„Man freut sich“ – mehr Worte braucht es nicht: Alles Gute zum 70ten, Ronnie Hellström!

Ich habe, seit ich diesen Blog betreibe, noch nie einen Beitrag in der „Ich“-Form geschrieben. Ist irgendwie nicht mein Ding. Hat vermutlich was mit der „journalistischen Distanz“ zu tun, die es in diesem Metier, so ist es mir als Lehrbub eingetrichtert worden, zu wahren gilt. In diesem Aufsatz aber soll es um Ronnie Hellström gehen. Der große Schwede im FCK-Tor wird heute 70 – nur drei Tage, nachdem mit Gerry Ehrmann die Keeperikone, die ihm nachfolgte, ihren 60ten feierte. Wie aber soll ich Ronnie Hellström gegenüber journalistische Distanz wahren? Kein anderer hat meine frühen Fanjahre so sehr geprägt wie der fliegende Schwede. Ich kann nicht über ihn erzählen, ohne auch über mich zu erzählen.

Es war der 23. Oktober 1976. Ich war damals 14, besuchte zum ersten Mal ein Bundesligaspiel auf dem Betzenberg. Stand in der Ostkurve, weil es in der West zu gefährlich sei, hatte Mami gesagt. De Betze gegen Borussia Dortmund. Erich Ribbeck coacht den FCK, auf der BVB-Bank sitzt ein Trainerjungspund namens Otto Rehhagel. Toppmöller macht das 1:0. Und später auch das Eigentor zum 1:1 – typisch irgendwie, wie ich später noch lernen sollte, „Toppis“ gesamte Karriere lief nie so rund, wie sie hätte laufen können. Wilhelmi macht dann aber das 2:1. 

Also alles Heimsieg oder was?

Von wegen.

88. Minute: Schiri Heinz Aldinger pfeift Eltmeter. Gegen de Betze. Vor der Osttribüne. Vor meinem Tor. Lothar Huber legt sich den Ball zurecht. Ich kann nicht hinsehen. Ich dreh mich um, ich Depp. Kein Vertrauen. Kein Vertrauen in den Mann, der da im FCK-Tor steht. Jung und dumm halt.

WENN HELLSTRÖM IM TOR STEHT – NIEMALS WEGSCHAUEN

Dann explodiert das Stadion um mich herum. So jung und dumm, wie ich bin, ist mir dennoch direkt klar: So viele Dortmunder können gar nicht uffem Betze sein. Das sind Lautrer, die da jubeln. Hellström hat gehalten. Uns den Sieg gerettet, zwei Minuten vor Abpfiff. Ich seh’s mir später in der „Sportschau“ an, dann nochmal im „Aktuellen Sport-Studio“. Unfassbar. Huber wollte den Ball mit rechten Innenspann neben den rechten Pfosten setzen, aber Hellströms Fäuste waren schon da.

Ich habe anschließend nie mehr weggesehen, wenn es Elfmeter gegen den FCK gab. Insgesamt 16 Strafstöße sollte Ronnie Hellström in der Bundesliga halten, in insgesamt 266 Partien. DFB- und Europapokalspiele eingerechnet, lief er 302 Mal für die Roten Teufel auf.

Fünf Elfer hatte er schon pariert, als Lothar Huber damals, im Oktober 1976, anlief. Die Chancen standen eigentlich gut, und vermutlich hatte auch Lothar Huber gewaltigen Respekt vor dem großen Blonden, der mit seinen 1,92 Meter das Tor vor ihm auf einmal so winzig klein machte. Das hätte ich eigentlich wissen können, aber ich Depp habe weggesehen. Zum ersten und letzten Mal.

BEI DER WM GING SEIN STERN AUF – BEIM FCK BEGANN ER ZU STRAHLEN 

Ronnie Hellström spielte damals schon zwei Jahre beim FCK. Der schwedische Nationaltorhüter hatte noch VOR der WM 1974 in Lautern unterschrieben, vor dem großen Schaulaufen der Stars also. Das würde heute wohl kein Spielerberater mehr zulassen. 

Zumal Ronnie ein großartiges Turnier spielte, auch beim legendären 2:4 der Schweden gegen den späteren Weltmeister Deutschland hielt er bravourös. So unerbittlich, wie der Markt heute reagiert, wäre dem FCK heute nach einem solchen Turnier ein Angebot ins Haus geflattert, dass er nicht hätte ablehnen können, und die Personalie Hellström wäre als grandioses Warentermingeschäft in die Vereinsgeschichte eingegangen.

Und was sagt Ronnie Hellström dazu? Bereut er im Nachhinein, dass er nicht die WM abwartete und danach bei einem geldschweren internationalen Topklub unterschrieb? „Wer weiß schon wie die WM ausgegangen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte wie es danach für mich weitergeht“, erklärt 2016 in einem Interview mit „11Freunde“. „So aber war alles geklärt und ich konnte mich in Ruhe auf meine Arbeit im Tor konzentrieren. Wenn ich mich unbedingt hätte beweisen müssen, hätte ich mich womöglich viel zu sehr unter Druck gesetzt.“

So ziemlich jedem anderen Ex-Profi würde man eine solche Rede als Koketterie auslegen. Was soll man als 67-jähriger auch anderes sagen als: Ich kann’s eh nicht mehr ändern, also war es in Ordnung, so, wie es war. Ronnie aber glaubt man jedes Wort, zumindest, wenn man ihn damals beim FCK erlebt hat.

VIEL GEREDET HAT ER NIE – WIE EIN ECHTER HINTERPFÄLZER

Allein schon, weil er nie viele Worte machte, hatten die wenigen, die er sprach,  stets besonderen Gehalt – eine Kausalität, die ein Lothar Matthäus niemals begreifen wird. Dabei sprach Ronnie gut Deutsch, er hatte es in Schweden bereits in der Schule gelernt. Doch Leute zubabbeln lag ihm nicht, allein schon dieser Charakterzug passte exzellent zur hinterpfälzischen Mentalität. Und da sich dies auch bei den Medienvertretern rumsprach, sah man ihn nur selten in längeren Interviews, geschweige denn als Studiogast im TV.

Der dolle Peter Krohn allerdings den zweimaligen schwedischen Fußballer des Jahres 1978 zur Premiere seiner unsäglichen TV-Show „Superschuss“ eingeladen. Mit dieser wollte sich der einstige HSV-Manager als Entertainer versuchen wollte. Das Format geriet ebenso schnell wie zurecht in Vergessenheit.

Im Finale der Show durfte ein Telefonanrufer mit Hilfe einer Torschussmaschine, die er mit seiner Stimme dirigierte, ein paar Elfer gegen einen prominenten Torhüter schießen. Stargast der ersten Sendung war Ronnie Hellström, und im einleitenden Snack vor der Übung fragte Krohn den Schweden, was er denn zu einer aktuellen „Torhüter des Jahres“-Auszeichnung sage, die ihn gerade ereilt hatte. Ronnie antwortete: „Man freut sich“, wobei ihm das „ch“, wie bei Schweden üblich, eher zu einem „s“ geriet. Krohn war von der Kürze der Antwort für einen Moment sichtlich irritiert. Er verstand eben nicht, dass ein Hellström nie mehr sagte, als es zu sagen gab.

GESCHÄTZT UND GELIEBT – AUCH VOM FANVOLK AUSWÄRTS

Ronnies „Medienpräsenz“ fand ansonsten zwischen den Torpfosten statt. Das Fußballvolk liebte ihn dennoch – und ein Stück weit vielleicht auch gerade deswegen. Auch auswärts. Dank Ronnie erlebten wir, wie Fans anderer Klubs mit der Zeit voller Respekt von unserem FCK zu sprechen begannen. Wenn auch nur von diesem einen Spieler.

Im Mai 1979 stand ich vor einem Aufritt des FCK im Münchner Olympiastadion einmal auf dem Viktualienmarkt, und kam, die obligatorische Weißwurst auszutzelnd, mit einem Bayern ins Gespräch, einem echten Grantler, der eigentlich alles kacke fand. Unseren FCK ebenso wie den FC Bayern des Post-Beckenbauer-Ära. Aber: „Ihr hoabts wenigstens oanen guten Mann“, nickte er irgendwann, bevor er den nächsten Schluck Weißbier nahm. „Den Schweden. Den könnt der Derwall jetzert gut brauchen.“

In der Nationalelf nämlich war die Karriere des großen Maier Sepp gerade ausgeklungen, und Fußballdeutschland diskutierte gerade über einen möglichen Nachfolger. Jupp Derwall hatte nach der desaströsen WM 1978 – wir erinnern uns: die Schande von Cordoba, „I werd narrisch“ – die Nachfolge von Helmut Schön angetreten, und arbeitete daran, der erste durchweg ungeliebte Bundestrainer der Nation zu werden.

FÜR IHN REDIGIERTE DIE „RHEINPFALZ“ SOGAR DEN BUNDESTRAINER 

Ausländer gab’s damals noch nicht viele in der Bundesliga, nur drei pro Team waren erlaubt, doch Derwall waren selbst die noch zu viel. In einem Interview, welches die „Rheinpfalz“ abdruckte, beklagte er sich einmal, dass ihm zu viel Mittelmaß unter den Fremdländern sei, sie nähmen deutschen Talenten die Startelfplätze weg. Nur der Kevin Keegan vom HSV fand Derwalls Gnade, weil er „Vorbild für die Jugend“ sei. 

Der zuständige „Rheinpfalz“-Redakteur fügte an dieser Stelle eine Klammer mit einem „Anm. der Red.:“ ein: „Das gilt in Kaiserslautern auch für Hellström.“ Ja, damals war die Medienwelt noch in Ordnung, da wurde auch schon mal der Bundestrainer korrigiert, bevor „Fake News“ gedruckt wurden.

Wenn ich heute bei der „Der Betze brennt“ Beiträge junger Autorinnen wie Jana Rößler oder Sarah Jung lese, werden mir manchmal vor Rührung die Augen feucht: Wie kann es sein, dass diese jungen Fans so sehr an diesem Verein hängen, wo sie doch noch keine wirklich großen Siege mit dem FCK erleben durften?

Dann sag ich mir: Na und? Du warst auch schon 28, als dein FCK zum ersten Mal was gewonnen hat: den DFB-Pokal 1990…

DER FRITZ WALZER MEINER GENERATION

 Einen Unterschied gibt es dennoch, sogar zwei. Meine Fangeneration hatte Kalli Feldkamp, den Mann, der in seiner ersten Amtszeit beim FCK von 1978 bis 1982 zwar  – noch – keinen Titel holte, uns aber spüren ließ, was möglich ist, wenn ein FCK-Team sich einen Dreck darum schert, wie viel Geld die anderen haben und welche große Namen sie sich leisten können, sondern die einfach die Ärmel hochkrempelt und den anderen zeigt, wo der Hammer hängt – „den Schinkel vom Giebel holt“, wie es Kalli Feldkamp ausgedrückt hat.

Und wir hatten Ronnie Hellström, der Mann, der uns zeigte, was für phantastische Pfälzer Schweden sein können. Fritz Walter hat meine Generation ja nie spielen sehen, er existiert für uns nur auf Schwarzweißfotos und in kurzen Filmchen, ist für uns Mythos und Synonym für unseren Spirit. Die Ikone zum Anfassen, live und in Farbe, die war für uns Ronnie Hellström. In diesem Sinne ist Ronnie Hellström der Fritz Walter meiner Generation – und Kalli Feldkamp unser Sepp Herberger.

Und es wird dringend Zeit, dass auch der aktuelle Fannachwuchs Ikonen zum Anfassen bekommt.

EIN TITEL IMMERHIN: STAR IM BESTEN FUSSBALLFILM ALLER ZEITEN

Im großen Interview auf „Der Betze brennt“  anlässlich seines 70. Geburtstages bedauert Ronnie Hellström, dass er nie einen Titel gewonnen hat. Hier müssen wir zaghaft widersprechen: Der große Schwede darf immerhin für sich in Anspruch nehmen, im „besten Fußballfilm aller Zeiten“ mitgewirkt zu haben. Dieser Meinung waren jedenfalls die Juroren des Berliner Fußball-Filmfestivals 2013, die die schwedischen Kinderfilm „Fimpen, der Knirps“ mit diesem Titel bedachten.

Der Streifen erzählt die Geschichte eines Sechsjährigen (!), der so gnadenlos gut kickt, dass er in die schwedische Nationalelf berufen wird und mit ihr die Qualifikation zur Fußball-WM 1974 bestreitet. Die komplette schwedische Nationalelf der damaligen Zeit spielt dabei höchstpersönlich mit, auch Ronnie Hellström, dem für einen Laiendarsteller vergleichsweise viele Dialogzeilen anvertraut wurden – in der deutschen Synchronfassung spricht er allerdings nicht mit seiner eigenen Stimme.

Für FCK-Fans mit Kinder im „Fimpen“-Alter gibt es eigentlich keine schönere Möglichkeit, den 70. Geburtstag von Ronnie Hellström zu begehen. Bei „iTunes“ lässt sich der Streifen für 3,99 Euro leihen.

Hier der Trailer, auch da ist Ronnie kurz zu sehen.