Block 4.2 – Der Roman, Kapitel VII

De Betze spielt – und es geht um alles, wieder einmal. Doch Albin ist sicher: Alles wird gut, wenn sein Schwiegervater Anton mit von der Partie ist, denn mit ihm in Block 4.2 hat de Betze noch jedes wichtige Spiel gewonnen. In der Nacht vor dem Spiel baut Albin mit seinem Kleinbus jedoch einen Unfall. Albin versucht, den Betze mit seinen Gefährten zu Fuß zu erreichen. Das bedeutet: Vierzig Kilometer durch den Wald, und das durch die Nacht. Leider jedoch heftet sich auch die Polizistin Lea an die Fersen, die sich mit Albins Frau Heidrun verbündet hat. Dennoch schafft es Albin, eine Fahrmöglichkeit für die letzten Kilometer zum Stadion zu finden, auch wenn er seinen treuen Freund, den Champ, verletzt im Dorf der Verdammten zurücklassen muss.

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Kapitel VII

De Fritz

 

Bootz macht sich nichts vor: Er ist nicht mehr als ein beschissener Schlachtenbummler, und bei diesem Gedanken grinst er in sich hinein. Hoffentlich sieht Stolte das nicht, der neben ihm sitzt. 

Bootz hat sich kurzerhand entschlossen, selbst rauszufahren. Das muss er sich einfach ansehen, zumindest das, was noch zu sehen ist von diesem Gemetzel. Und Stolte hat er verdonnert mitzukommen. Weil die Alte will, dass diese Unfallflüchtigen weiterverfolgt werden, per Handyortung, und das kann Stolte am besten managen. Neben Hoffmann natürlich, aber der fällt ja nun bis auf Weiteres aus. Nellessen hat ihm eine übergebraten, bevor die Alte ihn von seinem Bock geballert hat. Großartig.

Die Alte hat Nucky Nellessen abgeknallt, den Vize des örtlichen Engel-Chapters. Einfach so, nachdem wochenlang nach Nellessen gefahndet wurde. Okay, so ganz abgeknallt ist er noch nicht, aber nach dem, was über Funk so reingekommen ist, ist der Engel mehr tot als lebendig.

Nicht zu fassen.

Bis sie am Tatort eintreffen, ist Nellessen wahrscheinlich schon abtransportiert, auch Hoffmann werden sie wohl ins Krankenhaus geschafft haben … Schade, denn ihn hätte sich Bootz gerne mal vorgeknöpft. Hoffmann ist schließlich die halbe Nacht mit der Alten unterwegs gewesen, und er steht auf sie, das weiß jeder. Nicht, dass er ihr am Ende, um sich lieb Kind zu machen, von dem kleinen Boxevent erzählt hat, das Bootz gestern Abend in der PI organisiert hatte.

Gestern Abend ist sich Bootz zwar noch sicher gewesen, dass Hoffmann keiner ist, der petzen würde, um bei der Alten Punkte zu sammeln. Mittlerweile aber hat sich herausgestellt, dass der Champ und die beiden Gestalten, die bei ihm waren, exakt die Unfallflüchtigen sind, hinter denen die Alte her ist. Es gibt aber auch saudumme Zufälle. Und dieser könnte den lieben Hoffmann vielleicht doch dazu verleitet haben, der Alten was zu stecken.

Es ist aber auch eine zähe Kurverei durch diesen Wald. Kommt man kaum vorwärts. Bootz würde gerne ein bisschen auf die Tube drücken. Er hätte auch nichts dagegen, Sirene und Blaulicht einzuschalten. Nur könnten sie dann auch nicht viel schneller fahren. Ist ja kaum einer unterwegs, der sich mit Sound und Leuchtreklame zur Seite drängen ließe. Zudem muss man immer im Hinterkopf haben, dass jederzeit eine dumme Hirschkuh die Fahrbahn queren könnte. Da kann noch nicht mal dieser klapprige Streifen-Vectra was dafür, dass es nicht schneller geht. Mann, Mann, Mann, bis sie auf dieser Dienststelle endlich neue Dienstwagen bekommen, kann die Karre längst mit roten Nummernschildern gefahren werden.

Hanns und Holbein wären sicherlich auch gerne mitgekommen, auch wenn es am Tatort nicht mehr viel zu sehen gibt. Einfach, um zu gucken, um sich das Ganze bildlich besser vorstellen zu können. So wie die Weltkriegstouristen, die noch fünfzig Jahre später in die Normandie reisen, um nachzuhören, ob im Rauschen der Wellen bei Omaha Beach noch der Gefechtslärm des D-Day nachklingt … Hanns und Holbein mussten jedoch passen, ihr Besuch im Krankenhaus, wo sie den Penner befragen wollten, der in Frau Feldmanns Schuppen übernachtet und von der alten Bäurin ein paar mit dem Dreschflegel übergezogen bekommen hatte, zog sich hin. Der Junge ist noch bewusstlos, Frau Feldmann hat wirklich hart zuschlagen.

Bootz hatte irgendwann keine Lust mehr, auf Hanns und Holbein zu warten. Er wollte los, zur Alten. Er platzte fast vor Neugier.

Sie hat es also getan, tatsächlich getan. Die Knarre gezogen, angelegt und abgedrückt. Und dann auch noch getroffen. Es ist einfach nicht zu fassen. Bootz stand noch nie vor einer solchen Entscheidung, abzudrücken oder einen Schwerkriminellen, nach dem seit einiger Zeit gefahndet wird, flüchten zu lassen. Dabei hat er noch fünfzehn Dienstjahre mehr auf dem Buckel als die Alte. Überhaupt ist es eigentlich Blödsinn, dass ausgerechnet er sie „die Alte“ nennt, aber die anderen tun es schließlich auch.

Und jetzt hat sie ihm diese eine, die intensivste aller Erfahrungen voraus. Kaum zu glauben.

Du musst zugeben, Bootz: Du hättest es ihr nicht zugetraut. Sie hat dich überrascht. Zum ersten Mal, seit sie deine Vorgesetzte ist, seit du ihr und ihrem sogenannten Führungsstil ausgesetzt bist, hat sie dich wirklich überrascht.

Als du deinen Dienst angetreten hast, gab es noch keine Weiber bei der Polizei. Und deiner Meinung nach war das auch gut so, und wenn du ehrlich bist, siehst du das heute noch genauso. Da kann man frauenrechtlerisch noch so gut drauf sein, wie man will, es ist doch nicht von der Hand zu weisen: Frauen verfügen im Durchschnitt über weniger Körperkraft als Männer, und die brauchst du nun mal als Schupo, wenn es Putz gibt, mit Besoffenen, Psychos oder sonstigen Rechts- und Ordnungsbrechern. Und solche Konfrontationen sind fester Bestandteil eines Schupo-Lebens, da beißt doch keine Maus einen Faden ab.

Das bedeutet, wenn ein Mann und eine Frau zusammen Streife fahren, bist du als der männliche Kollege auf jeden Fall gearscht, weil dir eine vernünftige Rückendeckung fehlt, ein Kollege, der zuschlägt, wenn du unversehens attackiert wirst. Wie willst du dir Respekt verschaffen, wenn du dich vor Hools oder anderen Halbstarken aufbaust und sie in die Schranken weisen willst, wenn hinter dir ein Mädel steht, dem schon die Mütze viel zu groß ist? Erst recht, wenn es sich bei den Aggressoren um, drücken wir uns politisch korrekt aus, Angehörige eines Kulturkreises handelt, in dem Frauen ohnehin nichts wert sind. 

So sieht’s doch aus, oder glaubt irgendwer, Bootz würde den Job erst seit gestern machen?

Damit nicht genug: Wenn’s tatsächlich Putz gibt, wie, glaubt ihr, verhält sich ein anständiger Schupo? Wenn er einen zweiten Mann bei sich hat, der ebenfalls was drauf hat, versucht er, direkt und geradeheraus den Kopf der Gruppe unschädlich zu machen, also den mit der größten Klappe. Wenn es gut läuft, geben die anderen dann auf, das ist erwiesen, gruppenpsychologisch und so. Aber wenn der uniformierte Mann nur ein Mädel in einer viel zu weiten Uniform dabei hat, wird er versuchen, zuerst sie zu beschützen. Das ist kein romantischer Ritterscheiß, sondern ganz natürlich – das, was ein anständiger Kerl halt tut, und ein anständiger Schupo erst recht.

So sieht’s doch aus. Genau so.

Und deswegen haben Frauen bei der Polizei nichts verloren. Aber sag das mal laut. Da wirst du sofort als Chauvisau abgestempelt, als sexistischer Dinosaurier und als weiß Gott was noch alles. Von den gleichen Leuten, die dann auf die Polizei draufhauen, wenn ein Einsatz schiefgeht, egal wie groß der Anteil der Frauen dabei war. Ist doch so.

Doch die Alte hat heute Morgen einfach die Knarre gezogen und abgedrückt. Damit Nucky ihr nicht davonfährt. Als ob sie Eier hätte. Nicht zu fassen.

Bootz und Stolte fahren noch eine ganze Weile durch den grauen Morgen. Noch lässt der Himmel keinen Schluss zu, was er heute noch im Angebot hat, Regen oder vielleicht doch mal den ein oder anderen Sonnenstrahl.

Als sie den Waldweg erreichen, funken sie die Alte an, damit diese sie zu der Blockhütte lotst.

Erstaunlich, wie gut Nellessen versteckt war. Die Engel haben es tatsächlich geschafft, eine stabile Hütte mitten in den tiefsten Wald zu stellen, über die sich anscheinend nie jemand Gedanken gemacht hat, wer sie gebaut, geschweige denn genehmigt hat. Das heißt, der zuständige Förster wird sich diese Gedanken schon gemacht haben. Mit dem müsste dringend mal geredet werden, denkt Bootz.

Die Verwundeten sind, wie er es befürchtet hat, leider schon abtransportiert. Aber Nuckys Maschine liegt noch da, er hat sie gegen den Baum gefahren, als die Alte ihm den Rücken perforiert hat. Der Boden daneben ist feucht. Bootz drückt seine Finger hinein, und, tatsächlich, als er danach seine Fingerkuppen betrachtet, sind sie rot gefärbt.

Du bist tatsächlich nichts anderes als ein beschissener Schlachtenbummler, Bootz.

Bootz schnuppert gerade an seinen Fingern und es sieht beinahe so aus, als wolle er sie ablecken, als ihm der Blick auffällt, den die Alte auf ihn geheftet hat. Sie steht etwa zehn Meter von ihm, vor der Blockhütte. Stolte hat bereits neben ihr Posten bezogen. 

Als Bootz auf sie zuläuft, überlegt er einen Moment, ob er sie mit einem „Waidmannsheil“ begrüßen soll. Besser doch nicht, das ist nicht ihre Art von Humor, sagt er sich gerade noch rechtzeitig. 

Stattdessen heuchelt er ein mitfühlendes „Alles in Ordnung?“.

Die Alte nickt so unmerklich, dass man sich erst einmal eine Zeitlupen-Wiederholung ansehen müsste, um sich da sicher zu sein.

„Ich muss jetzt erst einmal zur PI zurück“, kommt sie direkt auf den Punkt. „Die Angelegenheit hier dürfte mich eine Weile beschäftigen. Sie versuchen bitte weiter, die zwei Idioten zu finden, die den alten, kranken Mann durch den Wald schleifen. Sie müssen hier in der Blockhütte gewesen sein, als es geknallt hat, sind dann aber weitergetürmt. Die Kollegen vom LKA werden Sie weiter auf dem Laufenden halten, wo sich die drei befinden. Greifen Sie halt irgendwo zu, wo sich die Gelegenheit bietet.“

Bootz nickt pflichtergeben, und ein paar Minuten später sitzt er mit Stolte wieder in dem klapprigen Vectra.

„Sag mal“, hakt Stolte nach, nachdem er die aktuelle Position des Handys abgefragt und auf der Landkarte eingetragen hat. „Es heißt doch, dieser Schmitter sei mit seinem schwerkranken Schwiegervater unterwegs uff de Betze, oder?“

Bootz nickt.

„Ist er aber nicht.“

„Was?“

Stolte zeigt Bootz die Karte. Und den Punkt, den er markiert hat.

„Das darf doch nicht wahr sein.“

Das Dorf der Verdammten.

„Was zum Teufel wollen die denn da?“, fragt Bootz mehr sich selbst.

„Vor allem: Was wollen wir da? Normalerweise taucht unsereins da nur in Mannschaftsstärke auf“, antwortet Stolte, ebenfalls mehr zu sich selbst.

+ + +

Albin steht vor dem Fenster des kleinen Zimmers im ersten Stock, in das sie den Champ gepackt haben. August, der Tierarzt, den Edgar gerufen hat, hat seinen Job so zügig wie tadellos erledigt, wie Edgar es ihnen versprochen hat. Er säuberte die Wunde, verpasste dem Champ eine örtliche Betäubung, nähte beide Löcher zu, vorne wie hinten, und verband diese fachmännisch. Dann wuchtete er seine massige Erscheinung, die schon viele Schlachtfeste gefeiert und unzählige Kälberentbindungen begossen hatte, wieder zur Tür hinaus. Er müsse noch zu einem Pferd mit einem gebrochenen Huf, erklärte er, als er den Schnaps ausschlug, den Edgar ihm anbot.

Jetzt ist Albin mit dem Champ allein.

Vor dem Fenster wiegen sich Baumwipfel im Wind, doch Albin sieht sie nicht, obwohl sein Blick auf sie gerichtet ist.

Weise. Der Trainer Weise. Doch, das passt. Es wird sich anfühlen, als sei er der Trainer Weise, wenn er getan hat, was er jetzt tun muss.

Der, von dem alle überzeugt waren. Der, dem alle vertrauten. Der, den alle am Betze sehen wollten. Der, von dem alle dachten, dass er der mit dem Plan sei, dass er würdig sei, in Kallis Fußstapfen zu treten, nachdem Kalli zweiundachtzig de Betze verlassen hatte und erst neunzig wiederkommen sollte. 

Weise. Der, der dann alle enttäuschte.

Zuerst ließ er zu, dass de Betze den schlauen Funkel verkaufte. Angeblich war kein Platz mehr für ihn im Team. Ausgerechnet für Funkel, der doch wirklich jede Position spielen konnte, sollte es keinen Platz mehr geben? 

Dann hat Weise Hellström auf die Bank gesetzt. Hellström! Der Held einer ganzen Generation! Sollte, so wollte es Weise, einem Jüngeren Platz machen. Und dann hat Weise einfach keine Punkte geholt. Und als er feststellte, dass alles nicht so lief, wie er sich das in seinem verbohrten Sachsenschädel zurechtgelegt hatte, schmiss Weise einfach hin. Hat sich ins Auto gesetzt und tschüss. Es passe nun einmal nicht. Am elften Spieltag.

Man kann mal schlecht spielen, aber nie schlecht kämpfen.

Aber vor allem darfst du Menschen, die dir vertrauen, nicht enttäuschen.

Und den Champ wirst du nun enttäuschen, Albin. Er wird die Nachricht zwar aufnehmen, wie er alle Nachrichten aufnimmt. Ungerührt. Er wird vielleicht mal kurz nicken. Wie es wirklich in ihm drin aussieht, kannst du nur vermuten. 

Und du vermutest: Er wird enttäuscht sein. Weil du ihn zurücklässt. Weil du deinen Freund zurücklässt, deinen einzigen wahren Freund. Der dir sogar auf diesem Weg gefolgt ist, auf dem dir sonst niemand gefolgt wäre.

Du opferst ihn. Anders kannst du es nicht nennen. Du opferst den Champ. Auch wenn du überzeugt ist, dass du es einer Sache wegen tust, die dieses Opfer wert ist, kannst du nicht erwarten, dass der Champ sich dessen bewusst ist, denn der Champ hat dich nur aus Freundschaft auf deiner Mission begleitet, nicht, weil er so von ihr überzeugt ist, wie du es bist. Auch das hast du immer deutlich gespürt, auch wenn du es vielleicht nicht so genau wissen konntest, denn der Champ selbst sagt dazu halt nie so sehr viel.

Es hilft nichts, hier noch länger rumzustehen und zu grübeln: Du musst los.

Anton sitzt unten bei Edgar, und du weißt, wie schnell er unruhig wird, wenn er mit Menschen, die ihm nicht vertraut sind, in einer Umgebung ist, die ihm ebenfalls nicht vertraut ist. 

Außerdem ist es nicht mehr allzu lange hin bis zum Anpfiff.

Albin tritt zum Champ ans Bett.

„Champ“, beginnt Albin.

„Ich weiß schon“, prescht der Champ in der ihm eigenen Sprache vor, die niemand so schnell zu erfassen vermag wie Albin. Drei Worte, die ihm in die Seele schneiden, auch wenn der Champ sie mit einer Leidenschaftslosigkeit dahersagt, die kaum noch Coolness genannt werden kann. Der Champ weiß bereits Bescheid und benötigt nur einen kurzen Blick, um mitzuteilen, dass das Gespräch damit für ihn beendet ist. Sodass er ruhigen Gewissens die Bierdose ansetzen kann, die ihm Albin in die Hand gedrückt hat, nachdem der Tierarzt abgezogen war. 

Die Tasche mit den Vorräten liegt neben dem Bett. Sie ist um einiges leichter geworden, seit sie losmarschiert sind. Nur noch eine Andurl ist da, das Zwiebelbrot ist ziemlich zerfetzt und wird wohl kaum noch gegessen werden, und von den Bierdosen sind nur noch sechs da.

„Ich lass dir die Tasche da“, sagt Albin. „Trink aber nicht nur das Bier, sondern versuch auch mal, was zu essen. Wird dir guttun.“ Der Champ nickt erneut.

„Sobald ich eine Transportmöglichkeit für dich habe, hol ich dich ab“, erklärt Albin als Nächstes.

Und jetzt? Einfach „Tschüss“ sagen und durch die Tür gehen?

So kannst du deinen verletzten Freund nun auch nicht zurücklassen.

„Hör zu“, wendet Albin sich noch ein weiteres Mal an den Champ, „ich lass dir auch mein Handy hier. Dann hab ich zwar keins mehr und du kannst mich nicht erreichen, aber wenn dir hier irgendwas nicht passt oder du mit dem komischen Alten da unten nicht klarkommst, rufst du einfach doch den Notarzt oder die Bullen oder wen immer du willst. Und ich melde mich, sobald ich wieder ein Telefon zur Verfügung habe. Okay?“

Und der Champ nickt noch mal.

Jetzt endlich kann Albin abrücken. Mit einem etwas besseren Gefühl, aber im tiefsten Herzen ist ihm immer noch, als wäre er der Trainer Weise.

Edgar fährt einen Frontera, die fetteste Ausführung, aber bereits mit einigen Beulen und Kratzern, die vielen Geländeeinsätze der Familie haben Spuren hinterlassen. Antons Rollstuhl klappen sie zusammen und verstauen ihn im Heck. Anton nimmt auf der Rückbank hinterm Beifahrersitz Platz, der Einstieg ist dank der hohen Position kein Problem. Albin pflanzt sich neben Edgar, der ihm mittlerweile richtig sympathisch ist. Vielleicht ist das ja der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Trotz der dramatischen Umstände, unter denen sie sich kennenlernten.

Und als sie am Rollen sind, schwindet Albins Schmerz über die unumgängliche Opferung des Champs mit jedem Meter, mit dem er sich von seinem zurückgelassenen Freund entfernt. Seine Knöchel und Knie, Sehnen und Knorpel entspannen sich endlich, und die wohlige Erkenntnis, dass seine Mission fast erfüllt ist, schenkt seinem Geist zunehmend Zufriedenheit. Er hat es geschafft, was soll jetzt noch schiefgehen? Anton und er werden um vierzehn Uhr in Block 4.2 sitzen, und de Betze wird gewinnen, weil er immer gewinnt, wenn Anton im Stadion ist. Und selbst wenn die Bullen sie an ihren Plätzen  erwarten, so unmenschlich, ihnen diese neunzig Minuten Gnadenfrist nicht zu schenken, kann kein Gesetzeshüter sein, und wenn einer dennoch darauf bestehen sollte, sie umgehend abzuführen, wird Albin ihm mit dem Meier-Vergleich kommen.

Apropos Bullen: Ein paar Kilometer weiter kommt ihnen ein betagter Polizei-Vectra entgegen, und für den Bruchteil einer Sekunde durchzuckt es Albin: Die werden doch nicht hinter mir her sein?

Im nächsten Augenblick aber verwirft er den Gedanken auch schon wieder. Weshalb sollten die Bullen ihn denn hier suchen, so weit vom Betze entfernt?

+ + +

Der Kaffee, den der Bub ihnen gekocht hat, wird langsam kalt. Eugen wird ihn dennoch trinken. Denn er trinkt jede Tasse, jedes Glas aus, unnütz weggeschüttet wird nichts, so hat er es schon immer gehalten und so wird er es immer halten. Und außerdem kann er sich immer noch an der Tasse ein wenig die Hände wärmen.

Jetzt sind sie weg, der Bub, der Dicke und der Alte, der anscheinend längst blöd geworden ist. Das ist schlimm, wenn im Alter einer blöd wird. Das kommt leider ja öfter vor, sogar Eugen kennt im Ort einige, die im Alter blöd geworden sind, einige davon sind gar nicht so viel älter als er. Ob auch er im Alter blöd wird? Darüber mag Eugen nicht nachdenken. Weil es nichts bringt, drüber nachzudenken. Und wenn du erst einmal blöd geworden bist, denkst du sowieso nicht mehr drüber nach.

Den anderen haben sie ihm hier gelassen. Den, den er angeschossen hat. Der liegt jetzt oben in dem Zimmer, in dem einst der Bub geschlafen hat. Eugen sitzt allein in der Küche mit seiner immer noch lauwarmen Kaffeetasse in der Hand und schaut zum Fenster hinaus. Er wird bald Besuch bekommen, das spürt er. Der Bub hat sich ja aufrichtig bemüht, er meint es sicher auch gut, aber er hat halt keine Ahnung. Solche Menschen wie der Dicke werden eine solche Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen. Der wird, sobald der Bub ihn gehen lässt, die Polizei rufen. Auch wenn der, der jetzt oben im Bubenzimmer liegt, von August mittlerweile ordentlich verarztet worden ist.

Eugen hat ihn längst erkannt. Das ist der Boxer, also der, der früher richtig gut war, nur der Name fällt Eugen gerade nicht ein, mit Namen hat er es nicht so. Eugen kennt die Boxer aus der Gegend nämlich, er ist früher selbst öfter zu Kämpfen gefahren, zusammen mit den anderen Männern aus dem Ort. Denn vor gar nicht allzu langer Zeit waren im Ort ein paar Buben herangewachsen, die sich als Boxer versuchten und sich dabei gar nicht schlecht anstellten und die sogar von denen aus der Stadt gefördert wurden. Und da sind sie dann immer alle zusammen hingefahren, wenn die Buben kämpften, weil sie ihnen zeigen wollten, dass sie stolz auf sie waren. Aber auch, weil es ihnen gefiel, den Kämpfen zuzuschauen. Denn Boxen ist viel aufregender als Fußball, weil es da Mann gegen Mann geht.

Und dieser eine Boxer, der früher richtig gut war, liegt jetzt da oben mit dem Beindurchschuss, den Eugen ihm verpasst hat. Ist natürlich keine Absicht gewesen, aber leid tut es Eugen nicht, der Boxer hatte in seinem Jagdrevier nichts verloren. Dennoch macht Eugen sich keine Illusionen, dass sie ihn nun wieder holen und in den Bau stecken, weil das nicht sein darf, dass einer wie er auf einen Menschen schießt, selbst wenn es ein Versehen war und der nichts in seinem Jagdrevier verloren hatte. Denn einen wie ihn stecken sie immer gerne in den Bau, haben sie schon immer gerne getan.

Aber davon hat Eugen jetzt genug. Die ersten Male hat er seine Zeit noch auf einer Arschbacke abgesessen, aber dann war er ganze sieben Jahre am Stück im Bau, die haben ihm gereicht. Weil er den Bännjer gestochen hat damals.

Sieben Jahre. Wegen dem Bännjer.

Warum nur?

Der Bännjer hatte ein Messer und Eugen hatte ein Messer, der Bännjer wollte ihn genauso stechen wie Eugen ihn stechen wollte, und am Ende war Eugen derjenige, der den Bännjer gestochen hat, so einfach ist das. Der Bännjer hatte gewusst, auf was er sich einließ, als er gegen Eugen das Messer zückte. Das war eine Angelegenheit zwischen ihnen beiden, die niemanden sonst was anging. Dennoch saß er deswegen sieben Jahre im Bau.

Und so werden sie ihn jetzt wieder holen kommen, weil er auf diesen Boxer geschossen hat, obwohl es keine Absicht war und der Boxer selbst dran schuld war. Wobei der Boxer mit Sicherheit der anständigste Kerl von den dreien ist, der sieht wahrscheinlich sogar ein, dass es seine eigene Schuld war. Der wäre bestimmt gar nicht einverstanden, dass einer wie Eugen dafür in den Bau geht, aber den wir keiner fragen, das ist ja der größte Witz. Dass es gar nicht mal die sind, denen das Leid geschehen ist, die über andere urteilen. Sondern andere. Der Bännjer hätte auch nicht gewollt, dass Eugen in den Bau geht dafür, dass er ihn gestochen hat. Er hätte Eugen eben selber stechen müssen, aber das ist ihm nicht gelungen, und das war bestimmt das Einzige, was ihn noch kümmerte, ehe er seinen letzten Atemzug tat.

Der Bub hätte besser Eugen die Angelegenheit regeln lassen sollen. In solchen Fällen folgt man besser seinem ersten Gedanken. Und regelt alles noch direkt vor Ort. Und ohne Zeugen.

Als Eugen draußen von der Straße Motorengeräusche hört, blickt er fast schon träge auf. Sein Puls schnellt auch kein bisschen hoch, als er feststellt, dass es ein Polizeiwagen ist, der da vorfährt. 

Natürlich ist es ein Polizeiwagen.

Eugen ist es so leid, immer recht zu behalten.

Aber: Sie kommen mit nur einem Wagen. Und drin sitzen nur zwei Uniformierte. Nur zwei, um ihn in den Bau zu schicken? Ihn? Wissen die denn nicht, mit wem sie es zu tun haben?

Nur zwei, das ist ja wohl eine Beleidigung. Mit zweien lässt es sich fertig werden. Und wenn er sich anschließend für eine Weile und tief genug im Wald versteckt hält, werden sie irgendwann aufhören, nach ihm zu suchen. Dann kehrt er wieder ins Dorf zurück und lebt in Ruhe weiter. Nur wird der Bub wahrscheinlich nicht mehr mit ihm jagen gehen.

Das aber lässt sich nun nicht mehr ändern.

Eugen erhebt sich aus seinem knarrenden Stuhl und tritt auf den Flur hinaus. Zum Stahlschrank, den er immer nur anlehnt, obwohl der Bub ihm eindringlich erklärt hat, der Schrank müsse stets abgeschlossen sein, das sei so Gesetz. Aber hier im Ort interessiert sich niemand für solche Gesetze, wer also soll kontrollieren, ob sie eingehalten werden.

Drei Flinten hat Eugen im Schrank hängen. Er greift die doppelläufige, die für Hasen. Auf dem Schrankboden liegen kleine Pappkartons mit Munition. Eugen greift sich zwei Zwölf-Siebziger, Schrot für Hasen, klappt die Doppelläufige auf und steckt die Patronen hinein.

Als die Flinte zuschnappt, läuten die Polizisten zum ersten Mal.

Ohne jede Hast schreitet Eugen zur Tür.

Als er die Haustür mit der linken Hand öffnet, hält er die Doppellläufige in der Rechten. Die werden schon nicht mit gezückten Pistolen in der Tür stehen, nicht die Sorte, die zu zweit kommt.

Eugen öffnet die Tür und schaut hinaus. Die klassische Besetzung, ein Alter und ein Junger.

Sie kommen gar nicht dazu, ihn anzusprechen. Sie schauen ihm nur kurz ins Gesicht, als hätten sie darin lesen können, von wo ihnen Ungemach droht, dann wandern ihre Blicke an seinem rechten Arm hinauf. Eugen hebt die Doppelläufige und packt sie unterm Lauf mit der Linken, richtet sie zunächst gegen den jungen Unifomierten und drückt ab.

Zuvor öffnet er leicht den Mund, damit ihm der Knall nicht die Ohren betäubt.

Der ist auch gewaltig, aber Eugen ist zu gut darauf gefasst, als dass er sich darüber erschrickt. Die Garbe katapultiert den Jungen vom Hauseingang weg.

Dann dreht die Doppelläufige um nicht mal fünfundvierzig Grad in der Horizontalen, sodass sie auf die Brust des älteren Uniformierten zeigt. Der ist noch nicht annähernd so weit zu begreifen, was da gerade geschieht. Eugen drückt ein zweites Mal ab, und schon liegt der alte neben seinem jungen Kollegen auf dem Asphalt.

Das haben sie nun davon, dass sie nur zu zweit gekommen sind.

Aber: Sie rudern mit den Armen und zucken mit den Beinen. Unkoordiniert zwar und vollkommen benommen, doch sie sind noch halbwegs bei Bewusstsein.

Das ist ja wohl nicht zu fassen.

Einen Moment lang wundert sich Eugen, dann hat er die Erklärung: Die tragen Schutzwesten. Der Stahlschrot ist nicht durch sie hindurch gedrungen, daher haben die Garben sie lediglich weggepustet, aber nicht ernsthaft verletzt. Und er hat bei beiden auch noch schön auf die Brust gezielt, wo die Westen am besten schützen. Schön blöd.

Gleich werden sie sich berappeln und ihre Dienstwaffen zücken.

Und Eugen hat sich keine Patronen zum Nachladen eingesteckt. 

Er überlegt kurz, ob er auf sie zustürzen und ihnen den Rest mit dem Gewehrkolben geben soll, aber dann entschließt er sich, die Sache richtig zu machen. Ein paar Sekunden Zeit wird er schon noch haben, ehe sich der Erste wieder erhebt. Schließlich sind sie nicht nur hart aufgeschlagen, sondern müssen erst einmal mit dem Schrecken fertig werden.

Eugen geht zum Waffenschrank zurück und greift sich zwei weitere Patronen. Noch während er zur Haustür zurückgeht, klappt er die Doppelläufige auf, um die Hülsen herauszunehmen und nachzuladen. Dabei fällt ihm eine Patrone herunter. Noch so eine Dummheit. Als ob er es auf seine alten Tage tatsächlich an den Nerven bekäme.

Er hebt sie auf, lädt fertig und tritt erneut durch die Haustür. Seine ungebetenen Besucher haben es mittlerweile gerade mal geschafft, sich auf den Bauch zu rollen. Der Junge versucht gerade, sich auf alle Viere zu stellen.

Na warte.

Eugen geht auf die beiden zu, schaut sich dabei kurz um. Im Vorgarten gegenüber steht seine Nachbarin Annegret. Hat wieder ihre Zähne nicht angezogen, sodass ihr Mund ein kerzengerader Strich in ihrem verrunzelten, kreisrunden Kopf ist, und die Augen hat sie zusammengekniffen, als wär sie schon tot. Dabei harkt sie immer noch fleißig in ihrem Garten rum, auch sonntags, mit ihren nunmehr dreiundneunzig Jahren.

Und das, was sie jetzt gleich sehen wird, wird weiß Gott nicht das Schrecklichste sein, was sie in ihrem Leben gesehen hat.

Eugen richtet die Doppelläufige auf den Hinterkopf des jungen Uniformierten.

Doch bevor er abdrücken will, kracht etwas gegen seinen Hinterkopf, und ihm wird schwarz vor Augen.

+ + +

Die Stadt dämmert schon den ganzen Morgen vor sich hin. Vor Mittag wird sie kaum Farbe tragen, denn de Betze spielt ja erst um vierzehn Uhr.

Der Wald hält die Stadt fest umschlossen. Nur nach Westen öffnet sich ein Weg in eine weite Ebene. Irgendwo hinterm Horizont warten heißer Milchkaffee, duftende Croissants und süße Französinnen, heißt es. Manche Bewohner der Stadt träumen immerfort davon, auch am Tag.

Gegründet haben soll die Stadt eine fromme Frau, vor langer, langer Zeit. Sie ist auf der Flucht vor Christenmördern gewesen, heißt es. Und hat Unterschlupf gefunden bei einem Einsiedler, der am Rande des großen Waldes hauste. Ob dem Einsiedler die plötzliche Gesellschaft gelegen kam, ob und was sich da sonst noch entwickelte zwischen ihm und der frommen Frau, der er Quartier bot, ist nicht bekannt.

Ist ohnehin nur eine Legende. Und nur eine von vielen, die sich um die Stadt ranken. Andere handeln von Steinen, die bluten, oder sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, die nie zu etwas Gutem führen. Oder von Fischen in einem See, die sie so groß sind wie Pferde. Manche dieser Legenden sind kaum zum Aushalten.

Ein Kaiser hat einmal eine Burg bauen lassen in der Stadt, das muss auf jeden Fall stimmen, denn von der sind noch ein paar Mauern aus rotem Sandstein erhalten. Die Burg ist irgendwann zerstört worden, wie irgendwann auch die Stadt zerstört worden ist, und zwar gleich mehrmals, mal vom Franzos, mal vom Ami. Und vor ganz langer Zeit hat sich sogar ein Hunnenkönig an ihr vergangen. Doch immer wieder ist die Stadt neu aufgebaut worden, mit Eifer und Entschlossenheit, sicherlich, aber auch ohne großen Sinn für Raum und Ordnung. Schön geworden ist sie nämlich nicht.

Groß gemacht haben die Stadt Maschinen. Auch heute noch kommen viele junge Menschen, um deren Wesen zu studieren, aber nur für ein paar Jahre, dann ziehen sie weiter. Nur der große Metzger mitten in der Stadt ist unermüdlich in seinem blutigen Geschäft. In stetigem Kurbeln dreht er rohes Fleisch durch seinen chromblitzenden Wolf, auch das von Pferden, die auf den Feldern keine Herren mehr finden, denen sie treu und edel dienen können.

Der Ami, der sich nach dem zweiten großen Krieg breitgemacht hat, ist zahlenmäßig ebenfalls weniger geworden. Nicht, dass die Menschen in der Stadt ihn wirklich mögen, aber sein Geld nehmen sie gerne. Und er gibt ihnen, auch wenn er zahlenmäßig weniger geworden ist, immer noch die meiste Arbeit. Und die brauchen sie. Denn trotz Ami ist jeder zehnte Erwachsene in der Stadt arbeitslos. Sie ist daher höher verschuldet als jede andere im Land. Einige Bewohner sind so arm, dass sie im Winter ihre Wohnung nicht heizen, um sich wenigstens de Betze leisten zu können, und natürlich ein paar Bier. Denn auf dieser Seite des Waldes wird weniger Wein, sondern eher Gerstensaft getrunken, um den Dingen die Schärfe zu nehmen und zu vergessen. Einer zieht sogar durch die Gassen, der bezeichnet Bier fortwährend als „Manna“.

Der Ami donnert derweil mit seinen riesigen Militärmaschinen über die Stadt hinweg. Denn er führt Krieg im Morgenland, da fliegt er schwere Waffen und Soldaten hin, auf dass sie dort Menschen zerfetzen. Zurück bringen die bauchigen Flieger dann die eigenen Soldaten, die wiederum der Feind zerfetzt hat. Manche leben dann noch, von denen wird im nahen Hospital gerettet, was noch zu retten ist.

Es heißt, beim Anflug auf den nahen Flughafen lässt der Ami regelmäßig überschüssiges Flugbenzin über der Stadt und dem Wald ab. Um seine Maschinen leichter zu machen und sicherer landen zu können, möglicherweise aber auch aus purer Bosheit. Das freilich könnte auch eine dieser Legenden sein, denn das Ablassen von Flugbenzin ohne Not ist verboten. Andererseits hat sich der Ami noch nie geschert um das, was andere ihm erlauben oder verbieten.

Der Ami hat einst auch den großen Straßenstrich florieren lassen, der dort gewachsen ist, wo einst der Einsiedler gelebt haben soll. Doch jetzt ist es auch um diese sündige Meile herum still geworden. Nicht, dass das alte Gewerbe ausgestorben wäre, doch hat es sich hinter graue Fassaden zurückgezogen. Wie sich überhaupt alles Wilde und Ungehörige, aber auch alles Ehrbare und Erhabene in der Stadt nur noch hinter grauen Fassaden abzuspielen scheint.

So manches wird da erzählt. Die teuflischsten Pakte sollen geschlossen worden sein hinter diesen grauen Fassaden, wenn die Sonne untergegangen ist und die Fensterläden geschlossen sind. Uneheliche Kinder sind gezeugt, Töchter geschändet, aber auch große Ideen geboren worden. Erbschaftsangelegenheiten wurden bisweilen eigenartig geregelt, Kunst geschaffen, auch Musik gemacht. Auf jeden Fall wird viel Hochprozentiges konsumiert hinter den grauen Fassaden, wenn die Sonne untergegangen ist und die Fensterläden geschlossen sind. Oder es werden andere Rauschmittel in menschliche Blutbahnen geleitet, durch Nase oder Vene, irgendwie halt. Naturfreunde von zweifelhaftem Ruf wissen sogar, wo im nahen Wald Pilze mit berauschender Wirkung wachsen.

Permanent wird von triebhaften Ausschweifungen berichtet. Sanitärfachleute etwa schildern mit großen Gesten, dass sie von Hausfrauen, die sie aufsuchten, um Heizungsleckagen zu beseitigen, Geruchsverschlüsse oder Filter zu wechseln oder gar – und bereits das wird mit einem anzüglichen Grinsen erzählt –, um Rohre zu verlegen, dass sie von eben diesen Hausfrauen bereits in offenen Bademänteln empfangen wurden und es danach zu sexuellen Exzessen animalischster Art gekommen sei. 

Nicht jedem Sanitärfachmann wird freilich Glauben geschenkt. Ebensowenig wie den Alten, die sagen, sie hätten den alten Fritz noch persönlich uffem Betze spielen sehen. Von ihnen wie von den Sanitärfachleuten wird vielmehr angenommen, dass sie so lange vor sich hinträumen, bis sie zwischen Einbildung und wirklicher Erinnerung nicht mehr zu unterscheiden wissen.

Denn so viele Alte, wie behaupten, sie hätten den alten Fritz noch persönlich uffem Betze spielen sehen, können ihn gar nicht spielen gesehen haben. Dann nämlich hätte de Fritz uffem Betze stets vor Hunderttausenden spielen müssen. Hat er aber nicht. Damals gingen noch nicht so viele uff de Betze, im Fernsehen war er meist nur im Nationaltrikot zu sehen, und ferngesehen haben damals auch noch nicht viele.

Ein Großer ist er aber auf jeden Fall gewesen, de Fritz. Selbst wer über die Stadt und den Wald sonst nichts weiß, vom Fritz hat er in jedem Fall schon einmal gehört. De Fritz ist eine der Legenden, die nicht erst mit der Zeit wahr geworden sind, sondern die immer wahr waren.

Konrad betrachtet sich das Foto auf dem Grabstein des alten Fritz. Darauf posiert er in einem dunklen Anzug mit Krawatte, vor ihm sitzt seine Frau, die etwas eher Volkstümliches trägt. Sie ist ein halbes Jahr vor ihm gestorben, danach hätte auch de Fritz nicht mehr gewollt, heißt es. Jetzt liegen sie beide wieder beieinander.

Konrad fragt sich, ob die beiden wussten, dass dieses Bild einmal ihren Grabstein zieren würde, als sie für die Aufnahme posierten. Und ob er auf seinem Grabstein auch einmal so ein Foto von sich und Hedwig möchte. Und soll daneben auch eine steinerne Statue aufgestellt werden wie die, die neben dem Grabstein vom Fritz steht und die ihn mit dem Weltmeister-Pokal zeigt, den er damals gewonnen hat, vierundfünfzig, gemeinsam mit vier weiteren Spielern vom Betze?

Also, eine Statue für ihn, Konrad, wär wohl ein wenig übertrieben. Aber das mit dem Foto muss er sich noch überlegen. Dürfte allerdings schwer werden, Hedwig davon zu überzeugen, sie wird sich, wenn überhaupt, dann wohl eher als junge Frau auf einem solchen Bild sehen wollen, aber was ergibt das für einen Sinn? Wer wird an sie als junge Frau erinnert werden wollen, wenn er vor ihrem Grab steht? Wenn, dann sollten sie sich auf ihrem Grabstein als das zeigen, was später aus ihnen geworden ist. Doch Hedwig gefällt sich als Frau in den besten Jahren nun einmal nicht. Und allein kann Konrad so einen Stein unmöglich zieren. Nicht, wenn Hedwig mit im Grab liegt.

Konrad macht sich diese Gedanken, während er im Gebet versunken scheint, mit übereinander gelegten Händen vor dem Bauch. Zusammen mit rund hundert anderen, die heute Morgen ans Grab vom Fritz gekommen sind. Um für de Betze zu beten, auf dass er es heute schafft, auf dass der Geist vom Fritz die Mannschaft beflügeln möge. Auf dass sie heute auf dem Platz elf Freunde sind, so, wie es ihnen de Fritz und sein Team damals vorgelebt hat. 

Ob sie aber tatsächlich alle so tief im Gebet versunken sind, wie ihre Posen es ausdrücken sollen? Oder tun die meisten nur so und machen sich insgeheim über alles Mögliche Gedanken, so wie Konrad?

Und wenn sie tatsächlich beten, beten sie dann nicht vielleicht für etwas anderes, für Regen nämlich?

Denn Regen war für de Fritz immer wichtig, bei Regen machte er seine besten Spiele, bei Regen machte de Betze immer seine besten Spiele. Auch vierundfünfzig, beim Endspiel, beim Dreizwei gegen die Ungarn, hat es geregnet. „Das ist dem Fritz sein Wetter“, hat Herberger, der Chef, noch vor dem Anpfiff gesagt, die Worte sind unvergessen. Ohne den Regen hätten de Fritz und sein Team niemals gewonnen. Drum braucht de Betze auch heute Regen. 

Konrad hebt kurz die Augenlider und riskiert einen Blick nach oben. Der Himmel zeigt sich noch grau, hat sich noch nicht entschieden. Regen ist immer noch möglich, aber nicht selbstverständlich. 

Im Augenwinkel erkennt Konrad jemanden, der ihn beobachtet. 

Diddi.

Er ist ebenfalls nicht ins Gebet vertieft, scheint es auch nie gewesen zu sein, sondern beobachtet die Umstehenden. Und dass er Konrad bei seinem Blick gen Himmel ertappt, amüsiert ihn.

+ + +

Diddi ist der Jüngste in ihrer Clique. Und der, den Konrad am wenigsten leiden kann. Denn eigentlich gehört er nicht zu ihnen. Er fährt nur mit uff de Betze, um Wiedenroth in den Allerwertesten zu kriechen, dem Seniorchef der Kanzlei, in der Diddi sich nach oben zu schleimen versucht. Das hat jeder längst begriffen. Außer Wiedenroth. Leider.

Außerdem gehören Wenzler, der Hotelier, und Missfelder, der Winzer, zur Clique. Sie fahren stets gemeinsam uff de Betze, meist im Vivaro vom Hotelier, denn in dem haben sie alle schön Platz. Uffem Betze sitzen sie alle nebeneinander auf der Haupttribüne, in ihren Businessseats. Diddi setzt seinen sogar von der Steuer ab, hat er mal erzählt, ganz stolz. Er wollte auch schon mal Wiedenroth bequatschen, es ihm gleichzutun, doch der hat sich das verbeten: De Betze setzt man nicht von der Steuer ab. Und Wenzler, Missfelder und Konrad haben ihm sofort beigepflichtet. Konrad allerdings nur aus Solidarität zu den anderen, denn er würde nur allzu gerne seine Dauerkarte von der Steuer absetzen. Es dient doch dem Pflegen von Geschäftskontakten, wenn er mit der Clique uff de Betze fährt, also müsste er seine Auslagen doch als Werbungskosten geltend machen dürfen.

Was nicht heißt, dass Konrad nicht während des Spiels auch mitfiebert. Im Gegensatz zu Diddi. Den berührt, davon ist Konrad überzeugt, de Betze überhaupt nicht. Wenn überhaupt, ist Diddi Fan der Lederhosen, doch wird er niemals wagen, das zuzugeben, nicht innerhalb der Clique.

Jedenfalls grinst er Konrad viel zu dreckig an, so, als habe er dessen Gedanken erraten, als er zum Himmel blickte und den Regen herbeigucken wollte.

Du dummes Arschloch.

Konrad schickt ihm einen bösen Blick. Und das Grinsen weicht so schlagartig aus Diddis Gesicht, dass Konrad über sich selbst erschrickt.

Sicher, wenn einer wie er böse schaut, einer mit so einem Stiernacken, mit einem vom Pökelsalz rot gefärbten Gesicht und einem mächtigen Seehundschnauzer, kann das so einen Hänfling wie Diddi schon einschüchtern, aber eben ist der so zusammengefahren, als hätte er den Leibhaftigen persönlich gesehen.

Als habe er in Konrads Blick lesen können, was dieser gerade dachte.

Ich hab grad gestern einen umgebracht, also pass auf, dass du nicht der Nächste bist.

Doch, das hat Konrad gerade gedacht. Der Gedanke ist ihm einfach so gekommen. Nachdem er gestern, das heißt, eigentlich erst heute früh, als er endlich einschlafen konnte, nach Stunden des Grübelns und des Die-Szene-immer-wieder-Durchspielens mit sich ins Reine gekommen war.

Der Kerl, den er da gestern überfahren hat, davon war er nun überzeugt, hat sich absichtlich vor sein Auto geworfen, das war ein Selbstmörder. Konrad hatte keine Chance, den Aufprall zu verhindern, und es ist absolut nicht einzusehen, dass er wegen eines Selbstmörders sein eigenes Leben zerstört.

Aber jetzt eben, in seinem Zorn, ist es ihm tatsächlich durchs Hirn geschossen: Ich hab grad gestern einen umgebracht, also pass auf, dass du nicht der Nächste bist.

Wird das von nun an jedes Mal so sein, wenn ihn die Wut packt? Und werden es dann alle in seinen Augen so deutlich lesen können wie Diddi eben, das Arschloch?

„Wir brauchen Regen“, flüstert Wiedenroth Konrad zu, als die Hundertschaft vom Grab vom Fritz aufbricht. Auch Wiedenroth richtet dabei den Blick zum Himmel, diesmal aber spart Diddi sich sein dämliches Grinsen. Wiedenroth sieht weniger verzweifelt aus, eher verärgert, als bereite Petrus ihm eine Enttäuschung, für die er ihn noch persönlich verantwortlich machen werde. Wiedenroth ist es auch gewesen, der die Clique dazu anhielt, an dieser kleinen Friedhofsprozession teilzunehmen, die irgendeine Fangruppe für diesen Morgen anberaumt hat.

„Und ich denke, wir brauchen jetzt erst einmal was zu  trinken“, gibt Konrad zurück. Er muss schließlich seinem Image gerecht werden, denn er ist derjenige in der Clique, der stets für den geselligen Teil zuständig ist.

Unweit des Hauptfriedhofs befindet sich eine Tankstelle, die mit Wenzlers Vivaro schnell angesteuert ist. Unterwegs checkt Konrad kurz die SMS-Nachrichten, die er mittlerweile erhalten hat. Noch ein Jäger, der eine Wildsau für ihn hat. Okay, auch die kann er gebrauchen. Auch wenn es bedeutet, dass er heute Nacht wieder los muss, denn der Anbieter will das tote Vieh so schnell wie möglich loswerden. Alla gut. Da muss er sich heute eben ein wenig mit dem Alkohol zurückhalten, auch wenn das nicht einfach werden dürfte, wenn de Betze gewinnt.

Jetzt aber geht es erst einmal zur Tanke.

Die Stimmung in der Clique ist bereits prächtig, als sie den Verkaufsraum betreten, Konrad in seiner Barbour-Jacke, die anderen in ihren dünnen, aber teuren Übergangsmänteln. In der Tanke mal ein paar Klare zu kippen, wie es die Penner oder die Halbstarken tun, gefällt der Clique. Konrad kramt fünf Malteser aus dem Spirituosenregal hervor und stellt sich an, um zu bezahlen. Edleren Stoff gibt’s nicht, soll auch nicht sein, denn heute wollen sie nichts anderes als zum einfachen Volk gehören, die beiden Anwälte, der Hotelier, der Wildmetzger und der Großwinzer, heute wollen sie einfach nur Fußballfans sein, wie die, die in der West sitzen, nur dass sie ihre Hintern in gepolsterte Businessseats pflanzen.

Konrad freut sich insgeheim, dass auch Diddi, dieses Arschloch, nun einen Malteser in sich hineinzwingen muss, damit er vor Wiedenroth keinen schlechten Eindruck macht. Das wird ein Spaß, in das Gesicht dieses Schleimers zu schauen, wenn er ihn unten hat und sich am liebsten schütteln würde, sich das aber nicht erlauben darf. Konrad würde jeden Betrag wetten: Tief innendrin, da ist Diddi Fan der Lederhosen. Muss er sein. Denn alle, die im Land der Reben und Rüben leben und nicht dem Betze, sondern den Lederhosen zugeneigt sind, sind Arschlöcher. Kleinschwänzige, verschlagene Arschlöcher, die ihrer Minderwertigkeitskomplexe Herr zu werden versuchen, indem sie sich demonstrativ mit den Erfolgreichen identifizieren, den kühl kalkulierenden, superprofessionellen, ewigen Siegern. Also muss Diddi Fan der Lederhosen sein, das geht gar nicht anders.

Der Gipfel: Während sich der Rest der Clique um einen der runden Stehtische postiert, tritt Diddi ans Fenster und schickt nun seinerseits einen von skeptischem Stirnrunzeln begleiteten Blick in den Himmel.

„In der Tat“, sinniert er, „an einem Tag wie heute bräuchten wir dem Fritz sein Wetter.“ Dieser Heuchler, dieser gottverdammte Heuchler, vor ein paar Minuten noch hat er Konrad ausgelacht, weil er sich Regen wünschte. 

Ich bring dich um, denkt Konrad. Irgendwann bring ich dich um. Ich hab grad gestern … Konrad ruft sich zur Ordnung. Jetzt ist es aber gut.

„Ach, das mit dem Fritz sein Wetter, das ist doch alles nur Fake.“

Die Clique blickt erschrocken auf. In Richtung des Tankstellenkassierers, aus der diese ungeheuerliche Äußerung kam. Er druckt gerade den Beleg einer attraktiven Brünetten aus, die vor Konrad an der Kasse steht und sicher schon die wohlwollenden Blicke der Clique auf sich gezogen hätte, wäre diese nicht mit anderen Themen beschäftigt.

„Was ist Fake?“, fragt Wenzler mit äußerstem Argwohn.

„Das mit dem Fritz sein Wetter. Das ist längst widerlegt worden, das will nur niemand wissen. Das war ein Running Gag vom alten Herberger. Der hat vor jedem Spiel gesagt, das ist dem Fritz sein Wetter, egal, ob es regnete oder die Sonne schien. Nur, als er es vorm WM-Endspiel vierundfünfzig sagte, haben es alle mitgekriegt. Und weil es da regnete, ist die Legende geboren worden, Regen wäre dem Fritz sein Wetter.“

Was für ein Blödsinn. „Fake“, „Running Gag“ –  solche Wörter kannte der alter Herberger doch gar nicht. Ein dummer Klugscheißer ist das, genauso ein Arschloch wie Diddi. So sieht er ja auch aus: junger, gut genährter Weichling, der noch nie in seinem Leben körperlich hart gearbeitet hat. Verdient sich in der Tanke wahrscheinlich was für sein Studium dazu, studiert bestimmt Tuntologie oder so was ähnliches.

„Du bist auch gleich eine Legende“, zischt Wiedenroth. Die Clique lacht, doch es ist ein gefährliches Lachen, eines mit gebleckten Zähnen. Tatsächlich ist die Clique so angefressen, dass sie nicht einmal aufmerksam wird, als die attraktive Brünette an ihnen vorbei zum Ausgang stöckelt.

Den Kassierer jedoch scheint die sich gegen ihn aufstauende Aggression zu amüsieren.

„Ja, die Wahrheit tut manchmal weh“, grient er. Und mustert einen nach dem anderen in der Runde, mit geradezu provozierender Dummdreistigkeit.

Bis sein Blick dem Konrads begegnet, der die fünf Malteser mittlerweile zum Abkassieren vor ihm aufgebaut hat und direkt vor ihm steht.

Und schon verabschiedet sich dieses höhnische Grinsen aus diesem feisten Mondgesicht. Und in seine wässrigen Augen tritt Angst. Nichts als Angst. Todesangst.

Es funktioniert. Es funktioniert tatsächlich. Auch dieser erbärmliche Kassierer kann es lesen. Alle können es lesen.  

Ich hab grad gestern einen umgebracht, also pass auf, dass du nicht der Nächste bist. 

Nachdem die fünf ihren Schnaps gekippt haben, steigen sie wieder in den Vivaro. Auf zum Betze.

„Wir brauchen Regen“, orakelt Missfelder, damit auch er es mal gesagt hat. Die Malteser-Fahne, die dabei vor ihm her wabert, macht etwas schläfrig. 

+ + +

Lea will lieber unterhalb vom Betze parken, ein paar Meter vom Stadion entfernt. Sie war schließlich noch nie uffem Betze, daher weiß sie nicht, was sie da oben an Verkehrschaos erwartet. Sie trägt zwar Uniform und fährt einen Streifenwagen, damit kommt sie überall durch, aber sie gehört keiner Einheit an, die offiziell da oben Dienst tut, insofern könnte sie Verwirrung stiften, wenn sie mit ihrem Vectra vorfährt.

Außerdem: Nach dem, was seit gestern alles geschehen ist, kann man nicht wissen, was heute der Tag noch so bringt. Es fehlt eigentlich nur noch, dass sie jemanden anfährt, wenn sie sich ihren Weg durch das Fanvolk bahnt, das gerade in Hundertschaften zum Betze hinaufmarschiert. Zumal sie nach einer Nacht ohne Schlaf übermüdet ist und es um ihre Nerven nicht mehr zum Allerbesten steht.

Nachdem sie eben auch die nächste Hiobsbotschaft erreicht hat, erst recht nicht.

Bei ihrem Versuch, diesen bescheuerten Albin Schmitter mitsamt seinem Schwiegervater endlich einzusammeln, sind Stolte und Bootz angeschossen worden. Ohne Scheiß. Sie hatten Schmitters Handy plötzlich im Dorf der Verdammten geortet, warum auch immer, und als sie bei der angezeigten Adresse vorfuhren und klingelten, trat ein vollbärtiger Irrer mit einer Schrotflinte an die Tür und ballerte los, ohne jede Vorwarnung. Ihre Kevlar-Schutzwesten haben die beiden gerettet. Und Heiner Kühn. Denn der schlug den Irren mit der Schrotflinte nieder, nachdem dieser nachgeladen hatte und ihnen den Rest geben wollte.

Wie das alles zusammenpasst? Keine Ahnung.

Kühn, ohne den die Kollegen jetzt tot wären, ist ebenfalls von einer Schussverletzung gezeichnet. Oberschenkeldurchschuss, kein Schrot, sondern ein größeres Kaliber, eine Jagdwaffe für Schwarzwild vermutlich, eine solche wurde nämlich im Haus gefunden. Die Wunde war bereits von irgendwem fachmännisch verarztet worden, bevor Bootz und Stolte eintrafen. Kühn hatte im Obergeschoss des Hauses ein Krankenlager bezogen und war, als er die Schüsse hörte, nach unten gehumpelt, wo er den Irren mit der Schrotflinte in letzter Sekunde daran hindern konnte, noch ein weiteres Mal zu feuern.. Schmitter und sein Schwiegervater befanden sich dagegen nicht vor Ort, Kühn war lediglich im Besitz von Schmitters Handy. Offenbar haben sie sich von Kühn getrennt.

Wahrscheinlich haben sie ihn zurückgelassen, weil er mit seiner Verletzung nicht weiterlaufen konnte. Wie Kühn ins Dorf der Verdammten gekommen ist, ist noch unklar. Ist er mit seinen Begleitern zufällig dort gestrandet, und haben diese sich anschließend von einem Dorfbewohner uff de Betze fahren lassen? Wäre möglich. In diesem Fall säßen sie jetzt tatsächlich im Stadion.

Die einzig vernünftige Reaktion wäre eigentlich, Feierabend zu machen, nach Hause zu fahren und sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, in der Hoffnung, in ein paar Stunden wieder aufzuwachen und die ganze Geschichte nur geträumt zu haben. Alles andere kann eigentlich nur zu mehr Chaos führen. Lea kennt sich selbst jedoch gut genug, um zu wissen, dass sie keinen Schlaf finden wird. Erst muss sie diese verrückte Geschichte zu einem Abschluss bringen. Und der kann nur so aussehen, dass sie Albin Schmitter und seinen Schwiegervater findet und nach Hause zurückbringt. Um Heidruns, aber auch ihres eigenen Seelenfriedens willen.

Mittlerweile ist so viel Zeit vergangen, dass Lea gar nichts mehr anderes übrig bleibt, als die Karte zu ziehen, die sie eigentlich nicht ziehen wollte: die beiden einfach im Stadion aufsammeln. Seit Schmitters Handy bei Kühn sichergestellt wurde, fehlt jede weitere Spur. Was andererseits auch als gutes Zeichen gewertet werden darf, denn wenn sich der gesundheitliche Zustand von Heidruns Vater zwischenzeitlich verschlechtert hätte, hätte wohl selbst einer wie Schmitter aufgegeben und sich gemeldet, entweder Notarzt, Polizei oder seine Frau verständigt. Möglicherweise aber liegen die beiden mittlerweile auch leblos im Wald, weil Albin Schmitter seine eigenen Körperkräfte überschätzt hat und kollabiert ist, und der verwirrte alte Mann kauert hilflos neben ihm.

Oder die beiden haben im tiefen Wald noch einen weiteren Mordbuben aufgeschreckt, der kurzen Prozess mit ihnen gemacht hat. Oder sie sind von Wölfen gefressen worden. Oder die Jungfrau von der Wegelnburg hat sie geholt, hat sie in ihrer Erscheinungsform als Schlange erst erwürgt und dann verschlungen.

Nehmen wir aber einfach mal das Beste für alle an. Albin Schmitter sitzt jetzt mit seinem Schwiegervater im Stadion und für beide existiert nichts anderes mehr auf der Welt als dieses dumme Fußballspiel, dass de Betze unbedingt gewinnen muss, und keiner von ihnen denkt an die arme junge Frau zu Hause, der Vater nicht, weil er zu verwirrt ist, und Albin Schmitter nicht, weil er ein Riesenarschloch ist.

Na warte.

Also hinfahren, auf der Geschäftsstelle nachfragen, wo der Blödmann sitzt, ihn an seinem Platz aufsuchen, am Ohr packen und aus dem Stadion zerren, der Alte wird dann hoffentlich freiwillig mitkommen. Von wegen Fußball gucken, während die Frau daheim umkommt vor Angst um ihren Vater. Nach all dem, was seit gestern Abend geschehen ist.

Überhaupt: Albin Schmitter hat zwar weder Werner Wärmke überfahren noch Nucky Nellessen abgeknallt noch Bootz und Stolte mit einem Schrotgewehr umgepustet, er hat auch keinen flüchtigen Marokkaner mit einem Dreschflegel ins Koma geprügelt – aber er ist dennoch verantwortlich für den ganzen Irrsinn. Vielleicht nicht im strafrechtlichen Sinne, also nicht im Sinne von Recht und Pizza, aber er hat das ganze Chaos doch erst ausgelöst mit seinem idiotischen Plan. Er war es, der gegen den ersten Dominostein schnippte, und dann sind alle anderen umgefallen, einer nach dem anderen. Dafür soll er, dafür muss er büßen. 

Wenn nicht er, wer dann?

Kurz vor der Kreuzung, von der eine Straße zum Betze hinaufführt, wird Lea auf einen Wagen aufmerksam, der gerade ausparken will. Na, das ist doch mal ein hoffnungsfroh stimmender Wink des Schicksals. Lea kapert die gerade entstandene Parklücke und steigt aus ihrem Wagen. Ein paar Meter weiter befindet sich ein Fahrzeugkreisel, auf dem ein paar dicke Betonfiguren posieren. Sie tragen Fußballtrikots und stehen in einer Reihe, so wie sich die Mannschaften vorm Anpfiff immer aufstellen. Nach ihren Silhouetten zu urteilen kann es sich aber kaum um Profis handeln, so dick und rund sind die.

„Hey, Sie! Polizei!“, hört Lea jemanden rufen.

Schon an diesen wenigen Worten erkennt sie, dass es sich bei dem Rufer nicht um einen Einheimischen aus dem Wald, sondern um einen aus dem Rebenland handeln muss. Denn wer dort geboren ist, spricht vollkommen anders. Im Gegensatz zu den Waldmenschen öffnen die Rebenländer gerne Ober- und Unterkiefer beim Reden und setzen auch Lippen und Zunge beim Sprechen ein. Und sie reden gerne, sogar so gerne, dass ihr Reden mehr einem Singen als einem Sprechen gleicht. Manche behaupten, diese Eigenart rühre daher, dass die Rebenländer von Geburt an mit Riesling statt mit Muttermilch genährt würden.

Lea dreht sich vorsichtig um, in der Hoffnung, die Stimme könnte einen anderen Uniformierten gemeint haben.

Hat sie aber nicht. Sie gehört einem bürstenköpfigen, rotgesichtigen Herren, der aufgeregt auf sie zugeprescht kommt. In der Hand trägt er eine kleine Kamera.

„Ich will Anzeige erstatten. Sofort!“, erklärt er unter Verzicht auf jedes weitere Begrüßungswort.

Noch ehe Lea ihm erklären kann, dass sie sich seines Anliegens gerade nicht annehmen könne, fährt er fort.

„Ich hab sie jetzt auf Film! Alle! Jetzt sind sie dran!“

„Wen denn?“, fragt Lea mehr mechanisch als aus wahrem Interesse.

„Die Schwänz!“

Aufgeregt hält er Lea seine Kamera hin, sodass sie den kleinen Monitor auf der Rückseite erkennen kann. Er drückt die Abspieltaste. Zu sehen ist kein Foto, sondern ein kurzes Video: Ein urinierendes männliches Genital, daneben noch eins. Die Kamera schwenkt von links nach rechts: noch mehr pinkelnde Geschlechtsteile, alle in einer Reihe. Dunkle und helle, lange fleischige und kurze knubblige, mit und ohne Vorhaut. Eine Penisparade sozusagen.

Lea ist fassungslos. Was ist denn das für einer? Der erste Exhibitionist des digitalen Zeitalters? Der keine Hardware mehr auspackt, sondern auf Software setzt?

„Was soll das?“, hört Lea sich irgendwann fragen.

„Was das soll?“ Die Frage bringt den rotgesichtigen Bürstenkopf noch mehr in Rage.

„Das sind die Schwänz! Die Schwänz von denen, die mir in den Garten brunzen. Vor jedem Spiel! Auf dem Weg zum Betze kommen sie an meinem Haus vorbei, bleiben stehen und pissen über mein Gartenmäuerchen. Als wär’s eine Pissrinne. Und wenn ich mich drüber aufrege, lachen sie mich aus. Sie sagen, das wär ihr Ritual, darauf könnten sie nicht verzichten, sonst würd de Betze verlieren. Aber jetzt ist Schluss. Jetzt hab ich sie. Auf Film. Damit kann ich es jetzt beweisen. Ich erstatte jetzt Anzeige. Wegen Hausfriedensbruch und so. Jetzt müssen sie blechen, die Schweine. Was steht denn auf Wildpinkeln?“

Lea braucht einen Moment, bis sie begriffen hat, dass der Bürstenkopf sie gerade etwas gefragt hat. Immerhin hat sie mittlerweile einigermaßen verstanden, um was es der gepeinigten Kreatur geht.

„Ehrlich gesagt, da bin ich im Moment überfragt“, antwortet sie wahrheitsgemäß. Und würde gerne ergänzen: Schade, dass bei uns nicht die Scharia gilt. Denn nach dieser wird immer das Körperteil bestraft, das die Straftat begangen hat … Den Witz verkneift sie sich lieber. Der Mann ist schon gereizt genug.

„Macht nix, das werden Sie noch herausfinden“, zeigt Bürstenkopf Verständnis. „Aber jetzt nehmen Sie bitte meine Anzeige auf.“

„Ich fürchte, dafür bin ich nicht zuständig. Gehen Sie bitte zu der für Ihr Wohngebiet zuständigen Polizeidienststelle.“

„Wie bitte?“, schnaubt der Mann empört.

„Im Übrigen fürchte ich, sind Ihre Aufnahmen nicht sonderlich beweiskräftig. Sie hätten nicht nur die männlichen Genitalien, sondern auch die dazugehörigen Gesichter filmen sollen. Anhand eines Bildes von einem Penis dürften die Kollegen kaum einen der Täter identifizieren können.“

Das ohnehin schon rote Gesicht des Mannes beginnt zu glühen. Seine Bürstenhaare richten sich noch einen Tick steiler auf, und seine Augen quellen ihm fast aus dem Kopf.

„Wie? Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben? Und jetzt kann ich heimgehen und weiter zugucken, wie mein Garten vollgebrunzt wird?“

Lea zuckt die Schultern und wendet sich ab.

„Da braucht man einmal die Polizei, nachdem man ein Leben lang anständig seine Steuern gezahlt hat, und dann ist die nicht zuständig?“, hört sie den Bürstenkopf hinter sich schreien. Selbst in höchster Erregung erklingen seine Sätze in diesem Singsang. Ein echter Rebenländer eben.

„Was ist das für eine Polizei? Ist doch kein Wunder, dass alles vor die Hunde geht. Dass keiner mehr Respekt hat! Dass die ganze Welt zugepisst und zugeschissen wird!“

Lea biegt in die Straße ein, die zum Betze hinauf führt. „Die Schwänz! Die Schwänz!“, ist das Letzte, was sie den Mann rufen hört. Sie mischt sich in den Strom der Fans, die den Berg hinaufpilgern. Dazwischen ächzt ein Park-and-ride-Bus, dem die Steigung einige Mühe bereitet, so überfüllt, wie er ist. Auf halber Höhe führt eine Treppe zu Ständen mit schwitzender Bratwurst und schäumendem Bier.

Es ist eine Prozession, aber keine stille, die da den Berg hinaufwalzt. Denn es wird dabei aufgeregt verhandelt und gestikuliert. Und gesungen. Hauptsächlich die Jungen steigen in Rotten den Berg hinauf. Die Hälse mit breiten Schals umwickelt, geschmückt mit Kappen, Wimpeln, Fahnen und Bannern, bekleidet mit roten Leibchen, die mit Nummern und Namen bepflastert sind. Manche sind mit den Namen aktiver und ehemaliger Spieler dekoriert, manche mit denen ihrer Träger, oft sind da unsägliche Spitznamen wie „Gimpel“ oder „Schoppepetzer“ zu lesen. Und Lieder werden gegrölt, garstige vor allem.

Die Älteren schreiten zumeist stumm, zu zweit oder auch allein.

(Fortsetzung folgt.)

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