„Der Rote Hugo hängt tot im Seil…“: Ein Déjà-vu, so bescheuert, als wär’s von Spliff

„’n toter Vogel fliegt vorbei und stirbt, der Kellner spielt Klavier…“ Bald 37 Jahre ist es her, dass die deutsche Rockband „Spliff“ den Song „Déjà-vu“ veröffentlichte. Niemand hat je begriffen, was dieser Unsinnstext eigentlich bedeuten soll. Nach der Partie des 1. FC Kaiserslautern gegen FSV Zwickau wissen wir es immer noch nicht, glauben aber, nunmehr eine Ahnung zu haben. Beim Hinspiel in Zwickau kassierte der FCK den 1:1-Ausgleich in den Nachspielzeit höchst unglücklich, eigentlich sogar irregulär. Und jetzt? Im Verlauf einer Saison gleicht sich alles aus? Wer immer glaubte, dies sei sei ein weiser Fußballsatz, sollte ihn endlich aus seinem Repertoire streichen, denn er ist einfach nur Blödsinn. Die Realität ist: Wieder ein 1:1, wieder ein Ausgleich in der Nachspielzeit, wieder ist es ein schlechter Witz, wenngleich ihn diesmal nicht der Schiedsrichter erzählte. Ein echtes „Déjà-vu“ eben. „Der Rote Hugo hängt tot im Seil, die Leiche stinkt nach Shit…“

Obwohl: Die Endzeitstimmung, die der Spliff-Song vermittelt, muss sich selbst nach einem Spiel wie diesem nicht breitmachen. Eine junge Mannschaft zu entwickeln, kostet eben Lehrgeld. Und das muss diesmal unter anderem für Lennart Grill bezahlt werden, den 20-Jährigen, der seit Jahresbeginn die Nummer 1 in Lauterns Kasten ist und der bislang seine Sache richtig gut machte. Bislang.

In Minute 92 klatscht Grill einen Freistoß, den der eingewechselte Zwickau aus der rechten Verteidigerposition auf ihn zudreht, nur in die Strafraummitte ab, was  im Torwarthandwerk als inakzeptabel gilt. Im anschließenden Gestocher findet der Ball  den Weg zum Ex-Lautrer Ronny König, der trotz seiner nunmehr 35 Lenze immer noch auf Zack ist und abstaubt.

TROTZ PATZER: GRILL IST NICHT ALLEIN SCHULD

Grill nimmt den Gegentreffer nach dem Schlusspiff auch brav auf seine Kappe, allerdings: Es ist nie die Schuld eines einzigen, wenn nach 92 Minuten aus einem 1:0 doch noch ein 1:1 wirkt. Zu dem Freistoß etwa hätte es gar nicht kommen müssen, wenn Dominik Schad ein wenig cooler agiert und das Foul vermieden hätte. Schad ist mit seiner 21 Jahren allerdings auch noch in der Ausbildung.

Vor allem aber hätte es zu dem Zeitpunkt längst schon 2:0 stehen müssen. Und da greift dann halt doch eine dieser ungeliebten Binsenweisheiten: Wenn man zu viele Chancen auslässt, rächt sich das am Ende.

Die Lauterer leisteten sich sogar den Luxus, einen Elfmeter zu verschießen, und das auch noch kurz vor dem Halbzeitpfiff. Dieser zweite Treffer hätte den 19.545 Zuschauer am Betzenberg wohl den entspanntesten Break seit Jahren beschert. Linksfuß Janek Sternberg schoss zwar recht hart und visierte das Netz neben den rechten Pfosten gut an, aber leider halbhoch – das lässt dem Keeper immer eine gewisse Chance, die „Pommes“ Brinkies bravourös nutzte. „

„Den kann man doch mal reinmachen, den kann man doch mal reinmachen, den kann man doch mal reinmachen“ erinnerte Coach Sascha Hildmann hinterher an der neurotischen Milliärdär Howard Hughes, der unter einem zwanghaften Wiederholen einzelner Sätze gelitten haben soll. Man konnte ihm nachfühlen.

NACH MAUEM BEGINN GLÄNZT DIE RECHTE SEITE

Hinter Hildmann und seinem Team lag eine erste Hälfte, in die der FCK zunächst nicht gut hinein gekommen, nach 23 Minuten aber in Führung gegangen war. „Wir haben zu viele Abspielfehler gemacht“, analysierte Hildmann später. Vor allem die linke Seite kam  nicht in Tritt, Sternberg und Florian Pick verdattelten nach guten Ansätzen immer wieder einfache Bälle. 

So blieb es diesmal dem Pärchen auf der rechten Seite vorbehalten, den ersten spielerischen Glanzpunkt der Partie zu setzen: Antonio Jonjic steckt virtuos auf den durchstartenden Schad durch, der dringt in die Box ein und passt überlegt auf Mittelstürmer Christian Kühlwetter, der nur noch einzuschieben braucht.

Ja, der erst 19-jährige Jonjic durfte den Startelfplatz des gelbgesperrten Christoph Hemlein einnehmen, er hatte ihn auch schon beim 1:0-Sieg in Karlsruhe vergangene  Woche zur Pause abgelöst. Ansonsten nahm Hildmann keine weiteren Wechsel im Team vor, obwohl die zuletzt verletzten Timmy Thiele und Mads Albaek wieder ins Mannschaftstraining zurückgekehrt waren.

ZWEI ALU-TREFFER IN HÄLFTE ZWEI – UND THIELE MACHT DRUCK ÜBER LINKS

Thiele kam in der zweiten Hälfte für Pick und nahm auch dessen Platz auf der linken Seite ein, statt wie zuletzt ins Zentrum zu rücken. Und, siehe da: Auf dem Flügel, der ihm mehr Raum lässt, setzte sich das Sorgenkind der Saison wesentlich besser in Szene. Er bereitete sogar einen Aluminiumtreffer Kühlwetters vor, der eine Doublette des Siegtors hätte werden können, das Thiele Sternberg zum Saisonstart gegen 1860 München auflegte. Zuvor hatte auch schon Youngster Jonjic die Latte getroffen.

Was zeigt: Die zweite Hälfte hatte der FCK im Grunde prima im Griff. Durfte, da in Führung liegend, munter kontern gegen einen Gegner, dessen Vereinswappen wirklich nur rein zufällig Ähnlichkeit mit dem Vereinswappen von Atletico Madrid aufweist. 

Als FSV-Coach Joe Enochs nach 75 Minuten den 1,96 Meter-Koloss Tarsis Bonga einwechselte, brachte Hildmann Lukas Gottwalt für Sternberg. Das wuchtige Muskelpaket sollte Bonga bei Standardpositionen paroli bieten, doch selbst der gelernte Defensivspezialist fand Gefallen an seiner ungewohnten Rolle auf der linken Außenbahn und legte einen Flankenlauf hin, der an die Anfänge des jungen Hans-Peter Briegel erinnerte.

„WIR WAR’N SO HUNGRIG, WIR WARE’N SO KALT…“

Nichts und niemand schien dem FCK diese drei Punkte nehmen zu können. Und da Halle und Wiesbaden an diesem Spieltag verloren, hätte der Abstand auf Relegationsrang drei jetzt nur noch sieben Punkte betragen, bei noch 13 ausstehenden Spielen… Man mag gar nicht dran denken.

Wenn da nicht die Binsenweisheit von den vergebenen Torchancen, die sich rächen,  gewesen wäre, und dieser Song, der permanent irgendwo im Hinterkopf abzulaufen schien: „Wir war’n so hungrig, wir war’n so kalt, wir wollten nie zurück…“

Und dann kam die 92. Minute. 

Am Abend twittert ein FCK-Fan, der zuhause am Fernseher mitgelitten hatte, dass während des Spiels der Nympchensittich seiner Freundin verstorben sei. In der Tat: Ein toter Vogel fliegt vorbei und stirbt.

Déjà-vu, Déjà-vu, Déjà-vu.

Foto: 1. FC Kaiserslautern

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