„Ausgespielt?“: Was die WM-Pleite über Deutschlands Fußball verrät – bis runter in die Dritte Liga

Hat tatsächlich noch irgendjemand Bock auf WM-Nachlese? Stammtische, Experten à la Lothar Matthäus, Uli Hoeneß und zuletzt diverse Mainzer Fastnachtsredner sind sich doch einig: Jogis Löwen waren zu alt und zu satt, hatten keinen Teamspirit und keinen Nationalstolz, der Bundestrainer hatte nicht kapiert, dass die Zeit des „Ballbesitzfußballs“ vorbei ist, Mesut Özil hat mit seinem Erdogan-Foto noch einen draufgesetzt und spielt überhaupt schon seit Jahren „nur Dreck“. Alles klar also, oder? Eben nicht. Der erfahrene Fußballbuchautor Dietrich Schulze-Marmeling hat mal wieder genauer hingeschaut – und untersucht, was im deutschen Fußball schiefläuft. Und siehe da, darin finden sich Erkenntnisse, die auch für Beobachter und Verantwortliche darniederliegender Drittligisten spannend sind. Schon der Titel „Ausgespielt?“ passt irgendwie wie die Faust aufs Auge.

Räumen wir zunächst mal den uninteressantesten Quatsch zur Seite. Man mag Özils PR-Auftritt mit Erdogan kritisieren und verdammen, diesem aber eine Mitschuld am deutschen WM-Desaster zu geben, ist genauso intelligent, wie Dortmunds Darbietung beim 0:3 gegen Tottenham damit zu erklären, dass einige BVB-Jungmillionäre sich am Tag vor dem Spiel einen Luxuscoiffeur aufs Hotelzimmer bestellten. Özil mag bei der WM nicht brilliert haben, er war aber auch längst nicht der schwächste deutsche Spieler, das belegen nicht zuletzt auch die objektiven Spielanalysedaten.

Und deutsche Nationalmannschaften sind schon seit Beckenbauers Zeiten Zweckgemeinschaften, „elf Freunde“ stehen bereits seit der WM 1954 nicht mehr auf der Platz. Und wer das Streichen von Fußballmigranten einfordert, um wieder „mehr Nationalstolz“ auf den Platz zu erzeugen, hat nie kapiert, dass gerade Einflüsse verschiedener Kulturen schon immer den besten Fußball hervorgebracht haben, von der Idee des Sports als Völkerverständigung ganz zu schweigen.

WER HÄTTE FÜR DIE SCHWÄCHELNDEN SENIOREN DENN NACHRÜCKEN SOLLEN? 

Mannschaft war zu satt und zu alt? Richtig ist, dass erfahrene Spieler wie Sami Khedria, Jerome Boateng, Thomas Müller oder Mats Hummels nicht in Form waren und Löw dies auch schon vor dem Turnier hätte erkennen können – dass der Bundestrainer die Letztgenannten jetzt auch offiziell verabschiedet hat, macht im Interesse eines nachhaltigen Neuaufbaus durchaus Sinn.

Richtig ist aber auch, dass keiner hätte nachrücken können, der die Klasse hatte, den gerade diese Spieler beim WM-Sieg 2014 hatten. Die deutschen U21-Europameister von 2017 waren längst noch nicht soweit, wie es die deutschen U21-Europameister von 2009 waren, als sie 2014 nach dem Titel griffen. Und ob sie überhaupt jemals deren Niveau erreichen, muss abgewartet werden.

MARKTWERTE UND KLUBERGEBNISSE ZEIGEN: DIE QUALITÄT HATTE NACHGELASSEN

Um zu dokumentieren, dass sich die aktuellen Top-Talente anderswo dynamischer weiterentwickeln, wagt Schulze-Marmeling einen interessanten Blick in die Marktwerttabellen: „Keiner der U21-Europameister, deren Namen nach der WM in die Runde geworfen wurde, besaß die Qualität des Spaniers Marco Asensio, der mit Spanien das U21-Finale gegen Deutschland verloren hatte, oder die der Franzosen Corentin Tolisso (22), Thomas Lemar (22), Kylian Mbappé (19) und Ousmane Dembélé (21), der Engländer Dele Alli (22), Raheem Sterling (23) und Marcus Rashford (20) oder des Belgiers Michy Batshuayi (24).“ Addiert habe der Marktwert dieser acht jungen Spieler 635 Millionen Euro betragen.

Die acht deutschen U21-Europameister Max Meyer (23), David Selke (24), Maximilian Philipp (24), Marc-Oliver Kempf (23), Yannick Gerhardt (24), Maximilian Arnold (24), Jeremy Toljan (22) und Niklas Stark (23) seien dagegen zusammen gerade mal auf 89 Millionen Euro gekommen. „Einzig der 22-jährige Leroy Sané (22) konnte zum Zeitpunkt der WM mit der Klasse der Asensios und Co. konkurrieren.“ Den aber hatte Löw zuhause gelassen, weil Sané ihn als Nationalspieler noch nicht überzeugt hatte. Nun ja.

Dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zwischen 2014 und 2018 deutlich nachgelassen hatte, hatten bereits die Ergebnisse angedeutet, die der deutsche Vereinsfußball in Champions und Europa League produzierte. Standen sich 2013 im CL-Finale noch zwei deutsche Klubs gegenüber, schafft es seit 2014 kaum noch ein deutscher Verein in ein Viertelfinale. Und die die damaligen CL-Finalisten coachenden Trainer Jürgen Klopp und Pep Guardiola, die Löw 2014 am nachhaltigsten mit technisch und taktisch topausgebildeten Nationalspielern versorgten, arbeiten seither in England.

DER „BALLBESITZFUSSBALL“ IST TOT? IST ER NICHT

Über die Blödsinnigkeit, den „Ballbesitzfußball“ für tot zu erklären, haben wir schon in unserer eigenen WM-Nachlese referiert. Hier lässt sich allerdings einhaken: Das Festhalten daran hat sich der Bundes-Jogi mittlerweile ja auch selbst angekreidet. Da aber müsse, so Schulze-Marmeling, der Coach gegen seine eigene Selbstkritik in Schutz genommen werden. „Zu wenig Tempo im Passspiel und in den Positionswechseln, zu wenig Geistesgegenwart bei Ballverlusten und vor allem zu wenig überraschende, abwechslungsreiche Aktionen mit dem Ball wäre meine Analyse der deutschen Probleme bei der WM gewesen“, zitiert der Autor seinen Kollegen Ronald Reng.

An dieser Stelle wollen wir erstmals die Brücke zu unserem Heimatverein schlagen: Wer irgendwann wieder oben mitspielen will, ob in der Dritten Liga, ob bei einem WM-Turnier, muss mehr zu bieten haben als „kompaktes Stehen“ und „schnelles Umschaltspiel“, sondern den Ball gegen bereits tiefstehende Gegner durch enge Räume dirigieren können, entweder durch schnelles Passspiel oder Dribbeln.

Ronald Reng: „Es geht nicht darum, den Ballbesitzfußball abzuschaffen, sondern ihn wieder schneller, frischer und variantenreicher zu gestalten.“ Das darf sich durchaus auch ein ambitionierter Drittligist auf die Fahnen schreiben.

OBEN WIE UNTEN: DIE KLEINEN SCHNELLEN DRIBBLER FEHLEN

Denn da wiederum stellt sich dem Bundestrainer dasselbe Problem wie Sascha Hildmann. Es fehlen die kleinen, wendigen Tempodribbler, die sich in engen Räumen durchsetzen, vorzugsweise über die Flügel kommen und permanent 1:1-Duelle suchen.

Sicher braucht Löw diese Typen auf einem anderen Niveau als Hildmann, sicher kann man auch hier fragen, wieso Löw dann Leroy Sané zuhause ließ. Nicht von der Hand zu weisen ist aber: Diese Talente fehlen im deutschen Fußball gegenwärtig in der Spitze wie in der Breite. In den Topteams laufen auf den Außenbahnen schon seit langem fast nur noch Ausländer auf.

Dass dem 1. FC Kaiserslautern Flügelspieler von angemessener Qualität fehlen, haben wir, da sind wir ganz unbescheiden, schon in unserer Kaderbegutachtung zu Saisonbeginn festgestellt. Florian Pick könnte so einer sein, der aber ist auch mit 23 Jahren noch nicht soweit, seine bisweilen genial startenden Aktionen sinnvoll zu Ende zu spielen.

Ist es nicht interessant, dass auch der Bundestrainer die Grundordnung seines Teams mittlerweile auf ein 3-4-3 umgestellt hat? In dem System wird nur noch ein Flügelspieler auf jeder Seite gebraucht, nicht zuletzt deswegen praktiziert es auch Sascha Hildmann seit Jahresbeginn beim FCK.

Aber weshalb wachsen die kleinen dynamischen Dribbler, die oft auch als „Spaßfußballer“ bezeichnet werden, nicht mehr nach?

NICHT DIE ERGEBNISSE FEHLEN, SONDERN DER SPASS 

Weil dem deutschen Fußball der Spaß abhanden gekommen ist. Weshalb, erläutert Schulze-Marmeling im zweiten Teil seines Buchs ausführlich.

Die Neustrukturierung des Ausbildungssystems, insbesondere die intensive Förderung der Nachwuchsleistungszentren, die der DFB nach dem EM-Pleite im Jahr 2000 betrieb, haben den Nährboden bereitet für den WM-Sieg von 2014 – das steht auch für den Autor außer Frage. Aber: „Im Fußball sollte man stets nach Innovation und positiver Veränderung streben, unabhängig vom aktuellen Erfolg oder Misserfolg“, zitiert Schulze-Marmeling den Berater Mathias Kohler von der Agentur „Cruyff Football.“ Eben diese Elemente seien in den NLZ’s verloren gegangen.

„Eine gewisse Bolzplatz-Mentalität ist abhandengekommen, aber für Kinder ist Spielen, Dribbeln, Ausprobieren ganz entscheidend“, sagt Meikel Schönweitz, Sportlicher Leiter aller Jugendnationalmannschaften des DFB. Zu früh schon würde in den NLZ’s nur auf Ergebnisse geschielt, die Physis überbetont, die Titel- und Torejagd zum Alleinseligmachenden erhoben.

DER HOHE LEISTUNGSDRUCK IN DEN NLZ’S

Was, wie Schulze-Marmelings weitere Recherchen ergaben, auch an den Trainern liege, die die Karrieren von Kollegen wie Thomas Tuchel vor Augen haben, welche sich nach Erfolgen im Nachwuchsbereich in kurzer Zeit in die internationale Spitze coachten. Denen gehe es nur noch darum, „mit 30 Jahren Bundesligatrainer zu werden“, erklärt St. Paulis Sportdirektor Ewald Lienen. „Die Individualität der Spieler bleibt dabei auf der Strecke. Die besten Jugendtrainer sind die, die das über 15 Jahre im gleichen Rahmen machen. Wie Norbert Elgert bei Schalke.“

Wechseln nicht auch in Lauterns NLZ auffallend häufig die Trainer, seit der langjährige Juniorencoach Gunter Metz den Verein verlassen hat?

Doch auch die Vereinsführungen wollen ihre Juniorenteams möglichst hoch spielen sehen, also in den Bundesligen oder gar in der europäischen „Youth League“. Und machen entsprechend Druck auf Trainer und Talente. Auch wollen sie so viele   Juniorennationalspieler in den eigenen Reihen wissen, wie es irgend geht.

FCK-SPIELER ZEIGEN: AUCH OHNE JUNIORENLÄNDERSPIELE GEHT’S NACH OBEN

Ist das wirklich so wichtig, um die regelmäßige Versorgung der Ersten Mannschaften mit frischem Blut zu gewährleisten? Schulze-Marmeling hat dazu Hermann Hummels befragt, den langjährigen Jugendtrainer des FC Bayern. Er denkt mittlerweile, dass es heutzutage fast besser sei, nicht schon als 15-Jähriger in die Jugendnationalelf berufen zu werden. Denn: „Wer mittlerweile ein Guter in der U15 ist, hat mit vielen äußeren Einflüssen und Erwartungen umzugehen. Gefühlt muss man dann gleich einen Fünfjahresvertrag bei einem großen Erstligisten unterschreiben.“

Ohnehin seien nicht wenige Fußballer Spätentwickler. Auch beobachte man immer wieder, dass am Ende Spieler die Nase vorn haben, die zunächst gar nicht im Fokus standen. Hermann Hummels: „In erster Linie setzen sich Spieler aus der zweiten Reihe durch. Die sind gut und talentiert, haben aber irgendeinen kleinen Makel. Lahm war in der Jugend nicht der Größte, Müller hatte nicht die feinste Technik, war aber sehr willensstark und hat im Training viel Programm gemacht.“

In dem Zusammenhang sei einmal mehr an Miro Klose erinnert, der nie ein Junioren-Länderspiel absolvierte. Er wechselte als 20-Jähriger vom FC Homburg zum FCK. Aber auch die Eigengewächse, mit denen Lautern in jüngster Zeit Kasse machte, wurden von DFB-Spähern weitgehend übersehen. Dominique Heintz bestritt erst im zweiten Jahr in der U19 ein paar Länderspiele, Willi Orban, der sich erst kürzlich offiziell zum Ungarn erklärte, gar keins. Ebenso wenig wie Robin Koch – mittlerweile wird der Marktwert des heutigen Freiburgers bei transfermarkt.de auf zehn Millionen Euro beziffert.

WECHSELWAHNSINN IM JUGENDBEREICH: KEINE INTEGRATION, KEINE IDENTIFIKATION

Zudem hat auch der Wechselwahnsinn der erwachsenen Ligen längst im Jugendbereich Einzug gehalten, heißt es in „Ausgespielt?“ weiter. Die NLZ’s werben sich munter gegenseitig Spieler ab, und die machen dies mitsamt ihren Beratern munter mit, weil außer dem Geld die Hoffnung lockt, der abwerbende Verein könnte es ernster meinen mit seiner erklärten Absicht, ihm schneller eine Chance in der Ersten Mannschaft zu eröffnen.

Integration, geschweige denn Identifikation mit dem Verein? So wird dafür gesorgt, dass beides erst gar nicht aufkeimt.

Am härtesten geht Lars Mrosko, heute Trainer des Berliner Klubs Türkiyemspor, mit den NLZ’s ins Gericht. „Es fehlt oft die eigene Ausbildungsphilosophie, das besondere Merkmal, der individuelle Ausbildungscharakter“, kritisiert der ehemalige Scout und Buchheld von Ronald Reng („Mroskos Talente“). „Durch Vorgaben bei den Lizenzierungen und zu viele hauptberufliche Sportwissenschaftler ohne Praxiserfahrung wird es schwer, die Individualität eines Spielers zu fördern.(…) Wir verlieren uns in theoretischen Methoden und wissenschaftlichen Statistiken, aber vergessen die Murmel am Fuß.“

AUSSERHALB VOM NLZ AUSBILDEN? WARUM NICHT?

Vielleicht ist es ein künftiger Weg, junge Talente erst einmal von den NLZ’s fernzuhalten und sie weiter im Heimatverein wachsen zu lassen. Gut zu hören, dass der FCK durchaus in dieser Richtung denkt, wie Sportdirektor Boris Notzon in unserem Interview verraten hat: „Im Jugendscouting  wollen wir (…) stärker mit Partnervereinen zusammenarbeiten, um diesen Spielern eine gute Ausbildung vor Ort zu ermöglichen und sie dann zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Alter nach Kaiserslautern zu holen. Auch in Bundesländern, aus denen der Wechsel eines Jugendspielers aufgrund der unterschiedlichen Schulsysteme kompliziert ist und vielleicht sogar den Verlust eines Schuljahres nach sich zieht, schauen wir genau, was für uns Sinn macht.“

Was der FCK-Anhänger sonst aus „Ausgespielt?“ lernen kann? In der Nachwuchsarbeit des FCK läuft es gar nicht so schlecht. Dass es regelmäßig Spieler in die Erste Mannschaft  schaffen, die zumindest das Team in der gegenwärtigen Spielklasse verstärken, ist offenbar kein Zufall. In dieser Saison sind die Jungen einmal mehr die „Neuzugänge“, die am meisten Freude machen.

STILLSTAND IST RÜCKSCHRITT

Das darf aber kein Grund sein, sich nicht ständig selbst zu hinterfragen. Stillstand ist Rückschritt, immer. Und nach Ideen zu suchen, die andere nicht haben. Etwa besagte „Spätentwickler“ geduldiger zu fördern als andere, dazu können auch die Fans auf den Rängen ihren Beitrag leisten. Sich dem Wechselwahnsinn zwischen den NLZ’s entsagen, den Leistungsdruck so gut es geht von den Spielern nehmen. Hat es sich tatsächlich schon mal als Beinbruch erwiesen, wenn ein Nachwuchsteam des FCK abstieg?

Wichtiger wäre es, wieder „Spaßfußballer“ zu produzieren, denn die bereiten auch dem Publikum die meiste Freude. Von Trainern, die nicht als allererstes an ihre eigene Karriere denken.

Das Schlusswort überlassen wir Lars Mrosko:

„Der Fußball verliert mehr und mehr den magischen Charakter. Wir vergessen, weshalb wir einmal angefangen haben, Fußball zu spielen, und dieses Spiel so sehr lieben.“

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