Kommentar: Die Lizenz retten, ist eine Sache – sich zu verkaufen, eine andere

Von wegen „Lautern ist gerettet“, von wegen „Jetzt wird alles gut“: Die am gestrigen Donnerstagabend veröffentlichte Erklärung des 1. FC Kaiserslautern, der Beirat der Kapitalgesellschaft „begrüße“ den, wohlgemerkt, „möglichen“ Einstieg des Luxemburger Unternehmers Flavio Becca, war wenige Stunden später bereits ad absurdum geführt. Denn, um ein passendes Zitat aus der thematisch durchaus passenden TV-Serie „House of Cards“ zu bemühen: „Das Abschlachten geht weiter.“

Wie „Rheinpfalz“, „kicker“ und SWR übereinstimmend berichten, verlangt der Milliardär für seinen Engagement den Rücktritt des Beiratsmitglieds Michael Littig bis kommenden Montag. Die gleichen Medien melden übereinstimmend, dass Becca bislang lediglich ein Darlehen, also keine Investition, in Höhe von 2,6 Millionen Euro zugesagt habe, falls auf seine Forderung eingegangen werde.

Damit wäre die Lizenz für die kommende Saison gesichert, wie es jeder im Verein auch seit Wochen herbeisehnt – aber: Erpressung ist’s dennoch. Und hinter Becca stehen ausgerechnet die Führungskräfte, die sich bislang als die treuesten Verfechter des vom Verein verabschiedeten „Vier-Säulen-Modells“ aufspielten, das zu viel Einflussnahme eines Investors eigentlich verhindern soll.

„BEGRÜSSEN“ HEISST NICHT BESCHLIESSEN

Der Reihe nach. Hier erst mal der Link zur offiziellen Presseerklärung des FCK von Donnerstagabend. Profileser notieren: „Beschlossen“ hat der Beirat noch gar nichts, er „begrüßt“ lediglich nur den „möglichen“ Einstieg Beccas.

Wie aus einem Tweet des Beiratsmitglieds Jürgen Kind hervorgeht, wäre ein Beschluss auch gar nicht möglich gewesen, weil der Beirat lediglich zu einem „informellen Treffen“ zusammengekommen sei. Auch seien nur vier der fünf Beiratsmitglieder anwesend gewesen. Wer fehlte, machte Kind nicht bekannt.

Ansonsten wird in der Presseerklärung eigentlich nichts konkretisiert, die Rede ist lediglich von einer „große Chance, sowohl was die kurzfristige Absicherung der Lizenz, als auch was die zukünftige Entwicklung des FCK betrifft.“ 

Weiter heißt es: „Der Beirat beauftragt daher die Geschäftsführer Michael Klatt und Martin Bader damit, die Verhandlungen weiter zu führen“, außerdem spricht er den beiden das Vertrauen aus und beauftragt sie, „die Themen Lizenzierung sowie Planung und Umsetzung der kommenden Spielzeit zu bearbeiten.“

Und wir stellen fest: Da findet sich keine Aussage darüber, ob Martin Baders zum Jahresende auslaufender Vertrag verlängert werden soll, was aktuell bekanntlich ebenfalls für Zündstoff im Gremium. Bader erhält lediglich Prokura für die kommenden Wochen.

RÜCKKEHR ZUR SACHLICHKEIT? IM ERNST?

Der Schlusssatz freilich gerät zur Realsatire: „Zuletzt möchten die Verantwortlichen des FCK alle, auch die Medien, nochmals zu einer Versachlichung der Diskussionen aufrufen und bitten darum, Themen künftig wieder inhaltlich und nicht auf persönlicher Ebene zu diskutieren.“ Da würden wir jetzt gerne mit etwas Originellerem kontern als mit der Metapher vom Glashaus und den Backsteinen, doch fällt uns beim besten Willen nichts Treffenderes ein.

Denn seit Wochen werden sämtliche über den FCK berichtende Medien mit Indiskretionen aus den Führungsgremien gespeist, und zwar aus beiden sich spinnefeind gegenüber stehenden Lagern. In der einen Ecke stehen, auch das ist längst kein Geheimnis mehr, Patrick Banf und Jochen Grotepaß, in der anderen Michael Littig und Jürgen Kind. 

Nestor Paul Wüst gilt als das Zünglein an der Waage, zuletzt ist er wohl ins Littig-Lager gependelt, als es hieß, es gebe mittlerweile eine 3:2-Mehrheit für eine Ablösung Baders. Was natürlich ebenfalls flugs öffentlich gemacht und seither auch nicht dementiert wurde.

DIE MEDIEN MACHEN NUR IHRE ARBEIT – NUR „BILD“ WIRD SCHAMLOS

Und was machen die Kollegen mit internen Informationen, die ihnen zugetragen werden? Ganz einfach: ihre Arbeit. Und allen Unkenrufern zum Trotz sei gesagt: Fast alle Medienvertreter, die um den Betzenberg kreisen, sind intelligent genug, um zu erkennen, aus welchem Lager und in wessen Interesse sie gerade infiltriert werden und wahren in ihrer Berichterstattung eine gewisse objektive Distanz.

Jegliche journalistische Haltung verloren zu haben scheint lediglich der Kollege von der „Bild“-Zeitung. Schon vor zwei Tagen hat er in einem Artikel Banf, Bader und Klatt zu den „Rettern“ des FCK hochstilisiert, Littig und Kind hingegen als „Intriganten“ diffamiert, Littig durfte sich gestern in einem weiteren Beitrag als „Quertreiber“ beschimpfen lassen. Die Ausdrücke tauchen, wohlgemerkt, nicht in einem Zitat auf, noch sind sie als Teil eines persönlichen Kommentars gekennzeichnet. Das liest sich, als hätte der Autor sich von seinen Informanten gleich den kompletten Text diktieren lassen.

BECCA IST ZUNÄCHST NUR KREDITGEBER, WILL ABER SCHON ENTSCHEIDEN

Wie auch immer: Erwartungsgemäß mit neuen Internas versorgt, haben sich die besonnener filternden Kollegen noch gestern Abend an die Arbeit gemacht – hier die Links zu den Beiträgen von SWR, der „Rheinpfalz“ und des „kicker“ .

Aufgrund der Übereinstimmungen darf also davon ausgegangen werden: Becca tritt zunächst nicht als Investor, sondern lediglich als Kreditgeber in Erscheinung: 2,6 Millionen Euro, mit denen die Lizenz für die kommende Saison gesichert werden soll. Über ein tatsächliches Engagement als Ankerinvestor – in Rede stehen 25 Millionen Euro in fünf Jahren, dazu soll Becca ins Stadiongelände investieren wollen –, wird lediglich weiterverhandelt.

Dafür will Becca schon jetzt massiv in die personelle Besetzung der FCK-Führungsspitze eingreifen. Littig soll weg, und das bis kommenden Montag. Banf, Bader und Klatt sollen seine Ansprechpartner bleiben, Baders Vertrag soll verlängert werden.

Ganz schön starker Tobak. Zumal Becca ausgerechnet von den Führungskräften  gestützt wird, die massiv für die Einhaltung des „Vier-Säulen-Modells“ eingetreten sind, als Littig vor Wochen den russischen Unternehmer Mihail Ponomarev für ein Engagement beim FCK begeistern wollte. Denn eben dieses Modell soll eigentlich verhindern, dass Investoren zu viel Einfluss auf die Führung der Kapitalgesellschaft nehmen. Und bislang ist Becca, man kann es nicht oft genug wiederholen, noch gar kein Investor.

 JETZT IST SELBSTACHTUNG GEFRAGT

Was nun? Hat der FCK tatsächlich keine Wahl mehr, wie Oliver Sperk in der „Rheinpfalz“ kommentiert, übrigens unter der wunderbar pointierenden Überschrift „Geld gegen Opfer“?

Verhökert die Kapitalgesellschaft, die ihren Wert selbst mit 120 Millionen Euro beziffert hat, ihre personelle Entscheidungshoheit am Ende nun doch für 2,6 Millionen Euro? Oder gibt es nicht doch noch eine Möglichkeit, das zur Sicherung der Lizenz noch notwendige Geld aus anderen Quellen zu beschaffen – um die dann gewonnene Zeit zu nutzen, sich nach anderen Geldgebern umzusehen?

Zumindest den Versuch sollte es wert sein, und zwar mit der Unterstützung ALLER Beteiligten. Denn das Amt eines Aufsichtsrats- oder auch Beiratsmitglieds verdient den Respekt aller Gremiumsmitglieder, unabhängig davon, wie feindschaftlich die einzelnen Personen miteinander verbunden sind. Denn alle Gremiumsmitglieder sind von den Mitgliedern des 1. FC Kaiserslautern gewählt worden, also Träger demokratisch legitimierter Mandate. Es geht also um eine Frage der Achtung vor dem eigenen Amt.