Keine Chance gegen den Tabellenführer: VfL sichert sich erst das Mittelfeldzentrum, dann die Punkte

„Zeigen, dass wir nicht so viel schlechter sind“, wollte der 1. FC Kaiserslautern gegen den Tabellenführer VfL Osnabrück. So hatte es zumindest Sport-Geschäftsführer Martin Bader formuliert. Nun, das ist gründlich schiefgegangen. 1:3 verlor der FCK am heimischen Betzenberg gegen den Gast aus Niedersachsen, und hatte dabei kaum Möglichkeiten, dem Spiel eine Wende zu geben. Das Videomaterial zum Spiel sollte sich FCK-Coach Sascha Hildmann dennoch gut aufheben. Aus der Darbietung des VfL lässt sich nämlich mit Blick auf die kommende Saison viel lernen.

 Schon das Hinspiel hatten die Pfälzer 0:2 verloren. Damals fuhren Team und Anhang des Absteiger, der noch dabei, die Dritte Liga kennenzulernen, ziemlich knatschig nach Hause. Die ersten 35 Minuten nämlich hatte die Elf von Michael Frontzeck das Spiel durchaus dominiert. Doch nach 59 Minuten glückte dem VfL, der schon damals Tabellenführer war, zum ersten Mal eine Aktion richtig gut, er ging mit  1:0 in Führung, worauf er zurückzog, bis er in der Nachspielzeit den finalen Konter setzte.

Das also sollte ein Topteam dieser Spielklasse sein? Eines, das sich im eigenen Stadion hinten rein stellt und nur auf Fehler der anderen wartet? Muss man so spielen, um aufzusteigen? So eine Spielweise würden die Fans am Betzenberg doch niemals akzeptieren…

EIN SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG: „SENSATIONELLES GEGENPRESSING“

19 Spiele später traf der FCK wieder auf Osnabrück, und begegnete einem jetzt  gereiften Tabellenführer, der eindrucksvoll demonstrierte, wieso er da oben steht und der FCK sich nach einem kleinen Höhenflug mit sieben Spielen ohne Niederlage nun wieder ins zweite Tabellendrittel verabschiedet. Vor allem zeigte der VfL, wie sich ein Spiel in der Dritten Liga kontrollieren lässt, ohne dass man die Ballbesitzelemente überbetonen muss.

Gegen den Ball agierten die Niedersachsen gar nicht mal sonderlich aggressiv, sondern beschränkten sich erst einmal darauf, im Zentrum dicht zu bleiben, so dass der FCK nur der Weg über die Flügel blieb. Dort ließ man ihn den Ball bis in die eigene Hälfte tragen, um ihn dann in der Nähe der Seitenauslinie zu attackieren.

Auffallend ebenfalls: Bei Ballverlusten setzten die Osnabrücker direkt nach, und dies machten sie diesmal so gut, dass es ein Sonderlob von Trainer Daniel Thioune gab: „Wir haben ein sensationelles Gegenpressing gespielt.“

OUAHIM, AMENYIDO, BLACHA: DAS MAGISCHE TRIANGEL

Doch auch mit dem Ball kontrollierten die Osnabrücker das Spielfeldzentrum. Wobei sich wieder einmal zeigte, wie wenig aussagekräftig die Darstellungen von   Grundordnungen auf dem Papier sind. Denen zufolge agierten beide Mannschaften in einem 3-4-3, wobei die Formation des VfL permanent so beweglich war, dass sie kaum als solche erkennbar war. Auch Thioune sprach hinterher, dass seine Mannschaft zumindest phasenweise auch im 3-5-2 gespielt hatte

Den Unterschied zwischen den Teams machten vor allem die Spieler, die diesen Grundordnungen zufolge auf den offensiven Halbpositionen agierten. Bei VfL glänzten da Etienne Amenyido und Anas Ouahim, die sicher auch mal den Weg über den Flügel suchten, sich aber auch immer wieder in die Spielmitte zurückfallen ließen, um sich als Anspielstationen insbesondere für David Blacha anzubieten, der sich aus der Sechserposition nach vorne bewegte.

Vor allem in der ersten Hälfte bildeten die Drei ein Triangel, dem der FCK nichts  entgegen zu setzen hatte. Die Halbstürmer Florian Pick und Timmy Thiele begriffen sich eher als Flügelstürmer, und Mads Albaek, Lauterns Taktgeber im hinteren Mittelfeld, suchte einmal mehr die unbedrängten Räume des Feldes, um den Ball anzunehmen, zu schauen und dann den langen Pass schlagen. Neben ihm mühte sich Gino Fechner vergeblich. Wie hätte da aus der Mitte ein (Spiel-)Fluss entspringen sollen?

THE NEVER ENDING STORY: DIE STANDARDSCHWÄCHE

Die Analyse der Gegentore wiederum offenbart gar nicht mal so sehr die fußballerische Unterlegenheit der Lauterer, sondern kündet einmal mehr von ihrer Schwäche nach ruhenden Bällen. Treffer zwei und drei fielen nach schlecht verteidigten Ecken des Gegners, und das erste Gegentor wurde ihnen sogar nach einer eigenen Ecke eingeschenkt: Ouahim sichert sich das Leder am Sechzehner, leitet weiter auf Blacha und ab gehts über die linke Seite nach vorne, Abspiel auf Steffen Tigges, den Thioune überraschend für Marcos Alvarez nominiert hatte, und schon steht’s 1:0.

Nicht minder haarsträubend das 2:0 nur fünf Minuten später. Da darf sich nach einer Blacha-Ecke Konstantin Engel, ein gerade mal 1,79 Meter großer Innenverteidiger, hochschrauben und Richtung langes Ecke köpfen, wo abermals Tigges wartet.

 „Carlo Sickinger ist da gut weggeblockt worden“, analysiert Hildmann später. Eklatanter ist aber: Die hinter Engel postierten Albaek und Thiele orientieren sich, noch bevor Engel köpft, schon wieder Richtung Strafraumgrenze, sind gedanklich anscheinend schon beim Konter, den sie gleich zu setzen gedenken… Pustekuchen.

Der dritte Gegentreffer folgt dann bereits in Hälfte zwei. Osnabrücks rechter Außenposten Bashkim Ajdini erwischt eine zu kurz abgewehrte Ecke lehrbuchmäßig mit dem Außenspann und nagelt ihn vom Innenpfosten ins Netz. Okay, kann man sagen, das  gelingt auch nicht in jedem Spiel, kann man aber auch sagen: Traumtor.

SICKINGERS 25-METER-ROHR HÄTTE VIELLEICHT DEN BETZE-GEIST GEWECKT

Fünf Minuten zuvor ist Lauterns Bestem, Carlo Sickinger, beinahe ebenfalls ein solches gelungen, als er halbrechts aus 25 Metern das Außennetz abzog. Der vielleicht einzige Moment im Spiel, von dem sich sagen lässt: Hier hätte das Ganze noch einmal eine Wende nehmen können. Wenn nach einem Einschlag der gute, alte Betze-Geist erwacht wäre.

So fällt der erste Lautrer Treffer erst beim Stand von 3:0. Erzielt wird er von Sickinger, wem sonst. Nach Zuspiel von Pick, dem in Hälfte zwei insgesamt ein wenig mehr gelingt als in den ersten 45 Minuten. Unterm Strich aber offenbart der Auftritt der 23-jährigen, vor Wochenfrist noch „Matchwinner“ beim Lauterer 2:0-Sieg in Lotte, jedoch einmal mehr mehr Schatten als Licht. In Kürze wird eine Entscheidung zu treffen sein, wie man mit diesem Talent, das einfach nicht zu Kontinuität findet, weiter verfahren will: Sein Vertrag läuft zu Saisonende aus.

Hildmann hat, wie bei Rückständen mittlerweile üblich, in der Pause wieder auf ein 4-4-2 umgestellt. Christoph Hemlein kam für Fechner und beackert jetzt den rechten Flügel, bleibt dabei aber wirkungslos. Pick kommt mit bekannten Licht-und-Schatten-Effekten über links, in der Mitte müht sich Thiele neben Christian Kühlwetter, der zunehmend aus der Spitze herausfallen lässt und im Zehnerraum wurstelt, was allerdings oft mehr nach Verzweiflung aussieht als nach taktischem Kalkül.

LAUTERN MUSS LERNEN, AUF DIE MITTE ZUZUGREIFEN – DURCH SYSTEMUMSTELLUNG?

Vielleicht sollte der Trainer in den nächsten Spielen, die ohnehin nur noch als Tests mit Blick auf die kommende Saison gesehen werden können, mal wieder eine Grundordnung wählen – eine, die mehr Zugriff in der Mitte erlaubt, am besten eine, die den Einsatz von drei zentralen Mittelfeldspielern vorsieht. So könnte auch Theo Bergmann mal wieder zu Startelfeinsätzen kommen.

Zum Abschluss bleibt uns nur, mal wieder ein bisschen gegen die Lieblingslamento der FCK-Funktionäre zu schießen. Sie wissen schon, lieber Leser: Wir haben 17 neue Spieler im Kader und Eintracht Braunschweig geht es noch viel schlechter…

Dieser souveräne Tabellenführer aus Osnabrück ist laut lokalen Medien mit einem Lizenzspieleretat von schätzungsweise drei Millionen Euro zusammengestellt worden. 14 Spieler sind erst im Sommer neu zum Verein gestoßen.

Blacha kam ablösefrei von Wehen Wiesbaden, Ouahim stammt aus der Zweiten Mannschaft des 1. FC Köln, Amenyido aus der Dortmunder Reserve. Alles Klassefußballer, die sich auch ein Zweitliga-Absteiger hätte leisten können, der rund zwei Millionen Euro mehr zur Verfügung hatte.

Foto: 1. FC Kaiserslautern