Wenn Trainer tippen, kann die Frage nur lauten: Wer wird Germany’s next Osnabrück?

Okay, vor der Saison Aufstiegsfavoriten zu küren, ist im Grunde bescheuert, in dieser Dritten Liga erst recht. Und ausgerechnet an den Tipps derer herumzumäkeln, die diese Spielklasse besser als jeder andere kennen, ist eigentlich Besserwisserei, die an Größenwahn grenzt. Dennoch: „Liga 3-online“ hat diese Woche die Aufstiegstipps der aktuellen Trainerriege der dritthöchsten Spielklasse veröffentlicht, und diese werden seither so eifrig diskutiert, dass auch wir uns nicht zurückhalten möchten. Die für Fans des 1. FC Kaiserslautern offensichtlichste Erkenntnis: Ihr Klub ist die Favoritenbürde endgültig los. Wurde vor dem Saisonstart 2018/2019 der FCK noch 17-Mal unter die möglichen Top 3 eingereiht, trauen heuer nur noch vier Übungsleiter den Pfälzern einen Platz an der Sonne zu. Allerdings: Trainer sind miese Tipper, das haben sie bereits vergangene Saison bewiesen. Warum sollten sie diesmal besser machen?

Beispielsweise darf es mittlerweile als wenig erfolgversprechend angesehen werden, auf einen direkten Wiederaufsteiger zu setzen. Der letzte Klub, dem es gelungen ist, nach nur einem Jahr Drittklassigkeit in die Zweite Liga zurückzukehren, war der FC Erzgebirge Aue 2016. In den drei Spielzeiten danach brauchte es zumindest einen zweiten Anlauf, ein solcher ist aktuell dem Karlsruher SC geglückt. 

Interessant: In den Jahren zuvor gab in der seit 2008/2009 existierenden Dritten Liga lediglich zwei Mal keinen direkten Wiederaufstieg. Es scheint also in der Tat schwieriger geworden zu sein, nach einem Abstieg sofort wieder durchzustarten. Sei es, weil die Aderlässe, die damit einher gehen, zusehends schwerer zu kompensieren sind, oder weil die Dritte Liga in der Breite stärker geworden ist.

INGOLSTADT VORNE: TROTZ GROSSEM ADERLASS – UND GEGEN DEN TREND

Für die aktuellen Übungsleiter ist der FC Ingolstadt dennoch Aufstiegsfavorit – und der Zweitliga-Absteiger mit den größten Chancen auf eine direkte Rückkehr. Das Team wird insgesamt zehn Mal als möglicher Aufsteiger genannt, der 1. FC Magdeburg sieben Mal, der MSV Duisburg fünf Mal.

Wie sich diese Schwankungen erklären? Schwer zu sagen: Gewaltige Kaderumbrüche müssen alle drei bewältigen, Leistungsträger haben alle verloren, aber auch schon wieder interessante Spieler verpflichtet. Duisburg etwa hat aktuell den langjährigen Leipziger Marvin Compper unter Vertrag genommen. 

Liegt’s am neuen Ingolstädter Trainer, dass die Kollegen dem Audi-Team so viel mehr zutrauen? Jeff Saibene hatte bei Zweitligist Bielefeld im März 2017 einen enormen Boost bewirkt, als er die Ostwestfalen mitten in der Rückrunde auf einem Abstiegsplatz übernahm und ihnen noch den Klassenverbleib sicherte. Andererseits: In Duisburg sitzt der Taktikttüftler Torsten Lieberknecht auf der Bank, der die Dritte Liga bestens kennt.

BRAUNSCHWEIG: OFFENSIV VERSTÄRKT – ABER SCHUBERT IST SCHON WIEDER WEG

Mit zehn Nennungen gleichauf mit den Ingolstädtern liegt Lieberknechts Ex-Klub Eintracht Braunschweig. Auf den ersten Blick erstaunlich, haben sich die Niedersachsen doch in der abgelaufenen Saison erst am letzten Spieltag den Klassenverbleib gesichert. Allerdings haben sie in den vergangenen Wochen mit Verpflichtungen wie Martin Kobylanski, Orhan Ademi und Nick Proschwitz aufhorchen lassen.

Zudem haben die Braunschweiger eine ingesamt starke Rückrunde gespielt. Allerdings: Der Trainer, der den Leistungsaufschwung bewirkte, ist schon wieder weg. André Schubert hat nunmehr bei Zweitligist Kiel angeheuert.

WÜRZBURG: DAS STÄRKSTE NOCH VERBLIEBENE RÜCKRUNDENTEAM

Apropos starke Leistungen in der Rückrunde. Unter diesem Gesichtspunkt hätte Kickers Würzburg eigentlich mehr Nennungen verdient als die beiden, die den Franken tatsächlich zuteil geworden sind. 33 Punkte haben die Kickers 2019 geholt, nur Wiesbaden und Osnabrück haben mehr geschafft – und die sind aufgestiegen. Der dritte Aufsteiger Karlsruhe holte einen Punkt weniger als Würzburg. Und die vier finalen Saisonspiele haben die Kickers allesamt gewonnen.

Ob es ab dem 19. Juli gerade so weitergeht? Sicher, die Würzburger haben, wie alle Drittligisten, Leistungsträger verloren. Neben Ademi etwa auch auch die Flügelspieler Caniggia Elva und Simon Skarlatidis, der bekanntlich zum FCK wechselte. Geholt haben sie beispielsweise Hüseyin Cakmak aus der U21 der Lauterer. Andererseits: Die Aderlässe der Absteiger sind viel größer. 

HALLE: NUR WENIGE ABGÄNGE, DOCH DIE WIEGEN SCHWER

Bereits in der Vorsaison vorne dabei gewesen sein, Leistungsträger halten, punktuell verstärken, um den nächsten Schritt nach vorn zu gehen: Unter diesen Voraussetzungen haben die aktuellen Aufsteiger Karlsruhe und Wiesbaden 2019/2020 ihr Saisonziel erreicht. So will es ja auch der FCK schaffen. Allerdings mutet der neunte Rang nicht so ganz vielversprechend an wie der vierte, von dem aus der Hallesche FC jetzt seinen nächsten Versuch startet. Der Klub wird sechs Mal als Aufsteiger getippt.

Die Hallenser müssen auf den ersten Blick nur wenige Abgänge verschmerzen. Die aber haben in sich: Mit Moritz Heyer haben sie den Mittelmann ihrer starken Dreierkette abgegeben, mit Marvin Ajani und Braydon Manu ihre exquisite Flügelzange.

GELD SCHIESST TORE? AN DEN KFC GLAUBEN NUR DREI TIPPER

Gar nichts zu halten scheint die aktuelle Übungsleiterriege von dem Merksatz „Geld schießt Tore“. Dem KFC Uerdingen wird noch weniger zugetraut als dem FCK, nur drei Mal haben die Trainer auf ihn getippt. Dabei scheinen die Krefelder die Ponomarev-Millionen heuer durchdachter einzusetzen als im Vorjahr. 

Bei Andreas Maxsö haben sie mal in einen 25-Jährigen investiert, der noch Steigerungspotenzial hat, dazu mit den Talenten Christian Kinsombi, Franck Evina sowie dem erfahreneren, aber ebenfalls noch entwicklungsfähigen Selim Gündüz in Flügelspieler, die Speed in die ansonsten eher betagte Truppe bringen sollen.

Jan Kirchhoff scheint auf den ersten Blick dem bislang wenig erfolgreichen KFC-Muster zu entsprechen, auf teure Spieler zu setzen, die ihren Zenit bereits überschritten haben. Tatsächlich aber zählt der ehemalige Mainzer, Schalker und Bayer erst 28 Lenze. Dass Coach Heiko Vogel ihn zu neuen Leistungshöhen führt, ist gar nicht so ausgeschlossen. Den teuersten Kader stellen die Uerdinger auf jeden Fall.

Zu den drei Trainern, die Uerdingen einen Aufstiegsplatz zutrauen, zählt übrigens auch FCK-Coach Sascha Hildmann. Umgekehrt gehört der gebürtige Bad Dürkheimer Vogel zu dem Quartett, das den FCK vorne dabei sieht.

HANSA ROSTOCK: HÄRTEL KÖNNTE ES RICHTEN

Hildmann hat neben Absteiger Magdeburg auch Hansa Rostock auf der Liste. Das wundert nicht, so überzeugend, wie die Rostocker vergangene Saison gerade in den beiden Spielen gegen den FCK aufgetreten sind. Allerdings hat es auch an der Ostsee viele Wechsel gegeben. Aber: Mit Jens Härtel sitzt seit Januar 2019 der Magdeburger Aufstiegscoach der Saison 2017/18 auf der Bank. Viele sehen in dem stillen, zurückhaltenden 50-Jährigen einen bislang verkannten Toptrainer mit Erstligaqualitäten.

Übrigens wird Hildmann in den sozialen Medien verschiedentlich vorgeworfen, es sei ein Unding, dass er nicht auf seine eigene Mannschaft setze, was sollten denn da seine Spieler denken…

Dazu sei gesagt: Keiner der befragten Drittligatrainer hat sein eigenes Team nominiert. Torsten Lieberknecht und Jeff Saibene haben sich dem Spielchen ganz verweigert. Sie halten es offenbar mit dem Lautrer Meistertrainer Kalli Feldkamp, der einst sagte: „Ich tippe grundsätzlich nicht. Denn wenn ich auf Kaiserslautern setze, sagen einige, der ist ganz schön eingebildet. Setze ich nicht auf meine eigene Mannschaft, sagen andere, der traut seinen eigenen Jungs nichts zu.“ Weise Worte.

OSNABRÜCK HATTE 2018 NIEMAND AUF DER LISTE

Den souveränen Tabellenersten der vergangenen Saison hatten die tippenden Trainer im Sommer 2018 übrigens gar nicht auf der Liste: Der VfL Osnabrück hatte nicht eine Nennung erhalten. Sieht man in diesem Tippspiel nun eine Art negatives Barometer, muss die abschließende Frage also lauten: Wer wird Germany’s next Osnabrück?

Vielleicht Carl Zeiss Jena? Lukas Kwasniok, ein noch junger Trainer und Sportdirektor der Marke „Querdenker“, hat in Jena nach seinem Amtsantritt im Dezember 2018 eine grandiose Aufholjagd inszeniert und den Klub vor dem fast schon sicher geglaubten Abstieg gerettet. Von den letzten sieben Saisonspielen gewannen die Jenaer sechs. Im Sommer haben sie zwar auch Leistungsträger verloren, Maximilian Wolfram etwa oder Manfred Starke an den FCK, aber, wie gesagt: Kwasniok könnte einer von der Sorte sein, denen prinzipiell alles zuzutrauen ist. Andererseits: Solche Überflieger bleiben nie lange in der Dritten Liga.

HACHING – DAS NEUE OSNABRÜCK? SCHAU MER MAL

Oder wie wär’s mit Lauterns erstem Saisongegner, der SpVgg. Unterhaching? Auf die hat ebenfalls kein Coach getippt. Dabei spielten die Hachinger in der vergangenen Hinrunde erfolgreich vorne mit, vor allem auch attraktiv. Mit Sascha Bigalke wussten sie einen der kreativsten Offensivspieler der Liga in ihren Reihen, und der ist auch heuer wieder mit von der Partie.

In der Rückrunde stürzten sie ab, unter anderem, weil sich Torjäger Stephan Hain dauerhaft verletzte. Diese weiter bestehende Lücke wollten die Hachinger im Sommer mit dem Belgier Arne Naudts stopfen, der aber löste nach nur 29 Tagen den bereits geschlossenen Vertrag „aus persönlichen Gründen“ wieder auf. Das ist wirklich (Planungs-)Pech.

Aber: Mit Präsident Manfred Schwabl verfügen sie über eine kompetente Führung, die Trainer Claus Schromm nunmehr schon im fünften Jahr in Ruhe arbeiten lässt. Davon können die meisten der tippenden Trainer nur träumen.

Tja, die Trainertipps der Ersten Bundesliga zu besprechen, wär mit Sicherheit wesentlich kürzer ausgefallen. Aber: Bayern, Bayern, Bayern… wer hätte das denn lesen wollen?