Zwischenzeugnis: Die Moritat vom fehlenden Knipser – und andere schräge Leiern

In der Rückrunde gibt es keine Länderspielpausen mehr. Daher müssen wir unsere „Zwischenzeugnisse“ nun zwischen zwei Spieltagen platzieren, die im Wochenrhythmus aufeinander folgend. Jetzt ist wieder mal Zeit dafür: Fünf Partien hat der 1. FC Kaiserslautern seit Jahresbeginn gespielt, dabei acht Punkte geholt. Dass es seit letzten Sonntag zwingend noch zwei mehr sein müssten und dass sich mit diesen ein stolzer 2-Punkte-Schnitt ergäbe – reden wir nicht mehr drüber. Widmen wir uns lieber dem bescheidenen Torverhältnis von 4:3 in fünf Spielen. Im Schnitt schafft der FCK also nicht mal einen Treffer pro Spiel, weswegen die Leierkästen allerorten die bekannte Moritat vom fehlenden Knipser anstimmen. Liegt’s tatsächlich nur an dem? Wir schauen, wie immer, mal genauer hin.

Das ein oder andere Medium hat sogar schon ein „Königreich“ für einen Torjäger ausgelobt. Als Schelm ist man da geneigt, in der Fastnachtszeit zumal, direkt eine andere bekannte Leier anzustimmen: „Wer soll das bezahlen…“ Beziehungsweise den.

Wir haben es schon öfter geschrieben: Finanziell klamme Vereine wie der FCK können sich einen Goalgetter nicht einfach so dahertransferieren, sie müssen ihn sich „selber machen.“ Entwickeln, beziehungsweise weiterentwickeln – so, wie es Coach Sascha Hildmann ja auch generell bereits zu seinem Credo erklärt hat.

DENKBARE „KNIPSER“ HÄLT DER KADER DURCHAUS BEREIT 

Und entwicklungsfähige Optionen für vorne Mitte hat der FCK durchaus noch einige im Kader – mal abgesehen davon, dass der langzeitverletzte Lukas Spalvis ja irgendwann zurückkehren wird, schließlich hat er einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Elias Huth etwa hat als Joker in der Vorrunde bewiesen, dass er vollstrecken kann, wenn er die richtigen Anspiele in die Box bekommt. 

Leider verzeichnet Huth in diesem Jahr noch kaum Einsatzminuten. Weshalb, wissen wir nicht, doch sind wir zuversichtlich, dass Hildmann auch ihm in der Rückrunde Gelegenheit geben wird, seine Zukunftsfähigkeit in Lautern unter Beweis zu stellen. Die Restsaison auf diese Art zu nutzen, macht auf jeden Fall mehr Sinn, als nach jedem gewonnenen Spiel wieder Richtung Aufstiegsplätze zu schielen.

Christian Kühlwetter wiederum entwickelt sich recht vielversprechend. Seit dem 0:1-Derbysieg in Karlsruhe agiert der 22-jährige in der Sturmmitte, hatte dort Aktien in allen drei gefährlichen Toraktionen des FCK, gegen Zwickau vergangenen Sonntag traf er zum 1:0. Kühlwetter ist kein Brecher, sondern gibt den Mann im Zentrum  spielerisch, pendelt auch mal in die Zehnerposition zurück, um seine Nebenleute einzusetzen.

THIELE KANN NOCH SEHR WERTVOLL WERDEN – ABER KEIN KNIPSER

In dieser Eigenschaft bietet vor allem das Zusammenspiel mit Timmy Thiele Perspektiven. Der durfte nach seiner Einwechslung gegen Zwickau über den linken Flügel kommen, wo er den Raum vorfindet, den sein Spiel braucht. 

Wir wagen mal die Prognose: Das bisherige Sorgenkind Thiele kann durchaus noch wertvoll werden für den FCK, ein „Knipser“ aber wird er nimmer. Er wird immer ein Stürmer bleiben, der den Torabschluss nach langen Wegen sucht, und die treffen nun mal nicht so häufig wie reine Finalisierer, die vorne in der Box lauern.

Zudem kommt das 3-4-3-System, das Hildmann seit Jahresbeginn etabliert hat, Thiele entgegen. Denn dank der aufrückenden Außenbahnspieler sind die linken und rechten Offensiven in dieser Grundordnung keine reinen Flügelspieler, sondern eher Halbstürmer mit Drang in die Mitte – das ist exakt die Position, aus der einer wie Thiele Anlauf nehmen kann.

Wir sehen: Der Kader bietet also Möglichkeiten, einen Knipser zu formen. Vorausgesetzt, andere Elemente des FCK-Spiels verbessern sich alsbald. Nämlich die, die Torflaute tatsächlich verursachen.

WORAN ES WIRKLICH HAPERT – DIE XG-GRAFIKEN GEBEN AUFSCHLUSS

Die sportlich Verantwortlichen weisen immer mal darauf hin, dass der FCK im Ligavergleich mit die meisten Torabschlüsse generiert, daraus aber zu wenig macht. Da wäre es interessant zu wissen, aus welchem statistischen Material sich die Erkenntnisse speisen. Für die Dritte Liga werden leider kaum Analysedaten erhoben, die öffentlich zugänglich sind, daher können wir sie nicht nachvollziehen.

In unseren „expected Goals“-Grafiken von „11tegen11“, die wir regelmäßig veröffentlichen, lässt sich jedenfalls nicht erkennen, dass FCK-Stürmer überdurchschnittlich oft gut verwertbare Anspiele bekommen. Mastermind Sander Ijtsma setzt bekanntlich auf ein Verfahren, in dem er abgegebene Torschüsse nicht einfach nur zählt und addiert, sondern auch qualitativ bewertet. Dies wiederum tut er nicht subjektiv.

Er bedient sich statistischen Grundlagenmaterials, anhand dessen er die Häufigkeit errechnet, mit der aus einer bestimmten Einschussposition in der Regel getroffen wird. Ein Elfmeter etwa ist mit etwa 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit drin, drum versieht ihn Sander mit einem Wert von 0.9. Eine „1.0“ wäre demnach eine Hundertprozentige, die aber existiert nur im Reportersprech.

QUALITATIV HOCHWERTIGE CHANCEN ERSPIELT SICH DER FCK GAR NICHT SO OFT

Mit diesen xG-Grafiken lässt sich unter anderem nachweisen, dass Schüsse, die außerhalb der Box abgegeben werden und den Keeper zu Flugparaden veranlassen, zwar das Publikum begeistern und ihm das Gefühl geben, ein tolles Spiel zu sehen. Nüchtern analytisch betrachtet gehen solche Bälle aber viel seltener ins Netz als der subjektive Betrachter vermutet. 

Erfolgreiche Torschüsse werden im Strafraum abgefeuert, das klingt zwar ebenfalls nach einer Binsenweisheit, doch im Gegensatz zu vielen anderen lässt sich diese mit XG-Berechnungen klar belegen. Und FCK-Stürmer kommen in der Box selten bis kaum zum Zug.

Das zeigen die xG-Timelines, deren Ausschläge sich nach 90 Minuten selten auf einen Gesamtwert von über 2.0 einpendeln. Beim 2:0 zum Jahresauftakt gegen Großaspach lag dieser mal bei 2.26 – bislang bester der Spielzeit. Bei der gefühlt besten Saisonleistung des FCK beim 2:0-Sieg gegen den KFC Uerdingen wies die xG-Timeline am Ende dagegen nur einen Wert von lediglich 1.74 aus. Dabei sorgte Theo Bergmanns Elfmeter zum 1:0 bereits für einen Ausschlag von 0.9 Punkten.

VOM ZEHNERRAUM IN DIE BOX – AUCH DA TUT SICH NICHT VIEL

 Auch die „11tegen11“-Visualisierungen der Aktivitäten in der „Zone14“ zeigen, wo es beim FCK in Wirklichkeit hapert. Sander Ijtsma widmet sich dem Zehnerraum deswegen so intensiv, weil es ebenfalls statistisch belegt ist, dass aus diesem die meisten Tore vorbereitet werden. Kühlwetters Anspiel auf Dominik Schad beim Siegtreffer in Karlsruher ist ein Musterbeispiel, wie’s geht.

Wer unsere Grafiken regelmäßig studiert, hat längst festgestellt, dass beim FCK zu wenig aus dieser Zone in die Spitze gespielt wird. Selbst wenn in einem guten Heimspiel wie gegen Großaspach mal ordentlich Betrieb dort herrscht, wird so gut wie nie direkt auf den Zentrumsstürmer gepasst. Wie soll der denn dann „knipsen“?

Ein Spieler, die solche Anspiele beherrscht, wäre Julias Biada. In den ersten Saisonspielen hat aus der „Zone 14“ einige Male Lukas Spalvis anvisiert, mustergültig etwa beim Hinspiel in Großaspach, wo dieser direkt zum 1:1 vollstreckte.

Auch Theo Bergmann und Hendrick Zuck können den kurzen Pass in die Spitze.  Zuletzt war jedoch keiner der drei in der Startelf zu finden. Wenigstens einen mit dieser Eigenschaft zu integrieren, der dem Team zuverlässig und auf konstant gutem Niveau weiterhilft, sollte daher in den nächsten Wochen einen weiteren Aspekt in Hildmanns Weiterentwicklung darstellen.

AUF DEN FLÜGELN NICHTS NEUES: SIE LAHMEN – DOCH HOFFNUNG IST IN SICHT

Wenn durch die Mitte nichts kommt, müsste über die Flügel was gehen. Am besten so, wie Antonio Jonjic und Dominik Schad Kühlwetters 1:0 gegen Zwickau vorbereiteten – doch auch dergleichen sieht man beim FCK viel zu selten. Gegen Großaspach hat Christoph Hemlein mal als Vorbereiter über den rechten Flügel geglänzt, seither kam von ihm nicht mehr viel.

Zu Florian Pick haben wir es schon oft geschrieben. Immer wieder schwache Abschlüsse nach starken Ansätzen, wie lange soll das noch so weitergehen? Irgendwie steht Pick auch symptomatisch für die Flügelschwäche, die sich durch die gesamte Saison des FCK zieht. Thiele könnte, wie oben bereits schrieben, eine Möglichkeit sein, was besser zu machen, die große Hoffnung aber heißt Jonjic.

ZUM SCHLUSS DER KLASSIKER: DIE STANDARDSITUATIONEN

Die schrecklichste Leier haben wir uns für den Schluss aufgehoben, da sie vermutlich wirklich niemand mehr hören mag: die Standardsituationen. Da verschenkt der FCK im Vergleich zur Konkurrenz die meisten Treffer. Okay, ist schon lange nichts Neues mehr, gehört aber hier nochmal rein.

Ein direkt verwandelter Freistoß von Theo Bergmann gegen Fortuna Köln, ein Kopfballtor von Lukas Gottwalt nach einer Ecke in Rostock, damit hat es sich auch schon mit Lautrer Herrlichkeit nach ruhenden Bällen. Nach Janek Sternbergs Fehlschuss gegen Zwickau weist Lautern nun auch in der Elfmeterstatistik eine Trefferquote von gerade mal 50 Prozent aus.

Der Karlsruher SC dagegen hat diese Saison schon 17 Mal Standardsituationen verwertet, und ist auch nach der Derbypleite noch Tabellenzweiter. Noch Fragen?