Offenbarungseid statt Spendenaufruf: Wenn der Ostersonntag zum Totensonntag wird

Das Schlimme an der Reportersprache ist: Manche Bildvergleiche sind schon so oft gebraucht worden sind, dass sie keine Wirkung mehr entfalten, wenn sie mal wirklich angebracht sind. Die Floskel vom „Offenbarungseid“ etwa – nie hat sie wohl besser gepasst als zur Partie des 1. FC Kaiserslautern gegen Hansa Rostock am Ostersonntag, aber wer mag sie noch lesen? Da kommen immer noch 21.500 Zuschauer ins Fritz-Walter-Stadion, nach einer bereits verkorksten Drittligasaison, nach sieben Heimspielen, in denen ihr Team nicht einmal einen Treffer erzielte, nach bereits zwei Heimniederlagen in Folge, sind angelockt worden mit der Versprechung, ihre Mannschaft wolle noch mal Reklame machen für die laufende Crowdlending-Aktion, mit der die Lizenz für die nächste Spielzeit gesichert werden soll – und dann das. 0:2, wieder kein Treffer, die dritte Heimniederlage in Folge. Und noch immer sind vier Partien zu spielen. Nun ist Führungsstärke gefragt, das Setzen seines Signals – doch wen nur sollte die Zornesfaust treffen?

Nein, den Vorwurf, das Problem sei schlicht und ergreifend, dass die Spieler die Saison, womöglich schon ihren Arbeitsplatz abgehakt hätten, wollten sie hinterher partout nicht gelten lassen. Christian Kühlwetter nicht, Jan Löhmannsröben nicht, Lennart Grill nicht – halt die, die es nach dieser Darbietung überhaupt noch wagten, sich in der „Mixed Zone“ Gesprächen zu stellen. Wozu es schon Mut brauchte, auch das soll festgehalten werden.

Die Trainingsintensität sei nach wie vor hoch, erklärten alle drei unisono, und auch der Trainer Sascha Hildmann bestätigte später: „Unter der Woche geht es bei uns richtig zur Sache. Die gehen sich manchmal fast an die Gurgel.“ Aber warum ist davon im Spiel nichts zu sehen? „Da klafft im Moment eine Riesenlücke“, nickt Hildmann traurig. „Das müssen wir rausfinden und verbessern.“

„EIN LERNPROZESS, AUCH FÜR DEN TRAINER“

Auch der Auftritt des Trainers ist sinnbildlich. Nach der vorausgegangenen Heimniederlage gegen Aalen kochte Hildmann vor unterdrückter Wut, diesmal spricht er leise und zurückhaltend. „Es hilf nichts, auf die Mannschaft einzuprügeln. Das ist unser Fundament für die nächste Saison. Zurzeit ist es ein Lernprozess, auch für den Trainer.“

Das klingt nach psychologischem Einfühlungsvermögen, unter dem frischen Eindruck dieser blutleeren 90 Minuten muss man sich allerdings fragen, ob da nicht vielleicht auch Resignation herausgehört werden könnte. Und so sehr der Trainer auch selbst mitleidet – wohl kaum ein Übungsleiter der Vereinsgeschichte war so sehr auch FCK-Fan: Emotionen machen im Fußball zwar viel aus, für richtige Entscheidungen braucht es nüchternes Urteilsvermögen. Und diesbezüglich gibt es nach diesem Auftritt einiges anzuzweifeln.

DIE BANK ERKANNTE DIE PROBLEME, STEUERTE ABER NICHT GEGEN

Wieder einmal fand der FCK in eine Partie erst gar nicht hinein, was der Trainer durchaus treffend analysierte. „Wir sind generell nicht nach vorne ins Spiel gekommen. Wenn wir mal verlagert haben, wurden die Bälle so chipmäßig gespielt, so dass die Abwehrspieler leicht rankamen. Die Diagonalbälle waren zu langsam, die tiefen Bälle kamen nicht an, Spieler wie Toni Jonjic, die gut für Einzelaktionen sind, konnten sich nicht durchsetzen.“

Nur: Bis nach dem 0:2 ist von der Bank aus nichts getan worden, um da gegenzusteuern. Kein personeller Wechsel, kein Neuformieren, keine Idee, die den Gegner, der das Spiel locker kontrollierte, vor neue Aufgaben stellte. Erst in der Minute 69 kommt Elias Huth für Löhmannsröben und die absehbare Umstellung aufs 4-4-2, da ist längst alles zu spät.

DREIERKETTE GEGEN DREI-MANN-STURM: MÄCHTIG SCHWERE FEHLER

Dabei ist eigentlich bekannt, dass sich Dreierketten gegen Drei-Mann-Sturmformationen oft als problematisch erweisen. Da braucht es Außenbahnspieler, die genau wissen, wann sie sich hinten mit einzufädeln haben, damit das Defensivtrio nicht zu weit auseinandergezogen wird. Und wenn der langsamste Spieler auf dem Platz, weil als linker Innenverteidiger positioniert, sich dann auch noch permanent den schnellsten Aktiven des Gegners gegenübersieht… 

Als Merveille Biankadi nach 55 Minuten nach einem gewonnen Laufduell gegen André Hainault den Führungstreffer für Rostock erzielt, hat sich längst abgezeichnet, dass der Treffer aus dieser halbrechten Position fällt oder zumindest eingeleitet wird.

Schon in der ersten Hälfte hatte Hansa vier exzellente Einschusspositionen kreiert, lediglich den finalen Pass schlampig gespielt, und fast immer hatten die Gäste die Lücke halbrechts gefunden. 

Auch seinen zweiten Treffer erzielt Biankadi aus dieser Position. Ihm am nächsten kommt noch zu der zurückgeeilte Halbstürmer Christian Kühlwetter.  Der linke Innenverteidiger Hainault und der linke Außenbahnspieler Florian Pick sind sonstwo positioniert.

LAUTERNS OFFENSIVAKTIONEN – WER WILL DAS EIGENTLICH LESEN?

Lauterns Offensivaktionen zu analysieren, macht schlicht und ergreifend keinen Spaß – und überhaupt: Wer will das noch lesen? Kühlwetter und Pick kommen in Hälfte eins mal beinahe in Schusspositionen, jeweils nach Einzelaktionen, so etwas wie Zusammenspiel, zügiges zumal, findet beim FCK nicht statt. 

Und, ach ja: Löhmannsröben kommt nach einer Mads Albaek-Ecke mal am langen Eck zum Schuss, der allerdings abgeblockt wird, und nach einer flachen Flanke Kühlwetters verpasst „Löh“ am Fünfmeterraum knapp. In Hälfte zwei darf Timmy Thiele eine Jonjic-Flanke mal einigermaßen frei aufs Tor köpfen, die technische Ausführung ist allerdings indiskutabel. 

Überhaupt: Hildmann hat Thiele und Kühlwetter schon vom Anpfiff weg wieder mal die Positionen tauschen lassen. Thiele agiert wieder zentral, Kühlwetter halblinks. Weshalb, wird nicht so ganz klar. Thiele hat zuletzt wiederholt gezeigt, dass er seinen größten Nutzen bei langen Flügelläufen entfaltet, Kühlwetters unorthodoxes Mittelstürmerspiel war jüngst so ziemlich das einzige Element, das dem Gegner mal Rätsel aufgab.

NIEDERGESCHRIEN VON DER BLAUEN WAND – EIN SINNBILD

Die Frage bleibt: Wie sollen die beiden noch ausstehenden Heimspiele gegen Unterhaching und Meppen angegangen werden, damit die Mannschaft dieses Stadion nicht endgültig leerspielt? Schon zum Abpfiff dieser Partie präsentierte sich die  ruhmreiche „West“ weitgehend geräumt. Bereits während des Spiels waren die Lautrer Fans von der blauen Wand niedergebrüllt worden, die rund 3000 Rostocker Anhänger in der Osttribüne errichtet hatten. 

Ein erstaunliches Bild, zumal auch für die Hansa-Kogge in dieser Spielzeit weder nach oben noch nach unten noch irgendwas geht. Der Eindruck drängte sich förmlich auf: Da standen sich ein Verein gegenüber, der noch an eine Zukunft glaubt, und ein anderer, der die seine bereits aufgegeben hat.

Hoffnung? Zitieren wir aus unserem Interview mit FCK-Ikone Thomas Dooley, die  schon mal eine Mannschaft zur US-amerikanischen Juniorenmeisterschaft coachte: „Spieler, die mal 0:3 oder 0:5 verlieren und lernen müssen, sich durchzusetzen, entwickeln einen ganz anderen Ehrgeiz und eine ganz andere Einstellung.“ Vielleicht wird dieser tote Ostersonntag ja irgendwann einmal zur wichtigen Lehrstunde verklärt werden. Vielleicht. Glaube versetzt bekanntlich Berge, gerade an Ostern.

Foto: 1. FC Kaiserslautern