Sie wollen ja, aber sie können nicht – Die fünfte Nullnummer am Betze war längst nicht die peinlichste

„Er hat sich bemüht.“ Wer sich in der Arbeitswelt auskennt, weiß: Der Satz hat was Heimtückisches. Er klingt vordergründig nett, in Zeugnissen aber gilt er als vernichtendes Urteil. Rausgelesen werden soll eigentlich: „Er wollte ja, aber er konnte nicht.“ So ungefähr lässt sich auch die Darbietung des 1. FC Kaiserslautern gegen Eintracht Braunschweig auf den Punkt bringen. Nach dem nunmehr fünften 0:0 dieser Saison auf dem einst gefürchteten Betzenberg kocht der Frust in den Fanforen einmal mehr bis hoch bis zur Schmerzgrenze. Das ist einerseits verständlich, aber: Lautern hat in dieser Spielzeit etliche Punkte auf peinlichere Art und Weise abgegeben. Trotz eines verschossenen Elfmeters, der natürlich der Aufreger des Spiels war.

Die Muppets-Puppen Waldorf & Stadler sind legendär, Hoeneß & Rummenigge gelten längst als ihre legitime Fleischwerdung, doch auch auf dem Betzenberg trifft man sie in nahezu allen Tribünenblöcken an: Notorisch missmutige, mürrische alte Männer, paarweise auftretend, da man ja mindestens zu zweit sein muss, um ablästern zu können. In Lautern sitzen zwei Exemplare der Gattung „Grumpy Old Men“ sogar auf der Pressetribüne. Und am unerträglichsten sind sie, wenn sie Recht behalten.

GRUMPY OLD MEN IM DIALOG: DAS SCHLIMME IST, SIE HABEN RECHT

22. Minute: Schiedsrichter Christian Dietz pfeift Elfmeter für Lautern. 

Grumpy Old Man I: „Guck, der Grill reißt jetzt schon die Arme hoch. So was macht man nicht. Das bringt Unglück.“

Grumpy Old Man II: „Und im Strafraum klatschen sie sich bereits ab und umarmen sich. Können die damit nicht warten, bis das Ding drin ist?“

Grumpy Old Man I: „Unter diesen Umständen kann das ja gar nicht gutgehen.“

„Grumpy Old Man II: „Tut’s auch nicht. Niemals.“

Mads Albaek läuft an, Eintracht Keeper Jasmin Fejzic hält.

Grumpy Old Man I: „Ich hab’s gesagt.“

Grumpy Old Man II: „Ich doch auch. Dumme Buben sind das. Alle.“

Grumpy Old Man I: „Kinder sind das. Kinder.“

Wie gesagt: Grauslig, aber stimmt leider. Über die Elfmeterentscheidung an sich haben sie nicht viel gesprochen, nur gemeint, dass die Rote Karte für Braunschweigs Innenverteidiger Nils Rütten, der den davoneilenden Timmy Thiele kurz und leicht geklammert hatte, „zu hart“ war. Die beiden sind halt eher Lautern zugetan, da will man über Geschenke nicht viele Worte verlieren.

HÖHEPUNKT IN EINEM HÖHEPUNKTARMEN SPIEL: DER ELFER

Sportlich fairer wäre gewesen zu sagen: Die Rote Karte zum Elfmeter war ein Witz. Und entspricht anscheinend nicht einmal der aktuellen schiedsrichterlichen Rechtsprechung: Sollen derartige Doppelbestrafungen mittlerweile nicht vermieden  werden?

Verständlich, dass Eintracht-Trainer André Schubert, dem seinerseits eine gewisse Ähnlichkeit mit der Trickfilmfigur „Wallace“ nachgesagt wird, die Entscheidung hinterher nicht kommentieren wollte, „weil ich sonst Strafe zahlen muss.“

Der Elfer war der Höhepunkt in einem Spiel, das ansonsten arm an Höhepunkt war. Und Schubert darf stolz sein auf seine Mannschaft, die trotz des Punktgewinns nun auf den 18. Tabellenrang abgerutscht ist. Nach dem Platzverweis überstand sie 72 Minuten in Unterzahl, mit einem irren Laufaufwand und nicht zu brechender kämpferischer Leidenschaft. Respekt.

ZUGEGEBEN: DIESE PROBLEME GEGEN DIESEN GEGNER HÄTTEN AUCH ANDERE GEHABT

Lautern dagegen: „Wir hatten Schwierigkeiten, die Bälle hinter die letzten Linie zu bekommen“, kommentierte FCK-Trainer Sascha Hildmann. „Es hat zu lange gedauert, bis wir eine Entscheidung getroffen hatten, bis wir eine Idee hatten.“

Aber: Sie haben sich bemüht. Doch, wirklich. Und: Die Probleme, die die Lauterer an diesem Abend hatten, hätten nahezu alle Mannschaften der Dritten, aber auch der Zweiten Liga gehabt, gegen einen derart tief stehenden und hochkonzentriert verteidigenden Gegner. Und dass der nach dem Platzverweis so agierte, ist ihm nicht vorzuwerfen.

In den knapp 20 Minuten zuvor operierte die Eintracht quasi spiegelbildlich zu Lautern. Ebenfalls in einem 3-4-3, durchaus bereit, nach vorne zu pressen, insbesondere, wenn sich der Gegner Richtung Seitenauslinie orientiert. Dabei präsentierte sich der Gast sogar einen Tick robuster.

Dieses Spiel eröffnet bisweilen aber die Chance, die Pressinglinie mit einem langen Ball zu überspielen, eben zum vielzitierten „schnellen Umschaltspiel“, das in den unteren Ligen Deutschlands mittlerweile als alleinseligmachendes Stilmittel gilt. Wir können es langsam nicht mehr hören.

70 MINUTEN IN ÜBERZAHL: EINE NETTE CHANCE ZU ÜBEN – EIGENTLICH 

Immerhin: Mit einem solchen langen Ball schickte Florian Pick nach den besagten 22. Minuten Thiele auf die Reise – und Lautern kam so zu seinem Elfmeter, den Albaek versemmelte. Bei nunmehr vier Elfmetern in dieser Saison ergibt sich nunmehr eine Fehlschussquote von 50 Prozent. Das ist gar nicht gut, hätte aber nicht spielentscheidend sein müssen. Es blieben ja noch fast siebzig Minuten in Überzahl.

Da es für den FCK den Rest dieser Saison nur noch darum gehen kann, mit seiner jungen Truppe sein Spiel für die Zukunft zu kultivieren, bot sich nun die Gelegenheit, gegen den nun brutal tief stehenden Gegner sich mal in was anderem zu üben als in „schnellem Umschaltspiel“. Darin nämlich, sich mit Dribblings und schnellen Pässen auf engstem Raum durch die gegnerische 5-3-1-Ordnung zu wurschteln.

Dabei war nicht alles schlecht: Seitenwechsel mit Diagonalbällen können die Lautrer mittlerweile ganz gut, dank Spieler wie Carlo Sickinger, Jan Löhmannsröben und Mads Albaek.

UND MANCHES HÄTTE BEINAHE GEKLAPPT…

Im Prinzip das richtige versucht haben sie auch. Über die Flügel kommend in den  Strafraum eindringen und dann entweder die Hereingabe vors Tor oder in den Rückraum versuchen. Hildmann hat das in der zweiten Hälften noch zu forcieren versucht, in dem er auf ein 4-4-2 umstellte, um „noch einen Mann mehr in der Box zu haben.“

Mit Doppelpässen auf dem Flügel hätte der Durchbruch ein paar Mal auch beinahe funktioniert. Aber Dribblings? Pick gelingt da bekanntlich manchmal was, an diesem Abend aber nicht, Hendrick Zuck glückte ebenfalls nichts, Dominik Schad kaum was.

So blieb der zur Pause eingewechselte Mittelstürmer Elias Huth quasi unsichtbar, Thiele, nunmehr Nebenmann, lieferte immerhin zwei Torschüsse ab. Einen davon nach einem wirklich geilen Zuspiel von Lukas Sternberg – fußballerisch der Höhepunkt dieses Spiels. Aber Elfmetertöter Fejzic parierte einmal mehr glänzend.

MÜSSIG: DIE FRAGE NACH DER QUALITÄT DER ECKEN

Ruhende Bälle wären da eine Lösung gewesen. Sickinger kam mit einem direkten Freistoß mal näher dran, aber die Ecken? Selbst Hildmann wirkt verzweifelt: „Wir trainieren sie, wir tun, aber vielleicht müssen wir noch was ganz anderes machen.“

Zwölf Ecken durften Sickinger und Sternberg treten, im jüngsten Spiel gegen Jena waren es zehn. Zählbare Resultate: null. Und so geht das schon seit einer gefühlten  Ewigkeit. Der einzige, der diese Saison nach einer Ecke mal traf, war Lukas Gottwalt. Doch der saß am Mittwochabend nur auf der Bank.

Aber, wie gesagt: Die Lauterer haben sich bemüht, bis zum Schluss. Und die spielerischen Probleme, die sie hatten, hätten unter diesen Bedingungen 90 Prozent aller Drittligisten gehabt.

  Und auch wenn es stets als uncool angesehen wird, das Wetter vorzuschieben: Die nasskalten Regenstürme machten den Platz gerade zum Ende hin zunehmend unbespielbar, und das nutzt der verteidigenden Mannschaft immer mehr als der angreifende.

FRAGEZEICHEN ALBAEK: WIE SOLL ES WEITERGEHEN?

Als großes Fragezeichen präsentiert sich weiterhin Mads Albaek. Er zählt zu den wenigen, deren Vertrag im Sommer ausläuft und die Spielraum für Neuverpflichtungen eröffnen könnten, falls sie nicht verlängern – er selbst hat in der „Rheinpfalz“ unlängst verlautet, dass er sich vorstellen könne.

Sein Auftritt gestern: Okay, Elfer verschießt jeder mal, auch wenn es nicht gerade der hätte sein müssen. Ansonsten: Durchaus ein paar kluge Pässe, diesmal auch ein paar kurze auf engem Raum in der Zehnerzone. Er war auch der, der über den Elfmeter hinaus die meisten Einschusschancen hatte. Zwei Mal höchst bedrängt aus kurzer Distanz nach Hereingaben von rechts – die waren schwer zu machen. Eine aus 16 Metern in der 78. Minute, doch da muss er zum Schuss seinen schwächeren rechten Fuß nehmen – ohen Erfolglos.

Sicher, der 29-jährige ist in seinen eindreiviertel Spielzeiten beim FCK immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen worden. In Phasen, in denen er länger auf dem Platz stand, hat er durchaus Potenzial angedeutet. Aber kann er tatsächlich der Kopf sein, der diese junge Mannschaft in eine bessere Zukunft führt? In dieser Frage müssen sich die sportlich Verantwortlich demnächst positionieren. Das wird nicht leicht.

Bleiben wir für heute erst mal sportlich – und fassen zusammen: Lautern hat diese Saison schon auf wesentlich peinlichere Art Punkte abgegeben, und Braunschweig ist der Punktgewinn absolut zu gönnen. Aufgrund der großen kämpferischen Leistung, aber auch wegen der unsinnigen Doppelbestrafung in der 22. Minute.

Foto: 1. FC Kaiserslautern