Von frühen Tiefschlägen, späten Höhenflügen und schwedischem Synchron-Sex: Die Hellström-Biografie „Ronnie – Der fliegende Wikinger“

Es gab sie tatsächlich mal. Fußballprofis, die aus fernen Landen zum 1. FC Kaiserslautern wechselten, und die nicht nur in den Augen ihrer Hardcore-Fans zu den Besten der Welt zählten. Die nicht nach zwei Jahren zu besser zahlenden Klubs weiterzogen, sondern zehn Jahre blieben, weil die Pfalz ihnen eine neue Heimat geworden war. Das wunderbarste Exemplar dieser leider nicht mehr aktiven Spezies hat vor einigen Wochen seine Autobiografie vorgestellt, über die ergötzliche Talkrunde Ronnie Hellströms mit Torhüter-Kollegen zum Thema haben wir bereits berichtet. Mittlerweile haben wir uns „Ronnie – Der fliegende Wikinger“ eingehender angeschaut. Ein Buch, das tolle Erinnerungen aufflammen lässt, aber auch deutlich macht, was dem Fußball unserer Tage verloren gegangen ist.

Warum er das Buch denn geschrieben habe, wurde Ronnie Hellström im Rahmen der besagten Talkrunde gefragt. „Weil ich siebzig Jahre alt geworden bin“, antwortete die FCK-Ikone. „Wenn du da gar kein Buch über dich schreibst, tut es ein anderer.“ 

Andererseits: Nicht über jeden, der Siebzig wird, wird ein Buch geschrieben. Auch nicht, wenn er 266 Spiele für den 1. FC Kaiserslautern bestritten hat. Wenn er allerdings 77 Länderspiele für Schweden absolviert hat und an drei Weltmeisterschaften teilgenommen hat, schon eher. Wenn er bei zwei Weltmeisterschaften sogar zum besten Torhüter des Turniers gewählt worden ist, wird  das Erscheinen einer Biografie noch wahrscheinlicher. Und wenn er dann auch Ronnie Hellström heißt, sollte eine solche Würdigung einfach selbstverständlich sein.

„FLIEGENDER WIKINKER“ IST EIGENTLICH „BESTER DER WELT“

Folgerichtig ist das Buch auch in einem schwedischen Verlag erschienen, im „Idrottsförlaget“ und zwar schon einige Monate früher. Die deutsche Übersetzung ermöglichten regionale Sponsoren des 1. FC Kaiserslautern. Der Originaltitel „Ronnie – Bäst i Världen“, also „Ronnie, Bester der Welt“, wurde allerdings nicht übernommen, vermutlich, weil er so großspurig klingt, dass es zu Ronnie Hellström einfach nicht passen mag.

Er selbst hat sich den Titel auch nicht einfallen lassen, sondern sein Co-Autor Tore S. Börjesson. Weshalb, erklärt dieser im ersten Kapitel ausführlich und wiederholt es im Laufe der folgenden 300 Seiten geradezu mantra-mäßig. Überhaupt hat Tore S. Börjessons Stil so eine Eigenheiten. Er scheint zu der Sorte zu gehören, die über Zettelkästen in Containergröße verfügt, denn er webt wirklich jede Episode ein, die ihm während seiner Recherche erzählt worden ist, ob von Hellström selbst oder von anderen Zeitzeugen. Das ist dem Erzählfluss nicht immer förderlich und macht „Ronnie – Der Fliegende Wikinger“ eher zum Schmökern geeignet als zum Durchlesen in einem Rutsch.

VON BAJEN ZUM BETZE – „LEIDEN MIT KLASSE, STIL UND WÜRDE“

Was das Buch dafür umso deutlicher macht: Ronnie Hellström und der 1. FC Kaiserslautern haben sich einfach finden müssen. Ist er doch bei Hammarby IF groß geworden, ein Klub, der in der schwedischen Umgangssprache nur „Bajen“ genannt wird, so, wie Pfälzer vom FCK nur vom „Betze“ reden. Und der sich dadurch auszeichnet, dass er in Schweden zwar nicht zu den erfolgreichsten Klubs gehört, mit Sicherheit aber zu den geliebtesten. Börjesson beschreibt dieses Phänomen so:

„Wer würde sich heute für Jesus interessieren, wenn er am Schluss mit einem großen Lächeln auf den Lippen gewonnen, überlebt und triumphiert hätte? Dann wäre er wie ein Fan von Djurgarden, IFK Göteborg oder Malmö FF gewesen. Nein, die Größe liegt darin, das Leiden mit Klasse, Stil und Würde zu tragen.“

Welcher deutsche Fußballfan  kann solche Sätze besser nachempfinden als einer des 1. FC Kaiserslautern?

1974: DER KAISER SUCHT GOTT IM HIMMEL, DOCH ER STEHT IN SCHWEDENS TOR

Ja, Tore S. Börjesson scheut selbst die ganz großen Vergleiche nicht. Als er das 74er Länderspiel zwischen Deutschland und Schweden schildert, trägt er noch dicker auf. Das Treffen hat die Elf von Helmut Schön auf ihrem Weg zum Weltmeistertitel bekanntlich zwar gewonnen, aber die Nordmänner setzten den Teutonen schwer zu, insbesondere Börjessons Protagonist, weswegen der Autor an folgendes Bild erinnert: „Schauen Sie sich Franz Beckenbauer, den Kaiser, an, wie er in seiner Ohnmacht hoch in den Himmel blickt, als er erkennt, dass Gott nicht dort oben im Himmel wohnt, sondern zwischen den Pfosten in Schwedens Tor steht, dass Gott tatsächlich in einer anderen Mannschaft spielt.“

Was Ronnie Hellström wohl gedacht hat, als er diesen Satz gegenlesen durfte?

Bis zur WM 74 hat Börjesson allerdings schon 150 Seiten hinter sich gebracht. Und Ronnies Weg von den Bajen-Junioren bis in die Schwedens Nationalelf verfolgt, wobei sich Fragen aufdrängen wie: Was macht Talent aus? Inwieweit ist es angeboren, inwieweit lässt es sich entwickeln?

AUCH RÜCKSCHLÄGE GEHÖREN ZUR TALENTENTWICKLUNG

Ronnie Hellströms Biografie spricht eher für den zweiten Ansatz. Da ist zum einen eine unbändige Begeisterung für den Fußball, die den Jungen schon in den frühen Jahren erfasst und die ihn so hart trainieren lässt, dass er schon bald aus seinem Jahrgang herausragt. Er trifft aber auch immer wieder auf die richtigen Förderer, und er kann zu einer Zeit, als es diese Position in europäischen Klubs noch gar nicht gibt, bereits einen speziellen Torwarttrainer in Anspruch nehmen. In Kaiserslautern wird er später mit Sepp Stabel, dem zweiten Mann im FCK-Tor und engem Freund, spezielle Einheiten fürs Torwartspiel entwickeln. Von nichts kommt eben nichts.

Vielleicht ebenso wichtig: Hellström steckt auch schon früh Rückschläge ein, die ihn nicht niederdrücken, sondern weiter wachsen lassen. Unter anderem geht sein Länderspieldebüt bei der WM 1970 in Mexico gegen Italien gründlich in die Hose, auch diesem widmet Börjesson ein ganzes Kapitel, in dem er sich paar Mal zu oft wiederholt. Festzuhalten bleibt, dass Schwedens damaliger Nationaltrainer Orvar Bergmark sich mit seiner Entscheidung, wen von insgesamt drei Kandidaten er in die Startelf nominieren sollte, sehr lange Zeit ließ, was sich nicht leistungsfördernd, sondern hemmend auswirkte. Denn Unsicherheit schafft keine Sicherheit, meint der Keeper: „Ich hätte wenigstens eine Woche vorher Bescheid bekommen müssen.“

HEUTE UNDENKBAR: RONNIE UNTERSCHRIEB SCHON VOR DER WM BEIM FCK

Bis Ronnie Hellström in Kaiserslautern ankommt, sind bereits 192 Seiten umgeblättert. Beim FCK unterschrieben hat er übrigens schon vor der WM 1974, ein absoluter Glücksfall für Lautern, denn nach dem Turnier, bei dem der Schwede zum besten Torhüter gewählt wurde, wären ihm wohl wesentlich lukrativere Angebote ins Haus geflattert.

Heute würde jeder Spielerberater vermutlich Waffengewalt anwenden, um seinen Schützling daran zu hindern, ein Arbeitspapier zu unterschrieben, ehe er eine solche Chance zur „Marktwertsteigerung“ genutzt hat. Hellström steht zu der Entscheidung bis heute: Seine Weltklasseleistungen bei dem WM seien nicht zuletzt deswegen möglich gewesen, weil er seine weitere Zukunft bereits abgesichert wusste.

VOM „KÖNIG DER LÖWEN“ UND SCHWEDISCHEM SYNCHRON-SEX

Auch die Lautrer Zeit erzählt Börjesson sehr anekdotenreich. Unter anderem erfährt der Leser, dass der Friseur Weingarth ihm einst eine damals modische Dauerwelle verpasste, mit der Ronnie sich fühlte wie eine Disney-Figur aus „König der Löwen“. Dank Börjessons Faible für Abschweifungen begegnet er auch Ronnies Landsmann Weggefährten Roland Sandberg wieder, dem „Pfeil von Advitaberg“, der zwischen 1973 und 1977 in 188 Spielen für den FCK 60 Treffer markierte. 

Seine und Hellströms Familie lebten lange gemeinsam in Haus in Morlautern, und die Ehefrauen kamen einmal beinahe zeitgleich nieder, was die „Bild“-Zeitung seinerzeit mit einer skurrilen Spekulation darüber würdigte, wie die beiden Schweden ihr Liebesleben synchronisierten.

Hellströms Weggefährten Andreas Brehme und Hans-Peter Briegel ziehen in die weitere Erzählung ebenso mit ein wie der DDR-Flüchtling Lutz Eigendorf, der zeitweise ebenfalls in dem besagten Morlauterer Haus wohnte, was dazu führte, dass auch die Hellströms vorübergehend vom Staatssicherheitsdienst der DDR überwacht wurden, der Eigendorf auch in seiner neuen Heimat keine Ruhe gönnen mochte. Später kam er unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben.

ALS KALLI KAM: LAUTERN LERNT HÖHENFLUG – BIS INS UEFA-CUP-HALBFINALE

Und selbstverständlich wird auch die erste Ära Kalli Feldkamps auf dem „Betze“ wieder lebendig. Zwischen 1978 und 1982 wurde der FCK unter dem späteren Meistertrainer zwei Mal Dritter und zwei Mal Vierter – Platzierungen, von denen der Verein in der Bundesligajahren zuvor nur geträumt hatte. „Feldkamp war verdammt gut, der beste Trainer, den ich in all meinen Fußballjahren hatte“, erinnert sich Hellström. Er „war ein sehr geschickter Taktiker. Er machte auch ein gutes Training, sehr abwechslungsreich, mit vielen Ballübungen.“

Höhepunkt dieser Zeitspanne waren die UEFA-Cup-Spiele 1981/82. Nachdem der FCK niemand geringeren als Real Madrid mit 5:0 vom Betzenberg gefegt hatte, scheiterte er im Halbfinale ausgerechnet gegen ein schwedisches Team, den IFK Göteborg. Wegen eines Elfmeters in der Verlängerung, der für Hellström erstens ungerechtfertigt war und den er zweitens ums Haar gehalten hätte. „Ich kannte ihn (den Torschützen Stig Frederiksen – die Red.), wusste, wo er ihn hinschießen würde, und ich war mit den Händen am Ball, konnte ihn aber nicht halten.“ Eine Szene, die die Ikone bis heute noch mitnimmt, wenn sie davon erzählt.

Überhaupt: Elfmeter. 18 Strafstöße hat Ronnie Hellström für den FCK gehalten, und in seiner Biografie verrät er seinen Trick: „Ich rief laut den Namen eines Mannschaftskameraden, sagen wir Hans-Peter Briegel, und machte ein Handzeichen in Richtung des einen Pfostens. Die Hoffnung war, dass der Elfmeterschütze dies registrieren würde. Dann tat ich mit dem Körper so, als wenn ich mich in diese Richtung bewegen würde. Worauf ich mich dann aber mit voller Kraft in die andere Richtung warf.“

RONNIE GING, ALS DIE SEELENLOSEN KONZERNKLUBS KAMEN – PASST IRGENDWIE

Ausführlich beschrieben wird auch Hellströms Abschiedsspiel auf dem Betzenberg im Jahr 1984 – er war übrigens der erste Auslandsprofi, dem diese Ehre in Deutschland zuteil wurde.

Woher die ungeheure Popularität nun rührt, die er bis heute in der Pfalz genießt? Seine überragenden sportlichen Leistungen können es kaum sein. Er selbst erklärt es mit wenigen, aber einleuchtenden Worten. „Wenn ich ein hochnäsiger, quengelnder Idiot gewesen wäre, glaube ich, hätte man mir niemals ein Abschiedsspiel gewidmet. Aber es war nicht so, dass ich mich beliebt machen wollte. Ich fühlte mich mit den Fans wohl und sie sich mit mir.“ Dem ist nichts hinzufügen. 

Sein aller, allerletztes Spiel bestritt er übrigens 1989 in Schweden – für ein Team namens „Fosters BK“, einem Verein also, der sich nach einer australischen Brauerei benannte, also nach dem Unternehmen, dem er gehörte. Ronnie ging also, als die seelenlosen Konzernklubs die Szene zu betreten begannen. Auch das passt irgendwie.

UND ZUM FINALE NOCH EIN WENIG CAMUS

Überlassen wir das Schlusswort dem Schriftsteller und Philosophen Albert Camus, von dem Tore S. Börjesson ebenfalls ein Zitat ausgegraben und irgendwie in seinen Text eingepflegt hat: „Ich habe in vielen Jahren viele Dinge gesehen, aber alles, was ich am sichersten über Moral und die Pflichten des Menschen weiß, verdanke ich dem Sport – und das habe ich bei RUA gelernt“. Gemeint ist die Racing Universitaire d’ Alger, in deren Juniorenmannschaft der Gelehrte einst spielte, bis er aus gesundheitlichen Gründen aufhören müsste. 

Börjesson ist überzeugt, dass Camus den Literatur-Nobelpreis, den er später bekam, jederzeit und leichten Herzens gegen eine Torhüterkarriere in der französischen Nationalmannschaft eingetauscht hätte. Demnach bräuchte sich Ronnie Hellström nun also nicht zu grämen, wenn ihm für „Ronnie – Der fliegende Wikinger“ der Schriftsteller-Oscar nun versagt bliebe.

Das Buch ist übrigens nicht im üblichen Online-Versandhandel erhältlich. Bestellt werden kann es beispielsweise im Betze-Fan-Shop Schifferstadt, auch auf der FCK-Geschäftsstelle kann es erworben werden. Ansonsten einfach bei den regionalen Buchhändlern nachfragen, der ein oder andere wird sich möglicher Weise ein paar Exemplare gesichert haben.

Coverfoto: Idrottsförlaget