„Der Fußball wird mich mein Leben lang nicht mehr loslassen“ – Im Gespräch mit Daniel Halfar

Nach dem Abstieg des 1. FC Kaiserslautern in die Dritte Liga verließen im Sommer 2018 etliche Spieler den Betzenberg – die meisten heimlich, still und leise, den viel zu sagen gab es nicht mehr nach der deprimierendsten Saison der Vereinsgeschichte. Nur nach einem gab es immer wieder besorgte Nachfragen: Daniel Halfar, geboren in Mannheim, seit der E-Jugend für den 1. FC Kaiserslautern aktiv, nach Wanderjahren in Bielefeld, München und Köln 2015  wieder an den Betzenberg zurückgekehrt, 2016 von den Lesern der „Rheinpfalz“ zum FCK-Spieler der Saison gekürt – auch er war einfach so verschwunden, nachdem er im Abstiegskampf verletzt ausgefallen war und es mit ihm anscheinend gar nicht erst zu Gesprächen über eine Weiterbeschäftigung über den Sommer hinaus gekommen war. Mittlerweile ist der 30-jährige in Westfalen wieder aufgetaucht, als Trainer des Bezirksligisten FC Rot-Weiß Kirchlengern. Wie geht’s ihm heute? Wie hat er seinen Abschied aus Kaiserslautern erlebt? Wie sind seine Zukunftspläne? In unserem Gespräch gibt er ausführlich Auskunft.

Der Trainerjob scheint dir wirklich zu liegen, Daniel. Mit dem FC Rot-Weiß Kirchlengern hast du gerade den sechsten Sieg in Folge gelandet. Glückwunsch…

Danke. Ja, es ist eine tolle Erfahrung, mal auf der anderen Seite der Seitenlinie zu stehen und seine Fußballphilosophie zu vermitteln. Die Jungs ziehen einfach super mit. So macht es Spaß zu arbeiten.

Wo setzt man denn an, wenn man als ehemaliger Bundesligafußballer jetzt Bezirksliga-Kicker coacht? Konditionell oder technisch-taktisch?

Ach, das spielt doch gar keine so große Rolle, in welcher Liga du spielst. Fußballer ticken irgendwo alle gleich. Ein paar von meinen Jungs sind auch älter als ich, aber das interessiert uns ebenso wenig. Beim Training kommt es auf den Mix an. Wir sehen uns ja nur zwei, drei Mal in der Woche, da muss ich reinpacken, was im Moment gerade wichtig ist. Ob Kraft, Kondition, Technik und Taktik – gehört alles dazu, es muss halt entsprechend kurz und knackig gehalten werden.

Und selbst? Juckt´s nicht in die Füßen, wenn du deine Jungs über den Platz fegen siehst?

Und ob. Es juckt unentwegt. Das ist schon eine ungewohnte Situation, wenn du nicht mehr selbst mitmachen kannst. Umso dankbarer bin ich für die Chance, dem Fußball als Trainer treu zu bleiben. Der Fußball wird mich mein Leben lang nicht mehr loslassen, und das ist gut so.

Ob du selbst wenigstens noch mal im Amateurbereich mitkicken kannst, steht zurzeit noch in den Sternen… Kannst du dich mit deiner lädierten Hüfte wenigstens einigermaßen normal bewegen?

Na ja, der Körper gewöhnt sich ja auch an Schmerzen. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich die Hüfte nicht spüre, aber damit habe ich mich arrangiert. Das musste ich aber auch schon in meinen letzten Monaten als aktive Profi. Und im Vergleich zu der Zeit damals sind die Schmerzen heute leicht zu ertragen. Damals konnte ich nur noch mit Schmerzmitteln und Spritzen spielen.

Ging es dir denn heute besser, wenn du dich damals hättest fitspritzen lassen, sondern lieber gleich aufgehört hättest?

Nein. Und du kannst mir glauben: Gerade diesen Punkt habe ich sehr oft hintergefragt. Als Spieler willst du halt immer spielen, willst der Mannschaft helfen, da bist du froh, wenn der Doc dir grünes Licht gibt, und sei es nur mit Schmerzmitteln und Spritzen. Irgendwann war ja auch klar, dass ich überhaupt nur noch mit Schmerzen und den entsprechenden Mitteln dagegen spielen konnte. Ab da ging es nur darum, das Bestmögliche aus meinem Körper herauszuholen. Aber wenn du irgendwann nicht mal mehr zuhause mit deinem Jungen spielen kannst, dann weißt du: Jetzt ist es genug.

Du bist in deiner Karriere immer wieder von Verletzungen heimgesucht worden. Ließen die sich auf eine einzige Ursache zurückführen?

Nein. Das waren immer unterschiedliche Verletzungen. Da waren ja auch nie wirklich schlimme Dinge dabei, sie waren nur immer schrecklich kompliziert und nie konnte mir jemand exakt sagen, wie lange ich ausfalle. Erst hatte ich eine langwierige Schambeinentzündung, dann Probleme mit dem Rücken, bei denen es ewig dauerte, bis sie richtig diagnostiziert wurden. Und dann kam die Sache mit der Hüfte. Manchmal habe ich gedacht, warum hast du dir hast du dir nicht einfach mal den Arm brechen können? Da wärst du viel besser dran gewesen: Da hättest du gewusst, das dauert sechs bis acht Wochen, aber dann ist alles gut.

Gibt’s irgendwas in deiner Karriere, was du heute anders machen würdest?

Eigentlich nicht. Natürlich kann man ihm Nachhinein immer ins Grübeln kommen, ob ich den ein oder anderen Wechsel eher früher oder eher später hätte machen sollen, aber das ist doch müßig. Wenn mir im Alter von 17 Jahren jemand 13 Jahre als Fußballprofi angeboten hätte, ich hätt blind unterschrieben. Ich hab immer für Traditionsvereine gespielt, und wenn ich mal längere Zeit verletzungsfrei war, wie bei 1860 München oder beim FC Köln, lief es ja auch gut bei mir. In Kaiserslautern war das erste Jahr ja auch okay, doch dann hat es leider mit der Hüfte angefangen.

Ich habe mal gelesen, dass sich nach deinem Abschied vom 1. FC Köln der damalige Kölner Trainer Peter Stöger per SMS bei dir gemeldet hätte, dir alles Gute wünschte und erklärte, es stecke viel mehr in dir, als er aus dir rausholte, und dass er das sehr bedauere… Tolle Geste, wie sie im Profigeschäft heute wohl nur noch selten vorkommt. Stimmt die Geschichte denn?

Ja, absolut. Die Episode zeigt, was für ein super Verhältnis wir Spieler damals zu Peter Stöger und seinem Trainerteam hatten. Wir waren damals in die Bundesliga aufgestiegen, um im ersten Jahr stellte Peter Stöger verständlicher Weise defensiver auf als in der Zweitligasaison zuvor, da war für einen Spielertyp, wie ich es bin, oft kein Platz in der Startelf. Das hat er wohl mit der SMS zum Ausdruck bringen wollen. Peter Stöger ist ein Riesentyp, ich freu mich immer, wenn ich von ihm höre.

Und wie ist dein Abschied in Kaiserslautern im vergangenen Sommer ausgefallen? Bis du im Groll gegangen?

Nein, überhaupt nicht. Die Situation damals war sehr schwierig, für mich und den Verein. Der Verein steckte im Abstiegskampf, hatte keinerlei Planungssicherheit, wie es ab Sommer weitergehen sollte. Und ich hatte diese ebenso wenig. Ich wusste nur, dass ich nicht mehr spielen, nicht mehr helfen konnte. Daher hab ich mich zu diesem Schritt entschlossen: erst mal Trainer werden, dann weitersehen. Ich bin dem FCK aber weiter sehr fest und tief verbunden, telefoniere auch oft mit dem ein oder anderen.

Du hast dir bei diesem Schritt aber auch gleich einen neuen Lebensmittelpunkt gesucht, in Ostwestfalen. Ganz schön weit weg von der Pfalz…

Meine Frau kommt aus Herford, wir haben uns damals in meiner Zeit bei Arminia Bielefeld kennengelernt. Ich komme aus Mannheim, habe auch nach wie vor einen Kontakt zu meiner Familie, wir besuchen uns regelmäßig. Aber nach dem Leben als Fußballprofi mit seinen vielen Wohnsitzwechseln habe ich eigentlich gar nicht so das Gefühl, an einen ganz bestimmten Ort gehören zu müssen. Daher haben wir uns entschlossen, in die Heimat meiner Frau zu ziehen.

Wär es nicht auch Möglichkeit gewesen, deine Trainerkarriere im Lautrer Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) suchen?

Das wollte ich ganz bewusst nicht. Ich wollte zurück den Wurzeln, zu den Basics. In einem NLZ wird dir heute doch vieles in den Schoss gelegt. Wir haben hier zum Trainieren manchmal nur einen halben Platz zur Verfügung, manchmal fehlt es an Ausrüstung und manchmal haben meine Jungs Probleme, ihre Arbeitszeiten mit unseren Trainingszeiten unter einen Hut zu bringen. Ganz normaler Bezirksliga-Alltag eben. Aber genau den hab ich gesucht.

Abgesehen von deiner Verletzung: Ich habe unlängst mit Lauterns Sportdirektor Boris Notzon gesprochen, der hat mir erzählt, dass dir auch die vielen Personalwechsel in Lautern zu schaffen machten…

Absolut. Und ich bin halt auch einer, der dazu immer ehrlich seine Meinung gesagt hat. Wie viele Trainer, Sportdirektoren und Funktionäre ich in den letzten drei Jahren beim FCK erlebt habe, so viele lernen andere Profis in ihrer gesamten Karriere nicht kennen. Jeden Sommer musste ich mich in der Kabine etwa 15 neuen Mitspielern vorstellen. Und jeder Trainer war ein anderer Typ, hatte eine andere Philosophie, so dass wir uns in dieser Zeit auf gefühlt zehn Systemwechsel einstellen mussten. So bringst du keine Kontinuität in einen Verein. Man hat ja bei anderen Klubs gesehen, die sich pro Saison nur auf drei, vier Positionen veränderten, wie schnell die einen Riesenvorsprung vor uns hatten.

Und wie soll deine Trainerkarriere jetzt weitergehen?

Die DFB-Elite-Jugend-Lizenz habe ich, als nächstes ist der A-Schein dran, dazu brauche ich ein praktisches Jahr als Trainer, das absolviere ich gerade. Dann muss man weitersehen. Die Fußballlehrer-Lizenz würde mich selbstverständlich reizen, aber da müsste ich die Perspektive haben, bei einem Profiklub mindestens im NLZ beginnen zu können. Doch wenn sich was ergibt, was passt, warum nicht?

Wie sehr vermisst dein Sohn Louis den Betzenberg? Sein Auftritt nach dem Nürnberg-Spiel im Mai 2017 vor der West ist unvergessen…

Ihm auch, das kannst du mir glauben… Er vermisst die Zeit, in der mit Mama auf der Tribüne saß und der Papa auf dem Platz stand, natürlich sehr. Danach ging es ja meistens noch in die Kabine, zu den anderen Spielern, die er auch alle kannte… Er ist halt fußballverrückt, genau wie ich, und er kickt auch schon selbst, ebenfalls in Kirchlengern. Die Position spielt im Alter von acht Jahren noch nicht so die Rolle, aber ich würde schon sagen, dass er sich tendenziell zum Achter oder Zehner entwickelt, ganz der Papa eben. Wir spielen auch auf der Playstation Fußball und gucken die FCK-Spiele im Fernsehen. Aber er fragt schon: Wann fahren wieder mal auf den Betze? Mal sehen. Ich denke, auch das  wird bald mal wieder klappen.

Foto: 1. FC Kaiserslautern