Saisonfinale: Auf dem Rasen Spaßfußball, dumpfes Grollen auf den Rängen und in den Katakomben

Fußball kann wirklich Spaß machen, wenn ihn keiner mehr ernst nimmt. Nur: Wer nimmt ihn heutzutage noch nicht ernst? Die Elf des SV Meppen etwa – zumindest nicht in den ersten 45 Minuten ihres Saisonabschlussspiels gegen den 1. FC Kaiserslautern. Trainer Christian Neidhart erklärte diese hinterher sogar zum „Tag der offenen Tür“. Vier Treffer durften die Lautrer den Emsländern einschenken, am Ende hieß es 4:2. „So ein Sieg tut immer gut“, erklärte FCK-Trainer Sascha Hildmann mit Blick aufs Verbandsligapokalfinale am kommenden Samstag, in dem die Lautrer ihre Teilnahme am DFB-Pokalwettbewerb 2019/20 sichern müssen. Gegen den Regionalliga-Absteiger Wormatia Worms werde es aber ein ganz anderes Spiel. Davon ist in der Tat  auszugehen.

Denn so leichtfertig wie die Meppener in der ersten Hälfte werden die Wormser den Lautrern sicher keine Torchance eröffnen. Vor allen vier Gegentreffern ermöglichten sie ihren Gastgebern weite Räume zum Marschieren.

Vor Treffer Nummer eins darf Dominik Schad zum Sprint über die rechte Seite ansetzen. Seine flache Flanke vermag Timmy Thiele zunächst nicht zu verwerten, Christian Kühlwetter erledigt’s im Nachschuss und hat ein wenig Glück, dass Schiedsrichter Bastian Börner das vorangegangene Gestocher zwischen Thiele und seinem Gegenspieler als ein Der-Ball-kam-vom-Gegner interpretiert, sonst wär Kühlwetter nämlich abseits gewesen.

KÜHLWETTER SCHRAUBT SEIN TREFFERKONTO HOCH

Vor Treffer Nummer zwei gelingt dem zurückgekehrten Carlo Sickinger eine „frühe Balleroberung“ kurz vor Mittellinie, also exakt das, was Trainer Hildmann im FCK-Spiel kultivieren will. Wirklich aggressiv muss der Youngster bei dieser Aktion allerdings nicht zu Werke gehen. Sickinger setzt Kühlwetter direkt per Vertikalpass ein, und der vollstreckt zum zweiten Mal.

Es ist „Kühlis“ zwölftes Saisontor. Acht davon hat er seit dem 24. Spieltag erzielt, seit er bevorzugt im Sturmzentrum eingesetzt wird. Dennoch wurde aktuell gerade wieder die Verpflichtung eines „Zielspielers“ zur obersten Priorität dieses Transfersommers erklärt. Nichts gegen gute Stürmer, aber auf den Flügeln hat der Kader mehr Bedarf.

Abgesehen davon, dass „Knipser“ in der Regel teuer sind – warum hat der FCK nicht mal Mut, mal konsequent auf die Weiterentwicklung eines eigenen Talents zu setzen? Mehr für diese Rolle aufdrängen, als Kühlwetter es diese Saison getan hat, kann man sich eigentlich nicht.

TREFFER DREI UND VIER: BALL EROBERN UND UMSCHALTEN

 Tor Nummer drei: Wieder eine frühe Balleroberung, diesmal sogar noch in Gegners Hälfte. Flankenwechsel auf die linke Seite, Janek Sternberg passt auf Christoph Hemlein, der darf sich sogar noch einen Beinahe-Ausrutscher leisten, sich den Ball trotzdem nochmal zurechtlegen und einschießen.

Treffer Nummer vier: Sickinger leitet einen Angriff über die rechte Seite ein, Hemlein flankt beinahe auf von der Eckfahne, Sickinger ist mittlerweile ans lange Eck gesprintet, köpft, Meppen-Keeper Erik Domaschke erwischt den Ball, so sehen es jedenfalls die Unparteiischen, erst hinter der Linie.

ZWEI GEGENTREFFER NACH STANDARS – GRILL BRICHT SICH DIE NASE

Wehmutstropfen: Die beiden Gegentreffer, die Kaiserslautern in der ersten Hälfte kassiert, fallen beide per Kopf nach Standardsituationen. Nein, da sind sie nicht gut gewesen in dieser Spielzeit, aber wie oft wollen wir das eigentlich noch schreiben.

Und: FCK-Keeper Lennart Grill muss nach 30 Minuten Wolfgang Hesl weichen, Verdacht auf Nasenbeinbruch. Einsatz gegen Worms gefährdet? „Wegen eines Nasenbeinbruchs fällt doch kein Torhüter aus“, erklärt Torwarttrainer Gerry Ehrmann hinterher kernig. Beruhigend zu wissen, aber: Gerry Ehrmann ist bekanntlich der härteste Typ unserer Tage, seine Maßstäbe müssen nicht für jeden gelten.

HÄLFTE ZWEI: „UMSCHALTMOMENTE SCHLAMPIG AUSGESPIELT“

Hälfte zwei lassen wir Sascha Hildmann zusammenfassen. „Unsere Kompaktheit war nach wie vor da, wir haben wenig zugelassen, aber die Umschaltmomente nach vorne schlampig ausgespielt.“ Passt. Kühlwetter, Pick, Thiele hätten das Ergebnis höher schrauben können, so dass es an das legendäre 7:6 des Jahres 1997 herangereicht hätte. Hat aber nicht sein sollen. Die Saison war halt lang. „Die letzten zehn Minuten bin ich nur noch auf Auto-Pilot gelaufen“, erklärt Kühlwetter hinterher.

Der Stürmer verrät auch, weshalb die Mannschaft so vehement loslegen wollte: Der Trainer hatte angekündigt, Florian Dick in der 80. Minute einzuwechseln, wenn das Ergebnis es bis dahin zuließe. So kam er denn dann auch der 34-Jährige, der zu Beginn der Saison aus Bielefeld zurückgeholt worden war, die Mannschaft eigentlich als Kapitän führen sollte, dann aber nur noch auf der Bank Platz nahm.

DER LETZTE LANGE EINWURF: FLO DICK SAGT SERVUS – HÖCHSTWAHRSCHEINLICH

Herzlich begrüßt von seinen Mitspielern, unter dem Jubel der Massen, und als erste Aktion durfte er einen seiner gefürchteten weiten Einwürfe platzieren… 220 Spiele hat Flo Dick für den FCK bestritten, und die verteilen sich auf alle drei Ligen, somit kündet  gerade seine Vita ganz besonders vom Niedergang des Klubs. Dass es sein letztes Spiel als Profi war, ist noch nicht hundertprozentig sicher, aber äußerst wahrscheinlich. „Ich spiele schon seit einiger Zeit nur noch mit Schmerzen“, gesteht der alte Kämpe hinterher.

Somit war’s eigentlich ein gelungener Ausstand aus einer insgesamt kaum erfreulichen Saison. Außerhalb des Platzes hallen allerdings nach wie vor die Ereignisse der vergangenen Wochen nach.

Lobend erwähnt sei hier ausdrücklich: Am Freitagnachmittag hat sich Finanz-Geschäftsführer Michael Klatt in einem Pressegespräch (zu dem es allerdings keine offizielle Einladung gab) über die umstrittene Investorenentscheidung vom Donnerstag geäußert. Eine ausführliche Zusammenfassung ist auf „Der Betze brennt“ nachzulesen, und, in der Tat, solche Interviews vermögen einiges zur dringend benötigten Versachlichung der Diskussion beizutragen.

ANDY BUCK „WELCHE WERTE SOLL ICH DENN VERMITTELN?“

Seit Samstagabend lässt allerdings ein Statement des unlängst wegen Arbeitsüberlastung zurückgetretenen Vereinsvorstands Andreas Buck die sozialen Medien rumoren. Der Ex-Profi positioniert sich klar gegen die Entscheidung für den luxemburgischen Investor Flavio Becca, hält dessen Engagement auch längst nicht für so verbindlich gesichert, wie die Geschäftsleitung es darstellt und verzichtet nun auf die Position des „Markenbotschafters“, die ihm zugedacht war: „Ich wüsste gar nicht, welche Werte ich vermitteln sollte.“

Jetzt heißt es abzuwarten, wie sich der DFB zu den vom FCK eingereichten Lizenzierungsunterlagen äußert – und ob er eventuell auch Klärungsbedarf zu der Art und Weise anmeldet, wie diese Investorenentscheidung zustande gekommen ist. Erhält der FCK die Lizenz, darf sich die Geschäftsleitung fürs Erste als bestätigt ansehen – und wenigstens über den Sommer könnte mal Ruhe einkehren.

AUCH DIE FANS BEZIEHEN STELLUNG

 „Wir sind der FCK“, stellte jedenfalls die Anhängerschaft der Westtribüne am Samstagnachmittag im Rahmen einer prächtigen Choreo klar – „egal, in welcher Liga, egal, mit welchen Sorgen: Gemeinsam für ein besseres Morgen.“ Schöner kann man es nicht sagen. 

Der „Devil Corps“ übte sich in Satire und wandelte das berühmte Zitat um, das auf der Statue der fünf Weltmeister vor der Westtribüne nachzulesen ist: „1. FCK GmbH & Co. KGaA: Der Schlüssel zum Erfolg sind Intrigen und der Wille, alles für den eigenen Profit zu geben !??“ Wer sich in diesen traurigen Zeiten ein bisschen Humor bewahrt hat, wird sicher geschmunzelt haben. Wenn auch vielleicht ein wenig süßsauer.