„Man muss Entscheidungen treffen und die dann durchziehen“ – Alles Gute zum 60ten, Gerry Ehrmann!

Längere Interviews gibt er nur selten, er ist halt der Typ, der hin und wieder einfach mal einen raushaut. Und was er von seinem 60. Geburtstag hält, hat er schon vor Wochen in der „Allgemeinen Zeitung“ verraten: „Das Alter ist doch nur eine Zahl, sonst nichts“. Dennoch erklingen heute allerorten Geburtstagsständchen, in denen natürlich auch seine markigsten Sprüche hingebungsvoll zitiert werden. Lauterns Torwarttrainerikone Gerry Ehrmann wird 60, und das muss gefeiert werden, ob er selbst es nun so will oder nicht. Das ist ihm von Herzen gegönnt, allerdings muss ja nicht jeder das gleiche Hohelied anstimmen. Wir beschränken uns daher nur auf ein paar Randbemerkungen.

Seit dem 1. Juli 1996 bekleidet Gerry Ehrmann beim 1. FC Kaiserslautern das Amt des Torwarttrainers – und schon an dieser Stelle müssen wir ergänzen: 1999 war er auch mal für drei Spiele Chefcoach der Zweiten Mannschaft. Hat zwei Partien gewonnen und einmal Unentschieden gespielt. Macht einen Punkteschnitt von 2,33 – ein Wert, von dem selbst Pep Guardiola nur träumt.

Drei seiner Flugschüler sind deutsche A-Nationaltorhüter geworden. Roman Weidenfeller darf sich sogar Weltmeister nennen, auch wenn er bei der WM 2014 nicht zum Einsatz kam. Tim Wiese wurde 2010 in Südafrika Dritter. Kevin Trapp hat 2017 den Confed-Cup-Cup gewonnen. Tobias Sippel und Florian Flomlowitz wurden  2009 Europameister mit U21, Julian Pollersbeck 2017 – und dabei auch zum besten Torhüter des Turniers gewählt. Insgesamt haben Ehrmann-Schüler in den vergangenen 22 Jahren rund 900 Bundesligaspiele bestritten.

DIE LEGENDE VON ATILLA, DEM EHRMANN-KILLER

Zur kuriosesten Karriere hat Gerry Ehrmann allerdings einem gewissen Attila Birlik verholfen. Der nämlich gilt in gewissen Kreisen heute als „Ehrman-Killer“. Im Ernst: Unter den Fans des SV Waldhof Mannheim hält sich bis heute das Gerücht, ihr damals 19-jähriger Nachwuchsstürmer hätte das Lauterer Muskelpaket, damals noch im FCK-Tor aktiv, niedergeschlagen. Am 26. Mai 1997. Es war Birliks erster Einsatz in der Ersten Mannschaft überhaupt, erst drei Minuten zuvor war er eingewechselt worden, als er Ehrmann einen Schlag versetzt hätte und direkt vom Platz geflogen sei, heißt es.

Die Wahrheit ist: Birlik hatte Martin Wagner brutal gefoult, und als Temperamentsbündel Ehrmann entrüstet aus seinem Kasten stürmte, versetzte er diesem einen „Wischer“, – „mehr reflexartig“, wie Birlik 2016 bei „11Freunde“ gestand. Geschlagen? „Ich glaube, wenn ich das wirklich versucht hätte, könnte ich Ihnen heute nicht dieses Interview geben.“

„Unsere Legenden wollen wir uns bewahren, weil sie für uns wahr geworden sind“, lautet ein kluger Satz in einem berühmten Western. Diese Legende freilich ist nur auf dem Waldhof wahr geworden. Die Mannheimer verloren das besagte Spiel übrigens mit 0:5.

EHRMANN UND DER WALDHOF: EINE UNERZÄHLTE GESCHICHTE

Ja, Ehrmann und der Waldhof. Diese besondere Beziehung beschreibt auch Autor „Marky“ ausführlich in seiner Geburtstagshuldigung auf „Der Betze brennt.“ Wir möchten dazu lediglich ergänzen: Dass Ehrmann überhaupt beim FCK landete, hängt auch ein bisschen mit dem Waldhof zusammen.

Ehrmann startete seine Profikarriere nämlich beim 1. FC Köln. Von 1978 bis 1984 war er dort der zweite Mann hinter Nationaltorhüter Toni Schumacher. In diesen sechs Jahren absolvierte er nur drei Pflichtspiele, die aber genügten, um Spähern den Eindruck zu vermitteln, dass es bei ihm anderswo zur Nummer 1 reichen könnte. Das erste Mal über 90 Minuten stand er am 10. September 1983 zwischen den Pfosten – gegen den SV Waldhof Mannheim. Da hat er also zumindest eine Bewerbung für seinen künftigen Arbeitgeber abgegeben.

Zum FCK wechselte Ehrmann im Sommer 1984. Anschließend absolvierte er 342 Spiele für Verein, dabei hielt er seinen Kasten 98 Mal sauber. Die 100 zu schaffen, das wäre vielleicht eine Zahl, die ihn ausnahmsweise mal interessiert hätte.

EBENFALLS LEGENDÄR: SEIN BESCHEUERTSTER PLATZVERWEIS

Charakteristisch für Ehrmann wurde seine Entschlossenheit beim Herauslaufen. Da riskierte er mehr als jeder andere Bundesligatorhüter seiner Zeit, da wirkte er bisweilen auch übertrieben ungestüm. „Man muss Entscheidungen treffen und die dann durchziehen“, erklärt er dazu, und diese Einstellung vermittele er seinen Schülern bis heute.

Und auch wenn er immer wieder Kopf und Kragen riskierte und sein Temperament dem Schiedsrichter gegenüber öfter gefährlich hochkochte – vom Platz geflogen ist Gerry Ehrmann nur zwei Mal. 

Eine rote Karte ist legendär: Am 18. Mai 1991, beim 0:0 des FCK in Düsseldorf, zog Ehrmann kurz vor Pause angeblich eine „Notbremse“ und sah Rot. Es war der fünftletzte Spieltag der Saison, Lautern drohte durch diese Schwächung, seine Tabellenführung und die Meisterschaft zu spielen – am Ende jedoch wurde bekanntlich alles gut.

Allerdings: Der Unparteiische Michael Malbranc profilierte sich in diesem Spiel als die größte Pfeife, die der Autor dieses Blogs bis heute jemals auf einem Fußballplatz  erlebt hat – und das in über 40 Jahren intensiver Fußballbetrachtung. Der Platzverweise für Ehrmann mag vielleicht sogar gerade noch so vertretbar sein, aber sonst pfiff dieser schwarze Mann wirklich gar nichts korrekt. Selbst in dieser kurzen Zusammenfassung ist zu sehen, dass er dem FCK zwei klare Elfmeter verweigerte.

 

HARTE KONKURRENZKÄMPFE? WENN, DANN NUR MIT „PUTZI“

Viel wird immer auch über die harten Konkurrenzkämpfe geschrieben, die Gerry Ehrmann mit seinen Mitbewerbern im FCK.Tor ausfocht. Dazu ist zu sagen: Das trifft in erster Linie wohl nur auf seinen speziellen Freund Claus „Putzi“ Reitmaier zu. Als Gerry Ehrmann im November 1994, nach einem 0:4 in Gladbach und fast zehn Jahren als Nummer 1, seinen Platz an Andreas Reinke abtrat, drückte er noch knapp vier Jahre lang klaglos in die Bank.

Lediglich im Dezember 1995, mit nunmehr 36 Jahren, kehrte er noch einmal zurück, gegen Bayer Leverkusen auf dem Betzenberg. Und hielt, Ehrensache, seinen Kasten sauber. Der FCK gewann 1:0.

VON WEGEN MUCKIBUDE

Noch ein Klischee gefällig? Ehrmann und seine zweite Heimat, der Kraftraum. Es wird oft so dargestellt, als sei das Kraftpaket ständig am Eisen pumpen. Nach eigener Aussage sucht er die Muckibude nur zwei Mal die Woche auf, um sich fit zu halten. Täte übrigens auch vielen Normalsterblichen gut. Und auch seine Schützlinge zwingt Ehrmann nicht so oft in die Folterkammer, wie gerne erzählt wird.

„Das ist totaler Quatsch“, hat er seinem Namensvetter Johannes Ehrmann bereits 2011 in einem Interview mit „11Freunde“ verraten. „Wir führen alle Krafteinheiten in der Bewegung durch. Alle Einheiten sind spezifisch für die Torhüterposition. Wir machen vielleicht ab und zu mal ein bisschen Bauchmuskeltraining, Rückentraining oder Liegestütze – das ist alles.“

DER WEISE SPRUCH ZUM SCHLUSS

„Sieger zweifeln nicht, Zweifler siegen nicht“ – „Man kann aus einem Dackel keinen Kampfhund machen“ – „Endlich sind die Sauerstoffdiebe weg“ – Markige Ehrmann-Sprüche wie diese werden heute zuhauf zitiert. Aber Ehrmann ist mehr. Väterlicher Freund und für seine Schützlinge jederzeit ansprechbar, und mittlerweile auch ein bisschen ein Fußballweiser.

Daher wollen wir auch einem klugen Ehrmann-Satz schließen: „Fehler sind okay, aber nicht Fehler, die aus Überheblichkeit oder Angst passieren.“ Kann man auch außerhalb des Fußballs gut gebrauchen.

Foto: 1. FC Kaiserslautern

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