„Wir treten immer an, um zu gewinnen“ – Im Gespräch mit U21-Coach Hans Werner Moser

Er zählt zu den pfälzischen Urgesteinen im Betreuerteam des 1. FC Kaiserslautern. Ist in Kusel geboren, stammt aber aus Rammelsbach, und diese Unterscheidung ist wichtig: „Wenn ich sage, ich komme aus Kusel, werde ich in Rammelsbach gesteinigt.“ 14 Jahre ist er als aktiver Spieler und als Trainer für den FCK bislang aktiv gewesen, allerdings in drei Etappen. Aktuell hat er seinen Vertrag als Trainer der U21 gerade verlängert. Eine nicht unbedingt dankbare Aufgabe, bei der „Erfolg“ auf eigene Weise interpretiert werden will. In unserem Interview beschreibt Hans Werner Moser seine Arbeit und seine Ansprüche, hält aber auch Rückschau auf seine Karriere, die er vielleicht nicht immer optimal geplant habe, aber: „Das ist Jammern auf hohen Niveau. Unterm Strich bin ich sehr glücklich so, wie alles gelaufen ist und was ich heute bin.“

Sie haben sich lange Zeit gelassen, bis Sie ihren neuen Vertrag unterschrieben haben. Haben Sie lange nachdenken müssen, vielleicht auch Alternativen gecheckt?

Nein. Es war nur so, dass in den vergangenen Wochen im Nachwuchsleistungszentrum andere Fragen zu klären waren. Ob und wie die Stelle des NLZ-Leiters neu besetzt wird, nachdem Manfred Paula ausgeschieden ist, wie die Aufgaben künftig verteilt werden, wer gegebenenfalls mehr Schreibtischarbeit machen muss et cetera. Ich hatte schon früh signalisiert, dass ich gerne weitermachen würde – und auch weiterhin als Trainer täglich auf dem Platz stehen möchte. Nur mit der Unterschrift hatte es sich halt ein wenig hingezogen.

Einfach ist Ihr Job ja nicht – und auf den ersten Blick auch nicht sehr dankbar, da man als Trainer ja in erster Linie an Ergebnissen gemessen wird. Erfolge sind für Sie jedoch nur schwer zu erzielen. Vergangene Saison sind Sie manchmal mit nur zwei Reservespielern und ohne Ersatztorhüter zu Spielen gefahren.

Ja, das war an einzelnen Wochenenden schon extrem. Grundsätzlich wollen wir in der U21 ja einen engen Kader, um größtmögliche Durchlässigkeit zur Ersten Mannschaft zu gewährleisten. Mit  Christian Kühlwetter, Lukas Gottwalt, Antonio Jonjic und Carlo Sickinger haben wir während der Saison einige Leistungsträger an die Erste Mannschaft abgegeben, was uns natürlich schwächte – andererseits ist aber genau das der eigentliche Gradmesser für unseren Erfolg. Außerdem konnten und wollten wir lange Zeit auch keine Spieler aus der U19 aufrücken lassen, weil diese in der Junioren-Bundesliga gegen den Abstieg spielten. Dazu kamen dann noch einige Verletzungen, und wir mussten immer mal kurzfristig einen Formsuchenden aus der Ersten Mannschaft einbauen. So viele Faktoren werden so heftig sobald wohl nicht noch einmal aufeinander treffen. Vor allem unsere U19 erlebt dieses Jahr hoffentlich eine entspanntere Saison, dann ist auch für uns leichter, mal einen in der U21 zu testen.

Dennoch sehen viele Außenstehende nur den neunten Platz am Ende der Saison – und sagen: Und das in der Oberliga, das ist für die U21 eines 1. FC Kaiserslautern zu wenig. Da kann man auch mit dem Trainer nicht zufrieden sein.

Damit muss ich eben leben. Doch auch in der Oberliga muss du dich erst einmal behaupten, wenn du frisch von den A-Junioren kommst, denn du triffst da auf etliche Spieler mit Regionalligaerfahrung, auch in der Dritten Liga haben einige Gegner schon gespielt. Aber, abgesehen davon: Selbst wenn wir manchmal von Spiel zu Spiel auf sieben Positionen umstellen müssen, auch wenn wir manchmal mit nur zwölf Feldspielern anreisen – es ist durchaus nicht so, dass wir Ergebnis und Tabelle total ausblenden. Wir treten grundsätzlich zu jedem Spiel an, um zu gewinnen, egal, unter welchen Bedingungen. Das sollen und müssen die Jungs verinnerlichen. Denn wenn ich Sascha Hildmann einen Spieler empfehle, will ich nicht nur sagen können: Der kann kicken. Sondern auch: Der will jedes Spiel gewinnen.

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass sich die Extremsituation der vergangenen Spielzeit wiederholt: Es wird Ihnen wieder ein verhältnismäßig kleiner Kader zur Verfügung stehen, und Ihre Mannschaft ist noch jünger geworden.

Allerdings. Wir haben fünf Spieler aus unserer eigenen U19 hochgeholt, dazu kommen mit Kevin Schuller, Justin Kabuya und Anil Aydin drei, die vergangene Saison noch in Griesheim, Frankfurt und Köln bei den A-Junioren gekickt haben. Das wird spannend zu sehen, wie die sich jetzt in der Oberliga behaupten. Aber wir freuen uns drauf.

Wie steht es um die Jungprofis Flavius Botiseriu und Constantin Fath, die sich nach langwierigen Verletzungen erst mal wieder in der U21 einreihen?

Das sieht bei beiden gut aus. Botiseriu hat gerade die dritte Trainingswoche überstanden, die die härteste bislang war. Fath ist noch nicht ganz soweit, aber auch er bewegt sich schon wieder sehr gut.

Es ist ja öfter zu hören und zu lesen, dass die Talente in den NLZ’s überversorgt werden und dies ihrer Entwicklung nicht gut tut. Insofern muss die U21 doch ein dankbares Pflaster sein – da gibt es keine Komfortzonen und ständig muss improvisiert werden.

Diese Argumentation hat durchaus was für sich. Auch wenn es von der spieltaktischen Vorbereitung sicher nicht optimal ist, wenn wir im Abschlusstraining manchmal nur fünf gegen fünf spielen können. Auf der anderen Seite jedoch können wir unsere Spieler intensiver und individueller betreuen als andere. Keiner kann sich hinter dem anderen verstecken, jeder weiß, dass er gebraucht wird. Unzufriedene Bankdrücker gibt es bei uns nicht, denn jeder kommt auf seine Spielzeiten. Drum wird bei uns im Training auch kaum gemeckert.

Dennoch gibt es nicht nur im Lautrer NLZ jedes Jahr große Fluktuationen. Viele beklagen den Wechselwahn, der längst auch im Juniorenbereich angekommen ist. Auch der gehe zu Lasten der Talententwicklung, und auch die Identifikation der Jungs mit dem Verein bleibe auf der Strecke. 

Das ist nun mal der Gang der Zeit. Aber es stimmt, auch mir ist das mittlerweile ein bisschen zu viel geworden. Ich hab sogar schon erlebt, dass ich einen jungen Spieler ansprechen wollte und der mich direkt an seinen Berater verwiesen hat, ohne selbst mit mir sprechen zu wollen. Manche fühlen sich direkt zu Höherem berufen, wenn sie mal drei gute Spiele gemacht haben. Zumal dann sofort windige Berater um die Ecke kommen und sie mit Angeboten verrückt machen, die so konkret gar nicht existieren… Dabei zeigen doch gerade unsere jüngsten Erfolgsgeschichten, dass es sich lohnt, bei uns am Ball zu bleiben. Carlo Sickinger kickt schon seit 2012 am Betze. Christian Kühlwetter hat zwar nicht bei unseren Junioren gekickt, aber über 60 Spiele in unserer Zweiten Mannschaft gemacht. Auch, als er sich das Wadenbein brach, hat er nicht aufgegeben, immer wieder erklärt, ich will es hier packen und sonst nirgends. Vergangene Saison hat er nun bei den Profis die meisten Treffer erzielt.

Ihre eigene Karriere verlief im Vergleich dazu ja noch in absolut geordneten Bahnen. Sie haben alle B- und A-Junioren-Jahrgänge am Betzenberg durchlaufen, anschließend vier Jahre bei den Profis gespielt und sind dann erst zum Hamburger SV gewechselt. Sollte Karriereplanung so aussehen?

Ich verrat Ihnen was: Ich wollte damals auch nach diesen vier Profijahren nicht weg. Aber der damalige FCK-Boss Jürgen „Atze“ Friedrich wollte mich gewisser Maßen im Vorbeigehen einen neuen Vertrag unterschreiben lassen – da ist mir der Kragen geplatzt. Es ging mir gar nicht mal ums Geld, sondern eher um Vertragslaufzeit und solche Dinge, vor allem aber fühlte ich mich nicht genug wertgeschätzt – vermutlich, gerade weil ich aus der eigenen Jugend kam. Friedrich setzte wohl darauf, dass ich in der Pfalz zu sehr verwurzelt bin, um zu wechseln, hatte aber nicht bedacht, dass ich Anfragen von einigen Bundesligisten auf dem Tisch hatte. Ich bin dann für 1,2 Millionen Mark zum HSV gewechselt. Das war für damalige Verhältnisse ein Hammergeld für einen 22-Jährigen – und auch das war Friedrich wohl ganz recht. Ich selbst wollte aber gar nicht weg. Damals wurde in der Bundesliga auch generell noch nicht so viel gewechselt. Da kamen pro Saison vielleicht zwei, drei Neue, mehr nicht.

War Ihnen nach Ihrer Profikarriere sofort klar, dass Sie Trainer werden wollen?

Ja, sofort. Ich musste meine Karriere 1996 wegen einer Hüftverletzung beenden, hab noch im gleichen Jahr die A-Lizenz erworben und danach direkt meinen Fußballlehrer  – in einem der letzten Lehrgänge, die der legendäre Gero Bisanz noch leitete.

Sie waren dann ein paar Jahren in unteren Klassen unterwegs und kamen dann 2003 das erste Mal als Trainer der Zweiten Mannschaft zurück. 2005 übernahmen sie mal für sieben Wochen die Profis, nachdem der damalige FCK-Boss René C. Jäggi den Cheftrainer Kurt Jara entlassen hatte. Jäggi hat ihre Arbeit in diesen Tagen immer gelobt, der Presse gegenüber auch angedeutet, dass er Sie sich als künftigen Cheftrainer vorstellen könnte, dann aber doch lieber Michael Henke geholt, der ein paar Wochen später wieder Geschichte war. Wenn Sie heute an diese Zeit zurückdenken: War das ein Punkt, an dem Ihre Karriere eine andere Wendung hätte nehmen können – wenn Jäggi auf den Mann aus den eigenen Reihen gesetzt hätte?

Ja, daran denke ich in der Tat öfter zurück. Ich muss aber klar sagen: Mir gegenüber war Jäggi immer ehrlich, hatte mir von vorneherein mitgeteilt, dass er parallel mit anderen Kandidaten verhandelt. Es wäre an mir gewesen zu sagen, ich mach den Job für sieben Wochen, aber wenn es einigermaßen läuft, will ich einen Anschlussvertrag von wenigstens einem Jahr. Ich hab dann zwar nur zwei Spiele gewonnen, aber wir hatten Mannschaften wie Bayern, Bremen, Dortmund und das Lokalderby gegen Mainz vor der Brust. Und die Mannschaft war tot, als ich sie übernahm, hatte in den vergangenen beiden Spielen nicht einmal aufs Tor geschossen. Mein erstes Spiel als Cheftrainer, in Bielefeld, haben wir aber gewonnen, dadurch den Klassenverbleib sichergestellt und Planungssicherheit geschaffen. Da hätte ich energischer sein müssen – und auch mal was einfordern.

2012 arbeiteten Sie dann vier Jahre als Scout bei Eintracht Frankfurt. Wie kam es zu diesem Perpektivenwechsel?

Zunächst durch Zufall. Bruno Hübner, mit dem ich beim FCK zusammengespielt und auch schon in Wiesbaden zusammengearbeitet hatte, rief mich an und sagte, wir haben in Frankfurt personelle Engpässe in der Scouting-Abteilung, willst du nicht für eine Weile aushelfen? Ich sagte zu und fand schnell Spaß an der Arbeit. Der damalige Cheftrainer Armin Veh ließ mich nicht nur die Spiele des kommenden Gegners beobachten, er wollte auch, dass ich bei den Trainings kiebitze. So habe ich vier Jahre lang die Trainingsarbeit von allen namhaften Bundesligatrainern studieren können, dazu etwa 280 Erstligaspiele analysiert. Ich weiß, als ich auf den Betze zurückkam, meckerten im Umfeld einige, ich sei doch jahrelang aus dem Trainergeschäft raus gewesen. Ich sage: Ich hab vier Jahre lang bezahlte Fortbildung auf höchstem Niveau genossen.

Und wie kam es zur zweiten Rückkehr nach Lautern?

Ich hatte meinen Vertrag in Frankfurt gerade eine Woche zuvor verlängert, als der Lautrer NLZ-Leiter Manfred Paula bei mir anrief und fragte, ob ich Interesse hätte, als Trainer der Zweiten Mannschaft zurückzukommen. Für mich als Pfälzer war das natürlich keine Frage und mit Bruno Hübner hatte ich schon längere Zeit zuvor vereinbart, dass er mir keine Steine in den Weg legt, falls ich wieder mal als Trainer arbeiten wollte. Mittlerweile aber hatte Fredi Bobic als Sportvorstand das letzte Wort. Also ging ich mit Bruno zu ihm, erklärte ihm mein Anliegen, und am Ende hatte Fredi volles Verständnis und sagte nur noch: Viel Glück.

Sie sind jetzt 53 Jahre alt. Es gibt zwar in einigen erfolgreichen Jugendabteilungen Trainer, die älter sind, aber die werden ja meist nicht gesehen, sondern nur die jungen Wilden, die es aus der zweiten Reihe in die erste schaffen. Also wird gemeckert, weil  der FCK in der U21 nicht auch die Trainerposition mit einem Talent besetzt. Wie sehen Sie denn sich und Ihr Alter?

Ich bin überzeugt, dass ich mit meiner Erfahrung noch einiges bewegen kann. Ich hab hier Leute um mich rum, die mir vertrauen und denen ich vertraue, das ist viel wert, denn es ist weiß Gott nicht überall so. In so manchem NLZ sitzen Kollegen, die sich insgeheim freuen, wenn ihr Cheftrainer verliert, weil sich da eine Chance für sie auftun könnte… Die Sorge braucht Sascha Hildmann bei mir nicht zu haben. Ich denke, den Zeitpunkt, wo bei mir aus Altersgründen die Leistung nicht mehr stimmt, werde ich selbst rechtzeitig erkennen.

Und was möchten Sie mit diesem Verein nochmal erleben?

Ein Bundesligaspiel gegen die Bayern auf dem Betze – aber würde das in diesem Verein nicht jeder antworten? Mir will es bis heute nicht in den Kopf, dass der FCK jetzt Dritte Liga spielt. Aber wir müssen jetzt einen Schritt nach dem anderen machen, um da wieder rauszukommen. Ich wünsche mir, dass wir gut in diese Saison starten, damit der Betze  von Anfang an voll ist – und dass die Bude endgültig zum Tollhaus wird, wenn wir in den letzten Saisonspielen immer noch vorne dabei sind.