Same procedure as last year? Das nun nicht – aber verloren wird trotzdem

Man könnte es sich einfach machen. Und sagen: Same procedure as last year. Wenn nicht gar: Same procedure as every year. Der 1. FC Kaiserslautern hat wieder einmal seinem Ruf als Aufbaugegner für schwächelnde Gegner Ehre gemacht. 0:2 beim Tabellennachbarn Preußen Münster verloren, die sechste Auswärtsniederlage der Saison kassiert. Dennoch ist die Pleite nicht das Resultat eines „Rückfalls“ in Frontzeck-Fußball. Sondern, zum Teil zumindest, Folge des Stilwechsels, den Lauterns neuer Trainer Sascha Hildmann anstrebt. Und der vollzieht sich nun einmal nicht reibungs-, schon gar nicht fehlerlos.

Man hat sich an Gegentore nach haarsträubenden individuellen Fehlern gewöhnt, an Fehlpässe im eigenen Aufbauspiel, die der Gegner blitzschnell ausnutzt. An schlecht verteidigte ruhende Bälle. Das hier aber war neu.

Vor dem 2:0 orientieren sich insgesamt fünf Lauterer in der Hälfte des Gegners auf dessen linke Abwehrseite. Münster versucht, sich am eigenen Sechzehner freizuspielen. Erst kommt Bergmann gegen Rodrigues Pires zu spät, so dass dieser weiter nach links zu Dadashov passen kann. Der wiederum wird von Schad nicht dicht genug markiert. Dadashov kann annehmen, nach innen aufdrehen. Auch Löhmannsröben kommt zu spät, um den Passweg auf Kobylanski zuzustellen. 

Dem wiederum lässt Hainault zu viel Zeit, so dass dieser den tiefen Pass auf Akono spielen kann, der in der halblinken Stürmerposition völlig freisteht. Von dem steht Sickinger zu weit weg, er deckt lieber auf gleicher Höhe den Raum in der Mitte. Akono geht auf und davon und vollstreckt.

WER VORNE VERTEIDIGT, MUSS VORNE AUCH ZWEIKÄMPFE GEWINNEN

Wer beschreiben dies nicht so detailliert, um Einzelne anzuprangern, sondern um zu verdeutlichen: Wer „nach vorne verteidigen“ will, wie der FCK es unter Hildmann nun möchte, muss dann auch vorne seine Zweikämpfe gewinnen. Vier Spieler, die in Gegners Hälfte einen Schritt zu spät kommen, sind zwei, wenn nicht gar drei zu viel. Da müssen sich dem Gegner zwangsläufig Räume in die Spitze öffnen. Dass beim finalen Pass auch noch Akono vollkommen frei steht, ist lediglich das Tüpfelchen auf dem i.

Unter Trainer Michael Frontzeck sollten die beiden Viererketten gegen den Ball erst mal „kompakt“ in der eigenen Hälfte stehen, lediglich die beiden Stürmer dafür sorgen, dass das Runde jenseits der Mittellinie nicht vollkommen ungestört durch die gegnerische Abwehrreihe rollte.

Diese Spielanlage ist nicht sehr anspruchsvoll, hat an guten Tagen durchaus aber auch mal gut ausgesehen. Reichte halt nicht, um oben anzugreifen. Denn Gegentore, die zu Punktverlusten führen, gab’s dennoch zuhauf, etliche fielen wie oben beschrieben.

SCHON BEIM 0:1 WAR DIE ZUORDNUNG RÄTSELHAFT

Coach Sascha Hildmann versucht nun, dem FCK wieder einen eigenen, markanten Stil zu verleihen. Höher stehen, weiter vorne attackieren, schneller, direkter spielen. Das lässt sich aber nicht von heute von morgen umsetzen. Zumal mit dem Philosophie- und noch ein Systemwechsel in ein 3-4-3 einhergegangen ist. Und die Hintermannschaft neu formiert werden musste. Carlo Sickinger bestritt erst sein zweites Plichtspiel in der Dreierkette, in Münster fiel auch noch Kevin Kraus aus, Lauterns bislang zuverlässigster Abwehrspieler.

Schon beim Führungstreffer der Preußen war die Zuordnung im Defensivverband rätselhaft. Niklas Heidemann, der linke Außenbahnspieler, tritt zum Homerun in die Lautrer Box an, als seinen Mitspielern nach einem nicht ganz hasenrein erzielten Ballgewinn auf der rechten Seite der Diagonalpass gelingt und Akono Heidemann das Leder in den Lauf legt.

Linker Außenbahnspieler? Der wäre eigentlich Schads Angelegenheit, der aber attackiert in diesem Moment jedoch Kobylanski im Zentrum. Hemlein, der Mann auf der halbrechten Offensivposition, ist zehn Meter hinter der Mittellinie stehen geblieben. Gottwalt, der rechte Innenverteidiger, bedrängt Akono, als dieser auf einlaufenden Heidemann legt. Sickinger hat erneut den freien Mann gegeben und grätscht ins Leere, als Heidemann abzieht.

Da stimmt die Abstimmung hinten und vorne noch nicht.

EIN PHILOSOPHIEWECHSEL VOLLZIEHT SICH NICHT VON HEUTE AUF MORGEN

Schon klar: Der Satz „Die Mannschaft braucht Zeit“ verursacht beim FCK-Anhang mittlerweile Hautausschläge und andere allergische Reaktionen, wenn nicht gar Brechreiz und Durchfall. Es hilft aber auch nichts, die Augen vor der Realität zu verschließen. Ein Philosophiewechsel, wie Hildmann ihn anstrebt, vollzieht sich nicht von heute auf morgen.

Notwendig ist er dennoch. Der Anhang will nun einmal Rote Teufel sehen und keine fußballernden Buchhalter in kurzen Hosen. Und die Gegner in der Dritten Liga werden sich auch künftig gegen den FCK zum Außenseiter erklären und auf Konter lauern, ungeachtet dessen, welch graues Bild die Tabelle mittlerweile vom angeblichen Favoriten zeichnet. Und Mut zum Risiko wird nicht selbstverständlicher Weise belohnt, sondern erst nach harter Arbeit.

Und sonst? Gab’s wirklich gar nichts Positives zu sehen in Münster.

LICHTBLICKE: EIN PAAR SCHÖNE FLANKENWECHSEL EINMAL HOHE KUNST

Nun ja, die erste Hälfte war gar nicht so übel, hielt durchaus ein Fingerzeige in die Richtung bereit, in die es künftig gehen könnte. Abgesehen von den Gegentoren und den ersten Minuten, in denen allein Münster am Drücker war und der FCK nur ungenaue lange Bälle hinten raus blies.

Dann aber gab’s durchaus ein paar schöne, schnell vorgetragene Angriffe mit gelungenen Flankenwechseln. Aktionen am linken Flügel, die mit schönen Ablagen für Pick und Bergmann in den Rückraum endeten. Eine rattenscharfe Flanke von Hemlein, die Thiele und Kühlwetter knapp verpassten. Auch die ein oder andere Szene, die der zu Beginn flatternde Preußen-Keeper Oliver Schnitzler den Lautrern ermöglichte. Schnitzler ersetzte erstmals in dieser Saison Stammkeeper Maximilian Schulze Niehues.

Gar hohe Fußballkunst bot der Lupfer von Jan Löhmannsröben auf Timmy Thiele kurz vor der Pause. Das an Kaiser Franz gemahnende Zuspiel vermochte der Stürmer jedoch nicht in Gerd-Müller-Manier zu vollenden. Ballannahme und Drehschuss in einer fließenden Bewegung, und dann auch noch drin – die, die das können, spielen in der Dritten Liga eher selten. Zu diesem Zeitpunkt stand es aber auch schon 0:2.

HÄLFTE ZWEI DAGEGEN WAR ZUM GRAUSEN

Hälfte zwei dagegen lässt sich durchaus mit „Same procedure as last year“ abtun. Als führende Mannschaft beschränkt sich Münster im besten Geist dieser Spielklasse darauf, hinten „kompakt“ zu stehen und zu gucken, was dem FCK so einfällt – und das ist nicht zu viel.

Sternberg kommt für Pick, so dass auf der linken Seite wieder ein gelernter Linksfuß agiert. Der schlägt auch einige Flanken, die scharf hereinkommen, von Münsters Hintermannschaft aber abgepflückt werden, ohne dass sich irgendwo ein Adrenalinspiegel erhöht. Dribbelaktionen über die Flügel scheitern, Zuspiele aus dem Zehnerraum in die Box ebenfalls. Und die insgesamt sieben Ecken, die vornehmlich Hemlein in die Mitte schlägt? Vergessen wir am besten.

Kurz vor dem Abpfiff tankt sich Thiele mal über die rechte Seite durch, passt auf den eingewechselten Elias Huth, der dreht sich frei und hat tatsächlich eine Einschusschance… Das wär vielleicht doch mal eine Idee für die nähere Zukunft: Huth im Zentrum und Thiele auf einer der offensiven Halbpositionen, da hätte er ein bisschen mehr Platz.

FAZIT: WEITER ARBEITEN – UND NÄCHSTE SAISON NEU ANGREIFEN

Sonst noch was? Ebenfalls in der Nachspielzeit stoppt der 20-jährige Lennart Grill saucool den allein auf ihn zulaufenden Lucas Cueto, den Preußen-Trainer Marco Antwerpen mittlerweile eingewechselt hat. Schon zuvor hat Grill ein paar Mal klasse pariert, schon in der ersten Hälfte eine Klassefreistoß von Kobylanski aus dem Toreck gefaustet. Da könnte sich einer als Nummer eins langsam festspielen…

Und das muss auch die Losung für diese Rückrunde sein, die im Prinzip auch Hildmann nach dem Spiel ausgab: Weiter auf Nachwuchskräfte setzen, diese weiterentwickeln, ihnen Spielpraxis geben. Um in der nächsten Saison mit einem hoffentlich stabil gewachsenen Team angreifen zu können.

Nach jedem Sieg, wie zuletzt nach dem 2:0 gegen Großaspach, zu rechnen beginnen, wie weit der Weg an die Tabellenspitze nun noch ist, ist dagegen verlorene Zeit. Um solche Zahlenjonglagen zu rechtfertigen, müsste die Mannschaft erst einmal fünf und sieben Spiele hintereinander gewinnen. Dazu fehlt es ihr Stand jetzt an Stabilität und Souveränität. Das ist nun mal so. Auch wenn den „Zeit“-Spruch keiner mehr hören mag.

Foto: 1. FC Kaiserslautern

Ein Kommentar zu „Same procedure as last year? Das nun nicht – aber verloren wird trotzdem

  1. Good and sound analysis as always, Eric.
    My hope is that the managment can get the 12 million euros without bowing to one man show investor.
    And sportingly, that Bader and Hildmann continue to build an excellent young talent team with real promotion prospects for next season.

    Irfan,
    Helsinki.

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