„Und jetzt fängt’s an zu kribbeln“ – Im Gespräch mit Christian Kühlwetter

Er zählte zu den erfreulichen Erscheinungen beim 1. FC Kaiserslautern im vergangenen Jahr: Christian Kühlwetter, der nunmehr 23-jährige Stürmer, der zunächst noch für die U21 vorgesehen war, dann aber in die Erste Mannschaft hochgezogen wurde und in 28 Spielen zwölf Mal traf – öfter als jede andere Offensivkraft im FCK-Dress. Daneben offenbarte der Mann mit der Nummer 24 auf dem Rücken zunehmend Leaderqualitäten. Ab Samstag gilt es, die guten Eindrücke aus der Vorsaison zu bestätigen. Im Interview beschreibt er seine Gefühlslage – und wie ihm der vergleichsweise späte Karrierestart doch noch geglückt ist.

Christian, am Samstag geht’s los. Bist du schon heiß?

Auf jeden Fall. Die Vorbereitung war hart. In dieser Woche haben wir uns noch einmal gezielt auf Haching vorbereitet. Und jetzt fängt’s an zu kribbeln. Auch in der Mannschaft hat jeder Bock, das spürt man. 

Wer genauer hinschaut, sieht die Mannschaft eigentlich stärker besetzt als im Vorjahr. Siehst du das auch so?

Es sind andere Charaktere dazugekommen, auch einige neue, junge Spieler. In der Vorbereitung haben wir ein paar ganz gute Spiele gemacht, gegen Sandhausen und gegen Wimbledon, zwischendrin gegen Homburg lief es dagegen nicht so gut. Ob wir stärker geworden sind, wird sich jetzt zeigen.

Dennoch werdet Ihr allgemein nicht so hoch gehandelt wie in der vergangenen  Saison. Das sind doch eigentlich ideale Voraussetzungen, oder?

Ohne Favoritenbürde lebt es sich leichter, auf jeden Fall. Das kann uns nur recht sein.

Hast du dir persönlich Ziele für diese Saison gesetzt?

Natürlich. Ich möchte meine gute Saison vom letzten Jahr bestätigen. Zeigen, dass das keine einmalige Sache war.

Du hast im vergangenen Jahr den Durchbruch in der Ersten Mannschaft geschafft, mit 22 Jahren. Ziemlich spät eigentlich, denn spätestens mit 23 läuft die Uhr für ein Nachwuchstalent langsam ab: Wer es bis dahin nicht in den Profifußball geschafft hat, schafft es kaum noch. Hattest du dir schon einen Plan B für deine Karriere zurechtgelegt?

Das musste ich spätestens tun, als ich mir vor anderthalb Jahren das Wadenbein brach. Da wusste ich nicht, wann und wie ich zurückkomme, außerdem lief mein Vertrag aus. Daher bewarb ich mich bei der Polizei. Aber dann ist der Verein auf mich zugekommen, hat mir trotz Verletzung eine Vertragsverlängerung angeboten – und alles kam anders. Da bin ich mächtig stolz drauf. Aber: Ich hatte auch meinen Plan B in der Tasche.

Du bist nach dem Wadenbeinbruch nach nur zwei Monaten zurückgekommen. Hat dich die Vertragsverlängerung so sehr gepusht? 

Die schnelle Heilung hat sogar mich selbst überrascht. Der Bruch stellte sich als nicht sehr kompliziert heraus, und ich habe gutes Heilfleisch. Und ich habe in diesen zwei Monaten hart mit unserem Athletiktrainer gearbeitet. Freie Tage gab’s da nicht, auch nicht in den Weihnachtsferien.

Du bist 2016 nach Kaiserslautern gewechselt, nachdem du in Köln sämtliche Jugendmannschaften durchlaufen hattest. Da verwurzelt man natürlich in einem Verein. Was waren die Gründe für den Wechsel?

In Köln ging es nicht mehr so richtig weiter für mich. Ich hatte zwar schon als A-Junior den Sprung in die Zweite Mannschaft geschafft, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Leute vom Verein nicht mehr so viel mit mir reden. Sie boten mir zwar nochmal eine Vertragsverlängerung an, aber ich hielt einen Tapetenwechsel besser für mich. Lauterns Sportdirektor Boris Notzon, der bekanntlich gute Kontakte nach Köln hat, lud mich ein, zum Probetraining nach Kaiserslautern zu kommen. Und da habe ich wohl überzeugt. Und bin auch geblieben, als wir mit der Zweiten Mannschaft in die Oberliga abstiegen, denn ich konnte unter Trainer Hans Werner Moser viel lernen.

Hans Werner Moser hat in unserem Interview vergangene Woche erzählt, dass du  auch während deiner schweren Verletzung immer wieder betont hast, du wolltest es hier schaffen, nirgendwo sonst…

Das hatte ich mir schon bei meinem Wechsel fest vorgenommen. Während meiner Verletzung habe ich viel mit dem Trainer gesprochen, und der wollte, dass ich den Kopf nicht hängen lasse: Wenn es bei uns nichts mehr werde, könne ich es doch nochmal woanders versuchen… Ich blieb aber dabei: Entweder klappt es jetzt in dem halben Jahr, das mir noch bleibt, oder gar nicht. Und dann hat es ja geklappt.

 Fühlst du dich in der Pfalz mittlerweile genauso verwurzelt wie in Köln?

Das kann man nicht vergleichen. In Köln wohnt noch meine komplette Familie, das ist schon was Besonderes. Aber ich fühle mich sehr wohl in der Pfalz.

Wenn der FCK mal wieder in Köln antreten müsste, wär das für dich also schon kein Spiel wie jedes andere?

Natürlich nicht. Ich bin schon als kleiner Junge regelmäßig ins Kölner Stadion gegangen.

Viele beklagen den Wechselwahn, der mittlerweile auch im Juniorenbereich Einzug gehalten hat. Wenn es in einem Nachwuchsleistungszentrum nicht läuft, wird nach einem Jahr ins nächste gewechselt. Wie siehst du das? 

Ich sehe das auch so. Ich muss mich in einem Verein heimisch fühlen. Ich hätte auch in der Kölner Jugend schon wechseln könnte, wollte das aber mich, weil ich auch keiner bin, der gerne irgendwo neu dazukommt. Ich find’s besser, sich längerfristig an einen Verein zu binden. Drum hab ich im Winter meinen Vertrag nochmal verlängert.

Dein Einstand in der Ersten war wahrlich traumhaft. Am 8. Spieltag gegen Jena erstmals aufgestellt, direkt getroffen, ein paar Tage später gegen Braunschweig gleich zwei Mal. Es heißt, Torjäger leben vom Selbstvertrauen, und das holen sie sich über Tore…

(grinst) Es hätte schlechter laufen können, das stimmt. Und Tore helfen, das ist auch klar. Aber für mich ist es nicht wichtig, unbedingt 20 Tore in einer Saison zu schießen. Wenn ich nur fünf mache und wir haben Erfolg, ist mir das eigentlich lieber.

In der Rückrunde hast du gegen Karlsruhe erstmals zentral gespielt. Ich hatte den Eindruck, dass dir das nochmal einen Schub gegeben hat. Du wirst zwar als variabel einsatzbarer Offensivspieler angesehen, aber am wohlsten fühlst du dich doch im Zentrum, oder?

Ja. Ich spiele am liebsten vorne drin, alleine oder mit einem anderen Stürmer. Da  habe ich auch die ganze Jugend hindurch gespielt. Außen kann ich auch spielen, aber da empfinde ich die Seitenlinie oft als zusätzlichen Gegenspieler.

Du brauchst also immer die Option, dich in alle Richtungen bewegen zu können?

… und habe den Gegner am liebsten hinter mir, wenn ich Bälle festmache. Ich bin auch keiner, der mit nur zwei Ballkontakten in die Pause gehen kann. Daher habe ich auch gerne einen Partner vorne mit drin, mit dem ich zusammenspielen kann.

In dieser Runde wirst du vorne mit zwei recht unterschiedlichen Partnern agieren.  Timmy Thiele ist einer, der wie du gerne auch auf die Flügel rausgeht, Andri Runar Bjanarson eher der Typ Strafraumstürmer. Das heißt, du musst dich auf jeden ein wenig anders einstellen.

Das könnte hinkommen, wobei ich Bjarnas Bewegungsabläufe noch besser kennenlernen muss, so lange ist er ja noch nicht dabei, er ist erst nach Beginn der Vorbereitung gewechselt und war auch ein paar Tage verletzt. Er scheint schon mehr ein klassischer Strafraumstürmer zu sein, das stimmt. Timmy kenne ich halt schon länger, das merkt man auch im Zusammenspiel. Er sucht in der Tat gerne den Weg über Außen.

Du hast dich im Lauf der Rückrunde auch zunehmend als Antreiber profiliert. Ist es dein persönlicher Anspruch, Führungsspieler zu werden? Oder entwickelt sich so etwas aus dem Bauch heraus?

Ich denke, das ist schon ein Stück weit in meinem Charakter verwurzelt. Ich war auch schon in der Zweiten Mannschaft Kapitän, und in Köln bereits in der U19 und in der U17. Ich möchte meiner Mannschaft eben auf jede Art und Weise helfen. Vor allem auch den jungen Spielern, weil ich deren Situation selbst noch allzu gut aus eigener Erfahrung kenne.

Nach dem Verbandspokalfinale hat Sascha Hildmann berichtet, du hättest in der Pause eine Motivationsansprache gehalten. War das deine erste in dieser Art?

Zuletzt hatte ich so etwas in der U19 gemacht. Auch da war es ein Pokalspiel, und auch das haben wir anschließend gedreht… Das kam in der Tat aus dem Bauch heraus. Im Verbandspokalfinale gegen Wormatia Worms lagen wir zur Pause 0:1 hinten, wir wussten, wir hatten bislang nicht gut gespielt, alle saßen geknickt in der Kabine und es war extrem ruhig. Der Trainer hat alles versucht, auf uns einzuwirken, aber ich hatte das Gefühl, dass jetzt auch von einem Spieler noch was kommen muss. Da bin ich aufgestanden und hab die Jungs mal ordentlich gepusht. Hat anscheinend ja auch geholfen, wir gewannen 2:1. 

Wenn man die Startaufstellung gegen Wimbledon als Fingerzeig für den kommenden Samstag wertet, könnte es sein, dass du gegen Haching von der Bank kommst. Wär das ein Problem für dich?

Meckern werde ich jedenfalls nicht. Wenn der Trainer entscheidet, dass zunächst die beiden anderen spielen, werde ich alles tun, um der Mannschaft zu helfen, sobald ich reinkomme.

Sascha Hildmanns Vorgänger Michael Frontzeck hat einmal gesagt, es gibt, ungeachtet der individuellen Qualität, gute und schlechte Einwechselspieler. Manche sind in einem Spiel sofort drin, wenn sie später reinkommen, andere müssen einfach von Anfang an spielen, um ihre volle Leistung abrufen zu können. Was für ein Typ bist du?

Ich spiele am liebsten natürlich von Anfang an, aber ich glaube, ich bin ein guter Einwechselspieler. Das hat man doch vergangenes Jahr in Aalen gesehen. Als Elias Huth und ich reingekommen sind, haben wir beide getroffen und das Spiel gedreht.

Bei deinem Treffer hatte der Aalener Keeper allerdings einen schweren Aussetzer. In Braunschweig hattest du zuvor auch schon mal so einen Treffer gemacht, bei dem der Schlussmann einfach nicht reagierte. Wie machst du das? Hypnotisierst du die Torleute vorher – oder hast du sonst irgendwelche Tricks drauf?

Auf jeden Fall keine faulen. Der Trick ist: Einfach mal versuchen. Draufhalten. Manchmal gehen Bälle rein, von denen man es gar nicht glaubt. 

Foto: 1. FC Kaiserslautern