Wie wenig Zahlen doch sagen: Diese Nullnummer war 1a

Kaum zu glauben: In der fußballerischen Drittklassigkeit wird durchaus erstklassige Fußballkost geboten, und dies, ohne dass Tore fallen. Nach 94 Minuten Tempo, Drama, gar nicht mal so vielen, dafür aber tollen Strafraumszenen und einigen auch technisch ansprechenden Highlights trennen sich der 1. FC Kaiserslautern und der FC Ingolstadt torlos. Für den FCK heißt es nun, sich diesen Spirit zu bewahren, denn die kommenden Aufgaben werden noch schwerer. Fürs Selbstvertrauen des Teams wäre es sicher kräftigender gewesen, wenn seine Leistung mit drei Punkten belohnt worden wäre. So muss es sich damit trösten, immerhin an einer Art „Serie“ zu stricken: Der FCK ist in dieser Saison noch ungeschlagen.

Wie wenig so ein Ergebnis doch aussagt. In der Spielzeit 2018/19 mussten wir insgesamt fünf Nullnummern am „Betze“ analysieren. Nicht eine davon hatte nur annähernd die Qualität dieser Partie. Selbst die gern bemühte Phrase „ein 0:0 der besseren Sorte“ ist unangebracht.

Mit José Matuwila, Philipp Hercher, Janik Bachmann und Manfred Starke stehen vier Spieler in der Startelf, die in der vergangenen Saison noch nicht das FCK-Trikot trugen. Dennoch wirkt die Mannschaft wie komplett ausgewechselt. Nicht nur, was die Spielanlage angeht, auch die Körpersprache hat sich vollkommen verändert. Hoffentlich bleibt das so.

MATUWILA EIN GROBMOTORIKER? JETZT ABER…

Von Beginn an sichert sich der FCK mehr Ballbesitz. Entscheidet sich für den langen Ball nicht zu früh, sondern lässt das Leder auch mal geduldig durch die hinteren Reihen laufen, ehe der Vertikalpass zwischen die gegnerischen Viererketten gesucht wird.

Dass Carlo Sickinger, der doch noch fit geworden ist, und Bachmann die nötige Passqualität dafür mitbringen, ist bekannt. Matuwila überrascht dagegen. Er war eher als Grobmotoriker angekündigt, doch zeigt sich, dass er durchaus auch präzise Diagonalbälle spielen kann. Erst mit zunehmender Spieldauer, vornehmlich in der zweiten Halbzeit, mischen sich da auchein paar ungenaue drunter.

STARKE: DER KLUGE KOPF ZWISCHEN DEN LINIEN

Als kluger und fixer Abnehmer zwischen den Linien präsentiert sich vor allem Starke. Meist setzt er nach Möglichkeit direkt die Flügelspieler ein, versucht sich aber auch an Doppelpässen durch die Mitte, einmal sogar an einem besonders ehrgeizigen doppelten Doppelpass.

Auf den Außenbahnen könnten sich Hercher und Florian Pick zu einem wahren Traumpärchen entwickeln. Allerdings haben sie mit Rechtsverteidiger Peter „Die Axt“ Kurzweg einen der stärksten Ingolstädter gegen sich. Außen lässt der kaum mal einen vorbei. Dominik Schad und Christoph Hemlein auf der anderen Seite gelingt es, den Weg zur Grundlinie effektvoller zu suchen.

DIE ERSTE CHANCE: PICK AUF THIELE

Dennoch dauert es gut eine Viertelstunde, bis der FCK gegen die gut stehende Ingolstädter Mannschaft die erste Torchance generiert. Eingeleitet durch Pick, der ein wenig Glück hat, als er nach einem Pressschlag im Ballbesitz bleibt, dann aber eines seiner charakteristischen kurzen Anspiele zeigt, auf Timmy Thiele, der aus halblinker Position am langen Eck vorbeizieht.

Ja, ja, Thiele und seine vergebenen Torchancen… Andererseits: Ob der ebenfalls im Kader stehende Zentrumsstürmer Andri Rúnar Bjanarson in der vordersten Front so ackern kann wie Thiele? Im Lauf der Saison wird er sicher Gelegenheit haben, es zu beweisen.

DER RICHTUNGSWEISER: DIE 62. MINUTE

Stilbildender für den FCK 2019/2020 sollte allerdings die zweite Lauterer Großchance des Spiels werden. Sickinger schlägt einen ebenfalls klug abwarteten weiten Ball ins Angriffsdrittel, auf die rechte Seite. Schads Gegenspieler erreicht diesen zwar noch vor ihm, doch Lauterns Rechtsverteidiger bedrängt ihn fast an der Grundlinie so energisch, dass diesem nur ein unpräzises kurzes Abspiel gelingt.

Und da die Lautrer mittlerweile kompakt aufgerückt sind, landet der Ball bei Starke, der nach einem Doppelpass Schad in die Box schickt. Dieser schiebt sich elegant in Schussposition – und scheitert an Ingolstadts Keeper Fabijan Buntic.

Langer Ball ins Angriffsdrittel, kompakt aufrücken, den zweiten Ball erobern und ab in die Box – wer dieses Spiel zu kultivieren vermag, darf sich in dieser Liga Spitzenteam nennen. Das Spiel erfordert vor allem auch eine hoch aufrückende Hintermannschaft, die über Schnelligkeit verfügen muss, um Konter des Gegners unterbinden zu können.

SICKINGER UND MATUWILA HABEN DEN SPEED FÜR DIESES SPIEL

Die neue Innenverteidigung Sickinger/Matuwila hat diesen Speed. Dafür ist weniger Lufthoheit garantiert als mit Typen à la Kevin Kraus und André Hainault. Dass Ingolstadt seine erste Torchance durch Fatih Kaya per Kopf hat – die Rechtsflanke kommt kurz vor Pause von der „Axt“ – ist kein Zufall. Bei ruhenden Bällen dagegen kann Mittelfeldspieler Bachmann mit seinen 1,94 Metern Körpergröße die Rolle des Abräumers übernehmen.

Überhaupt: Ingolstadt. Zu einem guten Spiel gehören immer zwei, und in dieser Beziehung legt der FC spätestens zu Beginn der zweiten Hälfte mächtig zu. In Jeff Saibenes Startelf stehen übrigens drei 19-Jährige, zwei weitere werden später eingewechselt. Auch der Absteiger hat sich einer Frischzellenkur verschreiben.

„Als wir angefangen haben, Fußball zu spielen, waren wir eine Klasse besser“, resümiert Saibene hinterher. Gemeint ist wohl „als wir zu Beginn zu waren“ und nicht „eine Klasse besser als der FCK“.

ALS INGOLSTADT KOMMT, IST GRILL ZUR STELLE

Gefährlich wird der FC innerhalb einer Viertelstunde mit zwei starken Anspielen aus dem Zehnerraum in die Spitze, wobei Lennart Grill den zweiten Ball in Weltklassemanier pariert, sowie bei einem verdrehten Linksschuss des starken Maximilian Beister an die Querlatte. Grill pariert auch den Nachschuss von Kaya.

Einmal hat Grill Pech, als er einen Ball vor einem anlaufenden Stürmer nach Ansicht des Linienrichters vor der Torlinie aufnimmt. Oder hat er Glück, weil er nur Gelb sieht? Dass jedenfalls meint Jeff Saibene hinterher. Gelb war besser, da weniger spielbeeinflussend, denn die TV-Zeitlupe lässt eher den Schluss zu, dass der Zugriff wohl auf der Sechzehnmeter-Linie erfolgte. Der Freistoß landet jedenfalls in der Mauer.

MIT DER ROTE KARTE ENDET DER OFFENE SCHLAGABTAUSCH

Pech mit dem Kartenspiel des Schiedsrichters hat dafür Ingolstadt. Der junge Thomas Keller hat das Foul, das er in der 80. Minute in Nähe der Mittellinie an Thiele begeht, bestimmt als taktisches gedacht und im Geiste wohl bereits mit der Gelben Karte abgebucht. Referee Sven Waschitzki zeigt jedoch glatt Rot.

Na ja, eine „Notbremse“ war das nicht wirklich, möglicher Weise missfiel dem Unparteiischen, dass der Innerverteidiger seine Aktion zwar von der Seite, aber mit beiden Füßen voran ausführte.

Mit dem Platzverweis endet der offene Schlagabtausch. In den verbleibenden Minuten müht sich nur noch der FCK, aber vergeblich. „Wir haben alles reingepfeffert“, bilanziert Sascha Hildmann hinterher. In der Tat.

VIELE GUTE ANSÄTZE – OHNE ANSPRUCH AUF VOLLSTÄNDIGKEIT

Auch wenn es unterm Strich nur zwei Großchancen waren, gab es noch etliche weitere vielversprechende Ansätze zu sehen, denen nur ein Quäntchen Glück zur Vervollkommnung fehlte. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier noch erwähnt:

– ein 1a-Durchstecken von Schad auf Hemlein, dessen flache Hereingabe Keller geistesgegenwärtig blockt,

– ein Top-Gegenstoß nach dem Freistoß wegen Grills Gelbaktion, bei dem sich zeigt, dass Starke bei aller Klasse ein Tick Geschwindigkeit fehlt,

– ein „Field Goal“-Versuch Hemleins aus der eigenen Hälfte, mit dem er den zu weit vorm Kasten stehenden Buntic übertölpeln will.

DIE FESTWOCHEN GEHEN WEITER – VOR HOFFENTLICH VOLLEREN HÄUSERN

So macht Fußball Spaß. Und der hat auch mehr Zuschauer verdient als die 17.000, die am Dienstagabend den Weg auf den „Betze“ fanden. Aber auch hier gilt: Zahlen drücken nicht alles aus. Die Stimmung war dennoch top.

Jetzt heißt es, die Spannung hochhalten. Nächster Heimgegner ist Mainz 05, Pokalderby ist angesagt. Anschließend kommt Eintracht Braunschweig, das mit drei Siegen in die Saison gestartet ist. Und dann Waldhof Mannheim. Noch Fragen?

Da stehen wahre Festwochen an. Und es müsste es mit dem roten Teufel zugehen, wenn der Betze sich da nicht mal wieder ausverkauft präsentiert.

Text: Eric Scherer

Foto: 1. FC Kaiserslautern