„Dieses Jahr hat uns weitergebracht“ – Im Gespräch mit Sascha Hildmann

Nach 38 Spielen ein enttäuschender neunter Tabellenrang, 20 Punkte Abstand zu einem direkten Aufstiegplatz, lediglich sechs Punkte Distanz auf den ersten Absteiger.  Die Zahlen lügen nicht: Der 1. FC Kaiserslautern ist auf seiner Mission „direkter Wiederaufstieg“ krass gescheitert. Gibt’s dennoch Erkenntnisse, die für die kommende Spielzeit positiv stimmen – und wo muss sich der FCK im Detail verbessern, um oben angreifen zu können? Trainer Sascha Hildmann erläutert seine Sicht der Dinge im ausführlichen Gespräch.

Herr Hildmann, die Saison ist vorbei. Vor allem auch der letzte, undankbare Abschnitt, in dem es für den FCK weder nach oben noch nach unten um viel ging. Wenn da die Ergebnisse nicht stimmten, hieß es schnell, ist doch klar, dass die nichts mehr bringen, für die geht’s ja um nichts mehr…

Das ist mir zu oberflächlich. Natürlich hat die Leistung nicht immer gestimmt, aber das hat tieferliegende Gründe. Die Mentalität meiner Jungs hat immer gestimmt, und die wollten auch immer gewinnen. Doch da war schon in der Vorrunde viel verrutscht. Du bist angetreten, um aufzusteigen, hast es nicht geschafft, bist von dir selbst enttäuscht, die Fans sind enttäuscht, du hast viel Kritik eingesteckt, auch zurecht. Da fehlt es zum Ende der Runde nicht nur an Selbstvertrauen – da sind die Freiheit, der Spaß und die Emotionalität weg, die es für guten Fußball braucht. Vereinzelt kommen da auch noch negative Spielverläufe dazu, etwa, wenn du frühe Gegentore kassierst. Das hat die Jungs über die ganze Saison geprägt und zermürbt. Aber an der Einstellung meiner Jungs hat es nicht gelegen, die wollten absolut. Ich hab sie jeden Tag im Training gesehen: Da waren die Köpfe frei.

Auch Ihre Gemütslage schien sich während dieser Wochen zu verändern. Nach der Heimniederlage gegen Aalen am 32. Spieltag wirkten sie noch richtig sauer, in den Wochen danach eher konsterniert.

Das stimmt so nicht. Ich habe mich nach dem Aalen-Spiel geärgert, weil wir das Spiel über 90 Minuten dominiert haben, auch mal allein aufs Tor zugelaufen sind, uns aber nicht belohnt und am Schluss noch das Gegentor kassiert haben. Nach den anderen Spielen war ich nicht konsterniert, sondern lediglich nachdenklich. Eben, weil ich gerade beschriebenen Effekte erkannt hatte. Was hätte es da gebracht rumzuwüten?

Sie haben sich in der Tat immer nur positiv über Ihre Spieler geäußert. Auch vor den Spielen immer wieder angekündigt, Ihre Jungs seien heiß, wollten unbedingt gewinnen. Das Problem ist halt: Wenn die Leistung anschließend doch nicht stimmt, heißt es schnell, dieser Trainer ist doch viel zu nett für diese Mannschaft.

Das ist doch absoluter Quatsch. Hat es sich denn schon mal leistungsfördernd erwiesen, Spieler öffentlich niederzumachen? Mögen Sie es, wenn Ihr Chef Sie vor anderen herunterputzt? Das würde ich niemals tun. Aber wie ich mich nach außen gebe und wie ich intern bin, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Fragen Sie doch mal meine Spieler.

Die bestätigen das in der Tat. Sie haben auch gesagt, dass Sie diese letzte Saisonphase nutzen wollen, um Erkenntnisse für die kommende Spielzeit zu sammeln, ein Grundgerüst für nächste Zukunft einzuspielen. Auch wenn die Ergebnisse zuletzt nicht immer stimmten – sind Sie dabei vorangekommen?

Absolut. Alle Spiele waren für die Mannschaft und das Trainerteam sehr wichtig, um an Erkenntnissen und Erfahrung zu gewinnen, auch die schlechten, etwa die Niederlage in Würzburg. Nehmen Sie das Meppen-Spiel vom vergangenen Samstag: Da haben wir zunächst zu statisch agiert, sind dann aber freier geworden, gerade auch im Positionsspiel. Und plötzlich taucht der rechte Flügelspieler Christoph Hemlein  links auf und macht ein Tor. Da wollen wir hin. Dass die Mannschaft auf dem Platz mehr Eigenverantwortung entwickelt, die Spieler auch mal Wege gehen, die der Trainer nicht vorm Spiel vorgegeben hat. In der nächsten Runde werden wir da viel weiter sein.

Für viele Ihrer Spieler war’s das erste Jahr Dritte Liga, für Sie das zweite. Wie nehmen Sie die Spielklasse mittlerweile wahr?

Für mich ist die Dritte Liga eine reine Fehlerliga. Ich sehe jedes Wochenende neben unserem Spiel mindestens noch ein weiteres „live“, spielerische Glanzleistungen sehe ich da eher selten. Es stehen sich immer zwei Teams gegenüber, die gut verteidigen, gut organisiert sind – und wer den ersten Fehler macht, verliert, nicht immer, aber etwa bei  80 Prozent aller Partien. Und mit 46-prozentiger Wahrscheinlichkeit fällt das erste Tor nach einer Standardsituation, ein unfassbarer Wert. Das ist die Dritte Liga: Robust, mentalitätsbesessen, wenig Technik. Das haben viele noch nicht begriffen.

Der FCK und Standards – das Problem ist altbekannt. Doch zunächst nochmal zur Zukunftsplanung. Es soll keinen großen Kaderumbruch im Sommer geben. Wenn man die letzten Wochen verfolgt, ist allerdings aufgefallen, dass einige Spieler, die noch laufende Verträge haben, in der von Ihnen deklarierten Einspielphase kaum oder gar nicht mehr berücksichtigt wurden. Kann man davon ausgehen, dass diesen Spielern ein Wechsel nahegelegt wird? Mit denen, deren Verträge ohnehin auslaufen, würden die Personalbewegungen dann doch beträchtlicher ausfallen. 

Es kann gut sein, dass uns auch Spieler verlassen, die noch laufende Verträge haben. Hundertprozentig ist davon aber noch nichts. Richtig ist auch, dass wir nicht allzu viel verändern wollen. Wir haben ein sehr gutes Fundament, gerade mit den jungen Spielern wie Grill, Schad, Sickinger, Gottwalt, Bergmann oder Pick. Dieses Grundgerüst soll stehen bleiben.

Wie stehen die Chancen, dass der langzeitverletzte Lukas Spalvis mit in die Sommervorbereitung einsteigen kann?

Das ist derzeit noch vollkommen offen. Leider.

Das heißt, auf der Position des Mittelstürmers wird auf jeden Fall nachgebessert?

Wir wollen uns in allen Mannschaftsteilen verstärken, Abwehr, Mittelfeld und Angriff. Ob das mit insgesamt drei Spielern funktioniert oder ob wir doch ein paar mehr brauchen, werden wir sehen. Nur allzu viele sollen es halt nicht sein.

Gucken wir uns mal die Tabellenregionen an, in die der FCK wieder hin will. Es heißt immer, die Dritte Liga sei total ausgeglichen. Wenn man sich aber die Abschlusstabelle anguckt, stellt man fest, dass die ersten vier Mannschaft sich doch ein wenig vom Rest abgehoben haben. Das muss Gründe haben.

Den wichtigsten kann ich Ihnen direkt nennen: Standardsituationen. Schauen Sie mal, mit wie vielen Freistoßtoren Marcos Alvarez den Osnabrückern Punkte gesichert hat, gerade in den ersten Spielen, und oft auch erst spät. Wenn du auf diese Weise gut in die Saison gestartet bist, eine Zeitlang oben stehst und in den berühmten „Flow“ kommst, wirst du auch im Kopf frei. Dann gelingen dir Dinge, die dir vorher nicht gelungen sind – und du fängst an, guten Fußball zu spielen.

Das Erfolgsrezept „Standards“ wollte ich eigentlich am Beispiel Karlsruhe mit Ihnen erläutern…

Die haben 28 Tore nach Standards gemacht, das ist absoluter Rekordwert. Wir wissen selbst schon lange, dass wir da aufschließen müssen. Hätten wir nur zehn Tore mehr nach Standards erzielt, hätten wir drei, oder vier Spiele mehr gewonnen und vielleicht auch zu mehr Konstanz gefunden.

Und aus der Betrachtung der Spielanlagen der Topteams gibt’s für den FCK nichts zu lernen?

Ob Osnabrück, Karlsruhe oder Wehen – alle bauen sich an der Mittellinie auf und warten. Fußballerisch besser als wir waren die eigentlich nicht. Wissen Sie, wer für mich die spielerisch beste Mannschaft in der Vorrunde war? Unterhaching. Da haben die überragend gespielt. In der Rückrunde sind sie dann aber aufgefressen worden. Da hatte sie jeder meiner Kollegen mal gesehen und ließ sie entsprechend bearbeiten, mit Mentalität, mit Zweikämpfen. Eben dem, was die Dritte Liga ausmacht.

Dennoch: In Details unterscheiden sich die Topteams schon. Wiesbaden zum Beispiel betont sehr stark das Spiel über die Flügel…

Das ist richtig.

Interessanter Weise ist auch der FCK am erfolgreichsten, wenn er über die Flügel kommt. Und an den meisten Treffern sind Pick und Thiele beteiligt, also die beiden, mit denen auch am meisten geschimpft wird, wenn sie Bälle verdaddeln.

Thiele hat zehn Tore vorbereitet, sieben geschossen. Macht 17 Torbeteiligungen. Das sollte man in der Tat auch mal sehen.

Ergibt sich daraus nicht auch der Anspruch, noch mehr ins Flügelspiel zu investieren?

Was uns fehlt, ist die Zielstrebigkeit, wir leiden noch zu oft unter dem Entgegenkommen-Syndrom. Bei uns geht kaum jemand tief. Wehen dagegen spielt nach Ballgewinn sofort tief auf die Flügel, und dann kommt die Flanke. Das müssen auch wir besser hinkommen, wir flanken noch viel zu wenig. Dennoch: Wir haben diese Saison 209 Torchancen rausgespielt, fast in jedem Spiel acht bis zehn Ecken rausgeholt, das sind Rekordwerte der Liga. So defensiv können wir also nicht gespielt haben. Allerdings haben wir auch 17 Tore durch Konter bekommen, auch das ist ein Rekordwert, allerdings ein negativer. Insgesamt zeigen die Zahlen: Die Topteams waren im Abschluss effektiver, haben ihre Standards besser genutzt und standen auch in der Abwehr besser als wir.

Bei Halle fiel auf, dass sie das kollektive Verschieben über den Platz viel besser beherrschen als andere.

Das stimmt, aber das funktionierte auch deswegen, weil die Hallenser über die ganze Saison auf ihren Schlüsselpositionen kaum wechseln mussten. Das ist auch bei  Karlsruhe und Osnabrück festzustellen. Die Viererketten hinten, die zentralen Mittelfeldpositionen – da gab es über 38 Spiele kaum Ausfälle. So entstehen natürlich starke Kollektive.

 Sich künftig mehr an der Hallenser Spielweise zu orientieren, wäre für Sie aber keine Option?

Jeder Trainer hat seine eigene Herangehensweise. Die einen etablieren eine Spielanlage und ziehen diese über die ganze Saison konsequent durch. Ich setze mehr auf Variabilität- Gegen Würzburg haben wir zum Beispiel gesagt, die spielen gerne von hinten heraus, also lasst sie uns früh attackieren. Nach zwei Minuten hat Kühlwetter auch die erste Großchance – und wenn die reingeht, gewinnen wir das Spiel, da bin ich mir sicher. Stattdessen aber gelingt denen bei ihrer ersten Aktion gleich das erste Tor.

Spürt man da als Trainer Machtlosigkeit?

Ach, das ist eben Fußball. Ich war mal als Beobachter beim Spiel eines der genannten Topteams, da habe ich hinterher noch mit dem Kollegen geplaudert und der sagte mir: Du, Sascha, meine Jungs haben heute eigentlich gar nichts von dem gemacht, was wir vorher besprochen hatten. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, warum wir gewonnen haben. Damit will ich keinesfalls sagen, dass alles Glückssache ist, sondern nur: Das ist eben Fußball. Erst recht in der Dritten Liga.

Sie haben auch mal beklagt, dass Ihre Mannschaft nicht auf Sie gehört hätte, als sie sich zu stark hinten reindrängen ließ und noch den Ausgleichstreffer kassierte.

Das war gegen Zwickau, als wir ganz am Schluss noch dieses sch… Gegentor kassierten. Das habe ich nicht vergessen. Nach dem 2:2 in Köln bin ich auch kritisiert worden, dass wir uns nach der 2:1-Führung zu weit hinten reindrängen ließen. Aber da man muss doch auch mal sehen, dass die Fortuna das an diesem Tag einfach auch gut gemacht hat. Ich habe etwa auch das Spiel zwischen Fortuna Köln und Karlsruhe gesehen, das war keinen Deut besser als unseres, aber niemand hat hinterher geschrieben, das sei ein „Grottenkick“ gewesen. Warum wird das bei uns gemacht? Da werden sogar viel schlimmere Ausdrücke benutzt.

Von einem 1. FC Kaiserslautern wird eben mehr erwartet, gerade in einer Dritten Liga. Aber zu dieser Überhöhung tragen nicht nur Presse und Publikum bei, sondern auch Ihre Trainerkollegen. Siehe Nils Drube nach Ihrem Spiel gegen Lotte. Der spricht vom FCK als einer „Supermannschaft mit überragender individueller Qualität“. Indem man seine eigenen Jungs vor einem Spiel in eine Underdog-Rolle predigt, kann man sie natürlich wunderbar heiß machen. Und hinterher lässt sich die eigene Leistung schön aufpolieren, weil’s ja gegen eine angebliche „Übermannschaft“ ging.

Was soll ich dazu sagen? Es ist nun einmal so. Ich kann auf Anhieb gar nicht sagen, wie viele unserer Gegner in dieser Saison gegen uns ihr bestes Saisonspiel machten. Gegen uns wollen alle immer 110 Prozent geben.

Und wie wollen Sie dem künftig begegnen?

Mit Mentalität. Mit Typen, die genau das zu 100 Prozent annehmen. Deswegen war die Erfahrung dieses Jahres für meine Jungs wichtig. Es hat uns weitergebracht.

Jetzt geht’s noch mal im Verbandspokalfinale gegen Wormatia Worms. Dem Regionalliga-Absteiger, dessen Elf genau weiß: Mit uns wird niemand schimpfen, wenn wir uns gegen den FCK hintenrein stellen, die Bälle rausblasen und vorne auf den lieben Gott hoffen. Also genau die Art von Gegner, die dem FCK am wenigsten liegt. Wie sieht da Ihr Matchplan aus?

Wir müssen versuchen, den Gegner ins Laufen zu bekommen, schnell spielen, mit wenigen Kontakten, versuchen, über die Flügel zum Flanken zu kommen. Und wir müssen auch mal versuchen, die Wormser herauszulocken, um für uns Räume nach vorne zu schaffen. Aber ich will nicht zu viel verraten (schmunzelt). Wormatia-Trainer Steven Jones weiß auch, wie’s geht.

Foto: 1. FC Kaiserslautern