Block 4.2 – Der Roman, Kapitel VIII

De Betze spielt – und es geht um alles, wieder einmal. Doch Albin ist sicher: Alles wird gut, wenn sein Schwiegervater Anton mit von der Partie ist, denn mit ihm in Block 4.2 hat de Betze noch jedes wichtige Spiel gewonnen. In der Nacht vor dem Spiel baut Albin mit seinem Kleinbus jedoch einen Unfall. Albin versucht, den Betze mit seinen Gefährten zu Fuß zu erreichen. Das bedeutet: Vierzig Kilometer durch den Wald, und das durch die Nacht. Leider jedoch heftet sich ihnen auch die Polizistin Lea an ihre Fersen, die sich mit Albins Frau Heidrun verbündet hat. Nach einigen Abenteuern haben Albin und Anton es schließlich geschafft – und blicken dem alles entscheidenden Spiel entgegen. Lea ist jedoch wild entschlossen, Albin gegebenenfalls auch mitten in der Partie aus dem Stadion zu zerren …

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Kapitel VIII

Marcello

 

Albin muss erst einmal die Augen schließen und einen tiefen Zug durch die Nase nehmen, nachdem er seinen Hintern in die Sitzschale gegossen hat. Sicher, das ist nicht mehr der gleiche Geruch wie der, der ihn in seinen ersten Jahren uffem Betze berauscht hat, als er noch in der West stand, die ja damals noch eine Kurve und keine Tribüne war. Damals waberte noch eine riesige Wolke aus kaltem Kippenqualm über den Köpfen der Fans. Heute sind die Aromen, die Zehntausende in ein enges Fußballstadion tragen, vielfältiger: Sie stammen von warmem Bier, saurem Wein, nervösen Mägen, ranzigem Bratwurstfett, zu lange getragener Unterwäsche, Urin, Schweißfuß, Ohrenschmalz, Rasierwasser, Hautcreme und Parfüm, und dieses durchaus auch von edleren Marken, denn auch in Block 4.2 nehmen inzwischen Ladies Platz, die insgeheim davon träumen, dereinst Spielerfrau zu werden.

Zu Albins Linker lodert die proppenvolle West im Rot-Weiß ihrer Fahnen, Wimpel und Trikots. Die Fans stimmen sich ein, ihre Gesänge mischen sich mit dem Schrottpop, der aus den Lautsprechern dröhnt, und der immer mal unterbrochen wird vom Gequake des Stadionsprechers. 

Und in all das mischt sich das Geschnatter ihrer Sitznachbarn in Block 4.2.

Rechts vor ihnen etwa sitzen Rita und Margot, die sich, obwohl dem Klimakterium schon lange entronnen und im Fortpflanzungswettstreit nicht mehr ernsthaft ambitioniert, gerne über die körperlichen Reize der jungen Fußballer auslassen, die sich bis gerade eben, noch in Trainingsjacken gehüllt, auf dem Rasen warmmachten. Besonders der Arsch von Simpson, dem Kanadier, hat es ihnen angetan. „Wie ein Handball, so klein und fest“, metaphert Rita, und Margot widerspricht nicht.

Seit fünf Spielzeiten sitzen die beiden Frauen nun schon rechts vor Albin und Anton. Auf ihren Dauerkarten stehen noch die Namen ihrer Männer, die sie ihnen vererbt haben. Sind nämlich Witwen, beide. Albin kennt längst ihre Geschichte: Bei Helmut, Margots Mann, war es damals schnell gegangen. Herzinfarkt. Auf der Arbeit. Sie waren gerade dabei, Kisten zu verladen, als er den Arm anwinkelte und sich zu krümmen begann. Der Notarzt kam zu spät. Bei Peter, Ritas Mann, hat es länger gedauert. Darmkrebs. Im ersten Jahr schaffte er es noch uff de Betze, drum gab Margot Helmuts Karte an Kurt, ihren Bruder, denn sie selbst wollte nicht mit Peter gehen, wie hätte das denn ausgesehen. Dann aber schwanden Peter die Kräfte, bis er nur noch im Bett liegen konnte, und bald darauf war Schluss. Jetzt nutzen Rita und Margot die Dauerkarten, die kommen ja zu Saisonbeginn immer mit der Post, Geld wird automatisch abgebucht. Sie sind stets mit voller Leidenschaft dabei und wundern sich manchmal, warum sie nicht schon damals uff de Betze gingen, gemeinsam mit ihren Männern. Ansonsten unternehmen die beiden nicht viel miteinander, dafür telefonieren sie oft.

Unmittelbar hinter Albin und Anton sitzen die drei Breiten aus dem Rebenland. Sie sind bereits in vortrefflicher Stimmung, denn sie haben schon während der Fahrt einen Fünf-Liter-Kanister Rieslingschorle geleert. Der liegt nun auf dem Boden ihres Zafira, auf die Seite gekippt, mit offenem Verschluss, wie ein an Land verendeter Fisch. Im Stadion haben sie gleich neuen Stoff gekauft, jetzt sitzen sie einträchtig nebeneinander in Reihe acht, jeder einen Plastikbecher Rieslingschorle vorm gewaltigen Bauch präsentierend. Der links Sitzende wirkt arg verwildert, weder Bart noch Haar sind seit Monaten gestutzt. Da fehlt zu Hause sicher die Frau. Gleichwohl oder vielleicht gerade deswegen ist das Lieblingsthema der drei, so lange das Spiel nicht läuft: das Hagge an sich und im Besonderen.

Auch Walter und Gerd tauschen sich bereits rege aus. Walter sitzt ein wenig versetzt zur Linken von Albin, zwei Reihen vor ihm. Er trägt einen Militärparka über einem Trainingsanzug. An warmen Tagen erscheint er üblicherweise nur in seinem Adidas-Outfit. So, als wolle er sich gegebenenfalls einwechseln lassen. Dabei sieht Walter nicht so aus, als treibe er irgendeinen Sport. Er wiegt rund einhundertzwanzig Kilo und seine kurzen, krummen Beine waren und sind nicht dafür geschaffen, so viel Gewicht zu bewegen. Sein Kumpel Gerd sitzt nicht neben ihm, sondern fünf Reihen vor ihm, sodass sie schreien müssen, wenn sie sich verständigen wollen. Sie tun es dennoch sehr rege. Hin und wieder ernten sie deswegen böse, genervte Blicke, aber um die scheren sie sich nicht. Und so, wie Walter den Namen seines Freundes ausspricht müsste er eigentlich „Gärrt“ geschrieben werden. Gerd ist spindeldürr, hat eine Hasenscharte und schielt ein wenig.

Die TU-Studenten sitzen zwei Reihen hinter Albin und Anton, leicht nach links versetzt. Auch sie sind schon eifrig am Schnattern. Sie diskutieren nicht, wie die meisten anderen Zuschauer, nur über Schiedsrichterentscheidungen oder andere, bessere Abspielmöglichkeiten, die ein Spieler hätte nutzen müssen, sondern verhandeln auch Spielanlage, Matchpläne und mögliche Aufstellungsalternativen und Formationsvarianten. Intellektuelle halt. Heute sind die TU-Studenten zu sechst, so viele waren sie noch nie. Denn da ist ein Neuer dabei, den Albin noch nie gesehen hat, er trägt ein schwarzes Hemd wie ein Priester, nur ohne weißen Kragen. Die TU-Studenten sitzen da ebenfalls schon seit Jahren. Fußball ist eben eine schöne Abwechslung von den Büchern und Seminarräumen, und außer dem Betze gibt’s in der Stadt ja nicht viel. Ihr Geschnatter wird wie immer argwöhnisch verfolgt von Glocke, der die TU-Studenten gar nicht abkann und sich gerne lautstarke Streitgespräche mit ihnen liefert. Dabei beschimpft sie er oft äußerst derb, obwohl sie wie er für den Betze sind, aber egal. Sind halt Dummbabbler, die scheiß Intellektuellen, und Dummbabbler nerven immer.

Wie Glocke wirklich heißt? Keine Ahnung. Vermutlich hat er den Spitznamen wegen eines Unfugs verpasst bekommen, den er einmal getrieben hat, bestimmt in jungen Jahren schon. Jetzt ist sein Haar längst schlohweiß. Er ist dünner als noch vor zwei Jahren, das werden nicht viele, wenn sie älter werden. Glocke aber ist jetzt so dünn, dass ihm sogar sein verwaschener Jeansanzug, den er immer trägt, zu weit geworden ist. Und dessen Stoff schwer geworden ist vom kalten Zigarettenrauch, dessen Geruch ihn wie eine Glocke umschließt – vielleicht heißt er ja deswegen so.

Wenn Glocke das Stadion betritt, geht er gebeugt, die Finger in die engen Taschenschlitze seiner Jeans gestopft, die Mundwinkel nach unten gezogen. Denn Glocke kommt nicht uff de Betze, um Freudvolles zu erleben, er hofft es nicht einmal. Er will nichts anderes, als vor Wut schäumen, und er wird vor Wut schäumen. Ganz schlimm war es, als der Däne Goldbaek noch gespielt hat, der war sein persönlicher Feind. Da wollte es gar kein Ende mehr nehmen, das Toben, Schimpfen, Schreien und Abfällige-Gesten-in-Richtung-des-Spielers-Machen, sobald dieser an den Ball kam. Oft spielte der Däne eigentlich ganz manierlich, aber das half nichts.

Im Moment aber ist Glocke noch vollkommen ruhig. Er kauert in seinem Sitz, den Blick zu Boden gerichtet, es scheint, als brabbele er vor sich hin, so, als laufe das Spiel bereits vor seinem geistige Auge ab und errege sein Missfallen massiv.

Noch nichts zu hören ist auch vom Acht-Schoppen-Ami, von dem Albin ebenfalls nicht weiß, wie er wirklich heißt. Hat eine Dauerkarte auf der Südtribüne. Ist vielleicht neunzehn, älter bestimmt nicht, wiegt aber bereits drei Zentner, mindestens, und er hat drei Kinne. Zur ersten Halbzeit erscheint er stets mit einer Papp-Trage Cola-Schoppen in der Hand, vier Stück passen da rein, die pumpt er bis zur Pause ab. In der Halbzeit holt er sich eine zweite Trage mit vier Cola-Schoppen, die er sich nach dem Wiederanpfiff einverleibt. Drum heißt er Acht-Schoppen-Ami. Und wenn der Schiedsrichter gegen de Betze pfeift, springt er auf und brüllt in ohrenbetäubender Weise „Bullshit“, wobei er das „i“ unendlich in die Länge zieht, „Bullshiiiiiiit“. Wenn de Betze ein Tor geschossen hat, springt er auf und tanzt zu dem Jingle, der dann über Lautsprecher eingespielt wird, das heißt, in Anbetracht seiner Körperabmessungen handelt sich mehr um ein Stampfen als ein Tanzen, doch etwas Rituelles haftet dem Schauspiel in jedem Fall an.

Manchmal gibt der Acht-Schoppen-Ami auch den Dirigenten, wenn die eingespielte Melodie etwas Getragenes hat. So wie heute. Die ersten Takte von Carl Orffs „Carmina Burana“ werden eingespielt, als die Mannschaften einlaufen. Nach dem Intro jedoch geht die akustische Einlaufuntermalung allerdings in Discoschrott über.

Es ist so weit. Es ist vierzehn Uhr.

Und Albin und Anton sitzen im Stadion. Auf ihren Plätzen. Das ist Wahnsinn, ungeheuerlich, unfassbar schön. Albin hat es geschafft. Er hat seine Mission erfüllt. Jetzt ist de Betze dran.

Und kein Bulle weit und breit. Keine Ahnung, wie das sein kann, sie waren ihm doch so dicht auf den Fersen, und sie müssen doch auch gewusst haben, was sein Ziel war, Heidrun muss es ihnen doch gesagt haben, also hätten sie ihn hier doch ganz einfach abfangen können. Haben sie aber nicht. Nun ja, vielleicht kommen sie ja noch. Sollen sie doch. Ihn kriegt hier jedenfalls keiner mehr weg. Nicht vor fünfzehn Uhr fünfundvierzig. Danach können sie mit ihm machen, was sie wollen. Wär sogar richtig gut, wenn sie ihn sich direkt nach dem Abpfiff greifen. Dann können sie ihn und Anton nämlich gleich nach Hause fahren. 

Einen kurzen Moment denkt Albin noch daran, dass er vielleicht jetzt endlich mal Heidrun anrufen könnte. Einfach nur, damit sie sicher weiß, dass es ihm und ihrem Vater gutgeht. Wär jetzt eigentlich mal an der Zeit, jetzt, wo definitiv nichts mehr schiefgehen kann. Aber dann fällt ihm ein, dass er ja gar kein Handy mehr hat. Kann man halt nichts machen. Außerdem ist Heidrun, er bleibt dabei, ja selbst schuld, wenn sie sich Sorgen macht. Niemand sollte besser wissen ist als sie, dass Anton immer in Sicherheit ist, wenn er bei ihm ist.

Der alte Knabe ist jetzt übrigens ganz bei sich. Während der Fahrt ist er wieder in einen unruhigen Schlaf gefallen, hat auch mal wieder wirres Zeug gebrabbelt, wer weiß, wer ihm da in seinen Träumen und Halluzinationen alles begegnet ist, das kleine, flinke Ratinho vielleicht oder der ungelenke Trunk. Oder die ganz alten sogar, der unüberwindbare Hellström vielleicht oder Melzer, der damals dieses Tor in Dortmund schoss, aus dreißig Metern, rechter Außenspann, exakt in den Winkel … Aber jetzt ist er voll bei sich, der Anton. Angespannt, aufmerksam, konzentriert. Sich in jeder Sekunde bewusst, wer er ist, wo er ist und worum es geht. De Betze bezwingt sogar den Parkinson.

Ein letzter Blick noch auf den verwaisten Platz zu seiner Linken, der einzige vermutlich, der uffem Betze heute leer bleibt, ein letzter dicker Wermutstropfen auf Albins Gemüt: Da sollte der Champ sitzen. Ihn hat er nicht hierher gebracht. Er musste den verwundeten Freund zurücklassen, um den eigenen Weg zu Ende gehen zu können. Auch wenn der Tag mit einem Triumph enden wird, enden muss – Es wird eine Narbe zurückbleiben, ewiglich und immerdar. Sie wird Albin stets daran erinnern, wie schwer dieser Triumph erstritten wurde. Insofern wird diese Narbe auch ihr Gutes haben, und er wird sie mit Würde tragen.

Dann wendet Albin seinen Blick aufs Spielfeld. Und von nun an gibt es nichts anderes mehr.

Die West hat ein großes Band aufgespannt, auf dem nur ein Wort steht: „Unzerstörbar.“ 

Jetzt gilt’s.

 + + +

Die Uniform macht’s möglich. Lea passiert den VIP-Eingang vor der Haupttribüne, ohne dass irgendwelche Legitimationen von ihr verlangt werden. Bevor sie den Treppenaufgang benutzt, zieht sie ihr Privathandy aus der Tasche und ruft in der PI an. Vor dem letzten Akt braucht sie einfach noch mal ein Update. Ist einfach zu viel passiert in den vergangenen fünfzehn Stunden.

Krusius ist am Telefon. Anscheinend schiebt die komplette Samstagnachtcrew Doppelschicht. Kann ihr in diesem Fall nur recht sein, da der Kollege auf diese Weise umfassend informiert ist.

Stolte und Bootz werden noch im städtischen Krankenhaus behandelt, sind aber nicht ernsthaft verletzt. Das Gros der Schrotladungen, die der bärtige Irre ihnen verpasst hat, ist in ihren Kevlar-Westen stecken geblieben.

Heiner Kühn ist mit ihnen eingeliefert worden. Mittlerweile hat er ausgesagt, dass er ebenfalls von dem Bärtigen angeschossen worden sei, es sei aber ein Versehen gewesen, der Bärtige habe eigentlich Wildschweine gejagt. Dass Kühns Schusswunde fachmännisch versorgt worden sei, hätten mittlerweile auch die Krankenhausärzte bestätigt. Von wem, ist noch unklar.

„Auf jeden Fall hat der Champ unseren Kollegen das Leben gerettet, dafür sollten wir uns irgendwie erkenntlich zeigen“, erklärt Krusius.

„Ich denk drüber nach“, nickt Lea. „Weiter.“

Nellessen liege jetzt auf der Intensivstation des städtischen Krankenhauses. Sehe nach wie vor nicht gut aus.

„Immerhin, noch lebt er“, will Lea das Thema nicht weiter vertiefen.

Weiter. „Irgendwas Neues in Sachen Werner Wärmke?“

„Keine neuen Erkenntnisse. In der Nachbarschaft hat keiner was gesehen. Gemeldet hat sich auch niemand.“

„Da sollten wir was für die Lokalpresse vorbereiten. Das Schwein, das ihn totgefahren hat, muss doch zu kriegen sein.“

„Und was ist mit dem niedergeprügelten Landstreicher?“

„Aus der Vernehmung des Landstreichers wurde leider nichts. Der Junge ist immer noch bewusstlos. Möglicherweise hat er einen schwerwiegenden Dachschaden, Frau Feldmann hat wirklich hart zugeschlagen mit ihrem Dreschflegel. Hanns und Holbein haben in den Sachen des Jungen jedoch einen Führerschein gefunden, demnach ist er Marokkaner, Ihre Vermutung war richtig, und es handelt sich wohl auch um den geflüchteten Fahrer des gestern sichergestellten Espace. Kfz-Papiere, die ihn als Halter des Fahrzeug ausweisen könnten, trug er allerdings nicht bei sich.“

„Allzu viele Ausweisdokumente haben die nie bei sich, da haben wir mit dem Führerschein schon Glück. Wenn der Mann aufwacht, werden wir tatsächlich also einen Dolmetscher für Französisch brauchen. Und dann wird er nach dem Anwalt seines Clans verlangen, vermutlich aus Marseille oder so. War’s das?“

„Danach gab’s zwischen Hanns und Holbein leider Zoff, weil Hanns einer Krankenschwester seinen Ballermann gezeigt hat.“

„Ich hoffe, Ballermann meinen Sie jetzt nicht metaphorisch.“

„Das versteh ich jetzt nicht …“ Einmal mehr muss Lea feststellen, dass sie dazu neigt, die Auffassungsgabe ihrer Untergegebenen zu überschätzen.

„Schon gut. Sie meinen, Hanns hat der Krankenschwester seine Dienstwaffe gezeigt?“

„Äh, ja, was denn sonst?“

„Schon gut, alles klar. Ich denke, die junge Frau wird das verkraften.“ Lea bedankt sich bei Krusius für die Infos und legt auf. 

Der Treppenaufgang zur Haupttribüne ist in schmucklosem, kahlem Beton gehalten. Er ist menschenleer, denn das Spiel läuft, als Lea die ersten Stufen betritt. Wird nicht einfach werden, in den Katakomben nun jemanden zu finden, der ihr den Weg zu Geschäftsstelle weist, und anschließend einen Mitarbeiter zu greifen, der für sie am Computer recherchiert, in welchem Block und auf welchem Platz der Dauerkartenbesitzer Albin Schmitter zu finden ist. Danach dürfte jetzt gerade niemandem der Sinn stehen. Aber da wird Lea keine Rücksicht drauf nehmen. Sie wird ihr Ding jetzt durchziehen. 

Ab und zu flutet ein vielstimmiges Raunen den freudlosen Schacht, dessen Wände mit allerlei unflätigen Sprüchen und Parolen in hundert verschiedenen Handschriften verziert sind.

Zwei Kugelschreibereintragungen stechen Lea ins Auge.

„Ich will em Sforza sei Fraa figge“, steht da, ungelenk gekrakelt, und leicht versetzt darüber: „Samir ist schwul (stockschwul).“

Da muss Lea, so sehr es sie drängt, die Angelegenheit, die in den vergangenen vierzehn Stunden so viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet hat, doch einen Moment innehalten. „Ich will em Sforza sei Fraa figge“ – Was ist das für ein Geist, der sich da offenbart?

Dieser Sforza war, so viel Fußballwissen hat selbst Lea mitbekommen, einer der FCK-Heroen der jüngeren Vereinsgeschichte. Diese Wandbeschriftung stammt mit einiger Wahrscheinlichkeit von einem Fan, der ihm huldigte – und dennoch hat dieser gleichzeitig das Weib seines Idols begehrt? Ob er sich dabei wenigstens schäbig fühlte?

Und dann: „Samir ist schwul (stockschwul).“ Dieser Name wiederum ist Lea kein Begriff, offenbar aber handelt es sich um einen ungeliebten Spieler. Denn nur solche werden im Männersport Fußball, auch das weiß die Erste Polizeihauptkommissarin, verdächtigt, homosexuell zu sein. Aber diesen Samir nicht nur als „schwul“ zu bezeichnen, sondern auch noch in Klammern ein „stockschwul“ dranzusetzen, gleichsam als Ergänzung wie als Steigerung, das zeugt schon von besonderem Sprachgefühl. „Schwul“ könnte unter Umständen ja noch als so ein bisschen cool interpretiert werden, aber „stockschwul“ – das ist ein Todesurteil.

Ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen reißt Lea ruckartig aus ihren Gedanken. Ist etwa ein Tor gefallen?

+ + +

„Bullshiiiiiiiit!“ Der Acht-Schoppen-Ami ist außer sich.

„Sauerei!“, brüllen die drei Breiten aus dem Rebenland im Chor. Und noch mal: „Sauerei!“ Die letzte Silbe ziehen sie dabei extrem in die Länge. 

„Drecksau! Drecksau! Drecksau!“, schreit Glocke. 

„Gert! Hast du das gesehen?“, brüllt Walter in Richtung seines Freundes in breitestem rebenländischen Dialekt.

„Sauerei“, bestätigt Gerd von seinem Platz aus.

Albin beißt sich auf die Unterlippe. Ja, das ist hart, das Einsnull wäre so wichtig, wichtiger als alles andere, was heute geschehen ist, aber nein – so fair muss man nun doch sein: Den Treffer hat der Schiedsrichter nun wirklich nicht geben können, bei allem Wohlwollen nicht. Bello hat die Ecke getreten, der Geißbock-Keeper hat sie korrekt abgefangen, doch Marcello hat ihn so sehr bedrängt, dass er den Ball wieder fallen ließ, worauf Marcello ihn über die Linie bugsierte. Das Stadion ist sofort explodiert, auch Albin ist aufgesprungen, aber nur halbherzig, denn bei ihm stellte sich sofort dieses Gefühl ein: Das Ding wird nicht gegeben.

Und so kam es auch. Freistoß für die Geißböcke. Alle Aufregung umsonst.

„Kann er nicht geben“, bestätigt auch einer der TU-Studenten, als sich der Block 4.2 wieder setzt und es langsam leiser wird im Stadion.

„So ein Pech aber auch“, sinniert ein anderer aus dem Quintett. „So langsam müsste es aber mal fallen. Verdient wär’s ja.“

„Wieso verdient?“, fragt der Neue. Das Schwarzhemd.

„Na, ja, kämpfen tun sie doch. Das musst du doch zugeben.“

„Kämpfen? Du meinst rennen, beißen, treten, spucken? Das ist doch Fußball von vorgestern. Das reicht heute nicht mehr. Damit kommt ihr jetzt genau dorthin, wohin ihr gerade unterwegs seid: in die Dritte Liga. Kurzpassspiel, Pressing und Gegenpressing, so geht das heute. Davon hat eure Dorfmannschaft doch noch nie was von gehört. Wenn ihr heute noch mal Glück habt, dann nur, weil es die Geißböcke auch noch nicht besser können. Aber ihr habt doch Hoffenheim gesehen, als die vor ein paar Wochen hier gespielt haben. Nullzwei haben die euch geputzt, in eurer eigenen Hütte, ganz locker, ihr hattet keine Chance. Das ist der Fußball von morgen. Da könnt ihr nicht mehr mithalten mit eurem Hoch-und-weit-Gebolze.“

Zu seinem Glück spricht das Schwarzhemd recht leise. So sind es nur rund ein Dutzend Blicke, die sich verstohlen gegen ihn richten und ihn zu töten versuchen.

Auch Glocke hat das Schwarzhemd nicht gehört. Sonst wäre sein nächster Tobsuchtsanfall fällig gewesen. Und vier Ausbrüche innerhalb einer Halbzeit, das würde möglicherweise nicht einmal sein außergewöhnlich hartgesottener Kreislauf mitmachen.

Der erste war schon nach einer Viertelstunde fällig. De Betze eroberte sich den Ball direkt am Strafraum der Geißböcke, doch Marcello bekam seine Nerven nicht in den Griff und drosch den Ball in die Wolken. „Die fette, dumme Sau!“, schrie Glocke, und gleich noch mal: „Die fette Sau! Friss weniger Fleischwurst und trainier gescheit!“ Glocke spricht den Dialekt der Städter, ist also einigermaßen zu verstehen, selbst wenn sich seine Stimme überschlägt.

Und kurz vor dem nicht gegebenem Treffer versuchte Kotysch mittig zum Tor eine Direktabnahme, die aber verzog er kräftig. Der Ball schlug statt im Netz oberhalb der Eckfahne ein. Glocke sprang auf, hüpfte von einem Bein aufs andere, als stünde er in einem Nest glühender Kohlen. „Missgeburt! Missgeburt! Noch nicht einmal richtige Füß sind dir gewachsen, du Missgeburt!“

Und dann das nicht gegebene Tor. Ganz schön viel, was da in nur einer Halbzeit verkraftet werden muss. Da wäre des Schwarzhemds provokante These vielleicht der endgültige Dammbruch gewesen. 

Halbzeit.

Der Acht-Schoppen-Ami erhebt sich, um sich sein zweites Colabier-Quartett zu organisieren.

Die drei Breiten aus dem Rebenland widmen sich wieder dem zweiten großen Thema ihres Lebens: dem Hagge. Er habe sich im Internet jetzt eine Paste geordert, berichtet der Mittlere, die schmiere man sich auf den Penis – und anschließend könne man vierundzwanzig Stunden am Stück hagge. Die anderen beiden lauschen interessiert.

Walter und Gert halten lautstark Rückschau auf die erste Hälfte. Marcello, so ihr Fazit, hätte einfach die Nerven behalten müssen. Und das Tor machen müssen. Natürlich.

Albin sinkt in sich zusammen. Er bräuchte jetzt dringend ein Bier, aber das hat er ja beim Champ gelassen. Und seinen Platz zu verlassen, um sich eins zu holen, bringt er nicht fertig. Weil er Anton nicht aus den Augen lassen will, aber auch, weil er selbst völlig erschöpft ist.

Und die Worte des Schwarzhemds wollen ihm nicht aus dem Kopf.

Auch wenn es offenbar einer von diesen studierten Klugscheißern ist, einer von dieser neuen Sorte, diesen Nerds, die den Fußball heute nur noch analytisch betrachten, die die Pässe, Torschüsse, gelaufenen Kilometer und intensiven Läufe zählen, die Ballbesitzanteile der Teams berechnen, die Laufwege der Spieler nachzeichnen, die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen messen, um am Ende in mathematischen Formeln auszudrücken, warum die einen gewonnen haben und die anderen nicht. Und das tun sie so unbewegt, als suchten sie nach Nummern im Telefonbuch. Und vergessen darüber, über einen Treffer ihrer Mannschaft zu jubeln. Sie können nicht einfach den Kopf darüber schütteln, wenn ein Spiel manchmal dadurch entschieden wird, dass bei der einen Mannschaft der Ball vom Pfosten ins Feld zurücksprang und bei der anderen vom Pfosten ins Tor. Sie wollen die Irrationalität des Spiels nicht akzeptieren. Oder die Erklärung, dass eine Mannschaft einfach nur deswegen gewonnen hat, weil sie einen Tick geiler auf den Sieg war.

Man kann mal schlecht spielen, aber nie schlecht kämpfen – das soll jetzt nichts mehr wert sein? Und stattdessen soll der Fußball nun berechenbar sein?

Aber wie sollen dann noch Wunder geschehen? Solche, wie sie vierundfünfzig geschehen sind, einundneunzig und achtundneunzig?

Aber auch Albin hat Hoffenheim im März uffem Betze spielen sehen. Nullzwei hieß es nach neunzig Minuten, und, ja, de Betze hatte keine Chance. Und, ja, die Hoffenheimer haben anders gespielt als alle anderen Mannschaften, die Albin bislang uffem Betze gesehen hatte. Die zehn Feldspieler bewegten sich, wenn de Betze am Ball war, in exakt bemessenen Abständen über den Platz. Wie Guppies im Aquarium verschoben sie sich in Richtung des ballführenden Spielers, ohne ihre Formation aufzugeben. So machten sie ihm die Räume enger und enger, sodass er den Ball nur noch mit extremer technischer Gewandtheit behaupten konnte, und der nächste Pass wäre ihm nur geglückt, wenn er ihn mit äußerster Präzision gespielt hätte, und selbst dann hätte auch der nächste Mitspieler so gewandt sein und präzise passen müssen. De Betze aber fand kein Mittel gegen dieses Spiel, verlor Ball um Ball. Und wenn die Hoffenheimer das Leder hatten, schlugen sie ihn nicht einfach nach vorne, um den schnellen Erfolg zu suchen, sondern passten sich es auf kurzen Wegen zu, so schnell und exakt, wie ihr Gegner es eben nicht vermochte. Und immer bewegten sich mindestens zwei Mitspieler auf den ballführenden Kameraden zu, um ihm das Abspiel so einfach wie möglich zu machen, trotz der Geschwindigkeit, mit der ihr Spiel vonstattenging, trotz der Genauigkeit, die es verlangte. So bewegte sich der Ball ein ums andere Mal in flinken Zickzack-Linien in Richtung des Betze-Tores, und am Ende war er zwei Mal drin.

Das Schwarzhemd mag ein Riesenarschloch sein, aber in diesem Moment der Schwäche spürt Albin nur zu deutlich: Es hat recht. Da ist sich was am Verändern im Fußball, etwas, mit dem de Betze schon jetzt nicht mehr Schritt halten kann.

„Tradition schießt keine Tore“, auch die Worte des unseligen Unfried kommen Albin wieder in den Sinn. Die Konzernklubs werden die Volksvereine dereinst verdrängen. Auch Hoffenheim wird von einem schwerreichen Unternehmer finanziert, ohne den der Klub gerade mal Kreisklasse spielen würde. Schon seit Jahren pumpt er Geld hinein, doch nicht wie andere Schwerreiche, die früher ihre Millionen ihren Herzensvereinen übertrugen, die es dann hirnlos verprassten, nein, er lässt es von Menschen ausgeben, die mit Sinn und Verstand investieren, nicht nur Spieler kaufen, die sich de Betze nicht mehr leisten kann, sondern diesen auch ein perfektes Umfeld schaffen, mit Stadion, Trainingsbereichen und Leistungszentren für den Nachwuchs. So klettert die Vereinsschimäre Jahr für Jahr eine Klasse höher, jetzt marschiert sie gerade durch die Zweite Liga, und in wenigen Jahren wird sie an der Spitze der Ersten stehen. Und zu ihr werden sich Klubs gesellen, die es ihr gleichtun.

Hinter den sieben Bergen aber, bei den sieben Zwergen im Wald, wird de Betze mickriger und mickriger werden, und die Menschen außerhalb werden ihn vergessen …

Schluss jetzt! Reiß dich am Riemen, Albin!

Die West lebt wieder auf, auch von anderen Rängen erhebt sich Applaus – die Spieler kommen wieder auf den Platz.

Mag sein, dass der Tag, an dem alles so kommt, wie das Schwarzhemd und der unselige Unfried es prophezeien, nicht mehr fern ist.

Heute aber ist nicht dieser Tag.

+ + +

„Herr Schmitter?“

Albin Schmitter schaut nur kurz zu Lea auf, dann wendet er sich wieder dem Spiel zu. Da also bist du endlich, sagt der kurze Blick, aber ich tu so, als wärst du gar nicht da.

„Sie sind nicht durchsichtig, Frau Wachtmeister“, mault einer von den drei fetten Typen, die hinter ihm sitzen, im breitesten Rebenländisch. Den wiederum würdigt Lea keines Blickes.

Da sitzt er also. Albin Schmitter. Und irgendwie sieht er genauso aus, wie sie ihn sich vorgestellt hat. Zu weiche Züge, zu verträumte Augen, zu viel Masse, zu viel Mensch, zu viel Gemüt, zu wenig Verstand, zu wenig Kanten, zu wenig Kerl. Und derzeit für niemanden ansprechbar, drückt seine Körperhaltung aus. 

Na warte.

Es hat leider bis Mitte der zweiten Hälfte gedauert, bis Lea sich endlich zu einem Geschäftsstellenmitarbeiter durchgefragt und ihn an seinen Arbeitsplatz genötigt hatte, auf dass er nachschaute, wo im Stadion Albin Schmitter zu finden war. Sie müssen schon entschuldigen, heute herrscht hier Ausnahmezustand, hat sie zu hören bekommen, immer und immer wieder.

Jetzt aber wird die Sache zu Ende gebracht. Jetzt heißt es Recht statt Pizza.

„Herr Schmitter?“, fragt Lea ein zweites Mal, nachdrücklicher.

Er ignoriert sie weiter. Nur der Alte neben ihm dreht mal kurz den Kopf zu ihr, schaut sie verständnislos an und wendet sich dann ebenfalls wieder dem Spiel zu. Das muss Anton sein. Heidruns Vater also. Ein kleiner Mann, der auch schon, bevor das Alter ihn beugte, nicht sehr groß gewesen war. Und der Sitz neben ihm ist leer. Hier hätte wohl der Champ gesessen.

Über die Ränge fegt ein Raunen. Irgendjemand hat gerade irgendwas in der Nähe eines Tores gemacht.

„Menno!“, motzt der dicke Rebenländer, der mal links, mal rechts an Lea vorbeischauen muss, schon deutlich aggressiver. Die Erste Polizeihauptkommissarin will gar nicht wissen, was sie zu hören bekäme, wenn sie keine Uniform trüge.

„Herr Schmitter! Hier spricht die Polizei – Würden Sie sich bitte erheben und mit mir kommen?“

Er schenkt ihr nur einen kurzen Seitenblick. Als er spricht, ist sein Blick längst wieder auf das Spielgeschehen gerichtet. „Warten Sie noch fünfundzwanzig Minuten, dann können Sie mit mir machen, was Sie wollen. Jetzt geh ich nicht mit. Und wenn Sie mich mit vorgehaltener Waffe zwingen wollen, seien Sie sich darüber im Klaren, dass Sie dann auch abdrücken müssen. Vor allen Leuten.“

Lea braucht einen kurzen Moment, um das zu verdauen, lässt aber nicht locker.

„Herr Schmitter! Ihre Frau sitzt zu Hause und steht Todesängste aus, weil Sie ihren kranken, alten Vater vierzig Kilometer durch den Wald geschleppt haben, nur um sich dieses dämliche Fußballspiel anzuschauen.“

Schmitter gibt sich weiterhin unbeeindruckt, dafür erschrickt Lea vor den Blicken, die sie plötzlich durchbohren: fassungslos, erschreckt, hasserfüllt. Selbst die harmlos aussehenden Jungs drei, vier Reihen weiter oben haben für einen Moment vollkommen das Spiel vergessen und fixieren die Person, aus der soeben diese ungeheuerlichen Worte quollen. Dämlich? Ein Fußballspiel? Uffem Betze? Und dann auch noch dieses Fußballspiel?

Nächster Versuch: sotto voce. Hat sich Lea irgendwann mal beigebracht, inspiriert von diversen Mafiafilmen. Wenn du die Stimme anfängst zu senken, wo alle erwarten, dass du sie hebst, wirkst du viel bedrohlicher. Wer schreit, hat nicht nur Unrecht, sondern sich auch nicht mehr unter Kontrolle.

„Sie kommen jetzt mit“, raunt sie Schmitter zu, gedämpft, aber mit unüberhörbarer Aggressivität.

„Lass den Mann jetzt in Ruhe das Spiel fertig sehen“, mischt sich plötzlich eine ältere Dame mit rötlich schimmerndem grauen Haar ein, die in Schmitters Nachbarschaft sitzt. „Der rennt dir schon nicht weg“, springt ihr die neben ihr sitzende Freundin bei, deren Brillengläser auch als Brenngläser gut zu gebrauchen wären.

„Genau! Geh doch mal vorm Stadion ein paar Verbrecher jagen“, zischt ihr der mittlere der drei dicken Rebenländer zu. Und Lea kann deutlich von den Lippen des linken Exemplars ablesen, dass dieser seinen Kumpanen gerade zuflüstert: Die gehört nur mal wieder ordentlich gehaggt, die alte Schlampe.

„Hock dich endlich hin, du Bullenbüchs“, kreischt ein zotteliger grauer Kauz in einem verwaschenen Jeansanzug, wobei sich sein Mund zu einem Trapez formt und der Bluthochdruck, unter dem er offensichtlich leidet, ihm die Augen vors Gesicht treibt. Auch seine übrige Körpersprache drückt extreme Gewaltbereitschaft aus, sodass Lea instinktiv an ihr Pistolenhalfter fasst.

Jetzt heißt es, Ruhe bewahren. In diesem Mob keimt deutlich spürbar die Lynchlust. Andererseits: Das eben war eine klare Beamtenbeleidigung. Die kannst du nicht einfach auf sich beruhen lassen. Aber wen soll sie sich jetzt eigentlich vornehmen? Schmitter oder Jeansanzug?

In Mitte der harmlos aussehenden Jungs sitzt ein Typ mit schwarzem Hemd. Der lächelt sie versonnen an und schüttelt dabei leicht den Kopf. Lea kennt den Blick, kennt die Art: Das ist so einer, der sich stets überlegen fühlt.

„Jetzt hock dich endlich“, schreit jetzt auch der mittlere der drei Dicken.

„Bullshiiiiiiiit!“, lässt sie ein völlig entfesseltes Organ zusammenfahren. Erschrocken dreht sie sich um und macht als Quelle einen grotesk übergewichtigen Teenager mit einer Basecap aus, der offenbar aber nicht sie gemeint hat, sondern dem Geschehen auf dem Rasen zugewandt ist.

Das ist ja die reinste Freakshow hier.

Leas Blick wandert lauernd von einem zum anderen Aggressor. Also, was tust du nun?

„Junge, Frau, was ist denn eigentlich Ihr Problem?“

Lea hat gar nicht bemerkt, dass der kleine, alte Mann, Heidruns Vater, aufgestanden ist und jetzt neben ihr steht. Sanft legt er ihr seine Rechte auf den Arm.

„Was halten Sie davon, wenn Sie sich einfach mal einen Moment setzen. Das Spiel ist doch gleich aus. Gucken Sie doch mal, hier ist noch ein Platz frei. Jetzt setzen Sie sich doch mal hin und schnaufen erst einmal durch.“

Ehe sie sich versieht, hat der kleine, alte Mann sie umfasst und sie in die Sitzschale neben sich dirigiert, ohne dass es sich auch nur einen Moment wie Ziehen und Zerren angefühlt hätte. Eher so, als hätte er sie beim Tanz geführt.

„Sie sind das erste Mal uffem Betze? Dann passen Sie jetzt mal acht.“

Lea sitzt neben dem alten Mann und starrt ihn an, und sie kann nur hoffen, dass ihr nicht der Mund offensteht. Das soll Anton sein, Heidruns Vater, der parkinsonkranke, mobilitätseingeschränkte, fast schon demente?

„Wissen Sie, an wen Sie mich erinnern?“, schmunzelt er. „An meine Tochter. Die will sich auch immer gleich gegen den Rest der Welt stellen, wenn sie glaubt, im Recht zu sein und alle anderen nicht.“ Er spricht mit einem nur leichten, verspielten Anflug von Dialekt, wie ihn Laienschauspieler im Dorftheater sprechen, um eventuellen Messfremden im Publikum eine Chance zu geben, der Handlung zu folgen.

Die Menge jault auf, die Sitznachbarin mit den grauroten Haaren schreit schrillend, wie eine Scream Queen aus einem amerikanischen Teeniehorrorstreifen, wenn ihr der Serienmörder mit dem Fleischermesser auf die Pelle rückt.

Lea hat es in den Augenwinkeln. Die Dunkelblauen haben den Pfosten getroffen. Und die Dunkelblauen sind nicht de Betze, das sind die anderen. De Betze spielt in Rot, in was auch sonst.

Albin Schmitter schlägt die Hände vors Gesicht, als sei ihm soeben klar geworden, dass all die Hoffnungen, die er in diesen Tag gesetzt hat, sich nicht erfüllen werden. Dabei war der Ball doch gar nicht drin.

„Das ist wegen der Hex, die da vorne jetzt hockt“, hört Lea jemanden hinter ihr sprechen, in breitestem rebenländisch. „Die bringt Unglück, das hab ich gleich gesehen. Jetzt verlieren wir.“

Lea spürt, wie ihr das Blut in den Kopf schießt. Der Alte greift ihre Hand und drückt sie zart. „Machen Sie sich nichts draus. Das passt schon.“

Auf dem Rasen treibt ein semmelblonder Schlaks in Rot den Ball nach vorne, mit Beinen krumm wie Säbel und über die Stirn wirbelndem Haar. Seine Augen funkeln vor Lust auf einen wilden Streich, wie einst, als er, in Knickerbockern noch, den Nachbarn Fensterscheiben einwarf. 

Er visiert einen pausbäckigen Mitspieler an, der im Heiligsten des Gegners lauert, aber von Gegnern im blauen Trikot gut markiert ist. Die Flanke, die der Semmelblonde daraufhin schlägt, wirkt eher verzweifelt als überlegt. Die Flugbahn ist ebenso schlecht bemessen wie die Höhe, der Ball geht noch vor dem Tor nieder und lässt sich im weder per Kopf noch per Fuß vernünftig ins Netz dirigieren. Der Pausbäckige scheint dies zu ahnen, denn er strebt ihm nicht wirklich überzeugt entgegen. Doch ein Blauer fürchtet den Pausbäckigen offenbar so sehr, dass er viel zu ungelenk sein Haupt in das heranfliegende Leder reckt. Die Kopfballabwehr, als die seine Aktion gedacht ist, missglückt. Der Ball springt nicht, wie er sollte, aus der Gefahrenzone heraus, sondern in die Mitte des Strafraums.

Dort stürmt ein schlanker Dunkelhaariger heran, der das kindliche Gesicht und den exakten Kurzhaarschnitt eines Muttersöhnchens hat, andererseits aber auch den knackigen kleinen Hintern eines windigen Filous. Die Fünfzehn trägt er auf dem Rücken. Und er schießt sofort, mit dem linken Fuß, der bei den meisten Fußballern der schwächere ist. Er aber scheint nur über diesen einen zu verfügen, und gewachsen zu sein scheint er dem jungen Windhund nur für diesen einen, entscheidenden Moment. 

JETZT.

Wie ein Strich jagt ihm der Ball vom Spann weg.

Und flach im kurzen Eck schlägt er ein.

Und die Welt explodiert in rot-weißen Farben.

Der Urschrei ist noch auf halbem Weg durch Leas Gehörgänge, da steht der gesamte Block 4.2 bereits. Und sie ist mit aufgesprungen, ohne dass es ihr bewusst wurde. Es hat sie einfach mitgerissen. Alle um sie herum hüpfen, schreien, den wenigsten entfährt etwas Artikuliertes wie ein langgezogenes „Toooor!“, die meisten begnügen sich mit einem archaischen „A“. Die unterschiedlichst geformten menschlichen Leiber krachen gegen sie, sie wird hin und her geschubst, nach allen Seiten, doch zu Fall kann sie nicht kommen, da sie von einem Körper gegen den nächsten gestoßen wird. Dann beginnen alle einander zu umarmen, selbst der unsäglich dicke Junge wird gedrückt, obwohl niemand ihn recht zu umfassen vermag, und er schreit „Yeah!“, anscheinend ist er Amerikaner.

Albin Schmitter umarmt seinen schmächtigen Schwiegervater, hebt ihn in die Höhe, sodass die Füße des kleinen Mannes in der Luft hängen. Dann wird auch sie umarmt, denn die Ekstase macht nun auch vor Uniformen nicht mehr halt. Der Mann, der sie umhalst, riecht, aus welchem Grund auch immer, nach Terpentin, doch noch ehe Lea Übelkeit überkommen kann, hat er sie schon wieder losgelassen.

Als Albin Schmitter seinen Schwiegervater wieder abgesetzt hat, um die beiden älteren Damen zu drücken, wendet Anton sich an Lea und breitet die Arme aus. Und tatsächlich: Es ist eher Lea, die sich auf ihn zubewegt und die Umarmung vollendet.

„Von wegen Hexe – Sie haben uns Glück gebracht“, sagt der Alte, so ungeheuer charmant, dass sie von einer Rührung übermannt wird, die einer Ersten Polizeihauptkommissarin im Dienst einfach nur peinlich sein sollte. Lea aber heißt dieses Gefühl willkommen wie einen lange vermissten Freund und herzt den alten Mann gleich noch mal.

Erst, als auch Albin Schmitter auf sie zuwalzt und seine mächtigen Pranken um sie und seinen Schwiegervater gleichzeitig schließt, sodass sie zu einem skurrilen menschlichen Dreierknäuel zusammenwachsen, denkt Lea: „Das ist jetzt too much. Einfach too much.“

+ + +

Albin hat sie heute Morgen im Wald zwar nur kurz von hinten gesehen, doch vorhin, als sie sich vor ihm aufbaute, hat er sie sofort wiedererkannt. Das ist das Bullenweibchen, das Nellessen abgeknallt hat. Sie muss es sein. Nur so eine ist so bescheuert, sich mit dem gesamten Block 4.2 anzulegen, um ihn mitten im Spiel aus dem Stadion zu schleifen.

Aber er ist einfach sitzen geblieben. Er wäre niemals mitgegangen, niemals.

Doch jetzt, wo der Zeitpunkt gekommen ist, die ganze Welt zu umarmen, umarmt Albin auch dieses niederträchtige Bullenweibchen. Die Stunde des Glücks kennt keine Pein mehr. Und keine Peiniger.

Einsnull. Das ist alles, was zählt.

Wir schaffen es. Weil Albin es geschafft hat. Weil er Anton hierher gebracht hat. Gegen alle Widerstände. Über allen Hürden hinweg. Und es waren weiß Gott nicht wenige.  

Nein, Albin wird es niemals zugeben. Er wird es sogar so lange verdrängen, bis er es selber nicht mehr glaubt: Dass wenige Minuten zuvor doch tatsächlich der Moment gekommen war, in dem die Zweifel ihn besiegt hatten. Er hatte sämtliche Hoffnung fahren lassen, als Helmes den Pfosten traf. Die dunklen Prophezeiungen des Schwarzhemds würden sich erfüllen, de Betze würde zur Hölle fahren und niemals mehr wiederkehren, das alles fühlte sich in diesen Sekunden nicht mehr wie eine dunkle Ahnung an, sondern wie Gewissheit. Es war vorbei, der neue Fußball mit seinem mathematisch berechneten Spiel, das die Konzerne bezahlten, die sich um Herzen nicht scherten, würde siegen. De Betze würde untergehen, nur noch in den Erinnerungen der Alten weiterleben wie eine Erzählung vom Krieg. Die Zeiten, in denen es nur elf Freunde brauchte, die vielleicht mal schlecht spielten, aber nie schlecht kämpften, um einen Schinken vom Giebel zu holen, würden vorbei sein, ein für allemal.

Wie kleingläubig er doch gewesen war.

Nie und niemals nicht sollte jemand von diesen traurigen Minuten erfahren, in denen sich diese Wolke der Apokalypse über sein Gemüt geschoben hatte. De Betze ist de Betze und er wird es immer sein. Er wird immer zurückkommen, woher auch immer. Und zurückbringen werden ihn Typen wie Bello. Der mit seinen krummen Beinen unermüdlich den Ball nach vorne treibt, den er nicht wirklich eng am Fuß und schon gar nicht elegant führen kann, der aber von nichts und niemandem zu bändigen ist, weil er bis in die kleinsten Verästelungen seiner Seele willens ist, niemals aufzugeben, bis der Pfeifenmann allen Hoffnungen ein Ende gesetzt hat.

Und ist es tatsächlich der Zufall gewesen, der Bellos verunglückte Flanke dem knackärschigen Kanadier doch noch vor die Füße fallen ließ? Oder war es nicht eher die Kraft der Gedanken von achtundvierzigtausend Seelen? Unter denen sich, und das ist das Wichtigste, eben auch ein Anton befand? 

Anton, den du hierhergebracht hast. Du, der als Einziger um seine magische Bedeutung weißt.

Schiebt euch doch eure staubtrockenen Analysen sonstwo hin, ihr Fußballberechner.

Da! Fast macht der knackärschige Kanadier noch einen Treffer! Wieder hat Bello ihn angespielt, aber der Keeper der Geißböcke hat aufgepasst. 

Dennoch: Rita und Margot hyperventilieren, mögen die Augen gar nicht mehr von ihrem Liebling nehmen, selbst wenn er weit entfernt vom Ball ist. 

Sei aber noch nicht zu siegesgewiss, Albin.

Noch sind es zwanzig Minuten zu spielen, Nachspielzeit inklusive. Denk an Barcelona, denk an Barkero. Der Teufel lauert in vielerlei Gestalt. Er kann auch Helmes heißen. Oder Novakovic. Wenn nicht gleich Vucicevic.

Noch aber lässt sich der Teufel nicht blicken. De Betze schlägt wieder einen Ball hinten raus. Richtung Marcello, der am linken Flügel lauert. Pausbäckchen nimmt ihn jedoch nicht an, sondern schiebt nicht nur sich selbst, sondern mit Hilfe seines für einen Profisportler etwas zu breiten Hinterns auch seinen hinter ihm postierten Gegenspieler zur Seite. So kommt keiner von beiden an den Ball, der seinen Weg nun weiter den linken Flügel entlang nimmt. Marcello verfolgt ihn jedoch nicht, sondern lässt Lexa seinen Laufweg kreuzen. Lexa, der die Seite gewechselt hat. Der nicht schnell ist, denn kein Österreicher ist schnell. Aber er ist ausdauernd. Lexa läuft lieber viel als schnell, und nach über siebzig Minuten ist er so viel gelaufen, dass kaum noch ein Geißbock mit ihm rennen mag.

Sie lassen ihn ziehen, den linken Flügel entlang, bis er einschlägt und die Markierungen des Strafraums passiert. Doch sucht er nicht den Weg in die Mitte, sondern zur Grundlinie.

Marcello stapft derweil in die Strafraummitte, der rechte Verteidiger, der ihm eben noch zugeordnet war, fühlt sich nicht mehr zuständig. In der Innenverteidigung wiederum scheint noch Uneinigkeit zu bestehen, wer den Pummel mit der Nummer zwanzig jetzt übernehmen soll.

Für Lexa ist der Winkel nunmehr zu spitz geworden, um selbst den Torschuss zu versuchen. Um einen Pass nach innen zu spielen, bräuchte er nun eigentlich einen linken Fuß, so einen, wie der knackärschige Kanadier einen hat. Da der Ösi aber über keinen solchen verfügt, muss er den rechten nehmen und diesen weit nach außen drehen, um das Leder zu spielen. Sodass es eigentlich mehr ein Schaufeln als ein Kicken ist, was er da wagt. Es sieht ungelenk aus, gelingt aber unerwartet gut. Halbhoch fliegt der Ball durch den Fünfmeterraum in die Mitte, wo sich wer gerade allen aus dem Kreuz gestohlen hat?

Marcello.

Sein Laufweg und der des Balles kreuzen sich jedoch nicht optimal, Marcello muss in Richtung des langen Torpfostens sprinten, um ihn zu erreichen, sodass der Einschusswinkel nicht optimal ist. Doch das Tor ist offen, und Marcello ist Profi. Dennoch: Er erwischt die Kugel technisch nur unsauber, mehr mit dem Knöchel statt mit der Fußinnenseite, geschweige denn dem Innenspann. Und er trifft den halbhohen Ball zu sehr von zu weit unten. So schlägt er zwar die gewünschte Richtung ein, doch mit zu viel Auftrieb.

Der Ball knallt gegen die Latte.

In der West stehen die Herzen still. Im Block 4.2 nicht minder.

Von der Latte prallt er wieder auf den Rasen, wird aber, so viel ist gleich zu sehen, nicht hinter der Torlinie aufschlagen, sondern kurz davor.

Und nach den Gesetzen der Ballphysik muss er dann im gleichen Winkel, in dem er von rechts auf den Rasen trifft, nach links wegspringen.

Also vom Tor weg.

Doch was ist das?

Der Ball touchiert das Grün, gehorcht aber nicht den Gesetzen der Ballphysik, sondern springt wieder in die gleiche Richtung weg, aus der er gekommen ist.

Und hüpft über die Mittellinie. Tor.

Erneut explodiert das Stadion, explodiert in rot-weißen Farben. Hatte der Jubel beim ersten Mal noch etwas Erlösendes, trägt ihn jetzt etwas Erleichtertes.

„Da muss ein Hubbel im Fünfmeterraum sein“, vermuten die, die im Taumel und bei den Tänzen auf den Rängen sich partout einen Rest Nüchternheit bewahren wollen. Ein Hubbel? Na klar – mit Verstand lässt sich ja immer alles erklären, wenn man unbedingt will.

Aber Verstand ist nicht alles.

„Das war de Fritz“, murmelt Anton Albin ins Ohr, als er ihn an sich drückt. „De Fritz hat das gemacht.“

Albin werden die Augen feucht. Natürlich. De Fritz. Wer sonst. De Fritz und Anton natürlich, sie beide gemeinsam.

Albin sieht noch einmal ins glückliche Gesicht seines Schwiegervaters und lässt seinen Blick anschließend durchs lodernde Rot-Weiß des Stadionrunds gleiten. Er versucht, sich vorzustellen, wie sich diese Bilder nun in Antons Gedächtnis einprägen, für alle Zeiten. Dort werden sie auch den Tag überdauern, an dem sie nicht mehr bewusst hervorgeholt werden können, sondern nur noch von irgendeiner Laune nach oben gespült werden.

„Gärrrt! Das war de Fritz! De Fritz!“, kreischt Walter in Richtung seines Freundes. Dankbares Nicken und Schmunzeln allenthalben.

„De Fritz – vor allen Dingen“, wagt lediglich das Schwarzhemd zu witzeln. Wer sonst. „Wahrscheinlich ist er als Maulwurf wiedergeboren worden. Und als der Ball von der Latte kam, kroch er aus seinem Loch und hat ihn reingeköpft.“

„Ich hau dir gleich in die Fratz!“, schreit Glocke in Richtung des Schwarzhemds. Er ist wahrscheinlich der einzige Mensch im Stadion, der selbst in diesem Augenblick noch bis zum Bersten aufgeladen ist mit Aggression. 

Hinsetzen mag sich nun keiner mehr.

Die ersten Regentropfen, die vom Himmel fallen, spüren sie gar nicht, denn die Tribünen sind ja alle überdacht.

Doch der Regen setzt rasend schnell ein, als zöge ein Gewitter über den Betze hinweg. Dabei war weder auffrischender Wind zu spüren noch ein Wechsel der Windrichtung. Die Wolken brechen einfach so auf, ohne Blitz und Donner, die Tropfen fallen schneller und schneller, bis den Spielern das vorm Spiel so sorgsam gefönte Haar, das bislang lediglich ein wenig verschwitzt war, am Schädel klebt und bei jedem ihre Schritte Wasser aus dem Rasen spritzt.

Keiner spricht mehr im Block 4.2. Das lässt der Kloß, der sich in ihren Hälsen gebildet hat, nicht mehr zu. Albin könnte noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob er überhaupt noch atmet.

Es gibt ja auch nichts zu sagen. Es ist ja niemand im Stadion, dem man das Zeichen erklären müsste, das da gerade vom Himmel gesandt wird. Gut, vielleicht stehen im Geißbock-Block ein paar junge Ahnungslose, aber wen interessieren die?

De Fritz hat ihnen sein Wetter geschickt.

Der Erste, der die Stimme wiederfindet, ist Glocke.

„Und? Was sagst du jetzt, du dummes Arschloch?“, brüllt er das Schwarzhemd an, dass sich seine Stimme überschlägt. 

Das Schwarzhemd antwortet nicht. Die Kinnlade ist ihm heruntergeklappt.

+ + + 

Marcello steht mit dem Rücken zum Tor. Zehn Meter vor ihm, kurz vor der Mitte, versucht ein Geißbock, einen langen Ball nach vorn zu schlagen. 

Ist es Unkonzentriertheit? 

Oder vielleicht der Regen, der ihm Tropfen in die Augen getrieben hat? Der Regen, der so plötzlich hereingebrochen ist, als sei er von höheren Mächten geschickt?

Auf jeden Fall trifft der Geißbock einen eigenen Mitspieler. Hart und aus kurzer Distanz, sodass dieser gar keine Möglichkeit hat, den Ball anzunehmen, oder auch nur, ihm wenigstens eine Richtung in seinem Sinne zu geben. Das Leder prallt von dem Mitspieler einfach zurück, tief in die Hälfte der Geißböcke.

Wo Marcello alle Zeit der Welt hat, sich des Balls anzunehmen.

Den Regen spürt er nicht, drum denkt er auch nicht darüber nach, wo er so plötzlich hergekommen ist. Selbst das Spielergebnis hat er noch nicht richtig verinnerlicht, obwohl er den zweiten Treffer selbst markiert hat. Doch der hat ihm keine richtige Genugtuung verschafft, dazu ist das Ding zu dusselig gewesen, zu sehr hat es Marcello spüren lassen, wie nah er daran war, zum Deppen zu werden statt zum Helden.

Aus so kurzer Distanz an die Latte zu knallen, Alter, da hättest du ganz schön was zu hören bekommen, wenn der Ball anschließend nicht vom Boden ins Tor gesprungen wäre, und dabei, weiß der Teufel weshalb, so aufgesprungen ist, wie sonst nie ein Ball vom Boden aufspringt.

Marcello dreht sich in halblinker Position zum Tor auf. Bis die Geißböcke den Raum, der sich durch ihren abrupten Ballverlust da aufgetan hat, schließen können, wird er mindestens am Sechzehner sein. Das ist Marcellos Spiel. Wenn er Zeit und Raum hat. Zeit, um sich was auszudenken, und Raum, um Fahrt aufzunehmen. Marcello ist kein Genie am Ball, aber er hat Herz. Manche sagen, Herz allein sei nicht genug. Auch, weil er zu fett sei, um ein Profi zu sein. Dass er abnehmen müsse. Marcello versucht’s ja auch immer wieder, aber kommt immer wieder zurück auf seine sieben, acht Kilo zu viel, scheiß Jo-Jo-Effekt. Doch er fühlt sich einfach wohl mit dem Gewicht, er hat ja auch damit immer getroffen, in der Jugend, in der Zweiten Mannschaft, und überhaupt, auch Effe sagt immer, man solle ihn mit Kommentaren zu seinem Übergewicht in Ruhe lassen, er sei lange genug im Geschäft und wisse selbst, was sein Körper brauche. Aber Effe ist halt Effe.

Nein, am Betze glauben sie nicht wirklich an Marcello. Seit vier Jahren schießt er seine Tore in der Zweiten Mannschaft. Und auch die paar Mal, wo sie ihn in der Ersten ranließen, hat er getroffen. In Wolfsburg damals hat er etwa das Zweizwei noch gemacht, auch wenn es nichts mehr genutzt hat. Aber so richtig gesetzt haben sie auf ihn nie. Anfang der Saison haben sie ihm einen Schweden und einen Slowaken vor die Nase gesetzt, die sind ihm dann auch vorgezogen worden, die eingekauften Spieler sind halt immer vor den Eigengewächsen dran.

Aber er hat sich immer reingehauen, im Training und wenn er eingewechselt wurde, und als Milan dann kam, hat der schnell erkannt, dass Sich-Reinhauen mehr wert ist als Talent, das nicht genutzt wird. Seither läuft Marcello regelmäßig in der Ersten Mannschaft auf, und eben gerade hat er seinen vierten Saisontreffer erzielt, mit viel Glück allerdings.

Jetzt aber wird er sich nicht aufs Glück verlassen. Er startet durch.

Noch vor dem Sechzehner zieht er in die Mitte. Zwei Blaue versperren ihm den direkten Weg zum Tor. Marcello könnte versuchen, sie rechts zu überlaufen, um in den Strafraum zu kommen und in Schussposition, doch er weiß selbst, dass er dazu nicht schnell genug ist. Ihm wird auch keine Finte gelingen, die seine Gegner nicht vorausahnen. Drum fasst er einen anderen Plan.

Er wird, obwohl seitlich zum Tor stehend, auf die kurze Ecke draufhalten. Viel Wucht wird er zwar nicht in den Schuss legen können, aber wenn der Ball platziert genug neben dem rechten Pfosten einschlägt, ist er drin. Denn der Keeper wird das Leder erst spät kommen sehen, da seine eigenen Mitspieler ihm die Sicht verdecken. Die nicht anzuschießen, ist dabei das größte Problem.

Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Marcello versucht’s. Zieht ab.

Und tatsächlich: Der Ball findet seinen Weg durch vier Geißbock-Beine hindurch.

Der Torhüter sieht ihn zwar noch, springt und macht sich lang, doch es reicht nicht. Der Ball schlüpft rechts neben dem Torpfosten ins Netz.

Den Schrei aus achtundvierzigtausend Kehlen nimmt Marcello gar nicht richtig wahr. Er läuft, nachdem der Ball eingeschlagen ist, einfach weiter, zur Grundlinie, dahinter jubelt die West. Vorhin, nach seinem ersten, zufallsgesteuerten Treffer, hat Marcello einen Diver gemacht. Der kommt natürlich immer gut. Aber den kann er jetzt ja schlecht noch einmal machen.

Also läuft er noch ein paar Schritte, geht dann vor der West in Grundstellung und salutiert. So, wie er es bei der Bundeswehr gelernt hat. Nicht, dass Marcello ein Kommisskopf wäre, aber was anderes ist ihm gerade nicht eingefallen.

Und so bleibt Marcello lange stehen. Die rechte Hand zum Salut an der Stirn, in Grundstellung. Und macht sich keinen Begriff davon, dass sich denen, die ihm in der West da gerade zujubeln, dieses Bild nun bis in alle Ewigkeit ins Gedächtnis einbrennen wird.

+ + +

Als sie den Betze hinabsteigen, kommt Albin Schmitter endlich auf die grandiose Idee, seine Frau anzurufen. Lea leiht ihm ihr Handy. Und übernimmt den Rollstuhl, den sie an einem Getränkestand abgeholt haben und in den sie Anton wieder gesetzt haben. Nein, das hat mit der Polizei, deinem Freund und Helfer, nichts mehr zu tun, auch nicht mit Recht oder Pizza. Das ist ja fast schon so, als gehöre sie zur Familie. 

Lange dauert das Gespräch nicht. Albin Schmitter erklärt Heidrun in knappen Worten, dass das Spiel nun vorbei sei und er mit Anton nun nach Hause komme. Mit der Polizei, die sie ihm – Achtung, Ironie – ja „dankenswerterweise“ hinterhergeschickt habe. Was ihm unbegreiflich sei, Anton sei bei ihm in sicheren Händen gewesen, wie immer, es sei ungeheuerlich, dass sie etwas anderes habe denken können.

Heidrun ist anscheinend zu perplex, um ihm Kontra zu geben. Oder sie sieht keinen Sinn darin, die Angelegenheit mit ihm am Telefon zu diskutieren.

Anschließend ruft Albin Schmitter den Champ an, der ja im Besitz seines Handys ist. Ob Lea ihm diesen zweiten Anruf überhaupt gestatten will, erfragt er erst gar nicht. Was sein Kumpel ihm zu erzählen hat, kapiert er erst einmal gar nicht, ist ja auch zu eigenartig. Immerhin versteht er, dass sich der Champ mittlerweile im städtischen Krankenhaus befindet, also nicht weit vom Betze entfernt. 

„Können wir den Champ auch mit nach Hause nehmen?“, fragt Albin Schmitter Lea, nachdem er das Telefonat beendet hat. „Krankenhaus ist gar nicht sein Ding, er hält es da nicht aus.“ Der Ersten Polizeihauptkommissarin behagt es gar nicht, nun allen Teilnehmern dieser irren Expedition, bei der so viel Blut geflossen ist, eine komfortable Heimkehr zu bescheren, aber dann denkt sie nur „Was soll‘s?“ und antwortet in fast einwandfreiem Dialekt: „Alla hopp.“

Also holen sie den Champ im Krankenhaus ab, der sie bereits, eine Dose Bier in der Rechten und eine Sporttasche in der Linken, im Eingangsbereich erwartet. Er nimmt hinten Platz, neben Anton, während sich Albin Schmitter auf den Beifahrersitz gepflanzt hat. Antons Rollstuhl haben sie im Kofferraum verstaut.

Der Champ sitzt noch nicht, da greift er bereits in die Sporttasche und reicht Albin Schmitter eine Dose Bier nach vorne. „Anton bekommt aber keins mehr“, ordnet der sofort an.

„Eins ist aber noch da“, stellt der Champ fest.

„Möchten Sie’s vielleicht?“, fragt Albin Schmitter Lea allen Ernstes.

Lea zieht es vor, darauf nicht zu antworten, und versucht, sich bis auf Weiteres auf den Straßenverkehr zu konzentrieren.

Anschließend versucht der Champ, Albin Schmitter ein weiteres Mal zu erklären, was im Dorf der Verdammten geschehen ist. Dass die Polizei – er hat immerhin so viel Feingefühl, in Leas Anwesenheit nicht von Bullen zu sprechen – aufgetaucht sei, kurz, nachdem Albin, Edgar und Anton aufgebrochen waren. Und dass der „arme Eugen“ wohl dachte, sie wollten ihn holen. Worauf er versuchte, sich den Weg freizuschießen. Er habe ihn aber gerade noch niederschlagen können, damit nicht alles noch schlimmer werde für den „armen Eugen“. Der ihm im Übrigen leid tue, denn er wisse ja, dass der ihn nicht absichtlich angeschossen habe. 

Es war die längste zusammenhängende Erzählung, die Albin jemals vom Champ gehört hatte.

„Oh, mein Gott“, schüttelt Albin Schmitter den Kopf. Und fragt Lea: „Haben Sie schon gehört, wie es Ihren Kollegen geht?“

„Sind beide nicht so schwer verletzt. Haben Kevlar-Westen getragen.“

„Der arme Edgar“, sinniert Schmitter. „Der hat sich so angestrengt, damit die Sache für seinen Vater keine unangenehmen Folgen hat. Jetzt wird er ihn wohl nur noch im Gefängnis besuchen können.“

„Hhm.“ Mehr muss Lea dazu nicht sagen. Und will es auch nicht.

Sie verlassen die Stadt und tauchen in den Wald ein.

„Sagen Sie, wieso waren Sie uns an der Blockhütte so dicht auf den Fersen?“, fragt Albin Schmitter.

„Wir haben Ihr Handy geortet. Und als Sie es bei Herrn Kühn zurückließen, haben die Kollegen folgerichtig seinen Standort angesteuert, nicht Ihren.“

„Bin ich blöd!“, ruft Schmitter aus. „Natürlich! Darauf hätte ich wirklich kommen können. Das sieht man doch immer im Fernsehen.“

„Tja“, beschränkt Lea sich abermals auf einen denkbar kurzen Kommentar.

„Obwohl: Ihr hättet uns gar nicht folgen dürfen. Es war abgemacht, dass ihr uns ziehen lasst. Freies Geleit, das galt ja wohl für unseren gesamten Weg, nicht nur für unseren Abzug aus der Polizeiwache. Der Champ hat hart genug dafür gekämpft. Und es war ein fairer Kampf. Da hätten wir erwarten können, dass ihr euch an die Abmachung haltet. Scheiß Verlierer seid ihr, scheiß Verlierer.“

Jetzt ist Lea irritiert. „Was meinen Sie damit: Es war abgemacht?“

Daraufhin erzählt Albin Schmitter ihr von dem Boxkampf in der PI. 

Starker Tobak.

Lea bereitet es große Mühe, nicht vor diesen Zivilisten die Fassung zu verlieren. Schmitt vermag zwar nicht alle handelnden Personen mit Namen zu benennen, doch kann sie sich nur zu gut vorstellen, wer die treibenden Kraft dieser Aktion war. Wenn die Katze aus dem Haus ist … 

Organisiert Polizeihauptmeister Bootz in der PI Boxkämpfe, damit die Kollegen was zu wetten haben. Das ist eindeutig zu viel Pizza, zu wenig Recht.

„Sie haben ja wohl nicht ernsthaft geglaubt, dass das eine offizielle Abmachung mit meiner Dienststelle war, die Sie da getroffen hatten“, erklärt Lea schließlich so dienstlich sie kann. „Da haben gewisse Kollegen sehr eigenmächtig gehandelt. Das wird Konsequenzen haben, davon können Sie ausgehen.“

Und das hat sie nicht nur so dahergesagt. Der Kollege Bootz kann sich auf etwas gefasst machen.

Am besten gar nicht drüber nachdenken, was alles nicht geschehen wäre, wenn diese Idioten einfach nur ihre Arbeit gemacht hätten und diese drei Irren nicht hätten ziehen lassen.

Obwohl: Anton als Irren zu bezeichnen, ist nicht ganz gerecht. Er ist mittlerweile selig eingeschlafen, mümmelt vor sich hin wie ein Säugling. Lea sieht im Rückspiegel und spürt fast schon zärtliche Gefühle in ihr aufsteigen. Ganz schön unprofessionell.

„Sagen Sie, wie schlimm ist es um Ihren Schwiegervater eigentlich wirklich bestellt?“, fragt sie Albin Schmitter. „Vorhin, uffem Betze, wirkte er auf mich völlig klar im Kopf. Und er war total lieb zu mir.“

„Der Anton ist eben ein lieber Kerl“, antwortet Schmitter. „Und vorübergehend ist er immer auch mal total klar im Kopf. Aber diese Phasen werden halt immer seltener – und immer kürzer. Aber uffem Betze geht es ihm eigentlich immer gut. Da ist er einfach ganz bei sich.“

Der Wald zieht sie immer tiefer in sich hinein.

„Viele Tage wie diesen wird er allerdings nicht mehr haben“, sinniert Albin Schmitter mehr vor sich hin, als dass er zu Lea spricht, während links und rechts Baumreihen an ihnen vorübergleiten. „Un de Betze auch nicht.“ Ganz schön düstere Gedanken im Augenblick des Triumphs. Vielleicht ist es aber auch nur konsequent, dass er nun, da sie auf sein Zuhause zufahren, nach und nach in die Wirklichkeit zurückkehrt, deren Zukunft auch für ihn persönlich nichts Erfreuliches bereithält.

Als Nächstes aber wittert er die Chance, ein bisschen das schlechte Gewissen der Ersten Polizeihauptkommissarin zu kitzeln. So sind sie nun einmal, die Loser dieser Welt. Immer schön von sich selbst ablenken. Schuld sind immer die anderen.

„Sagen Sie, wie geht es eigentlich dem Rocker, den Sie abgeknallt haben?“

Er war also in der Blockhütte, als sie Nellessen von seinem Bock geschossen hat, und hat aus dem Fenster geschaut.

„Er wird überleben“, sagt Lea knapp.

Dass Schmitters Freund und Stammwirt – wie hat Heidrun ihn genannt? Seinen Augenstern! – das Zeitliche gesegnet hat, soll er auf dieser Fahrt jedoch nicht erfahren. Lea will nicht die Überbringerin aller schlechten Nachrichten sein. Ebenso wenig wird sie ihm von dem Marokkaner mit dem halb eingeschlagenen Schädel erzählen. Der dürfte Albin Schmitter zwar kaum interessieren, gehört aber ebenfalls auf die Liste der Bluttaten, die in den vergangenen Stunden geschehen sind.

„Darf ich Sie mal was fragen? Off the record?“, fragt Albin Schmitter dann.

Na wunderbar. Was jetzt wohl kommt?

„Warum haben Sie uns nicht einfach unseren Weg uff de Betze machen lassen? Dann wäre all das doch nie passiert. Anton war nie in Gefahr. Und ich habe nichts getan, was er nicht auch getan oder aus vollen Kräften unterstützt hätte, hätte er noch alle Sinne beisammen.“

Lea entschließt sich, darauf einfach nicht zu antworten. Irgendwann reicht es auch mal. Jetzt soll sie auch noch diejenige gewesen sein, die das erste Dominosteinchen umgestoßen hat?

Bald darauf wird Anton wach und brabbelt irgendwas von einer Elsa. Wer zum Teufel ist Elsa?

„Wissen Sie was?“, fragt Lea, als es nicht mehr zum Aushalten ist. „Geben Sie mir doch das Bier, das noch übrig ist.“

+ + +

Die Übergabe am Schmitter’schen Haus vollzieht sich zügig und ohne viele Worte. Heidrun nimmt ihren Vater in den Arm und führt ihn anschließend hinein. Ihren Mann würdigt sie keines Blickes, zu Lea schaut sie nur kurz. Und nickt.

„Telefonieren wir?“, fragt Lea. Worauf sie nur einen Augenaufschlag als Antwort erhält.

Kann vieles bedeuten. Tendenziell aber darfst du es als „ja“ interpretieren.

„Telefonieren wir?“ – Die Formulierung hat Lea sich vorhin noch ausbaldowert, als es im Auto endlich still geworden war und sie in kleinen Schlucken von ihrem Dosenbier trank. „Kann ich dich anrufen?“ wäre ihr zur kriecherisch erschienen, „Rufst du mich an?“ zu fordernd. „Telefonieren wir?“ war der richtige Mittelweg.

Nun gut.

Lea fährt noch mal zur PI zurück. Eigentlich wäre es längst Zeit, Feierabend zu machen, aber sie mag einfach noch nicht in ihre dunkle Wohnung zurück. Bootz trifft sie nicht mehr an. Ist auch besser so, heute hat sie keine Kraft mehr, ihn sich vorzuknöpfen. Also drückt sie sich noch eine Weile auf der Wache herum. Irgendwas Sinnvolles zu tun findet sie aber nicht. Sie hätte auch gar nicht den Nerv dafür.

Doch wie soll sie aufhören, an Heidrun zu denken, wenn aus dem Bereitschaftsraum ständig lustvolles Stöhnen zu hören ist? Hanns und Holbein lassen den Wochenenddienst mit einem Feierabendbier und einem rumänischen Zwergenporno ausklingen. Den haben sie zuletzt irgendwo sichergestellt, sagen sie.

Hast du dich tatsächlich in Heidrun Schmitter verliebt? Oder nur in ein jüngeres Erscheinungsbild deiner selbst? Im letzteren Fall wär’s ja wohl nichts anderes als eine abstruse Form von Selbstverliebtheit. Und die wär ja wohl nicht ernst zu nehmen.

Lea ist auch noch nicht wieder Herrin ihrer Sinne, als sie später am Abend endlich raus auf die Straße tritt.

Vielleicht sieht sie ja deswegen diesen dämlichen SUV nicht kommen.

Vielleicht kommt der dämliche SUV auch mit viel zu hoher Geschwindigkeit angebrettert, und sein Fahrer ist mit den Gedanken ebenfalls nicht bei der Sache.

Immerhin: So einigermaßen kann er noch bremsen. Aber nur so einigermaßen.

Jedenfalls erwischt er Lea voll. Allerdings fast mittig, sodass sie unter dem Wagen zum Liegen kommt, ohne überrollt zu werden.

„Du blöde Büchs! Du saublöde Büchs!“, hört sie den Fahrer schon schreien, als sie noch dabei ist zu überprüfen, ob und was sie sich gebrochen hat. Anscheinend konnte er vor dem Aufprall nicht mehr registrieren, dass sein Opfer Uniform trägt. Sonst wäre seine Wortwahl sicher gemäßigter ausgefallen.

Lea zieht sich unter dem Wagen hervor und stellt sich wieder auf die Beine.

Tatsächlich: Sie hat nichts abgekriegt, gar nichts.

Der Fahrer ist mittlerweile ausgestiegen und hat erkannt, dass er eine Polizeibeamtin angefahren hat.

Lea schaut sich den Typ an.

Speckbacken, rotes Gesicht, breiter Schnauzer, geschnitten im Stil der berühmten Schenkelbürste. Widerwärtig.

Und wenn ich hundert Mal schuld war an diesem Crash, dir gegenüber werde ich es nicht zugeben. Niemals.

„Sie haben es eilig heute Abend, was?“, beginnt sie den Dialog mal mit sanfter Ironie, um zu überspielen, welcher Schrecken ihr noch in den Gliedern sitzt.

„Und die Polizei hat wohl nicht mehr nötig zu gucken, wenn sie über die Straße geht“, kontert der Schnauzbart bissig.

Lea schaut von ihm zu seinem SUV und beginnt diesen zu mustern. Der Kotflügel auf der Beifahrerseite ist ramponiert, auch der Scheinwerfer. 

An der Stelle hat er sie doch gar nicht erwischt …

„Es scheint, als fahren Sie öfter was zusammen“, erklärt Lea, den Blick auf den angeschrammten Kotflügel gerichtet.

„Mir ist gestern ein Wildschwein ins Auto gerannt, das sich noch dusseliger angestellt hat als Sie. Na und?“, hechelt der Schnauzbart. Einen Tick zu schnell für den Geschmack der Ersten Polizeihauptkommissarin.

Sie betrachtet sich den Kotflügel näher und befingert den Kuhfänger. Dabei stößt sie auf einen kleinen, harten Gegenstand, der sich in dem Gitter verfangen hat.

Kann das tatsächlich sein? Dass einer so blöd ist, einen Menschen totzufahren und selbst am Tag danach nicht geistesgegenwärtig genug, als Erstes die Unfallspuren an seinem Fahrzeug zu beseitigen?

Kann er. Wenn er unbedingt uff de Betze musste.

„Sagen Sie“, fragt Lea, eine Spur genüsslicher, als es angezeigt wäre, „trug diese Wildsau tatsächlich Hirschhornknöpfe an ihrem Fell?“

Sie hält ihm den Knopf, den sie in dem Kuhfänger entdeckt hat, direkt unter die Nase.

Darauf sagt er nichts mehr, der Schnauzbart, schaut Lea nur an. Und sie erwidert seinen Blick. 

Kein Zweifel: So guckt nur einer, der einen umgebracht hat.

Ende.

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