„Du bist nie größer als dein Team“ – Erkenntnisse, Anekdoten und Enthüllungen beim „Torwarttalk“ der FCK-Legenden 

Er existiert also doch noch, der gute alte Betze-Geist. Auch wenn der überdimensionierte Stadionklotz, der heute Fritz-Walter-Stadion genannt wird, mit dem historischen Rund, in dem die Westkurve noch eine Kurve war, nicht mehr viel zu tun hat. Die richtigen Leute aber können ihn immer noch heraufbeschwören. Am Dienstagabend war es soweit. Ronnie Hellström (70), Sepp Stabel (70) und Gerry Ehrmann (60) trafen sich auf Einladung des FCK-Museums zu einem „Torwarttalk“ mit ihrem aktuellen Erben im Lautrer Tor, Lennart Grill (20). Das Gespräch sollte eigentlich um die Frage kreisen, wie sich das Torhüterspiel im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Nachhaltiger bleibt jedoch: Am Betze durfte endlich mal wieder herzhaft gelacht werden.

Wenn Fußballveteranen vor ein vorwiegend angegrautes Publikum treten, ist die Versuchung groß, sich auf einfache Art Lacher und Applaus zu verschaffen, gerade angesichts einer Gegenwart, in der es nicht gut um den Klub bestellt ist. Einfach ein  paar Spitzen abfeuern gegen die aktuelle Spielergeneration, die verweichlicht ist, keine Werte mehr kennt, der der Allerwerteste hinterher getragen wird und, und, und… 

Dazu ließen sich die drei Ikonen erfreulicher Weise nur selten hinreißen. Halt nur, wenn sie einfach mal ihrem Herzen Luft verschaffen mussten, und das kann gerade einem Gerry Ehrmann immer mal passieren. 

„SONST KÖNNTEN WIR JA GLEICH DIE NUMMER 10 INS TOR STELLEN“

Klar müssten Torhüter heute auch fußballerisch besser geschult sein, aber zuallererst ging es für sie immer noch darum, Tore zu verhindern – „sonst könnten wir gleich die Nummer 10 ins Tor stellen“, erklärte Lauterns Torwartcoach auf eine entsprechende Frage von Moderator Sebastian Zobel. Allerdings seien da auch die Mitspieler gefordert, Rückpässe zu spielen, die sich vernünftig verwerten lassen – „aber wenn ich sehe, was bei uns im Feld manche für Feldpässe spielen…“ Das kommt natürlich gut vor einem Publikum, das am Sonntag gerade ein schmerzhaftes 1:3 gegen einen souveränen Tabellenführer aus Osnabrück mitansehen musste.

Sepp Stabel dagegen ist im Geiste immer noch die väterliche Trainerfigur, die er am „Betze“ zuletzt vor 30 Jahren darstellte – und nimmt die jungen Spieler, insbesondere den anwesenden Lennart Grill, immer wieder in Schutz. Die Feldspieler könnten immer mal einen Ball verlieren, „aber wenn wir Torhüter einen Ball durch den Hosenlatz kriegen, ist das morgen die Schlagzeile.“ Man müsse, wenn ein Tor gefallen sei, immer auch die Fehler betrachten, die davor gemacht wurden, und nicht immer nur die Frage stellen, ob der Ball für den Torhüter nicht vielleicht doch „haltbar“ gewesen sei.

DIE FRAGE ALLER FRAGEN: GIBT ES UNHALTBARE BÄLLE?

Apropos: „Gibt es überhaupt unhaltbare Bälle?“, fragt Zobel in die Runde.

Großartig die Antworten: „Manche Frauen sind unhaltbar“, flutscht es aus Gerry Ehrmann direkt heraus, und bevor jetzt einer die Sexismus-Keule schwingt: Das ist Gerry Ehrmann, der darf das, das passt schon… Außerdem schiebt er ja noch eine fachliche Antwort nacht: „Unhaltbare gäbe es nur dann nicht, wenn der Schütze dem Keeper jedes Mal vorher verraten würde, wo er hinschießt, aber das tut er nicht.“

„Unhaltbar waren alle, die ich nicht gehalten habe“, brilliert Sepp Stabel mit einem weiteren Oneliner, um dann, natürlich, noch ein wenig zu relativieren. Man will ja nicht als Maulheld dastehen. Ronnie Hellström: „Man muss zumindest die Einstellung haben, dass kein Ball unhaltbar ist“, auch wenn es im Spiel natürlich nicht möglich ist, alle zu halten.“

Insofern wird ihn das energische Statement vom Jüngsten gefreut haben: „Das Wort unhaltbar existiert in meinem Wortschatz nicht“, sagt Lennart Grill. Darüber hinaus gibt sich der Youngster äußerst selbstkritisch. „Ich schaue mir jedes Gegentor, das ich bekomme, hinterher immer wieder an. Manchmal komme ich zu dem Schluss, den hättest du vielleicht ja doch noch bekommen können.“

ZWEITE BÄLLE? „WIR HABEN IMMER NUR MIT EINEM BALL GESPIELT“

Was sonst einen guten Torwart ausmacht? „Du bist nie größer als dein Team“, plädiert Ronnie Hellström für mentale Bodenhaftung. Gerry Ehrmann ergänzt: „Aber ein bisschen bekloppt musst du schon sein.“ Und „erfolgsgeil“ natürlich.

Was sich sonst noch geändert habe im Lauf der Zeit? Anders, besser und vor allem zielgenauer abschlagen als früher müssen die Torhüter heute natürlich auch. Wenn er früher den Ball gesichert hatte, gab es nur „hoch, weit und weg“, erzählt Sepp Stabel. Den Begriff des „Zweiten Balles“ kannte man damals nicht. „Wir haben immer nur mit einem Ball gespielt.“

TORWARTTRAINER? „WIR WAREN EINZELKÄMPFER“

Der Druck? Den hatten die Veteranen zu ihrer Zeit auch. „Und damals wurde mit uns noch nicht so viel geredet, wir Keeper hatten noch keine eigenen Torwarttrainer, wir waren Einzelkämpfer“, so Sepp Stabel. Selbst der stets so selbstbewusst aufgetretene Gerry Ehrmann gibt zu: „Wenn ich früher einen Fehler gemacht hatte, habe ich mich drei Tage lang nicht getraut, morgens Brötchen zu holen.“

Die Medienpräsenz? Ja, natürlich. Twitter- und Instagram-Gedöns war den Stars von damals fremd. Und dass immer mehr Kameras ins Stadion Einzug hielten, habe auch das Verhalten auf dem Platz geändert. „Zu meiner Zeit haben mich Gegenspieler noch öfter mal im Vorbeigehen in die Seite gezwickt“, erzählt Sepp Stabel. „Später hat das keiner mehr getan, aus Angst, dass er dabei gefilmt wird.“

Das Fernsehen war es auch, dass die Geldspirale im Fußball zunehmend verrückter zum Drehen brachte, sukzessive ab 1985, als sich die Privatsender ins Geschäft zu drängen begannen.

RONNIES ERSTER VERTRAG: 2200 D-MARK IM MONAT 

Im FCK-Museum hängt der erste Vertrag, den Ronnie Hellström beim FCK unterschrieb, 1974, noch vor der Fußball-WM, bei der er groß herauskam und nach der er sicherlich einiges mehr hätte verlangen können. 2200 Mark im Monat wurden  ihm damals zugesichert – als schwedischem Nationaltorwart. Sepp Stabel hat nur 660 Mark im Monat verdient, als er in den 60er Jahren beim FCK unterschrieb. „Dazu gab’s 80 Mark für jeden Sieg. Das war viel Geld damals, ein Brötchen kostete ja nur fünf Pfennig.“

Apropos Siegprämie: So ganz beiläufig erfährt das Publikum auch, dass Sepp Stabel als langjährige Nummer zwei hinter Hellström stets die volle Siegprämie erhielt – auch so lässt sich Betriebsfrieden sichern. Die innige Freundschaft, die beiden 70-jährigen auch heute noch verbindet, hätten die beiden sicher auch so geschlossen.

Denn Geld war damals tatsächlich noch nicht alles. Und neidisch auf die enormen Verdienste der heutigen Spielergeneration sind beide 70-jährige nicht. Auch wenn Sepp Stabel seinen ersten Torwartpullover aus eigener Tasche bezahlen musste – seine  ersten Torwarthandschuhe besorgte er sich übrigens bei Hertie.

VOM HANDWÄRMER ZUR HANDSCHUHHEIZUNG

Und bei einem Flutlichtspiel bei zehn Grad minus lieh er sich bei einem Ordner mal einen Handwärmer, damit ihm während des Spiels die Finger nicht einfroren: „Jedes Mal, wenn der Gegner angriff, habe ich ihn schnell ins Netz geworfen und danach wieder rausgefischt.“ Darauf die Frage an die aktuellen Keeper: „Gibt’s mittlerweile eigentlich schon beheizbare Handschuhe?“ Kommentar von Gerry Ehrmann: „Handschuhe halten keine Bälle.“ 

„Es hat sich viel verändert, aber ich bin gerne in meiner Zeit Fußballer gewesen“, resümiert Ronnie Hellström nach zwei vergnüglichen Stunden. 

Überhaupt Ronnie: Er ist ja eigentlich der Grund, weswegen der „Torwarttalk“ zustande kam. Die schwedische Legende ist gerade in der Pfalz unterwegs, um sein Buch „Ronnie – Der fliegende Wikinger“ zu promoten, das jetzt in Deutsch erschienen ist. 

Und wie immer ist er beinahe der Stillste in der Runde gewesen. Schon auf dem Platz habe er nicht gerne rumgeschrien, das mussten ihm die deutschen Trainer erst beibringen, erzählt er. Drum lässt ihn Sebastian Zobel zum Abschluss noch zwei Anekdoten erzählen.

ZWEI ANEKDOTEN ZUM SCHLUSS – UND EIN APPELL

Eine von einem FCK-Besuch in Kolumbien, wo Stabel und Hellström eine Disko besuchten und dabei den Unmut eines scheinbar äußerst gewaltbereiten Herren erregten, mit dessen Dame sie „zu schwedisch“ getanzt hatten. „Wir flüchteten auf unser Zimmer und hörten erst auf, um unser Leben fürchten, als wir am nächsten Tag im Flugzeug saßen.“

Und eine von einem Waldlauf unter Trainer Erich Ribbeck in Richtung Hochspeyer, den Stabel und Hellström partout nicht bis zum Ende bewältigen wollten. Als Schlusslichter des Feldes bogen sie in einen Waldweg ab, überredeten zwei Forstarbeiter, sie mit ihrem Traktor zum Betze zurückzufahren, versteckten sich dort in der Toilette, bis das Team wieder eintraf und mischten sich dann, völlige Erschöpfung vorschützend, wieder unters Volk…

Zum Schluss appelliert Gerry Ehrmann an die aktuelle FCK-Führungsmannschaft, endlich die Grabenkämpfe zu beenden und zum Wohle des Vereins endlich an einem Strang zu ziehen. Hoffentlich haben die anwesenden Funktionäre die Botschaft vernommen.