„Du musst den Fußball spielen, der verlangt wird: zielstrebig, schnell, robust“ – Im Gespräch mit Sascha Hildmann, Teil II

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere coachte Sascha Hildmann zehn Jahre lang Ober- und Regionalligisten, verlor aber nie seinen Traum aus den Augen, Profitrainer zu werden – dies hat er im ersten Teil unseres Interviews ausdrücklich geschildert. Jetzt will er mit dem Drittligisten 1. FC Kaiserslautern perspektivisch noch weiter nach oben klettern. Wenn es einigermaßen läuft wie gewünscht, käme der heute 46-jährige mit ungefähr 50 in der Bundesliga an – eine realistische Karriereplanung? Nun, ein berühmter Kollege Hildmanns feiert justament heute (10. Januar) seinen 60. Geburtstag: Maurizio Sarri. Auch er ist, nach langen Trainerjahren in den unteren Klassen, erst mit 50 Jahren erstklassig geworden: mit dem FC Empoli, in Italiens Seria A. Heute coacht Sarri den englischen Topklub FC Chelsea… Jetzt aber heißt es für Hildmann erst mal: Dritte Liga, Deutschland. Im zweiten Teil unseres Interviews erläutert er unter anderem, was „Hildmann-Fußball“ ausmacht.

So akribisch, wie Sie zuvor als Amateurtrainer gearbeitet hatten, müssen Sie die Ausbildung unter Frank Wormuth ja in vollen Zügen genossen haben.

Na ja, genossen ist relativ. Ich habe ja parallel noch im Autohaus meines Vaters gearbeitet und den SC Hauenstein trainiert. Meine Woche sah so aus: Sonntags bis mittwochs Ausbildung an der Sportschule in Hennef, donnerstags und freitags Arbeit im Autohaus, dazu abends jeweils Training, samstags Spiel. Das war schon hart, und ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass sie mich gerade in dieser Zeit so unterstützt hat. Andererseits stimmt das natürlich schon: Frank Wormuth ist ein überragender Ausbilder und von ihm zu lernen, hat mir ungeheure Freude bereitet. Wir waren im Rahmen des Lehrgangs unter anderem während der U19-EM in Ungarn für Gegneranalysen zuständig, eine Aufgabe, in die ich mich  so richtig verbeißen konnte… 

Einige Ihrer damaligen Mitschüler haben ja auch schnell Cheftrainerposten im Profigeschäft ergattert: Florian Kohfeldt, Marco Rose, Steffen Baumgart, Torsten Frings, Rüdiger Rehm…

Unser Jahrgang war nach Noten der beste, den die Akademie jemals hatte… Und mit Rüdiger Rehm bin ich auch heute noch gut befreundet.

Hat er auch ein bisschen mit Einfluss darauf genommen, dass Sie später Trainer in Großaspach wurden, wo auch er großgeworden ist?

Das kann gut sein.

Zuvor aber haben Sie noch zwei Trainerstationen hinter sich gebracht, Elversberg und Mainz.

Ja. Und auch in Elversberg wurde und wird sehr professionell gearbeitet. Da habe ich mich mit der U17 in der Junioren-Bundesliga behauptet, das wiederum hat Mainz 05 auf mich aufmerksam gemacht. Ich bin den Elversbergern sehr dankbar, dass Sie mir den Wechsel in deren Nachwuchsleistungszentrum ermöglichten. Die anderthalb Jahre dort möchte ich auf keinen Fall missen. Sich jeden Tag mir Martin Schmidt, Sandro Schwarz oder Bo Svensson über Fußball austauschen zu können, das war großartig. 

Dass ein NLZ-Trainer aus Mainz zum Chefcoach einer Profimannschaft in Baden-Württemberg gemacht wird, ist nicht alltäglich – aber irgendwie typisch für Großaspach, das sich als Dorfverein nunmehr im fünften Jahr in der Dritten Liga behauptet. Auch Ihren Nachfolger Florian Schnorrenberg, der vom Fünftligisten TuS Erndtebrück kam, hatte außer der SG anscheinend noch kein Profiverein auf dem Schirm. Für einige Ihrer Vorgänger wurde Großaspach bereits zum Karrieresprungbrett: Außer Rüdiger Rehm war da etwa auch Alexander Zorniger aktiv, oder Thomas Letsch, der jetzt Austria Wien coacht. Wer genau bei der SG hat denn dieses Händchen für Trainertalente?

Federführend dafür verantwortlich zeichnet Sport-Vorstand Ioannis Koukoutrigas,  der schon seit über zehn Jahren für die SG arbeitet. Und im Hintergrund natürlich Uli Ferber als Hauptsponsor.

Ihr erstes Jahr bei der SG lief ganz gut…

Am Anfang lief es sogar phantastisch. Nach der Vorrunde waren wir Sechster. Wenn aber ein so kleiner Verein mit vergleichsweise wenig Geld so weit vorne steht, macht das auch andere Vereine aufmerksam. Die fingen dann schon im Winter an, an unserem Spielerkader zu pflücken. Da kannst du als Trainer dann zusehen, wie du deine Spieler bei der Stange hältst. Für mich war das der Hauptgrund, weshalb wir anschließend keine so gute Rückrunde mehr spielten. Immerhin aber schlossen wir die Runde als Tabellen-14. ab, mit 16 Punkten Abstand auf einen Abstiegsrang.

Im zweiten Jahr war dann aber nach zehn Spieltagen Schluss.

Ja, wir waren 17., mit zehn Punkten, hatten aber auch erst zwei Mal verloren. Für meine Freistellung entscheidend war aber wohl, dass wir im Verbandspokal gegen einen Sechstligisten rausflogen.

Nach dem Sie bereits in Ihrem ersten Jahr gegen einen Oberligisten ausgeschieden waren.

Das ist richtig, und dem Verbandspokal misst die SG nun einmal große Bedeutung bei, auch, weil man sich über ihn für den DFB-Pokal qualifizieren kann. Man muss aber auch sehen: Wenn der FCK in diesem Wettbewerb gegen einen unterklassigen Gegner antritt, zieht dieser ins nächstgelegene größere Stadion um, der über eine entsprechend feine Spielfläche verfügt. Wenn die SG im Verbandspokal aufs Dorf muss, wird auch auf dem Dorfplatz gespielt. Und der kann ganz schön unangenehm sein.

Auf dem Betzenberg können Sie nun auf ein Datenmanagementsystem zurückgreifen, das für Drittligaverhältnisse herausragend ist, das muss Ihnen mit Ihrem Faible für Spielanalysen doch entgegenkommen. Haben Sie sich damit schon vertraut gemacht?

Ich habe keine halbe Stunde gebraucht, um mich damit zurechtzufinden. Was den einfachen Grund hat: Beim Erstligisten Mainz konnte ich schon mit einem ähnlichen System arbeiten. In Großaspach aber habe ich davon nur träumen können, das stimmt schon.

Vor der Winterpause blieben ihnen nur drei Spiele als Chefcoach des FCK. Eine richtige Handschrift lässt sich in so kurzer Zeit sicher noch nicht entwickeln, aber ein paar neue Elemente waren schon erkennbar. In Meppen etwa fiel auf, dass die Mannschaft auch in Führung liegend den Gegner in der eigenen Hälfte attackierte, zumindest phasenweise, und so den Ball vom eigenen Tor fernhielt. Ist das bereits Hildmann-Stil?

Absolut. Den Ballführenden nach Möglichkeit immer unter Druck setzen, das ist das, was ich unter aktivem Verteidigen verstehe. Und wenn die erste Linie überspielt ist, sofort zurückrennen, um wieder hinter den Ball zu kommen. Das haben wir übrigens auch schon in meinem ersten Spiel als Coach, gegen die Würzburger Kickers, ganz gut hinbekommen. Diese Art des Spiels bedingt eine ungeheure Laufarbeit, und dafür wiederum brauchst du eine entsprechende Mentalität. Und wenn du die nicht hast, hast du in dieser Liga nichts verloren, da kannst du ein noch so guter Fußballer sein.

Wie darf man sich denn eine Mannschaft vorstellen, die 100 Prozent Hildmann spielt? Sieht das dann eher aus wie bei Guardiola, eher wie bei Klopp oder eher wie bei Tuchel?

100 Prozent Hildmann, das wäre ein bisschen was von allen dreien (lacht). Obwohl: Reiner Ballbesitzfußball, der funktioniert in der Dritten Liga nicht. Denn nach spätestens sieben, acht Stationen bist du den Ball wieder los. Du musst den Fußball spielen, der da verlangt wird: zielstrebig, schnell, robust. Das versuche ich gerade, in die Mannschaft reinzukriegen. Ich möchte schnellen Fußball nach vorne, schnell das Mittelfeld überbrücken, vorne ins Kästchen kommen. Aber immer auch mit einer gewissen Absicherung nach hinten. Die Balance zwischen Risiko und Absicherung finden, darum geht es. Zehn Sprints nach hinten sind wichtiger als zehn nach vorne. Es ist zwar eine Binsenweisheit, aber es stimmt nun mal: Der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr die Meisterschaft.

In dieser Liga erzielen oft die Mannschaften die besseren Ergebnisse, die mehr reagieren als selbst agieren… 

So gesehen bei der 0:2-Heimniederlage des FCK gegen Energie Cottbus.

Der FCK kann sich eine solche Spielweise aber nicht leisten, zumindest nicht zuhause, da muss er dominant auftreten, egal, wie mau er selbst gerade in der Tabelle steht.

 Ja, das erwartet der Fan auf dem Betze, das ist klar. Hinzu kommt, dass alle Gastmannschaften anscheinend immer auf dem Betzenberg ihr bestes Auswärtsspiel abliefern. Würzburg beispielsweise hatte ich die ganze Saison noch nicht so stark gesehen wie gegen uns. Aber es hilft alles nichts, wir müssen lernen, damit klarzukommen. Dazu gehört auch, in der Grundordnung variabel zu sein, etwa zwischen Dreier- und Viererkette switchen zu können.

Sie müssen gegenwärtig für einen neuen, positiven Spirit auf dem Platz sorgen. Das aber ist umso schwerer, als dass der Verein gegenwärtig auch wirtschaftlich große Sorgen hat. In den nächsten Wochen steht der Kampf um die Lizenzierung für die nächste Spielzeit an, der so hart wird wie nie zuvor. Wie halten Sie das von der Mannschaft fern?

Ich kann da nicht mehr tun als mit den Jungs reden. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir selbst beeinflussen können. Ansonsten müssen wir den Leuten vertrauen, die für die wirtschaftliche Seite zuständig sind. Ich habe ein sehr großes Vertrauen in die aktuelle Vereinsführung.

2018 wird nun als das Jahr in Ihre Lebensgeschichte eingehen, in dem sich Ihr großer Lebenstraum erfüllte: Sie sind Trainer des 1. FC Kaiserslautern geworden. Aber 2018 wird auch das Jahr bleiben, in dem der Trainer Sascha Hildmann ohne Heimsieg geblieben ist. Wurmt Sie das?

Ist das so? Ist mir noch gar nicht aufgefallen, insofern wurmt es mich auch nicht. Ehrlich gesagt, habe ich in Großaspach zwischen Heim- und Auswärtsspielen nicht so unterschieden, denn oft rückten unsere Gastmannschaften mit mehr Fans an als wir an eigenen im Stadion hatten.

Jedenfalls können Sie Ihre Schwarze Serie schon am 26. Januar 2019 beenden. Und zwar gegen wen? Gegen Großaspach natürlich. Das kann sich doch kein Drehbuchautor besser ausdenken, oder?

Oje. Da wird jetzt bestimmt noch manch tolle Story drumherum gesponnen werden.

Das klingt, als wär Ihnen das gar nicht recht.

Melodrama ist halt nicht so mein Ding. Ich will einfach nur meine Arbeit machen.

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