wanken, und hättest dein fettes Fleisch eben nicht auf dieser Bank ablegen dürfen, als sie dich am Wegesrand lockte wie eine Straßenhure. Diese Bank aber bot dir ihre Dienste auch noch unentgeltlich an, wie hättest du ihr widerstehen können, ausgerechnet du, der den Straßenhuren ohnehin nur widerstehen kann, weil ihre Dienste nicht unentgeltlich sind. Und weil dir die Plattfüße wehtaten und deine Knochen und Sehnen und deine Knie sich so sehr danach sehnten, von deinem Gewicht befreit zu werden, hast du deine sämtlichen Kilos auf deinen Arsch abgelassen, sogar noch die Dreistigkeit besessen zu sagen, „nur einen Moment, nur einen kurzen Moment“, dabei war dir in dem Moment, in dem du gesessen hast, schon klar, dass du so schnell nicht mehr aufstehen wirst.

Dem Champ hast du gestattet, sich noch ein Bier aufzumachen, als wär’s eine generöse Geste von dir, ihm eine kleine Trinkpause zu gönnen, und dann bist du einfach weggedämmert eingepennt. 

Das heißt: Zuerst hast du doch noch mal an Heidrun gedacht, dass du sie morgen früh anrufen willst, um ihr mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist, mit Anton sowieso. Und wenn sie dir dann einen ersten Vortrag hält, was du für ein Arschloch bist, weil du einfach die Nacht weggeblieben bist und sie umgekommen ist vor Sorge um ihren Vater, erklärst du ihr so, als wärst du nun beleidigt, dass es ja wohl unerhört von ihr sei, sich Sorgen um Anton zu machen, wenn sie ihn, Albin, bei ihm wisse, er sei der ja wohl der beste Pfleger, den man sich für Anton denken könne, da gebe es ja wohl keinerlei Zweifel. So wolltest du es anstellen, um zu retten, was bis dahin vielleicht gerade noch so zu retten gewesen wäre.

Als Nächstes hast du noch mal auf dein iPhone geschaut, um nach dem blauen Ball zu sehen, ob ihr noch auf dem richtigen Weg seid, aber da gab’s nichts zu sehen, du hattest keinen Empfang, und du hast gedacht, na wunderbar, das hättest du dir ja denken können, dass es hier im Wald auch jede Menge Funklöcher gibt. Aber je näher du dem Betze kommst, desto dichter wird das Netz wieder werden. Unruhig geworden bist du deswegen nicht, denn der Stern war ja noch da, der Stern, der überm Betze leuchtete, nach wie vor.

Du hast ihn dir noch einmal angesehen, lange, und dann bist du eingepennt. Hast noch gedacht, der Champ wird schon ein Auge auf Anton haben, und weg warst du, und ein paar Sekunden später hast du wahrscheinlich dermaßen zu schnarchen begonnen, dass die Bäume des Waldes befürchteten, da hätte mitten in der Nacht jemand die Kreissäge angeworfen, um ihnen den Garaus zu machen.

Dass aber der Champ eventuell auch einschlafen wegratzen könnte, das hast du dir nicht vorstellen können, du Spatzenhirn, aber was soll man von dir auch anderes erwarten, du warst immer Scheiße, bist immer Scheiße und wirst immer Scheiße sein. Untersteh dich, dem Champ einen Vorwurf zu machen, deinem besten, deinem einzigen wahren Freund. Ohne den hättest du es nicht einmal bis hierher geschafft. 

Und als ihr beide geratzt habt, ist Anton aufgestanden und im Wald verschwunden. Muss dich das wundern? Natürlich nicht. Du weißt doch, dass Anton im Wald immer ganz besonders zu spinnen beginnt. Irgendwie vermengen sich da die Geschichten aus dem Wald, die ihm seine Oma einst erzählt hat, mit realen Erinnerungsfetzen vom Betze oder sonstwoher, die er aus seinem zerstückelten Gedächtnis klaubt. Erst vor ein paar Wochen hat Albin Anton durch den Wald geschoben und da glaubte der plötzlich, er habe die Bührersau gesehen. Die Bührersau sei aber in Wahrheit der Lindenschmidt.

Um das mal auseinanderzudividieren: Die Bührersau war einst ein übler Gesell, der bei den Waldhofbuben kickte und obszöne Gesten in die West machte, wenn er ein Tor gegen de Betze geschossen hatte. Ganz übel. Der Lindenschmidt dagegen lebte einst auf der Burg Löwenstein, war ein Raubritter und Wegelagerer, der fahrenden Kaufleuten auflauerte und sie totschlug und seine Verfolger täuschte, indem er seinem Pferd die Hufeisen verkehrt herum annagelte. Wie vernebelt muss ein Hirn sein, um diese beiden Figuren miteinander zu kreuzen?

Bestimmt ist Anton in der Nacht von einer ähnlichen Vision in den Wald getrieben worden, während Albin und der Champ schliefen. Vielleicht ist ihm Beate Rehhagel als die Jungfrau von der Wegelnburg erschienen oder der Trunke Dieter als der Schnittl, einem gefährlichen Kauz, der sich nach Belieben verwandeln konnte und diverse Zauberkunststücke beherrschte.

Und jetzt dringen die ersten Sonnenstrahlen durch den Wald, von den Gräsern und Rinden perlt der Morgentau, die Lärchen putzen ihr Gefieder, im Unterholz rümpft ein Marder sein Näschen in den beginnenden Tag, doch für dich gilt er nicht, der Frieden, der gerade über dem Wald liegt, und du wirst ihn auch nie mehr finden, denn heute Nacht hast du das entscheidende Mal zu viel Scheiße gebaut in deinem beschissenen Leben, nichts wird von nun an mehr sein wie vorher, wenn Anton dir abhandengekommen ist. Weil du nicht durchgehalten hast. Weil dein fettes Fleisch wieder einmal nicht stark genug war. Weil du es nicht bändigen kannst, weil du dich nicht kontrollieren kannst. Sagt ja auch Heidrun immer, wenn die Frikadelle, die beim Abendbrot übrig geblieben ist, am Morgen aus dem Kühlschrank verschwunden ist. Weil du in der Nacht aufgestanden bist und sie gefressen hast. Recht hat sie. Vollkommen recht.

„Anton! Anton! Anton!“

Ja, schrei weiter, und renn immer weiter, immer weiter, gesteh dir ja nicht ein, dass du am Ende bist. Du weißt gar nicht, wohin du rennst, hast keine Ahnung, ob es die richtige Richtung ist, in die du rennst, Anton könnte schließlich in jede Richtung losgezogen sein, um dem nachzugehen, was er glaubte, gesehen zu haben, was weißt du schon, was das war. Der Wald ist groß, wär reiner Zufall, wenn du ihn findest. 

Trotzdem: Weiter, immer weiter …

Bis es nicht mehr geht. Einfach nicht mehr geht.

Albin bleibt stehen, stützt seine Hände auf die Knie, keucht, seine Lungen pumpen bis zum Anschlag, der Wald vor seinen Augen beginnt sich zu drehen. Ohnmächtig werden, das wär doch eigentlich nicht das Schlechteste jetzt. Einfach umfallen und irgendwann wieder wach werden, zu Hause, und Anton wär wieder da und Heidrun wär ihm nicht bös, und alles hätte sich in der Zwischenzeit zum Besten gefügt, und de Betze hätte sein Spiel gewonnen und würde in der Liga bleiben … Aber nein, das kann gar nicht sein, de Betze gewinnt sein Spiel niemals, nicht ohne Anton. Lieber ohnmächtig werden und in in der Zeit zurückreisen. Aufwachen – und es ist wieder früher Samstagabend. Wir sind nicht zu Werner gefahren, der Abend liegt noch vor uns, der Libero steht noch fahrbereit draußen vor der Tür und alles beginnt noch mal von vorn, nur diesmal macht Albin alles richtig … Und das alles war nur ein böser Traum.

Eine verlockende Vorstellung. Probier’s doch einfach mal. Werd einfach ohnmächtig.

Albin schließt die Augen, bereit, sich einfach fallenzulassen, sobald Morpheus die Arme für ihn öffnet.

„Hey!“

Es ist eine raue, laute Stimme, die Albin plötzlich hochfahren lässt.

Ein paar Meter weiter, zwischen zwei kahlen, hohen Fichten steht eine hünenhafte Gestalt im Moos. Ein Riese, fraglos.

Hristov, denkt Albin als Erstes.

Hristov ist es natürlich nicht. Aber der Riese sieht ihm verdammt ähnlich. Und er sieht aus, als bringe er Erlösung. So, wie Hristov immer wieder Erlösung brachte. Wenn er sich aufdrehte, quälend langsam bisweilen, dann aber in den Raum spielte, in den zuvor niemand gespielt hatte. Oder er die Bude gleich selbst machte. Vor allem, wenn er mit Anlauf kam und in den von der Seite heranfliegenden Ball sprang, war er eine Macht, die kein Gegner zu bändigen vermochte.

Hristov.

Hoffnung.

Albin richtet sich auf, noch immer pumpend und mit Tränen in den Augen, sammelt Luft, um den Riesen anzusprechen.

Der aber schaut Albin gar nicht an. Sondern den Champ.

„Grüß dich, Champ“, sagt der Riese.

„Grüß dich, Nucky“, antwortet der Champ.

+ + +

Irgendwann in der Nacht hat Hoffmann Lea angefunkt. Sie könnten jetzt dieses gottverdammte Handy orten. Heidrun schlief, als Lea ging. Oder sich schlafend gestellt. Der Klassiker.

Lea ist zur PI gefahren, hat der Truppe Bericht erstattet. Es gehe um drei Männer, einer recht betagt und bei längeren Strecken auf einen Rollstuhl angewiesen, beim Zweiten handele es sich um Heiner Kühn, gegen den ohnehin in einem bereits laufenden Verfahren ermittelt werde, und beim Dritten um den mutmaßlichen Urheber eines geradezu abwegigen Plans, der wohl nach übermäßigem Alkoholgenuss entstanden sei. Die drei versuchten, sich durch die Nacht und den Wald hindurch einen Weg zum Betze zu bahnen, um das Spiel besuchen zu können, das dort für morgen um vierzehn Uhr anberaumt sei. Dies sei vollkommen unverantwortlich, da der Rollstuhlfahrer im fortgeschrittenen Stadium an Parkinson erkrankt sei und dringend häuslicher Pflege bedürfe. Daher sei diesem Unterfangen so schnell wie möglich ein Ende zu setzen, die drei einfach an ihrem anvisierten Zielort zu erwarten, könne keine Option sein. Daher habe sie sich eine Handyortung genehmigen lassen, um den dreien den Weg abzuschneiden. Sie selbst werde sofort aufbrechen, um sie persönlich einzusammeln. Hauptmeister Hoffmann werde sie begleiten, weil er die Ortung mit den Kollegen von der Technik wohl am besten managen könne. Der Rest halte die Stellung wie gehabt.

Die Reaktion der Truppe auf Leas Vortrag fiel ziemlich merkwürdig aus: Betretenes Schweigen, ausweichende Blicke, ein paar schluckten beinahe hörbar oder schauten fragend zu Bootz, dem PI-Leiter ihrer Herzen. Aber zu sagen hatte keiner was. Als wäre der Fall auch nicht bescheuerter als die, die sonst an Wochenenden so anfallen. Ist halt ein eigenartiger Haufen, an den Lea da geraten ist.

Sie hat sich selbstverständlich auch noch nach Werner Wärmke erkundigt, dessen Leichnam mittlerweile abtransportiert worden ist. Von diesem Unfallfahrer fehlt jede Spur, brauchbare Hinweise gibt es bislang keine, Hanns und Holbein haben sogar die Hausbewohner, die unmittelbar am Unfallort leben, aus dem Bett geklingelt, aber keiner hat was gesehen oder gehört. 

Hoffmann wiederum gibt sich äußerst verkrampft, seit sie mit ihm unterwegs ist. Ob sie die Nacht bislang gut rumgebracht hat, hat er zum Beispiel wissen wollen, anscheinend, um ein wenig Konversation zu betreiben. Alles bestens, hat sie geantwortet, es sei ja nicht ihre erste Nachtschicht. Dass sie versonnen in sich hineinlächelte, als sie sich die Erinnerung an die vergangenen Stunden in Erinnerung rief, hat er mit Sicherheit nicht bemerkt. Seitdem scheint Hoffmann allen Ernstes ein wenig zu transpirieren. Macht es ihn tatsächlich nervös, dass er allein mit seiner gar nicht mal so heimlich verehrten Chefin in den heraufziehenden Morgen braust? Lea versucht, nicht darüber nachzudenken.

Die Handyortung hat den endgültigen Beweis geliefert, dass Heidrun Schmitter mit ihrer Vermutung richtig liegt. Das ungleiche Trio ist unterwegs Richtung Norden, Richtung Betze. Doch die Wanderwege, die die drei benutzen, sind nicht befahrbar, sonst hätten Lea und Hoffmann sie in kürzester Zeit eingeholt. Also versuchen sie, einen befestigten Forstweg zu finden, der den Weg des Trios kreuzt, um sie dort abpassen zu können. Hoffmann hatte auch schon einen passenden Treffpunkt ausbaldowert, doch irgendwann waren die drei stehen geblieben. Anscheinend gönnten sie sich eine Verschnaufpause. Die aber dauerte erstaunlich lange dafür, dass sie es bis vierzehn Uhr uff de Betze schaffen wollen. Dann begannen sie plötzlich, sich sehr schnell querfeldein zu bewegen, aber nicht mehr Richtung Norden, sondern gen Westen. Das ist rätselhaft. Und besorgniserregend, gerade mit Blick auf den angegriffenen Gesundheitszustand des Alten. Möglicherweise läuft Albin Schmitters im Suff geschmiedeter Plan gerade entsetzlich schief und es besteht nun tatsächlich jene Gefahr für Leib und Leben, die Lea beschworen hat, als sie mit der Staatsanwaltschaft telefonierte, obwohl ihr das da noch ein wenig zu dick aufgetragen schien.

„Jetzt sind sie wieder stehen geblieben“, meldet Hoffmann irgendwann. „Das sollen sich die Kollegen mal auf dem Satellitenbild betrachten. Am besten, sie fahren mal rechts ran, ich frage mal nach.“

Lea nutzt die Möglichkeit, auf einen Wanderparkplatz einzubiegen. Hoffmann bespricht sich derweil mit den Kollegen vom LKA, die sich um die Handyortung kümmern. Er selbst überträgt die Koordinaten, die sie ihm übermitteln, auf eine gute alte, zusammenfaltbare Wanderkarte.

„Und?“

„Interessant. An dem neuen Standort befindet sich laut Satellitenbild offenbar eine Blockhütte, die auf meiner Karte nicht eingezeichnet ist. Da haben sie offenbar Unterschlupf gesucht.“

„Vielleicht ist der alte Mann derart am Ende, dass Schmitter seinen idiotischen Plan aufgegeben hat“, mutmaßt Lea. „Und er oder Kühn haben sich an diese Blockhütte erinnert und sie auf dem direkten Weg angesteuert. Dort warten sie nun ab, bis der alte Mann wieder bei Kräften ist.“

„Könnte sein. Wobei Ihre Theorie voraussetzt, dass einer der beiden über eine sehr gute Ortskenntnis verfügen muss. Eine solche Blockhütte quer durch den Wald über mehrere Kilometer anzusteuern, na ja, das schafft vielleicht der für dieses Revier zuständige Förster.“

„Vielleicht nutzen sie ja einen GPS-Sender oder so ein neumodisches Smartphone mit einem Karten-Programm.“

„Könnte sein.“

„Führt ein Forstweg zu der Blockhütte?“

„Keiner, der für unseren Vectra geeignet wäre. Aber es führt ein recht gut ausgebauter Weg ziemlich nah an der Hütte vorbei.“

„Na, dann mal los.“

Hoffmann dirigiert Lea auf der Landstraße noch zwei, drei Kilometer weiter, dann biegen sie in einen Forstweg ein. Dieser ist derart holprig, dass sie nur Schritttempo fahren können. Die gemächliche Fahrt lässt zu, dass Lea die erwachende Natur links und rechts des Weges genießen kann, während die erwachende Natur links und rechts zu genießen, während die Schatten hoher Äste über die Frontscheibe ihres Vectras ziehen. Die Erste Polizeihauptkommissarin zählt nicht zu den hoffnungslos verlorenen Waldromantikern, die immer noch glauben, unter allen Wipfeln herrsche Ruh,  weil die Welt des Waldes unbehelligt geblieben wäre vom Tohuwabohu/Chaos der aus den Fugen geratenen Welt da draußen.. Diese Verklärten wollen einfach nicht sehen, was schon lange im Gange ist: Die einheimischen braunen Eichhörnchen sind auf der Flucht vor den großen, grauen Artgenossen, die über die Alpen ins Land des Fernsehens, des Fußballs und des Bieres eingedrungen sind. Die orangebraunen Marienkäferchen, deren Start- und Landemanöver Lea als Kind stundenlang studierte, werden von hinterlistigen gelben verjagt, die aus dem Reich der Mitte irgendwie hierher gelangt sind, woher auch sonst. Und an den Tümpeln vermehren sich in rasender Geschwindigkeit die allesfressenden Nilgänse, die zu jedem Widerstand fähig sind und jederzeit bereit, gegen alles und jeden loszuschlagen, ob Ente, Erpel, Hund, Katze oder Mensch. Der globale Verdrängungskrieg hat längst auch im Wald Einzug gehalten, darüber lässt sich Lea auch vom trügerischen Frieden dieses Morgens nicht hinwegtäuschen.

Gleichwohl kann sie ihn genießen.

Indem sie ihre Gedanken in die vergangene Nacht zurückschweifen lässt.

Wie Heidrun sich jetzt wohl fühlen mag? Verwirrt wahrscheinlich, vielleicht auch erschreckt von dem, was gestern zwischen ihnen geschehen ist, vielleicht aber auch eher wohlig schaudernd als erschreckt, wenn sie den Erinnerungen freien Lauf lässt. So wie Lea halt, als sie damals ans andere Ufer gezogen wurde. Da war sie gar nicht mal so viel jünger als Heidrun jetzt. Schnell war sie mit sich selbst im Reinen, dass sie dort auch künftig leben wollte. Es war irritierend, natürlich, aber es war auch viel zu schön, als dass sie es einfach nur als interessante Erfahrung abtun wollte, als Experiment, als „Man muss auch mal was probieren dürfen, wenn man jung ist!“.

Schlimm war es nur für Valentin gewesen. Es war zwar eigentlich schon abzusehen, dass es mit ihnen zu Ende gehen würde, doch die Frau nicht an einen Mann, sondern an eine Frau zu verlieren, das trifft einen Mann anscheinend ungleich härter, aus welchen Gründen auch immer.

Albin Schmitter dürfte allerdings einfacher gestrickt sein als Valentin. Ob er wohl jemals erfährt, dass die Polizistin, die seinen unsäglichen Plan in Kürze endgültig durchkreuzen wird, auch seine Frau vernascht hat?

Vernascht? Was für ein scheußliches Wort. Da muss Lea sich jetzt mal zur Ordnung rufen. Wenn, dann hat sie höchstens ein wenig von Albin Schmitters Frau genascht, das kommt schon eher hin. Noch besser wär’s freilich, zu sagen, sie habe der armen Frau etwas gegeben, was sie bei ihrem herz- und hirnlosen Mann schon lange nicht mehr gefunden hat. Oder ist das  jetzt maßlos übertrieben? Hat sie ihr am Ende nur ein wenig über schwere Stunden hinweggeholfen, ihr „Trost gespendet“? Das klingt jetzt ja wohl noch blöder.

Wär schon schön zu wissen, wie Heidrun jetzt über all das denkt. Sie werden sich sicher wiedersehen, wenn Lea die beiden Männer bei ihr abliefert. Aber ob sie noch einmal die Gelegenheit finden werden, sich unter vier Augen zu begegnen? Um gemeinsam auszuloten, ob da was entstanden ist, was weiter gehegt und gepflegt werden könnte?

Ob Lea sich das wünscht? Ja, tut sie.

Aber zuerst muss sie Heidrun ihren Vater zurückbringen. Und ihren dämlichen Ehemann.

Also werd mal wieder dienstlich. Es ist ja noch anderes passiert in dieser Nacht. Werner Wärmke liegt jetzt in einer Schublade aus kaltem Stahl. Ob er sich absichtlich vor diesen Wagen geworfen hat, vollgesogen mit Whisky und Verzweiflung, nachdem Lea ihn bei kleinen, schmutzigen Geschäften ertappt hatte, rein zufällig, im Rahmen völlig anderer Ermittlungen? Hat er sich die Konsequenzen so schrecklich ausgemalt, dass er nur noch ohne Sinn und Verstand in zwei Lichtkegel laufen mochte, die da des Weges kamen?

Muss sie sich deswegen Vorwürfe machen?

Unsinn.

Wahrscheinlich war Wärmke volltrunken, wie er sich jeden Samstagabend um diese Zeit volllaufen lässt. Und es hat ihn vielleicht gar nicht sonderlich gejuckt, dass Lea ihn erwischt hatte, denn sein Anwalt hätte das schon geregelt. Er ist aus reiner Blödheit in dieses Auto gelaufen, oder weil der Autofahrer mit total überhöhter Geschwindigkeit angebraust kam, vielleicht schon halb weggedämmert oder genauso breit, wie Wärmke es war, und genauso breit wie der Idiot, der Albin Schmitters Kleinbus von der Fahrbahn gedrängt hat, und genauso breit wie Albin Schmitter selbst, als er seinen irren Plan fasste, dann eben zu Fuß zum Betze zu marschieren, mitsamt seinem kranken Schwiegervater. 

Auf jeden Fall ist es nicht Leas Schuld, wenn jemand, den sie auf frischer Tat ertappt hat, kurz darauf zu Tode kommt. Unfall ist Unfall. Allenfalls zieht da so eine chaostheoretische Erklärung. Also so eine, die auch erklärt, warum ein Fahrrad, das irgendwo umfällt, irgendwo anders auf der Welt einen Tornado auslöst. Diese Logik hat Lea zwar nie verstanden, aber wahrscheinlich ist sie auch nicht zu verstehen, weil da gar keine Logik sein kann, darum heißt es ja Chaostheorie.

Und sie muss auch nichts verstehen. Genauso, wie sie dieses Leben an sich nicht verstehen muss. Sie muss nur klarkommen. Irgendwie.

„Hier können Sie anhalten“, sagt Hoffmann. „Den Rest müssen wir zu Fuß gehen.“

Rechts ranfahren ist nicht. Lea bleibt mitten auf dem Weg stehen. Wird schon kein Forstauto vorbeikommen die nächste Zeit.

Die beiden steigen aus und betreten den kleinen Waldpfad, den Hoffmann als den zielführenden identifiziert hat. Der Boden unter Leas Füßen federt ein wenig, er ist klamm, aber nicht schlammig. Ganz angenehm zu laufen eigentlich. Dieser Morgen riecht nach … Waldmeisterbrause. So ähnlich jedenfalls. Trinken mochte sie die früher nie, aber gerochen hat Lea sie ganz gerne.

„Haben Sie eine Ahnung, warum da mitten im Wald eine Blockhütte steht?“, fragt sie Hoffmann.

Der Hauptmeister zuckt die Achseln. „Keine Ahnung. Die Kollegen sagen, sie ist geschlossen und massiv, das wär auf dem Satellitenbild gut zu erkennen. Also handelt es sich nicht um eine Schutzhütte für Wanderer. Vielleicht haben Waldarbeiter sie irgendwann mal gebaut, als Unterkunft, um an ihrem Arbeitsplatz übernachten zu können. Oder Naturfreunde. Oder aber, böse Jungs haben sich da ein Versteck eingerichtet, für Drogen oder Waffen.“ 

„Aber so eine illegal errichtete Hütte würde doch über kurz oder lang vom zuständigen Revierförster entdeckt?“

„Natürlich. Wenn der Förster allerdings überredet wird, sie einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen …“ Hoffmann grinst. „Meine Phantasie geht schon wieder mit mir durch. Ist natürlich äußerst unwahrscheinlich. Wahrscheinlich waren’s doch Waldarbeiter oder Naturfreunde, und natürlich mit Genehmigung des Forstamts.“

Ja, Hoffmann und seine Phantasie … Lea fragt sich, was er sich wohl versprochen hat von ihrem gemeinsamen Ausflug durch die Nacht. Wenn er tatsächlich so in sie verknallt ist, dass seine Kollegen ihn hinter ihrem Rücken damit aufziehen, hätte er da nicht etwas mehr Konversation betreiben müssen in der vergangenen Stunde, „baggern“, wie sie das früher genannt haben? Ein wenig Reklame für sich machen? Er hat nichts von alledem versucht. Aus Schüchternheit, oder weil er sich der Aussichtslosigkeit seines Begehrs bewusst ist?

Lea, darüber willst du doch gar nicht nachdenken.

Ihr Weg führt an einem Bachlauf entlang. Vielleicht waren es ja auch Angler, die diese Hütte errichtet haben. Und je näher sie dieser kommen, desto mehr bemühen sie sich, ihre Schritte leise zu halten. Ohne dass sie sich abgesprochen haben. Als ob sie sich anschlichen, wie ein Sondereinsatzkommando kurz vorm Zugriff. Warum eigentlich? Wollen sie etwa irgendwelche Schwerkriminelle auf frischer Tat ertappen? Ach, woher denn. Nur drei Idioten, die sich zu viel vorgenommen haben und jetzt wahrscheinlich völlig erschöpft in dieser Hütte liegen. Und wahrscheinlich froh sind, dass ihr Horrortrip nun ein Ende findet.

Ein Rascheln im Dickicht am Bach lässt Lea innehalten. 

Und in das Rascheln mischen sich Quäklaute, wie sie sie noch nie zuvor gehört hat. 

Lea tritt näher. Tatsächlich: Da ist irgendwelches Viehzeug miteinander zugange. Lea schaut genauer hin. Es sind zwei. Biber oder so etwas in der Art. Ein großer und ein kleiner. Und die tun was?

Richtig. Besser, Hoffmann sieht das nicht. Es könnte nur unnötig seine Libido stimulieren.

Dummerweise ist auch Hoffmann bereits aufmerksam geworden und neben Lea getreten. Eine Weile schauen sie dem Treiben gemeinsam zu. Was sich für Lea unangenehm anfühlt, Hoffmann aber zu genießen scheint. Als bringe ihn diese gemeinsame Beobachtung seiner Chefin menschlich ein Stück näher.

„Das sind Bisamratten“, erklärt Hoffmann, der in der Naturkunde offenbar recht bewandert ist.

„Ist das normal, dass das Männchen so viel größer ist?“, fragt Lea.

„Nicht unbedingt. Ich nehme an, dass das Männchen zu den wenigen Exemplaren gehört, die ein drittes Lebensjahr erreichen. Die meisten werden nämlich nicht älter als ein Jahr. Und älter wird das Weibchen auch nicht sein.“

Irgendwann bemerkt der Bisam die beiden Beobachter. Er schaut zu ihnen, ohne in seinem Tun nachzulassen, und scheint so etwas zu denken wie „scheiß Spanner“.

 + + +

Und jetzt?

Nellessen wäscht sich die Hände in der Spüle dieser mickrigen Küchenzeile, in der er sich seit Wochen Ravioli kocht. Oder mexikanische Feuertöpfe, Festtagsgulasch, serbische Bohnensuppe und was es sonst noch alles in Dosen gibt. Morgens brät er sich Eier mit Speck. Am Anfang schmeckten die noch nach Abenteuerurlaub, wie alles in dieser Hütte. Da war’s auch noch lustig.

Direkt am ersten Freitag waren die Jungs angerauscht gekommen. Rolli hatte die rote Zora hinten aufsitzen. Nette Geste. Nellessen hat es ihr von hinten besorgt, während sie sich an der Spüle aufstützte. Die Jungs saßen am Tisch, ließen das Dosenbier zischen und feuerten ihn an. 

Nellessen genoss den Abend in vollen Zügen, aber schon am nächsten Morgen musste er den Jungs sagen: „Hört mal, das geht nicht, dass ihr mitten in der Nacht durch den Wald geknattert kommt, um mir was zum Knattern vorbeizubringen.“ Ja, doch, auch wegen solcher Kalauer lieben sie ihn. „Aber der Krach, den ihr macht, schreckt nicht nur Rehkitze und Waldgeister auf, sondern, wenn’s dumm läuft, auch die Bullen.“

„Wieso sollten sich Bullen in den Wald verirren?“, maulten die Jungs, aber Nellessen blieb stur: „War gut gemeint, aber das könnt ihr nicht mehr machen. Wir können kein Risiko eingehen. Ich bin schließlich nicht untergetaucht, weil ich falsch geparkt hab.“

Immerhin hatten die Jungs ihre Handys zu Hause gelassen. Ein bisschen was hat er ihnen also doch schon beibringen können. Wär ja auch noch schöner. Da bauen die Engel dieses wunderschöne Hexenhäuschen in den Wald, um ein Plätzchen zu haben, an dem sie niemand findet und nie jemand vorbeikommt außer ein paar Hirschkühen und dem Oberförster, der aber ordentlich Bimbes dafür eingesackt hat, dass er das Häuschen nicht bemerkt. Doch dann orten die Bullen diese kleine Zuflucht, weil irgendein Hirni sich sein scheiß Handy nicht aus der Kutte zieht, bevor er hierher düst … 

So weit käm’s noch. Aber echt.

Seit Seit er die Jungs auf diese Weise angemacht hat, hat Nellessen niemanden mehr Gesicht zu bekommen. Auf Schusters Rappen hat ihn keiner der Jungs besuchen wollen, ohne Ofen unterm Arsch bewegen sie sich einfach nicht, die faulen Säcke. Der Nuttendieselduft der roten Zora hat sich ebenfalls längst verflüchtigt. Mittlerweile sehnt Nellessen sich sogar nach ihrem süßlichen Gestank zurück. Der Geruch dieses klammen Blockhüttenholzes, der ihm rund um die Uhr die Nase penetriert, macht ihn langsam wahnsinnig. Selbst der Bacon, den er sich jeden Morgen zu seinen Spiegeleiern brutzelt, vermag da nur für ein paar Minuten gegen anzustinken.

Doch auch abgesehen vom Geruch ist dieses ewige Alleinsein einfach nur scheiße. Ein, zwei Mal schon ist er über seine eigene Stimme erschrocken, weil er plötzlich angefangen hatte, mit sich selbst zu labern, ohne es zu merken. Vor allem die Nächte sind schlimm. So ein Waldmenschendasein lässt sich tagsüber leichter ertragen, da kann er Holz hacken, an seinem Ofen rumschrauben oder sonst was tun. Er hat sogar schon angefangen, ein bisschen zu schreinern, wie abgefuckte Wirtschaftsbosse es tun, die wegen Burnout krankgeschrieben sind und nach einer Zerstreuung suchen, die sich nicht schwul anfühlt.

Holz ist ja genug da, ein bisschen Werkzeug liegt hier auch rum, also fing er mit einem Stuhl an, die Ansätze sahen auch gar nicht schlecht aus, aber irgendwann feuerte er das Teil in eine Ecke. Ist einfach nicht sein Ding, dieser Kreativscheiß, dieses Etwas-erschaffen-wollen-Gedöns. Nellessen ist eine Kreatur der Nacht, sein Ding sind Muschis und Maschinen. Aber nachts lässt sich im Wald nichts anstellen. Schlafen kann er am allerwenigsten und sich allein zuzudröhnen, macht einen auf Dauer erst recht fertig. Also schleicht er nachts einfach rum. Am Anfang nur, um zu sehen, ob’s ihn gruselt, wenn er im Dunkeln allein zwischen den Bäumen herumlatscht, so, wie er sich als Kind gefürchtet hat, wenn das Licht ausging. Aber das ist vorbei, er fühlt nichts, gar nichts, wenn da irgendwo ein Käuzchen schreit oder im Unterholz was raschelt, von dem er nicht weiß, was es ist. Wird schon nichts sein, wovor er sich fürchten muss. Überhaupt ist er gewohnt, dass sich umgekehrt alle vor ihm fürchten, wer also soll ihn noch das Fürchten lehren?

Von daher war er im ersten Moment fast freudig erregt, als er den alten Sack da stöhnen hörte, zitternd und zusammengekauert im Dreck. Als er ihn aufhob und zur Hütte trug, hat er keine Sekunde daran gedacht, dass er damit ein gutes Werk tat, weil er einem Mitmenschen das Leben rettete oder so. Er tat es einfach nur, weil der aufziehende Tag nun mehr Abwechslung bringen würden als die hundert anderen davor.

Du gottverdammter Idiot. Was hast du dir dabei nur gedacht? 

Gar nichts. Das ist ja dein Problem. Erst jetzt, wo du an der Spüle stehst und dir die Hände wäschst wie der Typ aus dem Neuen Testament, wird dir klar, was du dir da eingebrockt hast.

Der Alte frisst noch immer, ist aber völlig gaga. Nellessen hat ihn zu seiner Hütte geschleppt, an den Tisch gesetzt, festgestellt, dass er nur Scheiße brabbelt – er redet ihn mit Hristov an, wer zum Teufel ist das? – und ihm schließlich ein paar Rühreier gemacht. Damit er das Maul hält, und auch in der Hoffnung, dass der Alte dadurch ein wenig zur Besinnung kommt und vielleicht mal etwas von sich gibt, mit dem man was anfangen kann. Doch er frisst nur. Jetzt gerade ein paar Rollmöpse aus dem Glas, das Nellessen ihm zuletzt hingestellt hat.

Ein paar Stunden später kam dieser Dicke schreiend durch den Wald gerannt, „Anton, Anton, Anton“. War ja wohl klar, wen der suchte. Aber was hätte Nellessen nun tun sollen? Warten, bis der Dicke mit seinem Geschrei die Bullen, die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk und die GSG 9 alarmiert hatte?

Also hat er Familie Gaga wieder zusammengeführt. 

Denn der Alte, so viel hat Nellessen mittlerweile mitbekommen, ist der Schwiegervater des Dicken. Und der versucht sich nun auf Teufel komm raus bei ihm einzuschleimen, hat gleich drei Büchsen Bier aus seinem Rucksack ausgepackt und auf den Tisch gestellt, damit man auf ihn, „den Lebensretter“, anstoße, und ihm eine dicke Wurst rübergeschoben, zum Ausgleich für die bereits weggefressenen Vorräte, und natürlich wollte der Dicke auch darüber hinaus dafür aufkommen.

Herrgottnochmal.

Wenigstens der Champ hält sein Maul. Der findet es einfach nur puppenlustig, was ihm da widerfahren ist. Schlappt mit seinem Kumpel ahnungslos im Wald herum und trifft wen – den Nucky! Ei, leck mich doch am Arsch, darauf trinken wir erst mal einen … Und schon nuckelt der Champ an einer Büchse Bier. Und röhrt mehr, als er lacht, wenn Nucky ihm zuprostet. Hat schon ein beneidenswertes Gemüt, der Champ.

Könnte er zwei und zwei zusammenzählen, wüsste er, wie sehr sein Kumpel Nucky nun in der Scheiße steckt.

Dabei kennt der Champ sich doch aus. Nellessen hatte ihn in der Szene eine Zeitlang als Bouncer beschäftigt und immer gern mit ihm zu tun gehabt. Guter Mann eigentlich. Und bestimmt hat der Champ längst gehört, was gerade los ist. Nellessen hat vorhin auch beobachtet, wie er dem Dicken was zuflüsterte, nachdem der ihn offenbar um Aufklärung gebeten hatte.

Da hat der Champ ihm garantiert gesteckt, wer ihr Gastgeber ist, Vize des örtlichen Engel-Chapters und so, und dass der seit ein paar Wochen auf Tauchstation ist, seit die Bullen einen Gesetzlosen aus dem Straßengraben gefischt haben, der ein paar Mal zu oft in ein Butterflymesser gerannt ist. Und der daran im Übrigen selbst schuld war, aber wen interessiert das schon. Gelernter Imbissbudenbetreiber, der zu weit nach oben wollte, wie der Typ mit den Flügeln aus Wachs, der der Sonne zu nah kam. Hat sich fürs falsche Konzept entschieden. Zieht sich eine Kutte an, und dann auch noch eine vom falschen Klub, und denkt, er kann sich mit der mickrigen Power, die die Gesetzlosen in der Region aufbieten, ins Muschigeschäft drängen. Kein Wunder, dass da der Stahl blitzte. Dass dieser erbärmliche Imbissbudenbetreiber draufgeht, war allerdings keine Absicht. Nellessen wollte eigentlich nur … Aber egal. Interessiert sowieso keinen.

Und nun haben der Dicke und der Champ den zur Fahndung ausgeschriebenen Nucky Nellessen einfach so im Wald getroffen, als sie nach dem bescheuerten alten Sack gesucht haben, der ihnen entsprungen war. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht, so bescheuert sind die. Doch der Champ ist selig. Als hätte er zufällig gerade seinen alten Religionslehrer im Puff wiedergetroffen.

Das heißt aber auch, dass der Dicke nun Bescheid weiß. Und sich vielleicht eher ausmalen kann als der Champ, in was für einer Scheiße Nellessen nun steckt. 

Und nun?

Am besten, du gehst jetzt in den Schuppen, holst die Axt und hackst den Dicken und den Alten in Stücke, so groß, dass sie sich gut davontragen und im Wald verbuddeln lassen. Der Champ kann dir dabei helfen. Mit dem trinkst du hinterher ein paar Bier, bis er den Schock verdaut und du ihm erklärt hast, dass du keine andere Wahl hattest. Der Champ ist ein guter Junge, der versteht das. Er braucht dazu nur ein wenig länger als andere, dafür aber hat er ein sonniges Gemüt.

Alternativen?

Gibt’s nicht. Mach dir nichts vor.

Aber vielleicht sollte er noch einen Moment warten. Wenn er jetzt, nachdem er sich so lange sinnierend die Hände gewaschen hat, in den Schuppen nebenan geht, schwant dem Dicken vielleicht was und er türmt. Besser, du setzt dich noch mal kurz zu ihm und wiegst ihn ein wenig in Sicherheit.

Nellessen trocknet sich die Hände und muss noch einmal an den Typ aus dem Neuen Testament denken, der sich so lange die Hände gewaschen hat. Nachdem er den Heiland zum Tode verurteilt hat. Was für eine Symbolik. Große Gesten, ja, Nellessen, die hast du drauf, bist nicht umsonst Vize bei den Engeln.

Er setzt sich zu den anderen an den robusten Kieferntisch. Wie hat ihn diese Hillbilly-Atmo angetörnt, als er hier eingezogen ist. Und wie sehr hasst er sie jetzt, nach nicht einmal vier Wochen.

Er prostet dem Champ zu und nimmt einen kräftigen Schluck Büchsenbier. Der Dicke hält sich zurück, und dem Alten haben sie keins gegeben. Der fischt sich lieber noch einen Rollmops aus dem Glas.

„Mein Gott, du hast aber einen Appetit“, schmunzelt Nellessen und denkt: Friss nur, ist schon in Ordnung, ist schließlich deine Henkersmahlzeit.

„Manchmal hat der so Tage, da würde er fressen, bis er platzt, wenn man’s ihm nicht wegnimmt“, mischt der Dicke sich ein, der anscheinend danach lechzt, mit Nellessen ein bisschen Small Talk zu machen. Wahrscheinlich fühlt er sich dann sicherer.

Nellessen nickt verständnisvoll, ohne dass er selbst weiß, warum eigentlich.

„Grizzly Adams“, prustet der Champ, vollkommen überwältigt von dem Vergleich, der ihm da eingefallen. „Du machst jetzt auf Grizzly Adams.“

Nellessen grinst. In der Tat: Das kommt hin. An den Typen kann Nellessen sich sogar noch erinnern, der lief zu der Zeit in der Glotze, als er noch fernsah. Als er noch am Heranwachsen war in dem Elternhaus, das seine Biographen, die irgendwann einmal seine kriminelle Karriere nachzeichnen, als „gutbürgerlich“ bezeichnen werden. Und dann werden sie sich in verblasenen Theorien darüber ergehen, wie er „auf die schiefe Bahn“ geraten konnte. Mein Gott, er hat halt früh entdeckt, dass er auf Muschis, Moneten und Maschinen eher abfährt als auf Pay-TV und samstags Rasen mähen. Im Mittelalter sind die Zweitgeborenen entweder Ritter geworden oder ins Kloster gegangen. Er hat sich zum Kämpfer ausgebildet, auf eine Harley geschwungen und sich eine Engelskutte übergezogen, was wollt ihr, hat sich doch nichts geändert seit damals.

„Was habt ihr eigentlich nachts im Wald zu suchen?“, fragt Nellessen den Dicken. Und, ja, in dem Moment interessiert es ihn sogar tatsächlich.

„Wir sind unterwegs uff de Betze“, antwortet der Dicke.

Nellessen schaut ungläubig.

„Wir hatten gestern einen Unfall. Unser Auto ist im Arsch. Also haben wir uns zu Fuß auf den Weg gemacht. Vierzig Kilometer durch den Wald. War die beste Lösung. Wir wollen halt auf keinen Fall das Spiel verpassen.“ Der Dicke erzählt das, als wäre er stolz drauf.

Dazu fällt Nellessen nichts ein. Er vermag lediglich mit der Stirn zu runzeln.

„De Betze muss morgen gewinnen, sonst geht’s runter in die Dritte Liga. Da müssen wir dabei sein. Vor allem der Anton muss dabei sein“ – der Dicke tätschelt dem Alten die Schulter – „denn der Anton ist so eine Art Glücksbringer, wenn der uffem Betze ist, gewinnt de Betze, so war es immer und so wird es immer sein. Daher ist es unsere heilige Pflicht, den Anton uff de Betze zu bringen, egal wie.“

Doch, der Typ glaubt tatsächlich, was er sagt. Nellessen zwingt sich zu einem Nicken und einem „Hhm“, das einigermaßen anerkennend klingen soll. Es wird ihm ein Vergnügen sein, dem Dicken gleich den Schädel zu spalten.

Warte, warte, nur ein Weilchen …

De Betze. Mit dem hat Nellessen schon lange abgeschlossen. Ja, früher, in einem anderen Leben, in seinen „gutbürgerlichen“ Anfängen hat er sich auch mal daran versucht, mit dem Betze zu fiebern, aber so richtig packen wollte ihn der nie. Mittlerweile kann er sie gar nicht mehr sehen, diese Mittelstandsbubis mit ihren gegelten Haaren und ihren bunten Schuhen, die von Leidenschaft schwafeln oder davon, für ihr Team zu „brennen“, und die sich mit ihren Weiberfäustchen auf das Vereinsemblem auf der Brust klopfen, wenn sie vor der West stehen. Im nächsten Sommer ziehen sie dann für ein paar Euronen weiter, zu einem anderen Klub mit einem anderen Emblem auf der Brust. Und Typen wie dieser Dicke sind so blöd, sich von diesem faulen, hohlen Zauber anfixen zu lassen, und machen diese Luschen zu ihren Götzen, denen sie huldigen und jedes Opfer bringen, während ihre Alten ungevögelt zu Hause sitzen.

Okay, früher, ja, früher spielten auch uffem Betze mal echte Kerle, die Kontakte in die Szene pflegten. Damals war Nellessen noch überzeugt, dass de Betze gut fürs Geschäft wäre, so wie es die Politschwätzer sind, die immer davon faseln, wie wichtig de Betze für Handel, Wirtschaft und, überhaupt, die „Identität“ wäre … Alles Bullshit. Uffem Betze sind nur noch nur Luschen und Lutscher unterwegs, wie sollen die für irgendwas gut sein. Und die bescheuerten Fans, die zu jedem Grottenkick einpendeln, setzen nicht mehr um als ein bisschen Benzin und ein bisschen Bier. Wenn jemand gut war fürs Geschäft, dann die Amis, aber auch die sind weniger geworden. Muschis, Dope, Fanartikel mit Hakenkreuzen – mit den Amis war immer ins Geschäft zu kommen.

„Wenn wir’s bis zum Anpfiff noch schaffen wollen, müssen wir jetzt aber los“, schwätzt der Dicke weiter. „Ich hoffe, du verstehst das, so sehr wir dir zu Dank verpflichtet sind. Aber so langsam müsst ich mal schauen, wo wir genau sind und wie wir wieder auf unseren Weg kommen … Mal sehen, ob ich hier Empfang habe.“ Der Dicke nestelt ein Handy aus seiner Steppjacke.

Nellessen erstarrt vor Schreck.

Ein Handy. Ein gottverdammtes, scheiß Handy. Und der Dicke hat es schon die ganze Zeit in seiner beschissenen Jacke stecken.

Nellessen fühlt, wie ihm das Blut aus dem Hirn weicht. Dabei braucht er das dort doch so dringend. Denn er muss jetzt denken, denken und handeln, schnell.

„Oje. Heidrun hat heute Nacht ein Dutzend Mal versucht, mich anrufen“, schwallt der Dicke, als sei das alles Kindergeburtstag. „Das wird ein Theater geben …“

Nellessen spürt, wie sein Entsetzen langsam der Wut weicht. Einer unvorstellbaren, grenzenlosen, alles verschlingenden Wut. „Du gottverdammtes …“, stammelt er, während ihm der Kamm weiter schwillt. 

Dann klopft es an der Tür. Drei Mal.

+ + + 

Lea wartet einen Moment, dann klopft sie weitere drei Male, fester diesmal.

„Herr Schmitter? Albin Schmitter?“, ergänzt sie diesmal, laut und deutlich.

Hoffentlich kommt Hoffmann jetzt nicht auf die Idee, ihr die Klopferei abzunehmen. Weil es Dinge gibt, die einfach Männer tun müssen. Etwa gegen eine Tür donnern. Das muss sich doch unmissverständlich anhören, keinen Widerspruch duldend, autoritär. Männlich eben. Bootz hätte sie schon von vorneherein nicht klopfen lassen, sondern direkt seine eigene, harte Männerfaust benutzt. Das kann Mann doch Frau nicht machen lassen, auch wenn sie Erste Polizeihauptkommissarin ist.

Noch immer nichts. Lea klopft abermals. Wieder drei Mal.

Hoffmann tritt ans Fenster der Blockhütte. Das Glas ist schmutzig und reflektiert stark. Er muss sein Gesicht schon an die Scheibe drücken, um hineingucken zu können.

„Ich seh nichts. Aber zumindest das Handy muss da drin sein.“

„Herr Schmitter? Albin Schmitter? Hier spricht die Polizei. Öffnen Sie bitte“, ruft Lea, sehr laut diesmal.

Ob die alle auf dem Boden liegen und toter Mann spielen?

„Ich dreh mal eine Runde um die Hütte“, sagt Hoffmann und verschwindet um die Ecke.

Lea tritt zwei Schritte zurück und betrachtet sich die Blockhütte als Ganzes. Ganz schön stabiles Teil. Die Tür lässt sich bestimmt nicht so einfach eintreten. Mal ganz abgesehen davon, dass sie das gar nicht so ohne Weiteres dürfte.

Zu welchem Zweck diese Hütte wohl gebaut worden ist? So massiv, mitten im Wald?

Als sie an sich herunterblickt, entdeckt sie, dass sich ihre rechte Hand auf ihren Pistolengriff gelegt hat. Vollkommen unbewusst. Ist das nun Instinkt? Oder einfach nur dusseliges Revolvermännergehabe, das sie sich von ihren Kollegen abgeguckt hat, die einfach zu viele Western gucken?

Plötzlich fängt ein Motor an zu knattern. Auf der anderen Seite der Hütte, dort, wohin Hoffmann verschwunden ist. Es ist ein irgendwie vertrautes Motorengeräusch …

Ein exklusiver Rasenmäher?

Nein. Eine Harley.

Warum zum Teufel hört sie nichts von Hoffmann?

Lea macht sich auf den Weg um die Hütte herum. Die Hand lässt sie auf dem Pistolengriff. Ob Instinkt oder nicht, jetzt fühlt es sich gut an.

Als sie um die Ecke kommt, bleiben ihr nur Bruchteile von Sekunden, um das Bild zu erfassen, das sich bietet. An dem Schuppen, der sich an die Hütte anschließt, ist die Tür offen. Hoffmann liegt daneben, das Gesicht zum Boden. Und aus dem Schuppen heraus knattert eine Harley, darauf sitzt ein Typ, der Lea bekannt vorkommt. Ein Betze-Spieler? Eher ein Gesicht von der aktuellen Fahndungsliste.

„Stopp!“, schreit Lea intuitiv, um danach gemäß Handbuch vorzugehen.

„Stopp, oder ich schieße“, ruft sie, während sie ihre Waffe aus dem Holster zieht und sofort, in einer vorbildlich fließenden Bewegung, in Schussposition geht. Das muss doch so etwas wie Instinkt sein, denn weder hat sie diese Haltung in ihrem Polizistenleben schon einmal in einer vergleichbaren Situation eingenommen noch hat sie diese oft geübt.

Schnell steigt in ihr die Ahnung hoch, dass dieser Typ ihre Warnung ignorieren wird. Er fährt einfach weiter, auf den Waldrand zu, den Pfad, der vor der Blockhütte entlangführt, steuert er erst gar nicht an, offenbar will er sich mit einem Slalom durch die Bäume verabschieden. 

Lea bleiben nur wenige Lidschläge lang Zeit, sich zu entscheiden: Entweder zu tun, was sie angekündigt hat. Oder mit dem Gefühl zurückzubleiben, eine leere Drohung ausgestoßen zu haben.

Was ihrem Standing gar nicht guttun wird, wenn die Kollegen das später in ihrem Bericht lesen. Erst recht, wenn sich herausstellt, dass dieses Schwein Hoffmann den Schädel eingeschlagen hat. Und sie ist dann diejenige, die dieses Schwein hat entkommen lassen. Sie, die Madame, das Weibsstück. Das kommt davon, wenn man Büchsen Knarren in die Hand drückt und sie dann nicht Manns genug sind, sie zu benutzen, wenn der rechte Moment gekommen ist. Das werden sie sagen.

Also, worauf wartest du noch?

Lea entsichert mit dem Daumen ihre Pistole und schießt. 

Schrecklich, dieser Knall. Ohrenbetäubend, im wahrsten Sinne des Wortes. Klingt völlig anders als auf dem Schießstand, und vollkommen anders, als man es sich vorgestellt hat. Lauter, viel lauter.

Der Typ auf der Harley bäumt sich auf, reißt die Hände in die Höhe. Die Maschine rollt noch ein paar Meter geradeaus, knallt gegen eine Kiefer und kippt zur Seite. Dabei begräbt sie das rechte Bein des Fahrers unter sich. Der bleibt regungslos auf dem Waldboden liegen. Kein Schrei, kein Stöhnen, nichts.

Leas erster Impuls ist, nach ihrem Kollegen zu schauen. Den aber unterdrückt sie.

Du hast dich bist jetzt verhalten wie ein Profi, das wirst du jetzt auch weiter tun. Du überzeugst dich erst, dass dieser Straftäter flucht- und kampfunfähig ist.

(Fortsetzung folgt.)

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