Am Ende fehlt Mainz eine Trompete, um zum Rückzug zu blasen – und Pick schießt Lautern ins Pokalglück

Vier Megaphone waren den Ultras des FSV Mainz 05 genehmigt worden, um in ihrem Block während des DFB-Pokal-Spiels ihrer Mannschaft auf dem Betzenberg Stimmung zu machen – das sind mehr, als gemeinhin üblich ist. Verwehrt worden war ihnen lediglich der Einsatz einer Trompete, weswegen sie in den sozialen Medien unkten, die Lauterer wollten verhindern, dass sie mit der Blechtröte ihren Sieg feierten. Und tatsächlich: Kurz vor Ende des Spiels hätten die Mainzer unbedingt eine Trompete gebraucht. Allerdings nicht, um den Triumphmarsch zu blasen, sondern zum schnellen Rückzug. Mit dem nämlich hätte ihr Team den Konter verhindern können, den Florian Pick zum entscheidenden 2:0 abschloss. Der 1. FC Kaiserslautern feiert damit einen grandiosen Pokaltriumph, welcher unter nüchtern-sportlichen Gesichtspunkten glücklich genannt werden muss, weil nicht zuletzt auch eine Fehlentscheidung dazu beitrug. Der aber dennoch einer höheren, moralischen Gerechtigkeit folgt.

Dabei hatte es in den ersten 25 Minuten nicht danach ausgesehen, als ob Lauterns Vorteil, bereits vier Pflichtspiele in dieser Saison absolviert zu haben, den Zwei-Klassen-Unterschied zwischen den Teams überbrücken könnte. In die Startelf des FCK ist wie erwartet Christian Kühlwetter zurückgekehrt, und sein Team erwartet die Mainzer in seiner mittlerweile üblichen 4-1-4-1-Ordnung. Diese sei diversen Fußballlehrbüchern zufolge ideal, um ein 4-4-2 mit Raute, wie Mainz es zelebriert, über die Flügel auszuhebeln – danach aber sieht es zunächst kein bisschen aus.

ZUNÄCHST MAL MAINZ, WIE ES KOMBINIERT UND FLANKT

Die Mainzer kombinieren immer wieder kurz und schnell durch die Mitte, und die Lauterer Hintermannschaft bekommt die dribbelstarke, flinke Doppelspitze Robin Quaison/Karim Onisiwo wenn überhaupt, dann nur durch massiertes Erhöhen ihrer  Manpower in den Griff. Dadurch wiederum werden die Außenverteidiger Aaron und Daniel Brosinski als Anspielstationen frei, die die 05er auch prompt in ihr Spiel miteinbeziehen. 

Nach knapp 20 Minuten entwickelt sich so auch die bis dato größte Einschusschance für Mainz, als Aaron mit einer scharfen Linksflanke Quaison am Fünf-Meter-Raum findet, dieser das Leder aber nicht richtig erwischt. Zuvor hatten der Schwede und seine Sturmkollege bereits drei gute Gelegenheiten ungenutzt gelassen.

Lautern gelangen bis dato noch gar keine Offensivaktionen. Nach Ballgewinnen ist zwar der smarte Manfred Starke zwar immer wieder als direkte Anspielstation zur Stelle, aber seine Versuche, in die Spitze weiter zu passen, sind zu durchsichtig. Und weite Abschläge von Keeper Lennart Grill werden von einer Art Bermuda-Dreieck absorbiert, dass die Mainzer Innenverteidiger Moussa Niakhaté und Stefan Bell gemeinsam mit dem davor positionierten Edimilson Fernandes bilden.

Der Schweizer ist auch der einzige Neuzugang, den 05-Trainer Sandro Schwarz in seiner Startelf nominiert. Und der, körperlich präsent und dennoch mit ordentlicher Technik ausgestattet, ein überzeugendes Debüt hinlegt. FCK-Stürmer Timmy Thiele bleibt in diesem Triangel unsichtbar.

DANN KOMMT LAUTERN, WIE ES KÄMPFT UND RENNT

Nach 25 Minuten bricht sich jedoch erstmals der Spirit Bahn, der das Spiel fortan prägen und am Ende auch entscheiden wird. Lautern fängt eine Ecke ab und Thiele startet einen langen Lauf über die rechte Seite. Aufgrund der vorangegangen Eckball-Zuordnungen muss er gegen den eigentlichen Stürmer Onisiwo sprinten, gegen den er im Hochgeschwindigkeitsduell eigentlich keine Chance hat. Dankbarer Weise foult ihn Onisiwo jedoch und sieht Gelb, so dass es zu einer Freistoßflanke aus dem rechten Halbfeld kommt.

Fußballerisch resultiert daraus nichts, aber die Aktion lässt zunächst die Westtribüne, dann den Rest des Stadions erwachen, in das exakt 40.694 Zuschauer geströmt sind. Das reicht leider nicht ganz, um als der am stärksten besuchte DFB-Pokalspiel einer ersten Hauptrunde in die Geschichte einzugehen.

Von da an läuft es für Lautern besser. Kombinationen über mehr als zwei, drei Stationen gelingen zwar auch weiterhin nicht, aber die Elf rückt höher auf, versucht sich öfter im Gegenpressing und schafft sich zumindest ein paar „kleine“ Situationen über ruhende Bälle. Diese präsentieren sich gegenüber den vorangegangen Spielen, in denen Standards noch kaum gefährlich waren, leicht modifiziert.

Eckbälle führen Starke und Christoph Hemlein meist kurz aus, und nach der ersten Abwehr gehen die Rückraum postierten Spieler konzentrierter auf den zweiten Ball. So kommt Thiele zu einer ersten, wenn auch halbgaren Kopfballchance.

Und kurz vor der Pause vermag sich Janik Bachmann nach einem Einwurf durch den Mainzer Strafraum zu knoddeln, bis das Leder abermals bei Thiele landet, der diesmal ideal zum Tor postiert ist, doch wird sein Schussversuch abgeblockt.

PAUSEN-FAZIT: LAUTERN MUSS MITTE DICHTMACHEN – UND LANGE WEGE SUCHE

Zur Pause ist zumindest klar, mit welcher Marschroute Lautern in diesem Pokalfight durchaus eine Chance haben kann. Die langen Wege suchen, das Publikum mitnehmen, und vor dem eigenen Strafraum die Mitte irgendwie dicht bekommen.

In der zweiten Hälfte gleicht das Spiel eine Viertelstunde lang den ersten 25 Minuten des ersten Durchgangs. Quaison wird in höchster Not mit vereinten Kräften geblockt, dann muss sich Grill bei einem tückisch drehenden Flachschuss von Jean-Paul Boetius ganz lang machen.

Doch dann startet Thiele ein zweites Mal . Auf der linken Seite, freigespielt von Florian Pick. Da geht’s ins Sprintduell gegen Stefan Bell, der um einiges langsamer ist als Onisiwo. Thiele schiebt sich im Strafraum an ihm vorbei – und fällt. Schiedsrichter Felix Zwayer pfeift. Elfmeter für Lautern.

DER ELFER WAR WOHL KEINER – IST ABER AUSGLEICHENDE GERECHTIGKEIT

Machen wir’s kurz: In der TV-Zeitlupe zeigt sich, dass es eher Thiele ist, der Bell trifft. Sandro Schwarz’ Feststellung nach dem Spiel ist zutreffend: „Mit Video-Schiedsrichter wäre der Elfer zurückgenommen worden.“ Den aber gibt’s im DFB-Pokal nicht. 

So, wie es ihn auch 2005 nicht gab, als bei einem Pokalspiel zwischen Mainz und Lautern ein wahrscheinlich korrekter Elfmetertreffer des Lautrers Ferydoon Zandi nicht gegeben wurde. Späte, ausgleichende Gerechtigkeit also.

Die Art und Weise, wie das Ding dann reingeht, ist natürlich ebenfalls bitter für Mainz. Florian Müller pariert Starkes ein wenig vorhersehbar getretenen Elfer eigentlich, doch der abprallende Ball nimmt, als folge er einer unberechenbaren Laune, anschließend dennoch den Weg über die Torlinie. 

Auf drei Tribünen des Fritz-Walter-Stadions brechen alle Dämme. Der Mainzer Q-Block, der sich in den Tagen zuvor in den sozialen Medien immer wieder Provokationen zu Wort gemeldet hat, schweigt hingegen. Und das Weiß, in dem die 05-Anhänger gekleidet sind, sieht schon jetzt ein bisschen nach Kapitulation aus.

MAINZ, WIE ES ERST STÜRMT, DANN LANGSAM VERZWEIFELT

 Ihr Team freilich wehrt sich noch eine halbe Stunde lang. Zunächst durchaus noch geordnet, in dem es über die Flügel kommend immer wieder Einschusspositionen im Rückraum generiert, doch wirft sich alles, was ein rotes „Gymper“-Trikot trägt, immer wieder in die heranfliegenden Bälle.

Normaler Weise empfindet es ein FCK-Team als Vorteil, wenn es in Hälfte zwei auf die Westtribüne angreifen darf. Diesmal ist ein Segen, dass es vor seiner tobenden Fanwand verteidigen darf– und dass eine solche Konstellation nicht auf der Dopingliste steht.

Ach, ja, und so ein bisschen Fußball gibt’s auch noch von den Pfälzern zu sehen. Nach 25 Minuten spielen sie, wieder mal nach einer kurzen Ecke, Starke halbrechts im Strafraum frei, doch dessen scharfe hereingetretene flache Flanke fängt Müller ab.

UND AM ENDE MAINZ, WIE ES ZÜNDELT UND DIE EIGENE FAHNE ABFACKELT

Und dann, als die Mainzer Angriffsbemühungen zunehmender fahriger geworden sind und die Nachspielzeit bereits läuft, die Entscheidung. Der für Starke eingewechselte Gino Fechner schlägt einen öffnenden Diagonalpass auf den für Hemlein eingewechselten Simon Skarlatidis, der sein erstes Pflichtspiel für Lautern bestreitet. Der passt auf Pick, der schlägt zwei Haken und vollstreckt. 2:0. Feierabend.

Aus dem Q-Block werden daraufhin Pyro-Fackeln aufs Spielfeld geballert. Die Lauterer Fans reagieren angemessen mit einem „scheiß Verlierer“. Allerdings gerät das Ganze zur Comedy-Aktion, weil die Mainzer dabei ihre eigenen Zaunfahne in Brand stecken. Dumm gelaufen. Passt aber irgendwie.

JETZT HEISST ES, AUS DEM SIEG KRAFT SCHÖPFEN FÜR DIE PUNKTERUNDE

„So wie heute habe ich den Betzenberg schon lange nicht mehr erlebt“, erklärt ein sichtlich bewegter Sascha Hildmann hinterher. „Und ich habe in den vergangenen Jahren sehr, sehr viele Spiele hier geweshen.“ Als gebürtiger Lautrer war Hildmann nämlich schon lange FCK-Fan, bevor er am „Betze“ Trainer geworden ist.

Nun müsse dieser Sieg aber auch „Kraft geben“ für die nächsten Punktspiele, so der Trainer weiter. Am nächsten Sonntag, 13 Uhr, kommt Eintracht Braunschweig auf den Betzenberg.