Die schmerzhafteste Heimniederlage der Saison – „Wir sind selbst schuld, wir Idioten“

0:1 unterliegt der 1. FC Kaiserslautern dem Tabellenschlusslicht VfR Aalen durch einen späten Gegentreffer von Petar Sliskovic in der 88. Minute. Die vierte Niederlage im 15. Ligaspiel unter der Regie von Trainer Sascha Hildmann. Und die, die am meisten schmerzt, den Trainer wie das Gros der 18.300 Zuschauer, der erneut auf den Betzenberg gepilgert waren. Die Erklärung, nach dem dritten Spiel einer „englischen Woche“ habe in der zweiten Hälfte „die geistige Frische“ gefehlt, greift nur bedingt: Die Spieler, die die entscheidenden Fehler machten, haben nur einen Bruchteil dieser insgesamt 270 Minuten bestritten. Als Fingerzeig für die kommende Spielzeit sollte viel mehr festgehalten werden: Das Qualitätsgefälle im Kader ist zu groß. Zwei der drei vollzogenen Wechsel schwächten die Mannschaft, statt ihr neue Impulse zu geben.

Den ersten Austausch musste Hildmann bereits nach einer Viertelstunde vornehmen, notgedrungen. Lauterns Theo Bergmann und Aalens zentraler Innenverteidiger Thomas Geyer krachen mit den Schädeln gegeneinander, Geyer kann weiterspielen, Bergmann muss mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. „Es ist nicht so schlimm, wie es ausgesehen hat“, lässt Bergmann noch in der Nacht über die sozialen Medien wissen – die beste Nachricht dieses Tages.

Für Bergmann bringt Hildmann Hendrick Zuck. Der hat vor Wochenfrist in Uerdingen gar nicht gespielt, unter der Woche beim Verbandspokalfinale gegen Dudenhofen ist er lediglich eingewechselt worden – „fehlende geistige Frische“ kann da also nichts entschuldigen.

HILDMANN: „AUF EINIGE LEUTE HABE ICH ECHT EINEN HALS“

Hildmann entschließt sich, im zuletzt erfolgreichen 3-4-1-2 stehen zu bleiben und Zuck Bergmanns Zehnerposition zu überlassen. Zuck macht das zunächst nicht schlecht, wagt einige Zuspiele, die seine Mitspieler in gute Positionen beinahe in gute Positionen bringen – aber eben nur beinahe. Nach der Pause produziert Zuck jedoch fast nur noch Abspielfehler, „verliert vier, fünf Bälle ganz frei, das nervt“, konstatiert auch sein Trainer hinterher, der sich mit Einzelkritik normaler Weise sehr zurückhält. Doch er ist so zerknirscht, dass es ihm einfach rausrutscht: „Auf einige Leute habe ich echt einen Hals.“

Die breite Masse der Beobachter hat sich dagegen Timmy Thiele zum größten Sündenbock erkoren. Sicher, der hat in der 55. Minute die größte Torchance des gesamten Spiels, als er noch in der eigenen Hälfte den Ball erobert, über 60 Meter allein aufs Tor zuläuft, sich am Ende aber nach rechts abdrängen lässt. Welche Weisheit fällt uns dazu ein? Richtig: „Der hatte zu viel Zeit zum Denken.“ Zu den vielen, die sie hinterher formulieren, zählt auch Lauterns zentraler Innenverteidiger Carlo Sickinger, einmal mehr der beste seines Teams.

THIELE IST NACH SEINER VERGEBENEN CHANCE FERTIG, BLEIBT ABER DRIN

Thiele aber hatte auch starke Szenen, setzte sich immer mal stark am Flügel durch. Unter anderem bereitet er in der 20. Minute eine Großchance für Zuck vor, als er nach steilem Zuspiel von Jan Löhmannsröben rechts durchbricht das Leder flach durch den Fünfmeterraum passt.

Nach diesem missglückten Sololauf allerdings ist Thiele anzusehen, dass ihn dieses Erlebnis mental erledigt hat. Eigentlich müsste er raus, aber: „Ich wollte ihn drin lassen, weil er unser schnellster Stürmer ist und Aalen doch kommen musste“, begründet Sascha Hildmann seine Entscheidung, ihn weiter spielen zu lassen. Einfach hat er sie sich nicht gemacht. „Ich hatte viele Gedanken im Kopf“, versichert der Coach in seinem Frust sehr glaubwürdig.

Eine davon sei durchaus auch gewesen, auf ein 4–4-2 umzustellen, so, wie er es auch in den jüngsten Spielen getan hatte, um das Offensivspiel neu zu beleben. Diesmal aber plagen ihn gewisse Sorgen. Mit Bergmann/Zuck hat er bereits früh einen Wechsel wider Willen durchführen müssen, zudem haben Löhmannsröben und André Hainault bereits Gelb, da will er nicht zu früh einen Abwehrspieler für einen Stürmer opfern.

STERNBERG FÜR PICK – DIE FATALE FEHLERQUELLE

Statt dessen bringt er Janek Sternberg „positionsgetreu“ für Florian Pick. Sternberg hat in der Englischen Woche bislang gerade mal zehn Minuten gespielt. Zehn Minuten nach seiner Einwechslung spielt Sternberg den Fehlpass, mit dem Aalen den entscheidenden Treffer einleitet. In dem aber auch der sonst so zuverlässige Kevin Kraus seine Aktien hat, der am Mittwoch gegen Dudenhofen geschont worden war. Wie Kraus nach der Diagonalflanke sein Kopfballduell gegen Torschütze Sliskovic verliert, der das Leder gekonnt annimmt und eiskalt über Lennart Grill lupft, ist alles andere als ein Ruhmesblatt.

EIGENTLICH HATTE DOCH KEINER MEHR GEWINNEN WOLLEN

Dabei hatte nach 70 Minuten alles nach einem weiteren 0:0 ausgesehen, weil kein Team mehr einen erkennbaren Siegeswillen entwickelte – auch die Aalener nicht, die aufgrund ihrer Tabellensituation ja „zum Siegen verdammt“ waren, wie Hildmann es vor dem Spiel ausdrückte.

Dass die „fehlende geistige Frische“ diesen herben Rückschlag nicht ganz erklärt, war auch dem Coach am Ende klar. Das zeigt das finale Statement, mit dem sich Sascha Hildmann geknickt aus dem Presseraum verabschiedete: „Scheiße, wir sind selbst schuld, wir Idioten.“

Foto: 1. FC Kaiserslautern