„Träge und langsam, auch im Kopf“ – Auf den Mentalcoach wartet viel Arbeit

Der 1. FC Kaiserslautern vermittelt zunehmend den Eindruck eines Patienten mit bipolarer Störung. Zwischen den Stimmungslagen „himmelhoch jauchzend“ und „zum Tode betrübt“ vergehen nicht einmal 90 Minuten. Auf die manische Phase beim 2:0-Sieg im DFB-Pokalspiel gegen Erstligist Mainz folgte nun die depressive mit einer 0:3-Heimklatsche gegen Eintracht Braunschweig. Ist kommenden Montag in Zwickau nun wieder ein Hoch zu erwarten? Selbst wenn, mit Blick auf die Tabelle machen solche Schwankungen auf Dauer keine Laune. Nach fünf Saisonspielen rangiert der FCK sieben Punkte von einem Aufstiegsplatz entfernt – und nur einen von einem Abstiegsplatz. Die Rückkehr in die Zweite Liga ist unter diesen Umständen kein visionäres Ziel, sondern eine Wahnvorstellung.

Die deutsche Fußballlehrer-Ausbildung zählt zu den besten der Welt. Aber ein Leitfaden, wie ihre Absolventen vor den Medien einen Auftritt ihrer Mannschaft erklären sollen, der sie selbst am meisten enttäuscht hat, gibt sie ihnen anscheinend nicht an die Hand. In Jena sollte der Querdenker Lukas Kwasniok am Sonntag die fünfte Niederlage seines Teams in Folge erklären.

Nach dem 1:2 gegen Waldhof Mannheim entschuldigte sich der Coach zum wiederholten Male für dessen Leistung, erklärte er, er sitze hier „voller Scham“, sprach davon, dass er sich von seiner Mannschaft alleine gelassen fühle, „erst recht nach der Halbzeitansprache“, davon, dass die Spieler im Begriff seien, ihre Zukunft als Fußballprofis zu verspielen, um dann doch zu betonen, dass zwischen ihn und seine Jungs „kein Blatt“ passe und er an sie glaube. In sich schlüssig war das irgendwie nicht.

„DER MENSCH IST UNBEWUSST SO GESTEUERT“

Insofern sollte man auch Sascha Hildmanns Ausführungen nach dieser 0:3-Packung nicht auf die Goldwaage legen. „Träge und langsam“ habe seine Mannschaft gespielt,  „auch im Kopf“, analysierte der FCK-Trainer das Geschehen auf dem Rasen wie gewohnt deutlich, formulierte aber zusehends unschärfer, als es um psychologische Hintergründe ging: Warum konnte der FCK nichts von der Euphorie aus dem Mainz-Spiel in den Ligaalltag hinüberretten?

„Bock“ hätten seine Jungs schon gehabt, so Hildmann, sich aber „eher unbewusst“ in eine „Komfortzone“ begeben. Die Trainer hätten unter der Woche zwar versucht, dem  entgegen zu steuern, aber: „Der Mensch ist unbewusst so gesteuert, gelingt ihm etwas Gutes, denkt er, er könne ein bisschen weniger machen – leider zahlt sich das nie aus.“

 Damit ließe sich zwar erklären, warum beim FCK seit ewigen Zeiten auf ein gutes Spiel immer ein schlechtes folgt, aber nicht, weswegen es anderen Mannschaften eigentlich gelingt, auch mal längere Siegesserien zu starten.

HÄTTE KÜHLWETTER GETROFFEN…

Nun gut. Hildmann hätte auch gnädiger sein können, auf die lichten Momente in der Partie verweisen, in denen sich durchaus alles hätte zum Guten wenden können für seine Mannschaft. Hätte etwa Christian Kühlwetter seine Großchance nach 50 Minuten verwertet, als ihm eine durchgerutschte Ecke am langen Pfosten zwei Meter vor der Torlinie vor die Füße fiel – der FCK hätte sich dann zurückziehen können, vor der Westtribüne verteidigend sein Konterspiel aufgezogen und wie gegen Mainz eine Aktion vielleicht auch mal abgeschossen.

Dann würde der Tenor der Spielberichte nun lauten: „Der FCK bekam nach einer schwachen ersten halbe Stunde die Partie gut in den Griff und siegte am Ende verdient.“

So aber steht dieses 0:3 auf der Tafel. Und alles, was ein Trainer angesichts dessen sagen kann, wird ihm entweder als Schönrederei ausgelegt oder Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit.

DIE ERSTE HALBE STUNDE: GLATT ABGESCHENKT

So oder so, die Fragen bleiben. Nach dem DFB-Pokalsieg war die Glut auf den Rängen noch zu spüren. Da hätte nur einer hineinblasen müssen, um das Feuer wieder auflodern zu lassen. Warum nur schenkte die FCk-Elf die erste halbe Stunde so leichtfertig an den Gast ab, der gleich drei Strafraumszenen herausarbeiten durfte?

Sicher, die Eintracht lief die Lautrer Hintermannschaft hoch an, allerdings auch nicht wirklich aggressiv, und ein, zwei Mal zeigten die Lautrer durchaus, dass sie eine hohe Angriffslinie auch mit kurzen, präzisen Verikalpässen überspielen können.

ZWEI TORAKTIONEN VOR DER PAUSE – ERINNERUNGEN AN MÜNSTER

Und in einer kurzen Phase vor der Pause gelangen ihnen sogar zwei gute Toraktionen. Einmal, in dem sie, wie auch beim starken Heimspiel gegen Ingolstadt schon praktiziert, einen im Angriffsdrittel verlorenen Ball noch in Gegners Hälfte wieder zurückholten, Philipp Hercher von links klug in den Rückraum passte, wo Dominik Schad abzog, aber an Eintracht-Keeper Marcel Engelhardt scheiterte. 

Und einmal, als Kühlwetter sich eine von einem Braunschweiger dankenswerter Weise verlängerte kurze Ecke am langen Pfosten erlief, auf Hercher zurücklegte, dessen Schuss aber von Eintrachts Innenverteidiger Steffen Nkansah mit dem Fuß geklärt wird.

Kurz nach der Pause kommt noch Kühlwetters dickes Ding dazu. Wie gesagt: Es hätte auch gut ausgehen können… Andererseits: Unmittelbar nach dieser „Hundertprozentigen“ darf Braunschweigs linker Flügelmann Mike Feigenspan allein aufs Lautrer Tor zurennen, wird aber in letzter Sekunde von Dominik Schad und Carlo Sickinger gestoppt. „Das wär ja gewesen wie in Münster“, erinnern sich einige Skeptiker direkt auf der Tribüne ans jüngste 2:3 des FCK gegen Preußen. 

Es dauert aber noch eine Weile, bis sie ihren Unmut bestätigt sehen.

NACH 69 MINUTEN: GEGENTOR UND KAPITULATION

Wie kann es sein, dass ein 1. FC Kaiserslautern nach einem Gegentreffer in der 69. Minute sofort kapituliert – an einer Spielstätte, die einst ebenso wie berühmt wie berüchtigt dafür, dass es dort für Gäste erst nach 75 Minuten erst so richtig heiß und selbst eine 2:0-Führung bis dato nur ein dünnes Polster ist?

 Schon die Entstehungsgeschichte ist ein Witz. Das 1:0 fällt in einer Phase, in der das Spiel „dahinplätschert, als wärs ein Freundschaftsspiel“, wie FCK-Keeper Lennart Grill später beschreibt. Als der eingewechselte Rechtsverteidiger Alfons Amade flankt, befinden sich sechs (!) FCK-Spieler plus Torwart im eigenen Strafraum. Drei davon decken sich gegenseitig. Feigenspan hingegen steht zwischen Sickinger und Schad vollkommen frei und darf zu einer formvollendeten, aber auch nicht besonders wuchtig ausgeführten Kopfball-Bogenlampe ansetzen, die prompt den Weg ins Tor findet. Mann, Mann, Mann.

WITZELFMETER? GESCHENKT

Danach rappelt’s nur noch. Einwechselspieler Danilo Wiebe schickt mit einem wirklich genialen Vertikalpass Einwechselspieler Leandro Putaro auf die Reise – schöner kann man eine hoch stehende Viererkette nicht ausspielen. 0:2. Der dritte Treffer, okay, ist dann eine Fehlentscheidung. Amado schießt José Matuwila im Strafraum ans obere Ende des Oberarms, Schiedrichter Tobias Welz gefällt’s zu pfeifen, Stürmer Nick Proschwitz darf per Elfmeter seinen ersten Saisontreffer erzielen. „Ein Witzelfmeter“, meint Hildmann. Geschenkt. Im doppeltem Wortsinn.

Wichtiger ist die Frage: Warum hat die Elf in dieser Phase kaum noch Gegenwehr geleistet? Ist das ein Fall für Fitnesscoach oder den neuen Mentalcoach, von dem zuletzt so viel zu hören war? Oder wär nicht vielleicht ein Psychotherapeut angezeigter – von wegen bipolare Störung?

Text: Eric Scherer/ Foto: 1. FC Kaiserslautern