Für alle, die noch Spaß dran haben: Die xG-Grafiken vom Haching-Spiel

Okay: Die meisten Anhänger des 1. FC Kaiserslautern möchten das maue Auftaktspiel gegen die SpVgg Unterhaching abhaken – und hoffen auf mehr Mut, Aggressivität und Siegeswillen in der kommenden Partie gegen die SG Sonnenhof Großaspach am kommenden Samstag, 14 Uhr. Außerdem ist es im Moment angezeigter, aufmerksam das hochinteressante, dreiteilige Interview zu verfolgen, das Kaiserslauterns künftiger Investor Flavio Becca den Machern von „Der Betze brennt“ gewährt hat, gerade mit Blick aufs Mitgliederforum am kommenden Sonntag, 10 Uhr, im Fritz-Walter-Stadion. Aber die Grafiken, die Top-Analytiker Sander Ijtsma vom Taktikblog „11tegen11“ uns exklusiv nach jedem Lautern-Spiel erstellt, sind für Fußballnerds nun mal höchst aufschlussreich – und für Drittligaklubs ist einfach nichts Vergleichbares zu haben. Außerdem werden seine Visualisierungen nicht nur immer bunter, sondern auch immer aussagekräftiger. Daher widmen ihnen künftig in der Nachbetrachtung stets einen eigenen Beitrag. Gezwungen, diese zu lesen, wird niemand.

Beginnen wir wie immer mit der xG-Timeline. Zu Saisonbeginn sei sie Neueinsteigern nochmal erklärt: Sander Ijtsma listet nicht wie andere Statistiker einfach die abgegebenen Torschüsse auf, sondern markiert die erarbeiteten Einschusspositionen, gleicht diese mit seinem umfangreichen Material an Archivdaten ab und errechnet daraus ein Wert, der angibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit aus dieser Position und Situation ein Treffer erzielt werden konnte.

SUBJEKTIVE EINDRÜCKE OBJEKTIV ÜBERPRÜFEN: DIE xG-WERTE 

Dieser „expected Goals“ (xG)-Wert liegt zwischen 0 und 1. Ein Elfmeter etwa wird mit 0,9 bewertet, das bedeutet 90 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Diese objektive  Betrachtung mit den eigenen, subjektiven Eindrücken abzugleichen, liefert oft sehr interessante Erkenntnisse. 

Beispielsweise begeistert es wohl jeden Zuschauer, ein Spiel zu sehen, in dem die Mannschaften oft aus der Distanz aufs Tor schießen und die Keeper viele Flugparaden zeigen. Wundern, wenn ein solches Spiel am Ende 0:0 ausgeht, muss man sich aber nicht – wenn man sich anschließend die xG-Timeline solcher Kicks betrachtet. Denn die zeigt – wie gesagt, dank des Abgleichs mit einer Ummenge Archivdaten –, dass Distanzschüsse viel seltener einschlagen, als der subjektive Betrachter gemeinhin vermutet. Wer effektiv scoren will, muss Einschusspositionen in der Box kreieren.

Im Spiel am Samstag war der FCK seinen Gästen spielerisch unterlegen, das hat jeder gesehen. Trainer Sascha Hildmann ahnte dies anscheinend schon vorher, drum hatte er seinem Team eine abwartende Spielweise verordnet, um den Gegner keine Räume zu eröffnen: mit zwei kompakt stehenden Viererketten, die erst ab der Mittellinie attackierten.

ANGSTHASENFUSSBALL HÄTTE AUCH ERFOLG HABEN KÖNNEN

Dass die Defensivtaktik den Zorn des heimischen Anhangs auf sich zog, ist verständlich. Es muss aber auch gesagt werden: Der FCK ist damit immerhin in Führung gegangen, und durfte dann auch mit Einverständnis des Publikums tiefer stehen und auf Konter lauern. In der absoluten Mehrzahl alle Fälle bringt eine Heimmannschaft eine Führung auf diese Weise nach Hause, gerade in der Dritten Liga.

Bis zur Pause kreierte der FCK, vor allem über den schnellen Thiele, durchaus zwei, drei weitere Szenen, die zum Erfolg führen konnten – und hätte das Ergebnis am Ende gestimmt,  wären die Kommentare nach Spielende längst nicht so negativ aufgefallen, der Angsthasen-Taktik zum Trotz.

BIS ZUR PAUSE WAR DER FCK EFFEKTIVER

Haching war zwar auch vor der Pause alles andere als chancenlos, aber die xG-Timeline bestätigt denn auch: Bis zur Pause hatte sich der FCK mehr erfolgversprechende Einschusspositionen erarbeitet. Danach holte Haching aber sehr schnell auf, und nach 90 Minuten wäre ein Gästesieg einen Tick verdienter gewesen: Am Ende stehen sich Gesamtwerte von 0,78 und 0,89 gegenüber.

2019-07-20 1437343 xG plot Kaiserslautern 1 - 1 SpVgg Unterhaching.png

Sander Jitsmas „Pitch Plot“ visualisiert, wo die Teams ihre Einschusspositionen kreierten. In der Zusammenfassung findet sich ein bekanntes Manko einmal mehr  statistisch bestätigt: Haching erarbeitete 0,32 expexted Goals über ruhende Bälle, Lautern exakt null. Das kennen wir doch, oder? Könnte auch Lautern nach der Formel „ein Drittel über ruhende Bälle“ Chancen kreieren, hätte das Team nach diesem Spiel xG-mäßig sogar vorn gelegen, trotz „Angsthasen“-Fußball.

2019-07-20 Pitch plot Kaiserslautern 1 - 1 SpVgg Unterhaching.png

Tja, Sascha Hildmann hat zwar in unserem Interview zum Abschluss der Saison selbst analysiert, dass der wesentliche Unterschied zwischen seinem FCK und einer Spitzenmannschaft die miese Verwertung von Standardsituationen gewesen sei, abgestellt hat er dieses Manko bislang aber immer noch nicht. Obwohl mit Manfred Starke ein weiterer guter Server zu Florian Pick, Carlo Sickinger oder Theo Bergmann hinzugekommen ist, obwohl mit Janik Bachmann und Andri Runar Bjanarson ordentlich  physische Präsenz für Gegners Strafraum bei hohen Flugbällen eingekauft wurde. Wir müssen eben weiter warten, dass sich was bessert.

Der Klassiker: Die Positions- und Passgrafik. Bei Lautern wird der Ball über die Außenverteidiger nach vorne getragen. Das ist auch beim FC Liverpool so, nur halt effektiver. Erstaunlich ist, wie wenig die Innenverteidiger ins Spiel einbezogen werden.

2019-07-20 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - SpVgg Unterhaching.png

Hier lohnt sich ein Vergleich mit dem Hachinger Schaubild. Da wird schön aus der Abwehr aufgebaut, auch der Ballbesitz, den die Größe des Punktes visualisiert, ist schön gleichmäßig verteilt, auch die Abstände zueinander machen das 3-4-1-2 Claus Schromms schön sichtbar. Lediglich Schröter war nicht so gut einbezogen. Insgesamt aber wird deutlich. Hachings Spiel wer einfach strukturierter.

2019-07-20 SpVgg Unterhaching Passing plot Kaiserslautern - SpVgg Unterhaching.png

In der vergangenen Saison für uns meist ein Grund zum Ärgernis: Die Visualisierung der Aktivitäten in der „Zone 14“, klassischer Weise „Zehnerraum“ genannt. Aus diesem werden die meisten Treffer eingeleitet, auch der Pass auf die Flügel ist aus dem Zehnerraum ist erfolgversprechender als das Nach-vorne-Knoddeln an der Seitenlinie.

2019-07-20 Zone 14 plot Kaiserslautern - SpVgg Unterhaching.png

Im direkten Vergleich zeigt sich, dass Lautern in diesem Spiel sogar agiler in der „Zone 14“ war als Haching, das hätten wir nun wirklich nicht gedacht. Allerdings: Die Pässe gingen meist in die Breite und meist nach links. Die Präsens links führen wir auf die Aktivitäten Picks zurück, der vom Flügel oft in die Mitte zieht.

Sander Jitsma stellt ab dieser Saison auch eine Visualisierung der Halbraum-Bewegungen zur Verfügung. Die dürfte gerade für den FCK in der Regel aufschlussreicher sein, da er selten mit Zehner spielt. 

2019-07-20 Halfspace plot Kaiserslautern 1 - 1 SpVgg Unterhaching.png

Im Vergleich beider Halbräume fallen die durchgezogenen Pfeile Richtung Grundlinie auf der rechten Seite auf, die sind deutlich zahlreicher als gegenüber. Die offenbaren Thieles Hang zum langen Weg. Den suchte er in diesem Spiel öfter als sonst über die rechte Seite.

Haben Sie im Ernst bis hierhin mitgelesen? Glückwunsch: Sie sind auf dem besten Weg, ein echter Fußballnerd zu werden.

Text: Eric Scherer