Die „Wombles“ kommen nach Weingarten – und haben ein schönes Fußballmärchen zu erzählen

Der 1. FC Kaiserslautern trifft am morgigen Freitag, 19 Uhr, in Weingarten auf den AFC Wimbledon. Das ist mehr als eine Generalprobe, das ist eine Begegnung mit dem Mutterland des Fußballs, das nach wie vor die schönsten Geschichten bereithält. Vor zwei Jahren galt es, aus Anlass des Testspiels gegen Derby County an den unvergessenen Brian Clough zu erinnern. Diesmal ist ein wunderschönes Märchen zu erzählen, das so beginnt: Es war einmal ein Fußballklub, der von bösen Menschen verkauft wurde. Darauf tun sich ein paar Fans zusammen und gründen ihren eigenen Verein. In den folgenden vierzehn Jahren steigen sie sechs Mal auf und ziehen am Ende sogar an dem verhassten Retortenklub vorbei… Das liest sich nicht nur schön, es ist  auch wahr.

Kein Wunder, dass die Briten längst auch eine Verfilmung dieser Geschichte planen.  Schon der Anfang steht ganz in der Tradition bester englischer Sozialkomödien wie „Ganz oder gar nicht“. Protagonist kann niemand anders sein als Kris Stewart, der spätere erste Präsident des AFC Wimbledon.

Der Finanzberater wird an einem Tag des Jahres 2002 entlassen. Als er in seiner Stammkneipe seinen Frust ertränken will, erfährt er von seinen Fußballkumpels die nächste Schreckensnachricht: Unser Klub, der FC Wimbledon, ist verkauft worden. Und nicht nur das: Die Anzugtypen, die ihn sich unter den Nagel gerissen haben, ziehen mit dem Verein auch noch um. In eine hundert Kilometer entfernte Trabantenstadt namens Milton Keynes.

Was für ein Tag…

Ein paar Pints später sind sich die Freunde jedoch einig: Dann gründen wir eben den AFC Wimbledon. Einen neuen Klub, der die Tradition des alten wahrhaftiger fortführt als dieser „FC Franchise“. Eine Tradition, die Fußball-Ikonen hervorgebracht hat wie den Abwehrspieler Vinnie Jones, der vor jedem Spiel ohrenbetäubend durch die Katakomben brüllte „Let’s fucking kill them“. Doch, das machte Eindruck auf die Gästeteams.

Natürlich werden die Stammtischbrüder zunächst für verrückt erklärt. Das erste Team, das sie zusammenstellen, casten sie in der Art von „Deutschland sucht den Superstar“. Doch die Menschen in und um Wimbledon wollen diese „Crazy Gang“ spielen sehen. Zur Heimpremiere kommen 4.000 Zuschauer – in der neunten Liga, wohlgemerkt. Und der AFC beginnt zu gewinnen. Zwischen 2003 und 2004 bleiben die „Wombles“, wie erst ihr Maskottchen genannt wird und dann sie selbst, 78 Ligaspiele ungeschlagen. Das ist bis heute Rekord im gesamten englischen Fußball.

Mit dem Aufstieg in die vierte Liga hält der Klub 2011 Einzug im Profigeschäft. Im Sommer 2016 steigt er in die Englands Dritte Liga auf.  Am 9. Oktober 2016 schlägt der AFC Wimbledon Oxford United – und zieht in der Tabelle an den Milton Keynes Dons vorbei, dem verhassten Mutterklub, der nur von denen „FC Franchise“ genannt wird, die kein Schimpfwort benutzen wollen. Selbst die zurückhaltenden englischen Medien jubeln. Das Gute hat über das Böse gesiegt.

Zurzeit teilen sich die „Wombles“ noch ein Stadion mit der Frauenmannschaft des FC Chelsea. In der Saison 2020/21 aber soll ihre neue Spielstätte vollendet sein: in Wimbledon, dort, wo sie herkommen. Und sie spielen immer noch in Liga 3. Die Milton Keynes Dons sind mittlerweile abgestiegen.

Ausführlich nachlesen lässt sich die Geschichte im Internet-Auftritt von „11Freunde“.  Darin finden sich auch Zitate wie die der Trainerlegende Neal Ardley, der den „Wombles“ ab 2012 den fußballerischen Feinschliff verpasste. „Ich werde oft gefragt, was ein Fußballverein ist. Ich sage dann: Es sind die Fans. Spieler und Funktionäre kommen und gehen.“ Das hat so ähnlich mal ein gewisser Fritz Fuchs über einen deutschen Fußballklub in der Pfalz gesagt.

Neal Ardley wird in Weingarten leider nicht mehr auf der Bank sitzen. Er ist im November 2018 abgelöst worden. Der aktuelle Coach heißt Wally Downes, war selbst einst Spieler in Wimbledon, später bei verschiedenen Klubs Co-Trainer – und hat nun  bei seiner alten Liebe seine erste Cheftrainerstelle angetreten. Im zarten Alter von 58 Jahren.

Kris Stewart wird wohl eher nicht nach Weingarten kommen. Er hat bereits 2006 sein Präsidentenamt beim AFC Wimbledon niedergelegt, und auch seine Abschiedsworte sind historisch verbürgt: „Ich bin müde zu kämpfen, ich will einfach ein bisschen Fußball sehen.“

Mittlerweile haben Fußballfans in verschiedenen europäischen Städten dem Vorbild des AFC Wimbledon nachgeeifert, nachdem sie ihre Klubs samt ihrer Ideale verkauft sahen, etwa in Salzburg oder Manchester.

 Ob so etwas auch in Kaiserslautern vorstellbar ist – wenn sich bestimmte Funktionäre weiterhin lieber ihren Egotrips widmen statt ihrer Fanbasis? Auch das wissen wir natürlich nicht. Und wir wollen natürlich auf keinen Fall Unruhe stiften.

Foto: AFC Wimbledon