Block 4.2 – Der Roman, Kapitel VI

De Betze spielt – und es geht um alles, wieder einmal. Doch Albin ist sicher: Alles wird gut, wenn sein Schwiegervater Anton mit von der Partie ist, denn mit ihm in Block 4.2 hat de Betze noch jedes wichtige Spiel gewonnen. In der Nacht vor dem Spiel baut Albin mit seinem Kleinbus jedoch einen Unfall. Albin versucht, den Betze mit seinen Gefährten zu Fuß zu erreichen. Das bedeutet: Vierzig Kilometer durch den Wald, und das durch die Nacht. Leider jedoch heftet sich auch die Polizistin Lea an die Fersen, die sich mit Albins Frau Heidrun verbündet hat. Als Albin und seine Gefährten in einer Blockhütte bei einem polizeilich gesuchten Motorradklubfunktionär Unterschlupf finden, führen sie die Gesetzeshüterin ungewollt zu dessen Versteck. Dieser versucht zu flüchten und wird von Lea niedergeschossen.

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Kapitel VI

Dusek

 

Was immer da gerade geschehen ist, es geht dich nichts an. Hat nichts mit dir zu tun. Mit dir nicht, mit Anton nicht, mit dem Champ vielleicht in gewisser Weise, aber egal. Du bist da in eine ganz andere Geschichte hineingeraten, wirst da aber nur eine Randfigur bleiben, wenn du es jetzt richtig anstellst, sogar nicht einmal das. Du hast eine Rolle in einem ganz anderen Film zu spielen, einem ungleich größeren, wichtigeren, epochalen. Und darin spielst du sogar eine Hauptrolle.

Den Mann mit dem Plan. Den, den nichts und niemand daran hindern kann, seine Mission zu erfüllen. Die Mission seines Lebens.

„Runter“, hat Nellessen nur gezischt, als es an der Tür klopfte. Ein Zischen, das keinen Widerspruch duldete. Selbst Anton ließ sich daraufhin anstandslos unter den Tisch gleiten, ohne dass Albin ihn hätte zerren müssen.

Sie pressten ihre Gesichter auf die Dielen, so fest, dass Albin fürchtete, gleich niesen zu müssen, weil ihm der Holzgeruch die Nasenschleimhäute kitzelte. Eine Vorstellung, die ihn geradezu panisch machte, weil er sie damit verraten hätte. Und das hätte seinen Gastgeber wohl so wütend gemacht, dass Albins Überlebenschancen auf null gesunken wären. 

Vielleicht klopfte da ja nur ein harmloser Wanderer, der nach dem Weg fragen wollte, vielleicht war Nellessen nur übervorsichtig. Oder ein Vertrauter Nellessens, einer von seiner Gang, kam unangemeldet, um ihm Vorräte zu bringen …

Es klopfte ein zweites Mal. „Herr Schmitter? Albin Schmitter?“

Albin schloss die Augen. Das durfte doch nicht wahr sein. Sein Name war gefallen. Das heißt, wer immer da draußen war, war wegen ihm hier. Seiner Spur gefolgt, irgendwie, wie auch immer: Er, Albin, hatte diesen Besucher hierher geführt. Das würde Nellessen gar nicht gefallen. Wieder einer mehr, der sein Versteck kannte. Und vielleicht standen ja noch mehr Leute draußen …

„Herr Schmitter? Albin Schmitter? Hier spricht die Polizei. Öffnen Sie bitte.“

O Gott. Die Bullen. 

Das war sein Untergang. Sein Ende. Nellessen würde ihn umbringen, bevor die Bullen ihn schnappten. Ihn erwürgen oder so. Oder ihm das Brotmesser in den Bauch rammen, das über ihnen auf dem Tisch lag. Oder ihn am Kopf packen und ihm mit einem Ruck das Genick brechen, wie man das immer in Filmen sah, so einer wie Nellessen kannte diesen Griff bestimmt.

Albin spürte den Blick, den Nellessen bereits auf ihn gerichtet haben musste. Schreckensweit, blutunterlaufen, voller Hass. Nach Blut schreiend. Albin krümmte sich zusammen, begann zu zittern.

Als Nächstes waren Schleifgeräusche zu hören. Nellessen bewegte sich offenbar. Kriechend, damit ihn niemand durchs Fenster entdecken konnte. Zuerst glaubte Albin, Nellessen krieche auf ihn zu, um mit ihm abzurechnen, bevor die Tür eingetreten wurde. Dann aber registrierte er, dass Nellessen von ihnen wegkroch. In den hinteren Teil des Raumes. Vielleicht war da etwas deponiert, mit dem er sich bewaffnen könnte. Eine Axt. Oder eine Schusswaffe. Albin wagte nicht aufzuschauen.

Dann knarrte es aus Nellessens Richtung. Da war also eine Tür. Zu einem Nebenraum vermutlich, einer Speisekammer oder einem Geräteschuppen. Die nächsten Geräusche: Rumpeln und Rascheln, das Knarren einer weiteren Tür, bestimmt einer, die nach draußen führte. Nellessen versuchte also zur Tür zu kommen. Und wollte sie wohl einfach so zurücklassen, ohne sie zu töten. 

Uff.

Wenn Albin doch nur den Mut gefunden hätte, sich aus seiner Embryohaltung zu lösen, den Kopf zu heben, mal zu schauen, dann hätte er wahrscheinlich genau Bescheid gewusst. Aber er verließ sich lieber weiter auf seine Ohren. Und selbst die hätte er sich am liebsten zugehalten. Und zu wem auch immer gebetet, damit er ihn endlich aufwachen ließ aus diesem Alptraum.

Ein Motor begann zu tuckern. Klang wie ein Rasenmäher. Rasenmäher? I wo. Nellessen ist doch Biker. Er hat da nebenan einen Ofen stehen. Und will jetzt türmen. Sehr vernünftig. Bedeutet es doch: Albin wird weiterleben.

Der Motor begann höher zu drehen, dann rollte die Maschine los, es war deutlich zu hören. Bewegte sich längs an der Blockhütte vorbei. Nellessens Flucht schien zu glücken, und mit etwas Glück stürmten die Bullen nun hinter ihm her, vergaßen Albin, Anton und den Champ einfach. Und dann hatten sie wieder eine Chance, um vierzehn Uhr in Block 4.2. zu sitzen.

Ja, ja, ja – Gib Gas, Nucky!

Ein lauter Knall.

Albin kannte Pistolenschüsse bis dato nur aus dem Fernsehen, aber es war ihm sofort klar, es konnte gar nicht anders sein: Das war einer. 

Die Bullen hatten auf Nellessen geschossen.

Direkt danach verstummte das Motorengeräusch. 

Sie hatten ihn erwischt.

Danach nichts mehr. Nichts mehr, was sich akustisch verarbeiten ließ.

Und jetzt?

Was immer da draußen geschehen ist: Es geht dich nichts an. Hat nichts mit dir zu tun. Mit dir nicht, mit Anton nicht, mit dem Champ vielleicht in gewisser Weise. Deine Mission ist eine andere, die hast du zu erfüllen und keine andere. Du hast Anton uff de Betze zu bringen, damit de Betze heute gewinnt. Und de Betze muss heute gewinnen, damit er nicht untergeht. Also kümmere dich da drum und um sonst nichts. 

Mach einmal im Leben was richtig.

Albin rollt sich auf den Bauch, schiebt die Hände darunter und drückt sich in die Höhe. Sein Körper sträubt sich, will in der Embryonalhaltung weiter verharren, egal wie sehr er sich dabei verkrampft, alles ist besser, als sich zu öffnen und sich der Welt zu stellen …

Jetzt reiß dich endlich mal zusammen. Man kann mal schlecht spielen, aber nie schlecht kämpfen. Zeit, dass sich dein Geist mal gegen deinen Körper durchsetzt.

Geschafft.

Er steht auf zwei Beinen. Läuft zum Fenster. Die Knie schlottern zwar, aber er schafft es bis dorthin.

Am Waldrand draußen steht ein Bulle und beugt sich über den losen Körper eines großen, massigen Typen. Ein Teil von ihm ist unter seinem Motorrad begraben.

Sie haben ihn abgeknallt. Die Bullen haben Nellessen einfach abgeknallt.

Albin sieht genauer hin: Es ist sogar ein Bullenweibchen, das sich jetzt aufrichtet und das Funkgerät bedient, das ihm am linken Schlüsselbein klebt.

Und nun?

Denk nach, Albin. Das hier geht dich alles gar nichts an. Bleib fokussiert, würde die heutige Trainergeneration sagen. Fokussiert. So ein Wort hat Kalli nie benutzt. Der Man-kann-mal-schlecht-spielen-aber-nie-schlecht-kämpfen-Kalli. „Konzentriert“ vielleicht. Oder fixiert. Aufs Ziel fixiert.

Genau. So musst du sein, wenn du gewinnen willst: aufs Ziel fixiert. Sonst auf nichts.

Und heute musst du gewinnen. Anton muss gewinnen. De Betze muss gewinnen.

Also raus hier.

Du hast nicht viel Ahnung von Bullen, von Bullenweibchen noch viel weniger. Aber eins ist klar. Einen Engel abzuknallen, ist bestimmt nicht ihr Tagesgeschäft. Auch nicht, wenn es sonst nichts anderes zu tun gibt als hinter Engeln herzuhecheln, die wegen Mordes gesucht werden. Oder wegen Totschlags. Oder was auch immer Nellessen eigentlich angestellt hat. Einen Engel abzuknallen, bleibt einer Polizistin nicht in ihrer akkurat gebügelten Uniformbluse hängen. Das muss sie erst einmal verarbeiten. Sich selbst, aber auch ihren Vorgesetzten erklären, ob es wirklich notwendig war, was sie da getan hat, zum berühmten letzten Mittel gegriffen zu haben. Das heißt, für sie gibt es jetzt erst einmal einen Haufen Papierkram zu erledigen.

Zuerst muss sie jetzt einen Notarzt rufen. Und die Spurensicherung, wie man das halt immer so sieht in den Krimis. Und den Gerichtsmediziner vielleicht. Oder den Leichenbestatter. Und weiß Gott wen sonst noch.

Das heißt: Was immer da draußen gerade vorgegangen ist, für euch wird das Bullenweibchen jetzt ganz bestimmt keinen Nerv haben. Auch wenn sie offenbar hinter euch her war.

Nutzt also die Zeit, um abzuhauen.

+ + +

Lea befühlt Nellessens Halsschlagader. Da pulst noch was, wenn auch schwach. Ansonsten ist er ohne Bewusstsein. Die Kugel, die sie hinter ihm hergejagt hat, ist unterhalb seines linken Schulterblatts eingedrungen und auf der anderen Seite anscheinend nicht mehr ausgetreten, soweit sie das beurteilen kann. Denn ihn auf den Rücken zu drehen, ist ihr unmöglich, ebenso, ihn komplett unter seiner Harley herauszuziehen, dazu ist er einfach zu schwer. Wenigstens gelingt es ihr, Kopf und Oberkörper so zu drehen, dass er frei atmen kann. Danach geht sie zu Hoffmann, der immer noch ausgestreckt vor dem Schuppen liegt, mit dem Gesicht im Dreck. Zwei Meter entfernt von ihm liegt ein Holzscheit. Wahrscheinlich hat Nellessen damit zugeschlagen.

Hoffmann fängt sofort an zu grummeln, als sie sich zu ihm hinunterkniet, ihm die Hand auf die Schulter legt und ihn ein wenig schüttelt. Na, das hört sich doch gut an.

„Hoffmann?“

Wieder Gebrummel, etwas lauter diesmal. Anscheinend wird er langsam wach. Lea gibt ihm noch einen Moment, dann hilft sie ihm, sich aufzurichten.

„Geht’s? Wie fühlen Sie sich?“

„Mir dreht sich alles.“

„Kein Wunder.“ Lea betrachtet sich noch einmal den Holzscheit. Ganz schön massives Ding.

„Was ist passiert?“, fragt Hoffmann.

„Ich hab noch keine Ahnung, wie das alles zusammenpasst und ob es überhaupt zusammenpassen muss, aber: Wir haben in der Hütte, in der wir eigentlich Albin Schmitter aufspüren wollten, Nucky Nellessen aufgescheucht, Vize-Präsident des örtlichen Engel-Chapters. Er wird seit der Tötung von Hubert Neumann, einer lokalen Größe der mit den Engeln verfeindeten Gesetzlosen, als dringend tatverdächtig gesucht. In dieser Blockhütte hatte er sich wohl versteckt. Als wir gegen die Tür klopften und uns als Polizisten zu erkennen gaben, versuchte er zu türmen. Und hat Sie niedergeschlagen.“

„Hat versucht zu türmen? Das heißt, es ist ihm nicht gelungen?“

„Ich hab ihn niedergeschossen.“

Hoffmann hebt seinen Blick und richtet ihn fest auf Lea. So ganz genau weiß die Erste Polizeihauptkommissarin zwar nicht, was sie jetzt gern darin sehen würde, Bewunderung jedenfalls erkennt sie darin nicht, nicht einmal ein bisschen Respekt vor ihrem unterm Strich ja korrekten und konsequenten Handeln. Sie sieht jedoch nur Fassungslosigkeit. Dass Hoffmann nicht die Kinnlade herunterklappt, ist vermutlich auf einen eher unbewussten letzten Rest Körperbeherrschung zurückzuführen. 

Fassungslos ist er also, und das ärgert Lea mehr als alles andere. Ist es ihr so wenig zuzutrauen gewesen, dass sie auf einen flüchtenden Kriminellen schießt, der kurz zuvor einen Kollegen brutal niedergeschlagen hat?

Mittlerweile hat Hoffmann einen Blick auf den leblosen Körper riskiert, der rund fünfundzwanzig Meter entfernt zu seiner Rechten liegt, unter seiner Harley begraben.

„Lebt er noch?“

Lea nickt. „Ich hab ihn aber ganz schön erwischt. Der Notarzt ist verständigt. Hoffentlich finden die uns hier schnell genug. Können Sie sich gleich mal ans Handy hängen und denen genauere Angaben zu unserer Position machen?“

„Ich glaub, ich muss gleich kotzen.“

„Ich vermute, Sie haben ’ne ganz schöne Gehirnerschütterung, so, wie der zugeschlagen hat. Damit dürften Sie eine Weile krankgeschrieben werden.“ Lea lächelt, so, als wollte sie ihm die Nachricht als eine verkaufen, über die er sich freuen darf. Sehr überzeugend scheint sie allerdings nicht auf ihn zu wirken.

Lea richtet sich auf und schnauft zwei, drei Mal tief durch.

Was für eine Nacht.

Einen Kleinkriminellen in den Freitod getrieben, mehr oder weniger jedenfalls. Eine unbescholtene Ehefrau verführt und damit einer anscheinend ohnehin nicht mehr so ganz glücklichen Ehe womöglich den endgültigen Todesstoß versetzt. Einen flüchtigen mutmaßlichen Mörder gestellt und so gut wie erschossen. Und zuvor nicht zu verhindern vermocht, dass dieser einen ihr untergebenen Kollegen in den Krankenstand prügelt.

Großartige Bilanz.

Und warum das alles? Wegen ein paar Idioten, die uff de Betze wollen …

Ach so, ja, die Idioten. Die hat sie doch glatt vergessen.

Wo sind die eigentlich abgeblieben? Die waren der Handyortung zufolge doch in der Blockhütte, als sie gegen die Tür klopften.

Lea lässt Hoffmann mit seinem Brummschädel allein, läuft erneut um die Blockhütte herum, zurück zur Eingangstür.

Die ist jetzt offen.

Und drinnen ist niemand mehr.

Lea fasst wieder an ihr Funkgerät. Weist Bootz an, ihr zwei Jungs rauszuschicken. Sie braucht Verstärkung. Der kranke alte Mann soll endlich heim zu seiner Tochter. Sie wird in den nächsten Stunden allerdings keine Zeit haben, sich darum zu kümmern.  

„Okay, muss mal gucken, wer gerade frei ist“, sagt Bootz.

„Wieso denn? Ist etwa noch was passiert?“

„Auf einem Aussiedlerhof draußen hat eine achtundsiebzigjährige Bäuerin einen Obdachlosen erwischt, der es sich für die Nacht in einem Schuppen ihres Anwesens bequem gemacht und von ihren eingeweckten Marmeladen genascht hat. Sie hat ihm ein paar mit dem Dreschflegel verpasst. Hanns und Holbein sind rausgefahren und schauen ihn sich an.“

Nicht nur Bootz, auch Hanns und Holbein sind noch im Dienst, vermutlich auch der Rest der Nachtschicht. Es ist Sitte geworden auf der PI, am Wochenende zwei Schichten hintereinander zu schieben. So hat man anschließend mehr Wochenenden frei, bis man wieder drankommt.

„Was weiß man von dem Obdachlosen?“

„Soll noch ein ziemlich junger Kerl sein, gar nicht aussehen wie ein Penner. Südländer.“

„Hhm. Ich fürchte, Sie werden für die Vernehmung einen Dolmetscher für Französisch brauchen.“

„Warum?“   

„Weil sich das anhört, als ob es der Typ wäre, der mir gestern abgegangen ist, als ich Herrn Wärmke bei seinen Geschäften überrascht habe. Tippe auf Marokkaner. Sollte Französisch sprechen.“

+ + +

Albin trägt Anton huckepack. Auch wenn nach hundert Metern schon offensichtlich ist, dass er das nicht lange durchhält. Er geht viel zu schnell, außerdem laufen sie quer durch den Wald, nicht auf irgendeinem geebneten Weg, er kann jederzeit in ein Loch treten oder über eine Wurzel stolpern, und dann werden sich seine ohnehin schon überstrapazierten Bänder und Knorpel endgültig verabschieden. Aber Albin kann nicht anders. Sie müssen Strecke machen, weg von der Blockhütte, von der Schießerei, mit der er doch gar nichts zu tun hat und die ihn nichts angeht, weg von den Bullen, die offenbar hinter ihnen her waren und nicht hinter Nellessen. 

In der Hütte hat er noch einmal auf sein iPhone geschaut, und, Gott sei Dank, er hatte wieder Empfang. Denn der Stern überm Betze ist jetzt nicht mehr zu sehen, es ist ja inzwischen hell, daher bleibt ihm nur noch die Karten-App, bis sie sich neu orientieren können. Sie sind ein ganzes Stück von ihrer Route abgekommen. Jetzt werden sie einfach quer durch den Wald gehen, geradeaus, bis sie wieder auf einen Wanderweg treffen, der Richtung Norden führt. Der ist mit ein bisschen Glück auch beschildert, sodass sie auch den richtigen Weg finden, wenn sie wieder in ein Funkloch geraten. Sie haben allerdings viel Zeit verloren, können es eigentlich kaum noch schaffen. Fast sechs Kilometer in der Stunde müssten sie nun laufen, wenn sie um vierzehn Uhr uffem Betze sein wollen, das gilt als durchschnittliche Marschgeschwindigkeit für stramme Soldaten. Das ist wirklich kaum zu schaffen, aber sie müssen es versuchen.

Und wenn sie erst in der Halbzeit eintreffen. Da steht es vielleicht noch nullnull, aber dann ist Anton vor Ort und alles kann immer noch gut werden.

Der Champ trägt jetzt Antons zusammengeklappten Rollstuhl, bis sie wieder auf einem Weg sind, der so gut ausgebaut ist, dass sie Anton schieben können. Wenn sie uffem Betze sind, werden sie den an einem Getränkestand deponieren, bevor sie in Block 4.2 gehen, und ihn danach dort wieder abholen. Da werden sie bestimmt keine Probleme haben, Albin hat da seine Spezis unter den Standbetreibern. Der Champ trägt auch die Sporttasche mit dem restlichen Bier, dem Zwiebelbrot und der verbliebenen Andurl. Die, die er Nellessen verehrt hat, wird der nun nicht mehr essen können, sie lag noch auf dem Tisch, als sie aus der Blockhütte gestürzt sind, aber Albin war nicht geistesgegenwärtig genug, sie wieder einzusacken. 

Am Champ jedenfalls wird es nicht liegen, wenn sie es nicht schaffen, der marschiert schon wieder wie ein Metronom. Treu bis in den Tod. Ohne ein Wort der Klage, ganz zu schweigen davon, dass er keinerlei Anstalten macht, den Sinn dieser ganzen Unternehmung zu hinterfragen, die da auf Albins Mist gewachsen ist. Und ohne das kleinste Anzeichen einer Erschöpfung.

Er ist eben der Champ.

Albin nicht.

Noch mal hundert Meter, dann geht er in die Knie. Seine Schläfen pochen, als hämmerte der innere Schweinehund in seinem Schädel höchstpersönlich dagegen. Und aus Albins Lungen will die Luft nur noch hinaus, nicht mehr hinein. Der Schweiß läuft ihm in die Augen und am Hals hinunter. Und kaum, dass er ihn sich aus dem Gesicht gerieben und wieder einen Zug Sauerstoff in sich aufnehmen konnte, kommen die Tränen.

Der Champ tritt seelenruhig hinter den Knieenden und nimmt ihm Anton von den Schultern, der ebenfalls ganz still ist. Vorhin, als sie losgelaufen sind, hat er noch gebrabbelt, dass sie den Hristov doch unbedingt mitnehmen müssen, denn der müsse doch spielen heute Mittag. Danach ist er in unruhigen Schlaf gefallen. Leicht sind diese Stunden für ihn nicht, sicher nicht. Aber er wird sie überstehen. Und wenn er heute Nachmittag uffem Betze ist und de Betze gewinnt, wird auch er verstehen, so viel jedenfalls, wie ihm noch möglich ist zu verstehen.

Der Champ postiert sich neben seinem Freund und überlässt diesen geduldig seinem Weinkrampf. Wird schon werden, denkt er sich vermutlich, das sind die Nerven, ist schon in Ordnung, das geht vorbei. Oder so etwas Ähnliches. Der Champ halt. Trost und Fürsprache sind nicht sein Ding, er spendet Beistand durch körperliche Präsenz.

Albin lässt seinen Tränen freien Lauf. Fast sieht es aus, als suche er Trost bei der stämmigen Wurzel, vor der er in die Knie gegangen ist. Vor Jahren muss sie eine Fichte ausgetrieben haben, ehe diese von orkanartigen Böen erfasst und aus der Erde gerissen wurde. Nun führt diese Wurzel ein Leben an der Oberfläche, dazu verdammt, dem Treiben des Waldes und seiner Kreaturen zuzuschauen. Dieses Schicksal erträgt sie ebenso geduldig wie würdevoll. Hinter der Wurzel, die an einen kantigen menschlichen Kopf erinnert, ist ein weißer Flieder erblüht, der dem halb tränenblinden Albin wie ein weißer Haarkranz erscheint.

Ein Beichtvater, wie er ihn wunderbarer sich nicht hätte träumen lassen.

Was habe ich nur getan?, fragt er ihn. Ich stehe mitten im tiefen Wald und bin am Ende. Weiß nicht mehr weiter. Es ist so aussichtslos das alles. Wir können es nicht mehr schaffen, und de Betze wird verlieren. Und untergehen.

Und die Bullen sind hinter ihm her. Das heißt: Jetzt werden sie ihre Jagd erst einmal unterbrechen und sich um Nellessen kümmern. Aber wie sind sie überhaupt auf Albins Spur gekommen?

Sie müssen den Libero gefunden haben, haben den Halter festgestellt und sind bei Heidrun vorstellig geworden. Die hat vermutlich kombiniert, was geschehen ist und was er vorhat: Dass er es mit Anton und dem Champ zu Fuß zum Betze schaffen will. 

Deshalb sind die Bullen ihm auf der Spur. Aber wie hat Heidrun sie überreden können, ihn zu jagen? Wohl kaum wegen der lächerlichen Unfallflucht, die er ja begangen hat, wenn auch nur formal, als er seinen umgestürzten Libero liegenließ. Es ist schließlich niemand zu Schaden gekommen, von daher hätten die Bullen locker die Nacht abwarten können, ehe sie weiter ermitteln. Heidrun muss den Bullen erzählt haben, dass sie um das Leben oder zumindest um die Gesundheit ihres dementen Vaters fürchtet. Weil er nicht in der Lage wäre, einen solchen Marsch zu überstehen.

Heidrun.

Was für eine Enttäuschung, was für eine ungeheuerliche Erniedrigung, was für eine Beleidigung. Wer könnte das besser beurteilen als er, Albin, was Anton zuzumuten ist und was nicht? Wer hat sich jemals fürsorglicher, einfühlsamer, liebevoller um ihren Vater gekümmert als er? Wer ist mit den Eigenheiten, die Antons zunehmende Demenz mit sich bringt, jemals geschickter, vorausschauender, klüger umgegangen als er? Wem könnte sie das Leben ihres Vaters bedenkenloser anvertrauen?

Sie aber hat ihn einfach verraten. Und das noch lange, bevor der Hahn zum ersten Mal krähte.

Und sie hat nicht nur ihn verraten, sondern auch Anton. Und de Betze. Okay, auch den Champ, aber den dürfte es am wenigsten gekümmert haben.

Was Albin nun ebenfalls dämmert: Selbst wenn die Bullen ihre Jagd im Laufe des Vormittags nicht mehr aufnehmen sollten, bleibt ihnen noch die Möglichkeit, sie einfach um vierzehn Uhr in Block 4.2 zu erwarten. Sie müssen nur zur Geschäftsstelle gehen und sich die Datenbank mit den Dauerkartenbesitzern anzeigen lassen, dann erfahren sie sogar ihre exakte Platznummer. Und noch ehe das Spiel angepfiffen wird, sitzen sie im Streifenwagen, auf dem Weg zurück nach Hause … Zu Heidrun.

So oder so. Es ist vorbei. Sein verwegener Plan ist gescheitert. Er war ohnehin nur im Suff geboren worden, hatte im Grunde nie Aussicht auf Erfolg.

Loser bleibt nun mal Loser.

Vielleicht kann er, wenn sie es bis zum Betze schaffen, vor dem Stadion andere Tickets besorgen?

Aussichtslos.

Das Spiel ist seit Wochen ausverkauft. Keine Chance.

Ihre Tickets vielleicht gegen andere tauschen? 

Auch nicht so einfach, sie haben ja Dauerkarten, könnten diese also schlecht gegen Einzeltickets tauschen. Andererseits: Es ist das letzte Saisonspiel, also ist auch die Dauerkarte nur noch für dieses eine Spiel gültig, hat also den gleichen Wert wie ein Einzelticket, von daher könnte es tatsächlich klappen. Aber irgendwie müsste Albin seinem potenziellen Tauschpartner seinen Wunsch ja auch begründen, erklären, weswegen er woanders sitzen will.

Ich hab mich das letzte Mal mit meinem Sitznachbar verkracht … Mein Sitznachbar ist mein Chef und ich bin derzeit krankgeschrieben, er darf daher nicht mitkriegen, dass ich im Stadion bin, ich will das Spiel aber auf keinen Fall verpassen … 

Ob Albin da wirklich glaubwürdig sein kann, so erschöpft, wie er ist, die Sache richtig rüberbringen kann, an einem Tag wie diesem, nach einer Nacht wie dieser?

Wenn überhaupt, gibt es nur einen Weg.

Er schaut den Bullen, die ihn um vierzehn Uhr im Block 4.2 erwarten, fest in die Augen – und erklärt ihnen seine Mission. So, dass sie sie verstehen. Sagt ihnen, hinterher könnt ihr alles mit mir machen, aber lasst mich, meinen Schwiegervater und den Champ jetzt dieses Spiel gucken, bitte, es sind doch nur neunzig Minuten, und ihr wisst doch selbst, um was es heute geht. Ihr wollt doch bestimmt auch selbst das Spiel sehen. Und unter euren Uniformen schlägt doch auch ein Herz.

Kennt ihr Meier noch? Siebziger Jahre. Defensives Mittelfeld, oft auch Abwehr. Eisenharter Typ, mordsmäßiger linker Hammer. Sechsundsiebzig stand de Betze im Pokalfinale, gegen Hamburg. Im letzten Ligaspiel aber, auf Schalke, flog Meier vom Platz. Schon als er vom Rasen ging, weinte er. Denn nun würde es für ihn kein Pokalfinale geben. Damals waren die Regeln so, dass Spieler nach einer Roten Karte in der Liga auch im Pokal gesperrt waren. 

In seiner Verzweiflung setzte Meier sich hin und schrieb einen Brief. Er schrieb ihn persönlich, mit der Hand, nicht der Pressefuzzi vom Verein, so was gab es damals ja noch gar nicht. Ich bin jetzt bald dreißig Jahre alt und habe im Fußball noch nichts Großes erlebt, mit dem Betze immer nur gegen den Abstieg gespielt, schrieb Meier. Bitte, lasst Gnade vor Recht ergehen und sperrt mich erst, wenn das Pokalfinale vorüber ist. Lasst mich spielen.

De Betze hat das Finale dann nullzwei verloren, aber egal. Meier durfte spielen. Der DFB hatte sein Flehen erhört. Weil es nicht nur Regeln gibt auf dieser Welt, sondern immer noch Menschen, die ein Herz haben. Und wenn die debilen, inkontinenten alten Säcke vom DFB über ihren eigenen Schatten springen können, könnt ihr das auch, liebe Freunde und Helfer von der Polizei.

Doch, so wird er es ihnen erklären, mit dem Meier-Vergleich. Und so könnte es gelingen. Albin war schon immer am überzeugendsten, wenn er aufrichtig sprechen durfte. Wenn er wahrhaftig war.

Langsam spürt Albin, wie seine Hoffnung zurückkehrt. Aber sein Körper ist nach wie vor schwach.

Du wirst jetzt aufstehen und weiterlaufen. Deine Mission erfüllen. 

Albin stutzt. Hat er das eben gedacht – oder aber hat da tatsächlich eben der Wurzelkopf mit dem Haarkranz aus weißem Flieder zu ihm gesprochen?

Und wenn er gesprochen hat, sprach er nicht mit der Stimme des weisesten Weißhaarigen, der je gelebt hat?

Man kann mal schlecht spielen, aber nie schlecht kämpfen, sagt der Wurzelkopf.

Kein Zweifel. Da spricht Kalli zu ihm. Kalli persönlich. Wer sonst.

Albin schaut aufgeschreckt zu seinen Begleitern. Anton und der Champ haben anscheinend nichts gehört, sie stehen weiterhin reglos da, warten, dass es weitergeht, warten auf ein Zeichen von ihm.

Also hat er sich nur eingebildet, dass die weißhaarige Wurzel zu ihm sprach? Ist nur seine Phantasie mit ihm durchgegangen? 

Mag sein, aber vielleicht gehört es auch zum Wesen einer Vision, dass man hinterher nie genau sagen kann, ob sie nicht vielleicht nur ein Trugbild war, welches sich ein schwer beschädigter Verstand da gerade eben mal gezaubert hat.

Der Stern überm Betze mag erloschen sein, aber soeben hat ein von weißem Flieder umkränzter Wurzelkopf zu ihm gesprochen.

Albin richtet sich auf, in einer fließenden Bewegung, streckt die Knie nur unter Zuhilfenahme seiner Oberschenkelmuskulatur, ohne sich mit den Händen aufzustützen, so hat er seine einhundertzehn Kilo noch nie in die Höhe geliftet. Im Stehen angekommen, nimmt er einen tiefen Zug Waldluft. Sie riecht nach Erde, Harz, Tannen und einem neuen Morgen. Sein Blick wird schlagartig klar, die Tränen, die er noch auf der Wange spürt, wischt er sich nicht weg. Die sollen von allein trocknen.

„Weiter geht’s“, nickt er seinen Begleitern zu. „Um vierzehn Uhr ist Anpfiff.“ Mit einem weiteren Nicken bedeutet er dem Champ, Anton zu übernehmen, und greift selbst nach der Tasche mit dem Dosenbier, der Andurl und dem Zwiebelbrot. 

„Aber ich wollt noch Brombeeren brechen“, mault Anton.

Albin blickt ihm so fest und entschlossen ins Gesicht wie noch nie. „Anton, wir gehn uff de Betze. Die müssen heut gewinnen. Ohne dich schaffen sie es nicht.“

Anton überlegt einen Moment. Dann aber nickt er, sanft und bedächtig, als verstehe er erst nach und nach.

„Noch ein Bier?“, fragt Albin den Champ, und noch bevor dieser nicken kann, hat er auch schon zwei Dosen aus der Tasche gezerrt. Ist ja wohl auch nicht nötig, die Antwort auf eine solche Frage abzuwarten.

+ + +

So. Und jetzt wird er laufen. Laufen, laufen, laufen, bis sie uffem Betze sind und in Block 4.2 sitzen. Nichts, aber auch nichts wird sie aufhalten. Der Wald nicht, seine Bewohner nicht, die Bullen nicht, aber auch seine Knie und Korpel, Knöchel und Sehnen nicht. Sie werden fest bleiben wie Stahl, sein Gewicht bis ans Ende der Welt tragen, so er das will, denn sein Wille ist stärker als sie, stärker als alles.

Dusek konnte ja auch nicht vernünftig laufen.

Hat immer ein Bein hinter sich her gezogen, selbst wenn er rannte. Das sah bei ihm immer mehr wie Galoppieren aus. Angeblich waren seine Beine unterschiedlich lang, wegen eines Beinbruches, den er in der Jugend erlitten hatte, genau wie Pirrung, aber den machten seine merkwürdig verwachsenen Beine zum Dribbelkünstler, Dusek dagegen erschien stets als einer, der schon froh sein durfte, überhaupt noch geradeaus laufen zu können, und selbst das gelang ihm mehr schlecht als recht. Aber er humpelte so schnell, dass es für eine Profikarriere reichte.

Und wer nur hatte früh erkennen können, dass dieser Lahme gehend genug war, um über zweihundert Bundesligaspiele zu bestreiten?

Kalli natürlich. Wer sonst.

Er hatte Dusek von den Amateuren hochgeholt. Neunundsiebzig war das. In der Saison davor war de Betze beinahe Meister geworden, was eine Sensation gewesen wäre, es war Kallis erstes Jahr, und jeder andere Trainer hätte da gesagt, wenn wir diesen Level halten, wieder ganz oben angreifen wollen, brauche ich neue, teure Spieler, mit solchen Nobodies gelingt uns dergleichen nicht noch einmal. Nicht aber Kalli. Der holte lieber einen wie Dusek von den Amateuren hoch, statt dass er unnötig Geld für einen satten Star ausgab, der ihn nicht verstand und de Betze nicht und den Wald schon gar nicht.

Dusek war zunächst nur Ersatz für Briegel, den Kalli ebenfalls aus dem Nichts zum Nationalspieler gemacht hatte. Dann aber musste Dusek öfter ran, als er es sich jemals erträumt hatte. Und dann kam dieses Spiel zweiundachtzig, gegen die Lederhosen natürlich. Hellström, der beste Torhüter, den de Betze je hatte, konnte nicht spielen, und der alles und alle überrennende Briegel auch nicht und der schlaue Funkel nicht. Also musste Dusek gegen den frankensteinartigen Dieter Hoeneß ran, und Rummenigge erzielte noch vor der Pause das Einsnull für Bayern.

Noch lange bis in die zweite Hälfte sah es so aus, als sollten die Lederhosen als Sieger de Betze verlassen. In der Pause hatte Kalli den nächsten Schlag hinnehmen müssen, Wolf, der große Kämpfer, musste verletzt raus, und Melzer musste sich jetzt um Rummenigge kümmern, dadurch aber fehlte Melzer im Mittelfeld. Dusek hingegen wachte weiter streng über Hoeneß.

In der Achtundsiebzigsten aber eilte er nach vorne. Der feinfüßige Bongartz hob eine Freistoßflanke ins Heiligste der Lederhosen, und Spieler beider Seiten schraubten sich die Höhe, den Ball mit der Stirn zu klären oder einzunetzen, je nachdem, was die Farbe ihres Trikots sie hieß. Auch Dusek reckte sich nach dem ledernen Rund, stieg höher und höher, höher als Hoeneß und Beierlorzer und Pfügler und wie sie alle hießen, und von seinem Schädel weg prallte der Ball zum Ausgleich ins Netz.

Doch damit nicht genug. Fünf Minuten später sah Dusek, wie günstig der stets einen Tick zu hektische Eilenfeldt zum Tor stand – und spielte ihm einen Pass zu, als wäre er eine Opfergabe.

Tor.

Zweieins. Die Lederhosen sollten de Betze nicht als Sieger verlassen, auch diesmal nicht. 

Und Dusek lief noch viele, viele Male für de Betze auf. Und lief und lief und lief, obwohl er eigentlich gar nicht richtig laufen konnte.

Und genauso wird Albin nun laufen und laufen und laufen. Und nur dann und wann innehalten, um einen Schluck Bier in sich aufzunehmen. Der für ihn wie Manna sein wird.

Heidrun wird er erst heute Mittag anrufen. Erst, wenn er in Block 4.2 sitzt. Das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Sie hat ihnen die Bullen auf den Hals gehetzt. Und nach dem Spiel? Keine Ahnung. Ein Nach-dem-Spiel existiert in Albins Welt derzeit nicht.

Darauf erst mal einen Schluck.

Albin bleibt stehen und führt seine Dose zum Mund. Der Champ muss Anton kurz absetzen, um es ihm gleichzutun. Anton grummelt ein wenig, wahrscheinlich will er immer noch Brombeeren pflücken. Ein Bier bekommt er nicht mehr. Ist zu riskant. Möglicherweise ist es auch der Alkohol gewesen, der ihn letzte Nacht befeuert hat, seinen Ausflug ins Ungewisse zu unternehmen.

Albin und der Champ wechseln einen Blick, als sie ihre Dosen ansetzen. So einen Blick, der sagt, nur Männer können verstehen, was Männer vereint. Der Champ nickt kurz. Ein Nicken, das Albin übersetzt als: So gefällst du mir.

Doch nur einen Lidschlag weiter bricht die schöne neue Männerwelt auch schon wieder zusammen. 

In seiner Erinnerung wird es Albin immer wieder erscheinen, als hätte er den Schrei vor dem Schuss gehört. Was natürlich nicht sein kann. 

Natürlich muss der Schuss vor dem Schrei gefallen sein, wenn auch vielleicht nur Bruchteile von Sekunden vorher.

Jedenfalls schreit der Champ auf, wie Albin ihn noch nie hat schreien hören. Es ist ein entfesseltes, verzweifeltes Schreien, mit dem er gleichzeitig auch zu Boden geht. 

Albin hat den Champ noch nie zu Boden gehen sehen.

Und am Boden liegend, schreit der Champ weiter, sich hin und her windend. Er fasst sich an den Oberschenkel, und Albin sieht, wie sich die Jeans seines Freundes rasend schnell verfärbt. 

Erst jetzt wird ihm bewusst, dass da soeben auch ein Schuss zu hören war.

Sie haben dem Champ ins Bein geschossen.

Diese gottverdammten scheiß Bullen. Jetzt schießen sie sogar auf sie. Ohne Vorwarnung. Sie haben einfach angelegt und geschossen, ihnen nicht einmal eine Chance gelassen, sich zu ergeben. Als ob sie eine Gefahr darstellten, irgendjemanden mit dem Tod bedrohten. Bombende, köpfende Terrorarschlöcher wären oder was auch immer.

Dabei wollen sie doch nur uff de Betze.

+ + +

Lea ruft Heidrun Schmitter an, die Festnetznummer hat sie sich mittlerweile abgespeichert.

Sie will sie auf dem Laufenden halten.

Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist.

Sie ruft natürlich auch an, weil sie mehr raus- als nachhören will, wie Heidrun mit dem umgeht, was letzte Nacht geschehen ist. Zwischen ihnen geschehen ist. Am Morgen danach …

Zunächst kommt nichts als ein „Mmmh“ vom anderen Ende. 

Und aus so einem „Mmmh“ etwas herauszuhören, ist schwer. Erst recht, wenn auch in den nächsten Minuten nichts anderes kommt als „Mmmh“.

„Wir haben deinen Vater zwar immer noch nicht, aber soweit wir das beurteilen können, geht es ihm gut. Du hattest recht. Er ist mit deinem Mann und seinem Kumpel, diesem Heiner Kühn, auf dem Weg uff de Betze. Und sie haben den Weg mitten durch den Wald gewählt. Zu Fuß. Durch die Nacht.“

Mmmh.

„Allem Anschein haben sie einen Teil der Nacht aber in einer Blockhütte mitten im Wald verbracht. Und jetzt am Morgen sind sie weitergezogen.“

Mmmh.

Jetzt wird es für jemand Unbeteiligten, der eigentlich nur am Schicksal seines nächsten Angehörigen interessiert ist, ein wenig undurchsichtig.

„Wir hätten sie um ein Haar erwischt. Leider aber hatte sich in der Blockhütte ein Schwerkrimineller versteckt, nach dem wir seit Wochen fahnden. In welchem Zusammenhang der mit deinem Vater oder deinem Mann stehen könnte, ist uns zur Stunde noch nicht klar. Wenn es überhaupt einen Zusammenhang gibt, ist er wohl in der Beziehung zwischen dem Schwerkriminellen und diesem Heiner Kühn zu suchen. Der unterhält nämlich bekanntermaßen Kontakte in dieses Milieu. Jedenfalls, als wir vorhin an die Tür der Blockhütte klopften, in der Hoffnung, deinen Vater zu finden, haben wir diesen Schwerkriminellen aufgeschreckt. Er versuchte zu fliehen, und es kam zu einem Schusswechsel mit mehreren Verletzten. Darum muss ich mich jetzt erst einmal kümmern. Aber sobald ich Hände und Kopf wieder frei habe, bring ich deinen Vater nach Hause. Versprochen.“

O je. Jetzt hast du es tatsächlich getan, jetzt hast du tatsächlich etwas versprochen. Bullen sollen nichts versprechen. Hast du den Film „Es geschah am helllichten Tag“ nicht gesehen?

Mmmh.

Im Ernst. Auch nach diesem letzten Wortschwall ist „Mmmh“ alles, was von Heidrun kommt.

Ist es vielleicht gar nicht die Sorge um ihren Vater, die sie so wortkarg macht? Versucht sie nicht vielleicht viel eher immer noch, ihre Gedanken zu ordnen, sich darüber zu klar zu werden, was da nun eigentlich geschehen ist, zwischen ihnen beiden, letzte Nacht. Hat sie einfach nur – betrunken, wie sie war, und nervlich angegriffen – in einem schwachen Moment mal zugelassen, dass eine uniformierte Lesbe ein bisschen mit ihr rummacht? 

Und will jetzt das Ganze so schnell wie möglich wieder vergessen?

Also, das red dir mal besser nicht ein, Mädchen, dafür bist du dann doch selbst zu aktiv geworden, eigentlich sogar noch aktiver als ich, ich sag nur: Man muss halt auch mal was probieren dürfen, wenn man jung ist …  

Bist du nicht vielmehr angenehm berührt, sogar überrascht davon, wie schön es für dich war, und fragst dich jetzt, wie schön genau? Nur so schön im Sinne von tolle Erfahrung, hat mal wieder Spaß gemacht, mal wieder was probieren zu dürfen, wenn man jung ist, aber damit ist es auch gut? Oder doch so schön, dass es noch ein bisschen mehr sein darf? 

Oder sogar so schön, dass du so richtig schön überwältigt bist von dem, was dir da letzte Nacht widerfahren ist? Vielleicht sogar richtig schön über dich selbst erschrocken, weil du das Gefühl hast, da ist das erste Mal in deinem Leben jemand wirklich zu dir durchgedrungen? Dahin, wo noch keiner war? Where no man has gone before?

Oder bist es nicht vielleicht doch du, Lea, die sich da schon wieder viel zu viele Gedanken macht? 

Die dieses arme junge Ding, das jetzt wahrscheinlich einfach nur schrecklich verkatert ist und die Gedanken, die ihm da jetzt gerade durch Kopf jagen, selbst am wenigsten fassen kann, einfach nur in Ruhe lassen sollte?

„Alles in Ordnung mit dir?“, stellt Lea eine Frage, die sowohl professionell als auch als letzter Versuch interpretiert werden kann, von Heidrun ein bisschen mehr darüber zu erfahren, was sie im Moment denkt und fühlt.

„Ja, geht schon“, antwortetet Heidrun nach einer Weile. „Ist halt ein bisschen viel jetzt gerade.“

Na, das ist immerhin etwas.

Lässt zwar alle möglichen Deutungen zu, aber im Moment will Lea ja auch selbst nicht viel mehr als sich allen möglichen Deutungen widmen. 

Was wäre ihr denn eigentlich am liebsten? Wie soll es sich denn weiterentwickeln mit ihr und Heidrun Schmitter, wenn sie, was heute im Lauf des Tages hoffentlich noch geschehen wird, ihr ihren alten Herren und ihren bescheuerten Ehemann zurückgebracht hat? 

Dem bescheuerten Ehemann wird Heidrun mit ziemlicher Sicherheit einen Tritt in den Arsch versetzen, hoffentlich einen richtigen, schon klar. Und dann?

Kannst du dir vorstellen, dass du zu ihr in ihr kleines Häuschen ziehst, mit dem alten Herrn in der Einliegerwohnung, der immer dusseliger und hinfälliger wird, was ihr aber gemeinsam irgendwie meistert? Dass ihr jeden Morgen zusammen frühstückt, du dann deine Dienstwaffe umschnallst und zur PI fährst und sie in ihre Apotheke geht, während sich eine Pflegekraft um den Alten kümmert? Oder, noch besser, dass ihr beide den Alten in ein Pflegeheim bringt, damit ihr ungestört seid in eurer Casa de Lesbos? Dass Heidrun abends auf dich wartet, wenn du vom Dienst kommst, und dass es dann vielleicht nach Kohlrouladen riecht? Oder dass ihr beide euch dann eine Pizza nach Hause liefern lasst, weil keine von euch beiden Zeit hatte, was zu kochen, und ihr euch dann gemeinsam auf die Couch haut, um euch einen Film anzusehen …

Nein, nein, denk jetzt nicht, das wär alles ganz schrecklich, das kann und darf niemals sein.

Du kannst dir das alles sehr wohl vorstellen, und es gefällt dir. 

„Ich ruf dich an, sobald ich was Neues habe“, sagt Lea und beendet das Gespräch.

Der Notarzt hat Nellesen mittlerweile für den Abtransport vorbereitet, und Hoffmann nimmt er auch mit. Sieht nach Gehirnerschütterung aus, hat er bestätigt.

Wo zum Teufel bleiben denn die lieben Kollegen? The show must go on.

+ + +

Das Offenkundige hat Edgar erstaunlich schnell verarbeitet. Nein, das ist diesmal keine Wildsau, auf die der Alte da geschossen hat. Sondern ein Typ, der mit zwei anderen am frühen Sonntagmorgen mitten durch den tiefsten Wald stiefelte. Keine Ahnung, weshalb. Ist ja keine Pilzsaison oder so.

Der Alte hat heute mal wieder nicht so genau hingeguckt. Sondern was Rascheln gehört und ein bisschen was gesehen, was er als Wild interpretiert hat. Und dann hat es ihm nicht schnell genug gehen können mit dem Töten. Er hat angelegt und abgedrückt.

Jetzt liegt der Typ da mit seinem blutenden Bein und windet sich vor Schmerzen. Glatter Durchschuss, soweit Edgar das beurteilen kann.

Und nun? Muss gehandelt werden, aber schnell.

Edgar blickt dem Alten jedoch erst einmal in die Augen, und dabei bleibt ihm das Herz stehen.

Denn das Böse, das er in diesen dunklen, schwarzen Augen da sieht, in diesem Gesicht, das dieser struppige, wilde Bart nicht mehr umrahmt, sondern fast überwuchert, das steckt schließlich auch in ihm. Es sind die Augen des Mannes, von dem er abstammt. Seinem Vater.

Und in diesen Augen ist deutlich zu lesen: Er will vollenden, was er da gerade begonnen hat. Er will morden. Als ob es keine Rolle spielt, dass er keine Wildsau angeschossen hat, sondern einen Menschen. 

Als ob es für ihn keinen Unterschied macht.

Und eigentlich tut es das auch nicht, das werden zwar die wenigsten glauben, aber Edgar weiß es besser, zumindest spürt er es sehr deutlich. Er weiß nicht definitiv, ob sein Vater jemals einen Menschen getötet hat, aber er kennt die Geschichten, die über ihn erzählt werden, über ihn und die Männer aus dem Ort, aus dem er stammt und aus dem auch Edgar stammt. Auch wenn seine Mutter stets alles tat, um sie von ihnen fernzuhalten, den Männern und den Geschichten. Eben das hat sie im Laufe der Jahre ja zur Aussätzigen gemacht. Sie gehörte nicht dazu in dem Ort, in dem sie lebte, weil sie sich bemühte, aus ihrem Jungen etwas anderes, Besseres zu machen. Das ist vermessen, das ist ungehörig, das tut man einfach nicht im Dorf der Verdammten.

In dem die Städter vor über hundert Jahren ihre ehemaligen Zuchthäusler ansiedelten, nachdem diese ihre Strafen abgesessen hatten für Raub, Mord, Totschlag, Vergewaltigung und alles, was sonst noch so anfiel. Auch fahrendes Volk, das sesshaft werden wollte, ließ sich im Dorf der Verdammten nieder und die Jungen vermischten ihr Blut untereinander, und irgendwann begann der Ort eine Sprache zu sprechen, die niemand sonst im Wald verstand. In den Nachbarorten schlossen sie die Fensterläden, wenn die Männer aus dem Dorf der Verdammten noch in der Nacht aufbrachen, um von den Höhen des Waldes in die Stadt zu ziehen und für Tagelohn zu arbeiten.

Dabei sangen sie Lieder, deren Text niemand verstand und niemand verstehen wollte. Und abends, wenn ihre Arbeit getan war und sie ihren Lohn empfangen hatten, betranken sie sich. Und gerieten oft in Streit. Und dabei konnte ganz schnell Blut fließen. Und wenn das Blut eines der ihren von einem Fremden vergossen worden war, schlossen sich die Männer aus dem Dorf der Verdammten zusammen und zogen aus, Vergeltung zu üben. Dabei floss noch mehr Blut, und so mancher, der mit den Männern aus dem Dorf der Verdammten in Streit geraten war, überlebte einen solchen Rachefeldzug nicht. Ab und zu konnte einem der Männer eine solche Bluttat zweifelsfrei zugeordnet werden, sodass er verhaftet und verurteilt wurde und im Gefängnis landete.

Edgar weiß noch, wie er an der Hand der Mutter seinen Vater zum ersten Mal im Gefängnis besuchte, zu Weihnachten war das. Zehn Jahre alt war er damals. Bestimmt hatte der Vater auch in den Jahren davor immer mal im Gefängnis gesessen, doch da hatte die Mutter ihm gesagt, der Vater arbeite für einige Zeit weit weg von zu Hause, auf Montage. Aber mit zehn Jahren, dachte die Mutter wohl, sei ihr Junge so weit, erste Wahrheiten übers Leben zu erfahren und zu verkraften. Schließlich sollte er im Sommer darauf in der Stadt zur Schule gehen, aufs Gymnasium, dort würde er auf dem Schulhof ständig mit seiner Herkunft konfrontiert werden und die Geschichten erfahren, die über das Dorf der Verdammten und seine Männer kursierten. Die wahren Geschichten, die unwahren und die maßlos übertriebenen, von allen gab es reichlich. Das ahnte die Mutter nur zu gut, und sie sollte recht behalten. Edgar aus dem Dorf der Verdammten war auch auf der höheren Schule ein Aussätziger, zunächst jedenfalls, erst im Lauf der Jahre gelang es ihm, dort zu gewinnen.

Manchmal in Edgars Jugend war der Vater auch gar nicht so lange von zu Hause weg, möglicherweise war er tatsächlich auf Montage. Oder nicht immer, wenn er ins Gefängnis musste, war jemand zu Tode gekommen, ging es eventuell nur um mehr oder wenige schwere Fälle von Körperverletzung. Oder er war zum wiederholten Mal beim Wildern erwischt worden, denn auch das mochten die Männer aus dem Dorf der Verdammten niemals einsehen: Dass sie nicht einfach in den Wald gehen und Tiere schießen konnten, wann immer sie wollten.

Edgar hat nie verstanden, wie seine Mutter mit diesem Mann überhaupt zusammen gekommen war. Diesem Mann, der mit seinem Sohn nur zu den tumbesten Vater-Sohn-Spielen fähig gewesen war, als dieser noch ein Kleinkind war, und der später kaum noch das Wort an ihn richtete, wenn er abends nach Hause kam und Essen in seinen struppigen Bart schaufelte. 

Edgars Großvater mütterlicherseits war ein Landwirt aus dem Nachbarort gewesen, für den, wie Edgar später erfuhr, sein Vater ebenfalls immer mal gearbeitet hatte. Denn sein Vater, das musste man ihm lassen, galt überall dort als guter Arbeiter, wo körperlich hartes, schweißtreibendes Tagwerk verlangt war. Seine Mutter hatte viele Geschwister, und wahrscheinlich konnte sich der Großvater irgendwann mit dem Gedanken anfreunden, eine seiner Töchter diesem Mann an die Hand zu geben, da einer, der so hart arbeitete, auch ein zuverlässiger Ehemann sein musste. Innerhalb seiner Verstandeswelt lag der Mann damit wohl auch gar nicht so falsch. Sein Vater schlug, soweit Edgar es mitbekam, seine Mutter tatsächlich gar nicht mal so oft. Nur, wenn er sehr betrunken nach Hause kam und lärmte, und sie ihn dafür auch noch zurechtweisen wollte.

Edgar war schon ein junger Mann, als seine Mutter starb. Er hatte Maschinenbau studiert, eine Anstellung in de Oppel gefunden und war längst von zu Hause ausgezogen. Nach der Mutter hatte er jedoch immer noch regelmäßig gesehen. Auf dem Sterbebett hatte sie ihn gebeten, sich weiter um den Vater zu kümmern, irgendwie halt, sie wisse ja auch, dass er ihm nicht viel zu sagen habe. Und als guter Sohn wollte Edgar natürlich gehorchen, nur wie sollte er Zeit mit diesem Mann verbringen, dem er zur Begrüßung schon seit Jahren nur noch zunickte? Mittlerweile war der Vater auch in ein Alter gekommen, wo er keine harte körperliche Arbeit mehr leisten konnte, und da er sonst nicht wusste, wie er sich beschäftigen sollte, saß er den ganzen Tag nur noch stumm zu Hause rum, bis er abends mit den Männern des Dorfes trinken konnte.

Ein Arbeitskollege brachte Edgar schließlich auf eine Idee. Er machte den Jagdschein und pachtete eine Jagd, um mit seinem alten Herren fortan auf die Pirsch zu gehen, eine gemeinsame Vater-Sohn-Unternehmung, wie sie stilvoller nicht sein konnte und auch in vornehmeren Familien Anklang gefunden hätte. So konnte der Vater nun vollkommen legal einer Leidenschaft frönen, für die ihm in all den Jahren zuvor noch Geld- und Haftstrafen gedroht hatten. Und Edgar gab die gemeinsame Unternehmung das wunderbare Gefühl, das Versprechen, das er seiner Mutter gegeben hatte, zu halten. Er konnte jede Menge Zeit mit diesem Menschen verbringen, mit dem er sonst nichts zu besprechen hatte.

Und schon bald, nachdem er den Alten zum ersten Mal mit zur Jagd genommen hatte, wurde ihm das innigste Vater-Sohn-Erlebnis zuteil, das ihm jemals widerfahren sollte: Der Alte legte auf eine Wildsau an, feuerte, traf – und als sie zu dem getöteten Tier traten, lag neben ihm ein zweites seiner Art. Es musste hinter dem gestanden haben, auf das der Vater gezielt hatte, und die Kugel hatte den Leib des ersten durchschlagen und das zweite ungewollt gleich mit erlegt. Darauf hob der Alte an zu lachen, wie Edgar ihn noch nie hatte lachen hören, und er wollte gar nicht mehr aufhören, er schüttete sich förmlich aus vor Lachen und strahlte seinen Sohn dabei aus glücklichen Augen an, wie Edgar sie noch nie an ihm gesehen hatte, worauf auch er lachen musste, und so schallte ihr beider Lachen einträchtig eine gefühlte Ewigkeit lang durch den Wald, und Edgar malte sich aus, dass die Mutter ihnen von wo auch immer zusah und mitlachte.

Erst später, als die dunklen Stunden wieder hereinbrachen, wurde Edgar bewusst, dass diese Episode zeigte, was er schon länger geahnt hatte: Dass Töten das größte Vergnügen ist, das dieser Alte kennt.

Und da er dein Vater ist, muss ein bisschen was davon auch in dir sein.

Nichts anderes hat Edgar auch eben wiedererkannt, als er in diese bösen, schwarzen Augen blickte, in dieses von diesem struppigen, wilden Bart überwucherte Gesicht. Neben dem Willen zu töten war in ihnen auch die Aufforderung an den Sohn zu lesen, doch mit ihm gemeinsame Sache zu machen, unverzüglich. Und dem blutenden Mann da am Boden den Rest zu geben. Was zwangsläufig auch bedeutete, die beiden Zeugen gleich mit zu beseitigen und zu verscharren. 

Na und? So kriegen wir wenigstens keinen Ärger. Also lass es uns tun, jetzt, sofort, sagt dieser Blick.

Edgar starrt noch eine ganze Weile in diese bösen schwarzen Augen, die ihn aus diesem struppigen, wilden Bart heraus anschauen, dann hält er die Luft an und greift nach der Waffe des Alten. Und tatsächlich, der lässt sie sich aus der Hand nehmen, einfach so.

Edgar atmet aus und wendet sich dem Verletzten zu.

+ + +

„Wir brauchen Verbandszeug“, erklärt er und schaut dann den Dicken an, der im Gegensatz zu dem Alten geistig einigermaßen anwesend wirkt. „Ihr habt nicht zufällig was dabei, was man gebrauchen kann?“ Blöde Frage eigentlich. Aber irgendwann muss man ja mal anfangen, Konversation zu betreiben. Das Eis zu brechen.

Der Dicke glotzt Edgar einen Moment entgeistert an, dann nickt er. Lässt die Sporttasche, die er bei sich trägt, von seinen Schultern gleiten, und beginnt darin zu wühlen. Schließlich zieht er einen Verbandskasten hervor. So einer, wie er im Auto mitzuführen ist.

Merkwürdig. Die Typen laufen an einem Sonntagmorgen, fernab von allen Wanderwegen, mitten durch den Wald und tragen einen Kfz-Verbandskasten bei sich.

„Wir müssen das Bein abbinden“, schlägt der Dicke vor. „Am Oberschenkel ganz oben.“

„Quatsch“, wehrt Edgar ab. „Das sind Methoden von vorgestern. Wenn kein Arzt anwesend ist, soll man einen Oberschenkel nur abbinden, wenn die Wunde stark blutet.“

„Aber das tut sie doch.“

„Tut sie nicht. Da täuscht man sich oft. Das hier blutet zwar ganz ordentlich, aber von einer starken Blutung redet man erst, wenn das Blut schwallweise aus der Wunde schießt. Das ist hier nicht der Fall. Daher genügt es, wenn wir die Wunde ordentlich verbinden. Fürs Erste.“ Edgar ist ein wenig überrascht, wie überzeugend er wirkt. Er kann sich zwar nicht mehr erinnern, ob und wann er schon einmal Erste Hilfe geleistet hat, aber er hat schon einige Übungen mitgemacht. Darauf legen sie nämlich Wert in der Firma. Er hat das natürlich immer für übertrieben gehalten, doch wie sich jetzt zeigt, waren sie doch für was gut.

Der Dicke protestiert nicht. Edgar öffnet den Verbandskasten, holt Schere, Mullbinden und Kompressen heraus, kniet neben dem Verwundeten nieder, der mittlerweile mehr stöhnt als schreit. Er schneidet ihm die Jeans auf, um die Wunde freizulegen. Doch schon ganz schön viel Blut, was da aus dem vorderen Loch im Oberschenkel quillt und den mit Fichtennadeln bedeckten Waldboden tränkt, der mittlerweile mehr nach Rost als nach Waldmeisterbrause riecht. Hoffentlich lag Edgar da richtig mit seiner Diagnose, das Bein müsse nicht abgebunden werden.

Als er sich das Malheur genauer anschaut, fühlt Edgar sich wieder bestätigt: Es sieht wirklich so aus, als sei die Kugel nur durch das Fleisch geschossen, ohne einen Knochen oder eine Arterie zu schrammen.

Andererseits: Die Kompresse, die er auf die Wunde drückt, saugt sich sofort voll.

Für die Austrittswunde braucht Edgar zusätzliche Hände, der Dicke erkennt dies glücklicherweise, ohne dass er aufgefordert werden muss. Er kniet sich zu ihnen, bemüht sich, das Bein seines Kumpels so sanft wie möglich in die Höhe zu heben, um darunter fassen zu können, kann jedoch nicht verhindern, dass dieser dennoch aufschreit.

Der Verwundete kommt Edgar irgendwie bekannt vor. Er könnte ein Sportler gewesen sein in jüngerer Zeit, so trainiert und drahtig wie er ist, ein echter Windhund ist der. Eigentlich lächerlich, dass der Alte ihn erwischt hat und nicht den Dicken, der wäre viel leichter zu treffen gewesen.

Immerhin stellt sich der Moppel als Operationsassistent nicht schlecht an. Seine Hände gleiten unters nun leicht angewinkelte Bein des Patienten, sodass Edgar die zweite Kompresse andrücken kann, was dem Verletzten diesmal nur ein verzweifeltes Stöhnen entlockt. Edgar beginnt mit dem Verbinden, und das erste Umwickeln gelingt direkt, weil der Dicke die Binde an seinen Wurstfingern vorbeischaffen kann, ohne den Druck von der Kompresse nehmen zu müssen. Noch eine zweite Umdrehung, und beide Kompressen sind gut fixiert, der Rest ist nur noch Formsache. Dauert allerdings noch einen Moment, sodass Edgar Zeit bleibt, zu überlegen, wie er den Dicken jetzt anspricht. 

Vielleicht hat das gemeinsame Verarzten ja eine Vertrauensbasis geschaffen, die es Edgar leichter macht, den Dicken zu überzeugen, für seinen Kumpel keinen Notarzt zu rufen, sondern ihm zu vertrauen. Damit die Polizei aus dem Spiel bleibt. Denn Edgar kann nicht zulassen, dass sie den Alten noch mal in den Knast stecken. Wär zwar nichts Außergewöhnliches für ihn, aber gerade deswegen würde Justitia nicht mehr lange mit ihm fackeln. Sein Vater ist mittlerweile über siebzig, da steckt man Knast nicht mehr so leicht weg.

Der Alte, der zu diesem merkwürdigen Trio gehört, murmelt allerdings so etwas wie „totgeschosse, totgeschosse“. Scheint nicht mehr ganz dicht zu sein. Überhaupt scheint einiges nicht zu stimmen mit den dreien. Warum treiben sie sich an einem Sonntagmorgen im Wald herum, fernab von allen Wanderwegen, ohne Jagdwaffen und ohne Sammlerkörbchen, mal ganz abgesehen davon, dass ja, wie gesagt, gar keine Pilzsaison ist? Und warum hat der Dicke von sich aus noch keine Anstalten gemacht, einen Notarzt zu rufen?

Vielleicht, weil auch er weiß, dass Notarzt auch Polizei bedeutet?

Die Fixierbinde ist zu Ende gerollt. Edgar trennt das letzte Stück längs in der Mitte auf und knotet sie fest. Keine schlechte Arbeit für einen vollkommen Ungeübten. Sieht richtig sauber aus, zurzeit jedenfalls, noch ist das Blut, das die Kompressen aufzuhalten versuchen, nicht durchgedrungen.

Der Verletzte schnauft, hat den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen, ist aber nicht bewusstlos, schläft höchstwahrscheinlich auch nicht. Er versucht nur, seiner Schmerzen Herr zu werden. Oder zu begreifen, was da gerade geschehen ist.

Der Wald steht still und schweigt. Nicht mal ein Vöglein zwitschert.

Edgar erhebt sich, der Dicke tut es ihm gleich. Und schaut ihn an. Als warte er seinerseits auf ein Angebot. Auf einen Vorschlag, die Angelegenheit zum Besten für seinen Kumpel, aber ohne Polizei zu regeln. Oder?

Dann mal los.

„Um es von vorneherein klar zu sagen: Wir sind keine Verbrecher“, beginnt Edgar. „Wir sind Jäger, und wir jagen hier ganz legal. Das ist unsere Jagd. Wir haben sie gepachtet. Ganz ordnungsgemäß.“

Und weiter?, fragt des Dicken stummer Blick.

„Aber natürlich ist es uns unangenehm, was da passiert ist. Mein Vater hat zu unbedacht geschossen, keine Frage. Er dachte, er schießt auf Wild. Schließlich habt ihr euch hier nicht rumzutreiben. Es war also ein Unfall.“

Der Dicke verzieht immer noch keine Miene.

„Aber um es geradeheraus zu sagen: Mir wär sehr daran gelegen, wenn die Sache keine weiteren Kreise zieht. Mein alter Herr ist, sagen wir es mal so, kein unbeschriebenes Blatt. Auch wenn das hier nur ein Unfall war, könnte es böse für ihn enden, wenn diese Geschichte aktenkundig wird. Und ich habe den Eindruck, dass ihr auch kein Interesse daran habt.“

Edgar gibt dem Dicken einen Moment Zeit nachzuhaken. Tut der aber nicht. Das ist dann ja wohl die halbe Miete. Wahrscheinlich sogar mehr als das.

„Andererseits: Euer Kumpel muss professionell medizinisch versorgt werden, das ist keine Frage. Und diese ärztliche Hilfe soll er auch bekommen. Wenn ihr darauf besteht, einen Notarzt zu rufen, werden wir euch nicht daran hindern, das ist euer gutes Recht. Nur wird der Notarzt auch die Polizei verständigen, das ist auch euch sicher klar.“

Edgar hält eine Sekunde inne, um nachzuhören, ob sein alter Herr an dieser Stelle möglicherweise einen kleinen Grunzer ausstößt. Als Regung des Protests. Könnte ja sein. Ist aber nichts zu hören.

„Andererseits: Wir haben bei uns im Dorf jemand, der eine medizinische Versorgung gewährleisten kann, und zwar diskret. Ich geb auch offen zu: Es ist unser Tierarzt. Aber er ist es seit jeher gewohnt, auch Menschen zu verarzten. Und auf Fleischwunden ist er ganz besonders spezialisiert. Die gibt’s in unserem Ort nämlich immer reichlich zu behandeln.“

Die Augen des Dicken leuchten kurz auf. Ihm dämmert natürlich sofort, von welchem Ort die Rede ist, vom Dorf der Verdammten. Ist für einen Einheimischen auch nicht allzu schwer, darauf zu kommen. Das Dorf der Verdammten kennt jeder, landauf, landab. Die Jüngeren halten ihn mittlerweile allerdings eher für Legende als für Realität. Der Dicke ist aber alt genug, um die Geschichten zu kennen.

„Wenn ihr wollt, bringen wir euch dahin. Ihr lasst euern Kumpel bei unserem August behandeln, und wenn ihr nicht zufrieden seid, könnt ihr immer noch einen Notarzt rufen. Oder ich fahr euch in eine Unfallklinik. Wenn ihr euern Kumpel aber als gut versorgt anseht, lassen wir die Sache auf sich beruhen. Ich bin auch bereit, euch ein kleines Schmerzensgeld zu zahlen. Aber werdet nicht unverschämt, ich bin kein reicher Mann. Denkt außerdem immer dran: Ihr hattet hier nichts zu suchen, das war und ist unsere Jagd. Ich biete euch das nur an, damit mein Vater nicht mehr Ärger als nötig bekommt.“

Edgar ist mit seinem Vortrag am Ende. Und sogar ein bisschen stolz darauf. Besser hätte er diesen doch beim besten Willen nicht hinbekommen können.

Jetzt heißt es: Warten, bis der Dicke das Maul aufmacht.

„Was meint ihr?“, hakt Edgar noch einmal nach, als der Dicke sich zu viel Zeit lässt. Scheint ein bisschen begriffsstutzig zu sein.

„Einverstanden“, entweicht es dem Dicken schließlich. „Unter einer Bedingung“, schiebt er nach.

„Ja?“

„Wenn unser Kumpel versorgt ist, bringst du meinen Schwiegervater und mich uff de Betze. Und zwar noch vor vierzehn Uhr.“

Edgar stutzt. Einen kurzen Augenblick lang ist er überrascht, aber nicht verwundert. 

Nein, verwundert er ist nicht. Die Jungs wollen uff de Betze, das hätten sie wirklich gleich sagen können.

(Fortsetzung folgt.)

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