„Wir waren Allrounder, die alles etwas über dem Durchschnitt konnten“ – Im Gespräch mit Tom Dooley, Teil II

Seine letzten Erfahrungen mit Verantwortlichen des 1. FC Kaiserslautern waren deprimierend, der Verein steckt jedoch immer noch tief in seinem Herzen, obwohl er schon seit Jahren in anderen Teilen der Welt unterwegs ist. Dies war aus dem I. Teil unseres Interviews mit Thomas Dooley deutlich herauszulesen. In Teil II erzählt der 57-Jährige, der mit dem FCK einst Meister und Pokalsieger wurde, wie er als Fußballlehrer im Ausland Deutschland bei der Fußball-WM erlebt hat, wie er die Probleme in der Nachwuchsarbeit sieht – und was seinen Erfolg als Fußballer ausgemacht hat.

Tom, nach dem schlechten Abschneiden der Deutschen Nationalmannschaft bei der WM und  dem erneuten frühen Ausscheiden nahezu aller deutschen Vereine aus den europäischen Klubwettbewerben wird zunehmend über „strukturelle Probleme“ diskutiert. Top-Trainer wie Klopp, Guardiola und Tuchel, die vor der WM 2014 den deutschen Fußball vor allem in taktischen Fragen inspirierten, arbeiteten mittlerweile im Ausland, und auch die Qualität der nachrückenden Spieler lasse zunehmend nach, heißt es. Wie nimmst Du, als im Ausland arbeitender Fußballfachmann, das wahr?

Dass die Nationalmannschaft bei der letzten WM nicht erfolgreich sein würde, hatte ich schon vorhergesagt, da kannst du meine Leute auf den Philippinen fragen. Um Erfolg zu haben, muss die MANNSCHAFT funktionieren. Da gab es von Anfang an zu viele Konflikte, so dass keine gemeinsame Basis entstehen konnte. In die Details zu gehen, würde jetzt zu lange dauern. Kurz, du musst ein TEAM haben, das sich unter einander mag, in dem sich jeder einzelne den Allerwertesten für den anderen aufreißt. Emotionen spielen eine grosse Rolle. Und Ehrlichkeit gegenüber den Spielern, sonst verliert man die Glaubwürdigkeit. Es darf in so einem wichtigen Turnier keine Gruppen geben. Vieles war doch schon im Vorfeld sichtbar. Pfeifkonzerte bei Freundschaftsspielen wegen zwei Spielern, junge, hungrige Spieler mussten zu Hause bleiben, entgegen anderer Versprechungen wurden Spieler eingesetzt, die nicht hundertprozentig fit waren. Da hat so ziemlich alles gefehlt, was in den vergangenen Jahren ganz hervorragend gemacht worden war.

Und was sagst du zu den „strukturellen Problemen“?

Eigentlich bin ich ja etwas zu weit entfernt von Deutschland, um diese zu beurteilen, da fehlt mir der Einblick in die Details. Generell glaube ich, dass, wenn sich etwas auf diesem Niveau bewegt, immer Zweifel und verschiedene Sichtweisen entstehen. Da werden auch manchmal schnell Probleme reingeredet. Wir haben es doch gerade erlebt. Da wird über  den Umbruch in der Nationalmannschaft geredet und über Nachwuchsprobleme, dann lässt der Bundestrainer mal ein paar junge, hungrige Spieler auflaufen und schon hauen die die Holländer weg. Es wird immer Schwankungen geben. Die sollte man besprechen, aber auch nicht überbewerten. Jede Liga wünscht sich Trainer wie Klopp, Guardiola, oder Tuchel. Doch auch wenn sie weg sind, gibt es immer noch sehr gute Trainer in der Bundesliga. Bruno Labbadia zum Beispiel hatte mit jeder Mannschaft, die er übernahm, Erfolg – und wurde dann nach dem ersten Durchhänger wieder entlassen.

Auch die Nachwuchsleistungszentren in Deutschland geraten zunehmend in die Kritik. Dies ist beispielsweise in dem Buch „Ausgespielt“ von Dietrich Schulze-Marmeling dokumentiert, das ich in meinem Blog bereits besprochen habe. In den NLZ’s würden die Talente überversorgt, die Ausbildung individueller Fähigkeiten vernachlässigt, zu viel Erfolgsdruck geschürt, weil die NLZ-Trainer zu sehr auf schnelle Erfolge und die eigene Karriere schielten. Du arbeitest selbst im Jugendbereich, wenn auch nicht in Deutschland. Wie siehst Du das?

Wir haben dieses Thema schon damals während meiner Ausbildung zum Fussball-Lehrer Ausbildung besprochen. Da lag sogar eine Studie vor, warum die meisten Junioren-Nationalspieler es später in der Bundesliga nicht schaffen. Schon damals hieß es: Die Spieler werden schon in jungen Jahren wie Könige behandelt. Ob in ihrem Verein oder bei der Nationalmannschaft. Beste Hotels, Massagen, Erste-Klasse-Transporte, von Tausenden von Fans hochgejubelt und, und, und. Sie bekommen dann zwar einen Vertrag in der Bundesliga,  können sich aber nicht durchsetzen und landen später in der 3. oder 4.  Liga. Spieler, die mal 0:3 oder 0:5 verlieren und lernen müssen, sich durchzusetzen, entwickeln einen ganz anderen Ehrgeiz und eine ganz andere Einstellung. Beides braucht man, um sich richtig reinzuknien.

In dem genannten Buch wird auch der langjährige Bayern-Jugendtrainer Hermann Hummels zitiert: Ihm sei aufgefallen, dass die Jungs, die zu früh zu hoch gehypt würden, es meist dann doch nicht schafften. Die, die am Ende groß raus kämen, wären eher die, die man zuerst nicht auf dem Schirm habe und die sich daher erst nach und nach durch konzentriertes, hartes Training ins Rampenlicht spielen müssten. Als Beispiele nennt er Philipp Lahm und Thomas Müller. Dich hab ich schon in ganz jungen Jahren beim TuS Landstuhl spielen gesehen, zusammen mit Theo Gries, der später in Aachen und Berlin als Torjäger erfolgreich war. Nach meiner Erinnerung habt Ihr da als 18, 19-jährige schon zu den guten Spielern gehört, seid aber nicht unbedingt die Überflieger gewesen, von denen jeder sagte: „Boah, die zwei werden ganz bestimmt mal Profis…“ Insofern scheinst Du mir durchaus auch ein Beispiel für die These von Hermann Hummels zu sein, wenn auch ein reichlich frühes… Siehst Du Dich als Spieler auch so – als Spätentwickler?

Tja, ich bin in allem ein Spätentwickler gewesen. Habe mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, mit 18 Jahren noch in der C-Klasse, in Bechhofen, gekickt. Habe erst mit 25 in der Ersten Bundesliga debütiert, bin erst mit 31 US-Nationalspieler geworden, hab mit 37 meine zweite Fußball-Weltmeisterschaft gespielt, meinen ersten richtigen Cheftrainerposten erst mit 53 angetreten… Theo und ich haben Fussball gearbeitet und sind normal geblieben. Wir haben für den Fussball gelebt und alles auf dem Platz gelassen. Wenn du 100 Prozent gibst, kannst du auch alles erreichen, denn, wie ich schon mehrmals gesagt: Anything is possible. Wir waren nicht die Schnellsten oder die perfekten Techniker. Aber wir konnten den Fussball lesen und hatten eine gute Antizipation, ahnten immer, was die nächsten zwei, drei Sekunden passieren kann. Wie im Schachspiel. Wir konnten den Ball annehmen, abspielen, aber auch mal wegfegen. Zusammenfassend würde ich sagen: Wir waren Allrounder, die alles etwas über dem Durchschnitt konnten. Aber wir hatten die richtige Einstellung und haben uns hochgekämpft.

In deiner Spielervita fällt die einjährige Pause auf. Du hast 1993, mit 32 Jahren, beim FCK aufgehört und bist ein Jahr später in Leverkusen wieder eingestiegen… Was war da los? Und wie schafft man es, im fortgeschrittenen Fußballalter, nach einem Jahr Pause als Profi, nochmal zurückzukommen?

Nein, so war das nicht. Mein Vertrag in Kaiserslautern lief 1993 aus, und in Kalifornien wurde die US-Nationalmannschaft zusammengezogen, um sich auf die WM im eigenen Land vorzubereiten. Da entschied ich mich, in die Staaten zu gehen und die einjährige Vorbereitung komplett mitzumachen.

Wie bist Du dazu gekommen, mit Deinem Bruder Steven die Dooley Soccer University zu gründen?

Wie wollten die besseren Spieler zusammenziehen und sie zusammen weiterentwickeln. Uns schwebte immer vor, eine Art Berufsausbildung zum Fußballer anzubieten. Sieben Trainingseinheiten in der Woche plus theoretischen Unterricht, eine Lehre wie zum Elektriker oder Werkzeugmacher. Das versuche ich auch jetzt hier in Manila umzusetzen.

Wie entwickelt sich dein Fußballklub, die „Orange County Kings“?

Den habe ich ja schon seit Jahren nicht mehr. Wir hatten mit zwei Teams angefangen. Später hatten wir neun, waren über drei Jahre erfolgreich gewachsen. Aber wie so vieles scheiterte es am Finanziellen. Wir hatten keinen eigenen Platz, mussten Plätze anmieten. Dann wurden über Nacht alle Trainingszeiten auf einer Anlage gestrichen, weil andere bessere Beziehungen hatten. Wir mussten vier Mannschaften abmelden und ich hatte plötzlich mehr mit Behördenkram zu tun als mit Fußball. Daraufhin haben wir den Klub abgegeben.

Zum Schluss noch was Schmunzeln. Es gibt da diesen Country-Song, der lange vor Deiner Zeit entstanden ist: „Hang down your head, Tom Dooley“, in der deutschen Cover-Version heißt er „Alles vorbei, Tom Dooley“. Wie hat er dich durch dein Leben begleitet? Hat er für deine Eltern eine Rolle bei der Wahl Deines Vornamens gespielt?

Der Song hat wohl die „Bild“-Zeitung inspiriert, mich für mein erstes Titelfoto mit Cowboy-Hut und Colt posieren zu lassen. Das werde ich nie vergessen. Ansonsten habe ich mich dem Song nicht viel zu tun. Auch bei der Wahl meines Namens hat der keine Rolle gespielt.

Danke fürs Gespräch, Tom.

Liebe Grüße Kaiserslautern und den Rest von Deutschland – und vor allem alles Glück für den FCK in den restlichen Spielen.

(Hier geht’s zum I. Teil unseres Interviews.)