„Ich bin nie zufrieden mit dem, was ist“ – Im Gespräch mit Sascha Hildmann, Teil I

Wenn Spieler oder Trainer bei einem Verein neu anfangen, erklären sie gerne, sie hätten schon immer davon geträumt, einmal zu diesem Verein wechseln zu dürfen. Langjährige Branchenbeobachter lächeln solche Aussagen mittlerweile nur noch weg. Sascha Hildmann hat jedoch jeder geglaubt, als er bei seiner Vorstellung als neuer Trainer des 1. FC Kaiserslautern zu Protokoll gab, es sei für ihn „das Größte, hier zu sein“, selbst in der eher trostlosen Situation, in der sich der FCK gerade befinde. Kein Wunder: Der heute 46-jährige ist in Kaiserslautern geboren, hat schon als Spieler verzweifelt versucht, als Profi am „Betze“ zu fassen, und seinen Traum auch nach seiner aktiven Karriere beharrlich weiterverfolgt – da wollte er es eben als Trainer schaffen. Geographisch gesehen waren die Wege, die er bis zu diesem Ziel gehen musste, eher kurz, karrieretechnisch dagegen hart und beschwerlich. Hildmann musste sich erst lange Jahre durch die Amateurklassen coachen, ehe er seine Chance im Profigeschäft erhielt. In unserem zweiteiligen Interview zeichnet er diesen Weg nach.

Herr Hildmann, da sich im Netz noch nicht viel Biographisches über Sie findet, wollen wir erst einmal ein paar Details klären. Es heißt, Sie sind in Kaiserslautern geboren. Wo genau sind Sie denn aufgewachsen?

Im Pfeifertälchen. Gelebt habe ich dort aber nur bis zu meinem sechsten Lebensjahr. Dann zogen wir nach Enkenbach-Alsenborn, wo ich auch zur Schule ging und heute noch lebe. Mein Vater eröffnete dort erst eine Tankstelle, später das Autohaus Hildmann. Er hatte bei Opel in Kaiserslautern seine Ausbildung zum Meister absolviert und sich dann selbstständig gemacht. Und war natürlich FCK-Fan, so dass auch ich es war, quasi von Geburt an.

Hat der spätere Trainer Hildmann schon in der Schule während des Unterrichts seine persönlichen FCK-Wunschaufstellungen an einen Heftrand gekritzelt?

Selbstverständlich. Ich musste doch mit meinen Kumpels über den FCK diskutieren, dazu brauchte ich ja Grundlagen.

Welche FCK-Spielergeneration ist die erste, an die Sie sich bewusst erinnern können? 

Da muss ich überlegen, das geht alles fließend ineinander über… Die erste Feldkamp-Ära von 1978 bis 1982 habe ich natürlich schon miterlebt, aber keine wirklich konkreten Erinnerungen mehr. So richtig lebendig werden diese dann mit Hannes Bongartz als Trainer und Spielern wie Wolfram Wuttke, Axel Roos und Stefan Emmerling.

Welches war das erste FCK-Spiel, das Sie live gesehen haben?

Auch da muss ich erst mal überlegen… Das fällt mir jetzt gerade nicht ein. Dafür kann ich mich umso lebhafter an das geilste Spiel erinnern, das ich jemals gesehen habe. 91 gegen Barcelona im Europapokal der Landesmeister. 3:1 gewonnen und trotzdem ausgeschieden.

Wie sind Sie Jugendspieler beim FCK geworden?

Ich spielte das erste Jahr C-Jugend beim SV Enkenbach, als ich dem ehemaligen Torwart Franz Schwarzwälder auffiel, der mich beim FCK empfahl. Er ist zwar nie beim FCK aktiv gewesen, kam aber auch aus Enkenbach-Alsenborn und arbeitete in Kaiserslautern als Berufsschullehrer. Mit mir wechselte übrigens auch Marco Haber an den Betzenberg.

Hat der spätere Trainer Hildmann auch schon als Junior seinem Coach erklärt, wie er spielen lassen soll?

Nie und nimmer. Ein solches Verhalten von einem Jugendspieler wäre bei uns damals undenkbar gewesen. Wir hatten mit Ernst Diehl einen super Trainer, der mich mehr geprägt hat als jeder andere. Fachlich top, aber auch knallhart und sehr auf Disziplin fixiert. Wenn ich dem erklärt hätte, wie ich spielen will, hätte der gesagt, Sascha, das kannst du gerne tun, aber nicht bei mir – schnapp deine Tasche und verschwinde.

Anschließend spielten Sie lange in der Zweiten Mannschaft des FCK und wollten es unbedingt in die Erste schaffen. Laut Wikipedia gehörten Sie jedoch nur in der Saison 1994/95 mal für ein Jahr zum Profikader…

Trainer war damals Friedel Rausch. Im Vorjahr war die Mannschaft Vizemeister geworden, der Kader war mehr oder weniger zusammengeblieben, da hatte es ein  junger Spieler wie ich schwer, eine Chance zu bekommen. Damals durften ja auch nur 16 Spieler auf dem Spielberichtsbogen stehen und pro Spiel wurde nur zwei Mal gewechselt. Vor mir als Innenverteidiger stand Thomas Ritter, der gerade sein erstes Länderspiel gemacht hatte und so gut wie nie verletzt war. Friedel Rausch sagte immer zu mir: Sascha, es nutzt Ihnen nichts, wenn Sie genauso gut sind wie die, die vor Ihnen stehen, Sie müssen besser sein.

Sie sind dann für ein Jahr nach Saarbrücken gegangen und anschließend wieder in die Zweite Mannschaft des FCK zurückgekehrt. Im Jahr 2000 haben Sie dann doch noch den Sprung in die Zweite Liga geschafft, bei Alemannia Aachen. Damals waren Sie schon 28. So spät noch in eine höhere Klasse wechseln, war das nicht problematisch?

 I wo. Sie müssen bedenken: Die Regionalliga, in der wir damals mit der Zweiten Mannschaft des FCK spielten, war zu dieser Zeit die dritthöchste deutsche Spielklasse und wir trainierten hier auf dem Betzenberg unter professionellen Bedingungen. Da fiel mir der Sprung in die Zweite Liga nicht sonderlich schwer, auch mit 28 nicht. Ich habe für Aachen dann 38 Zweitligaspiele gemacht. Geholt hatte mich übrigens der Ex-Lautrer Eugen Hach, der damals Trainer in Aachen war. Der hätte mich gerne schon ein Jahr früher gehabt, aber da war ich noch nicht bereit für diesen Schritt.

Was würde der Trainer Hildmann heute dem Spieler Hildmann sagen, weshalb er seinen großen Traum nicht wahrmachen konnte – und es in die Erste Mannschaft des FCK schaffte?

Der Trainer Hildmann würde dem Spieler Hildmann heute auch nichts anderes erzählen als Friedel Rausch damals: Umso stärker die Konkurrenz ist, desto schwieriger ist es für dich, in die Mannschaft zu kommen. Und meine Konkurrenz damals war wirklich sehr stark. Ich war technisch ja auch nicht der begnadetste, bei mir kam das meiste über den Willen und die Leidenschaft… Natürlich: Wenigstens eine Chance hätte ich schon  gerne mal bekommen. Heute jedenfalls hätte es der Spieler Hildmann leichter, in der Ersten Mannschaft Einsätze zu bekommen.

Sie waren dann Spielertrainer beim SV Rodenbach und anschließend als Coach in der Ober- und Regionalliga tätig: SC Idar-Oberstein, SC Hauenstein und SV 07 Elversberg hießen die Stationen. Ist es in all den Jahren immer Ihr Ziel geblieben, einmal Profitrainer zu werden?

Absolut. Ich wollte immer Profitrainer werden. Die Lehrgänge für die C- und B-Lizenz habe ich mit „Sehr gut“ abgeschlossen, im Lehrgang für die A-Lizenz war ich Jahrgangsbester, mir fehlte nur noch die Fußballlehrerlizenz. Dazu aber braucht es eine rund elfmonatige Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akadamie in Köln-Hennef, die rund 20.000 Euro kostet. Ich hatte aber niemanden, der mir die bezahlt. Und jedes Jahr werden nur 24 Lehrgangsplätze vergeben, bei über 100 Bewerbungen. Aber ich wollte das schaffen, unbedingt.

In den Jahren, in denen Sie als Trainer in den unteren Klassen arbeiteten, entwickelte sich der Spitzenfußball rasant weiter. Trainer wie Guardiola, Klopp oder Tuchel perfektionierten Elemente wie Ballbesitzspiel, Umschaltspiel oder Pressing/Gegenpressing, betrieben Video- und Gegneranalysen exzessiver als jede Trainergeneration zuvor und nutzten dafür intensiv die Möglichkeiten, die die  digitalen Medien heute bieten. Konnten Sie als Amateurtrainer diese Entwicklung denn irgendwie mitvollziehen?

Natürlich habe ich mich auch damit befasst. Denn ich bin nie zufrieden mit dem, was ist, will mich auch selbst immer weiterentwickeln. Wie macht der das, wie kannst du das besser machen? Das sind Fragen, die ich mir permanent stelle. Taktische Varianten und Aufstellungen austüfteln, Lösungen finden, um den Stärken des Gegners zu begegnen – danach bin ich regelrecht süchtig. Ich habe mich auch nie gescheut, Elemente, die ich in der Bundesliga gesehen hatte, in der Oberliga auszuprobieren, wenn ich es für richtig hielt. Dass man dabei auch gewisse Abstriche machen muss, ist ja wohl klar.

2014/15 hat es dann doch noch geklappt mit einem Lehrgangsplatz an der Hennes-Weisweiler-Akademie…

Ja. Ich hatte mir die 20.000 Euro selbst zusammengespart und die dreitägige Eignungsprüfung in Köln absolviert. Während dieser Zeit habe ich bei Roman Weidenfeller in Dortmund gewohnt. Anschließend bekam ich ewig keinen Bescheid. Alle anderen Bewerber hatten ihre Zusagen oder Ablehnungen schon, nur ich nicht. Also hab ich da angerufen. Da sagte man mir dann, dass der Brief an mich zurückgekommen sei, wegen eines Zahlendrehers in der Anschrift. Sie könnten es mir aber schon mal vorab am Telefon sagen: Du bist drin. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens.

Foto: 1. FC Kaiserslautern

(Der zweite Teil des Interviews erscheint am Donnerstag, 10. Januar)