5:3 – Thiele trifft die Ziele, und Kühlwetter bleibt Coolwetter

Will da ernsthaft noch jemand Bundesliga gucken? Leute, im deutschen Fußball geht derzeit nirgendwo mehr die Post ab als in der Dritten Liga. Am Montagabend schlossen der FSV Zwickau und der 1. FC Kaiserslautern einen weiteren turbulenten Spieltag mit einem echten Spektakel ab. 5:3 hieß es am Ende für den FCK. Besonders schön für den bereits in die Schlusslinie geratenen Coach Sascha Hildmann: Sämtliche neue Ideen, die er in die Partie einbrachte, haben gefruchtet. Lediglich ein Gaga-Elfmeter in der 86. Minute weckte noch einmal die Lautrer Urängste vor späten Gegentreffern. Für diese aber stand diesmal der richtige Therapeut an der richtigen Stelle.

Vor allem die Lobeshymnen für Timmy Thiele wollten nach dem Abpfiff kein Ende nehmen, und die seien ja ihm ja auch gegönnt. Hildmann hatte den Sturmtank diesmal als rechten Flügelspieler aufgeboten, und auf dieser Position hatte er mächtig Betrieb gemacht. Er erzielte das 1:0 und das 3:0, beim 2:0 assistierte ihm der Zwickauer Ali Odabas. „Mann des Tages“ schallte es hinterher aus allen Medienkanälen, und „Magenta Sport“ Field-Reporterin Anett Sattler wollte den aufgeblühten Berliner sogar als künftigen Co-Kommentator. Erfolg macht nun mal sexy.

Aber mal im Ernst: Dass Thiele seine stärksten Auf- und Antritte hat, wenn er auf langen Wegen über die Flügel kommt, wissen wir doch schon lange, oder? Drum küren wir mal, dem Mainstream zum Trotz, ganz frech einen anderen Spieler zum „Mann des Tages“: Christian Kühlwetter. Den 23-Jährigen hatte Hildmann wieder auf die Position beordert, auf der er schon in der Rückrunde der vergangenen Saison am überzeugendsten agiert hatte. In die Sturmmitte.

UNSER MANN DES TAGES: COOL-, NEIN, KÜHLWETTER

Dort agiert er nicht als Brecher, sondern mit viel Beweglichkeit und Verstand. So lässt er sich immer wieder in den Zehnerraum zurückfallen, um in die Spitze stoßende Mitspieler einzusetzen. In Zwickau legte er Thieles 3:0 und Florian Picks 4:1 auf, den Schlusspunkt zum 5:3 setzte er selbst.

Und das in einem höchst kritischen Moment: In der 86. Minute hatte Schiedsrichter Lasse Koslowski den wohl unverständlichsten Elfmeter der noch jungen Saison gepfiffen. FCK-Keeper Lennart Grill hatte einen Flugball gegen zwei heranstürmende Zwickau-Kanten mit den Fäusten geklärt – wie bitte schön hätte er die Situation sonst bereinigen sollen? 

Sascha Hildmann war über die Szene noch nach dem Spiel so zerknirscht, dass er sich über den Auswärtssieg gar nicht mal so recht zu freuen schien: „Diesen Pfiff soll mir der Schiedsrichter gefälligst mal erklären.“ Kein Wunder angesichts der Ängste, die nach diesem 3:4 in ihm hochgekocht sein müssen. In der vergangenen Saison hatte der FSV in beiden Partien gegen den FCK sich noch in der Nachspielzeit Punkte gesichert. Und in diesen Momenten war das Déjà-vu förmlich in der Luft zu fassen.

Glücklicher Weise jedoch bleibt Kühlwetter ganz Coolwetter, um das Trauma der Seinen zu therapieren. In Minute 90 senst FSV-Innenverteidiger Maurice Hehne über einen langen Ball aus Lauterns Hälfte, worauf der Stürmer allein Richtung Tor gehen darf und souverän abschließt.

PHASE I: LAUTERN SOUVERÄN – NUR DAS 2:0 FÄLLT ZU SPÄT

Das Spiel als Ganzes lässt sich grob in drei Abschnitte einteilen. Da ist einmal die  Phase nach dem frühen 1:0 durch Thiele. Dabei glückt Lauterns Innenverteidiger José Matuwila der perfekte Übergang von der Balleroberung zum „Umschaltspiel“: Beides geschieht nämlich mit einem einzigen Ballkontakt. Matulwila kickt das Leder so vorm heranbrausenden Zwickauer weg, dass es direkt die Bahn zum an der Strafraumlinie lauernden Thiele findet. Der dreht sich und zieht mit links ab.

Okay, da lässt sich auch die uralte Frage stellen: Sind die Lautrer tatsächlich so hochkonzentriert bei der Sache oder sind die Zwickauer an diesem Montagabend einfach nur früh schlafen gegangen? Odabas’ Eigentor zum 2:0 mutet noch krasser an.

Obwohl sich vor einem Freistoß von Manfred Starke eigentlich alle Zwickauer hinter dem Ball befinden, darf Lauterns Lenker das Leder seelenruhig auf Thiele chippen, der halbrechts im Strafraum vollkommen freisteht. Sein Drehschuss prallt von Odebas ins Tor. Sonst wär Kühlwetter noch drankommen, der zuvor schon zwei starke Torszenen hatte.

PHASE II: LAUTERN WACKELT IM LUFTKAMPF

Dieses 2:0, obwohl erst in Minute 41 erzielt, hatte 25 Minuten lang in der Luft gelegen, so sicher kontrolliert der FCK dieses Spiel. Erst in der Schlussviertelstunde der ersten halben Halbzeit kamen die Zwickauer besser ins Spiel.

Und zeigten den Lautrern, wo sie dringend noch nacharbeiten müssen. Die Sturmkanten Gerrit Wegkamp und Ronny König kamen zu Kopfballchancen, die der Partie durchaus eine Wende hätten geben können, wenn das „Momentum“ diesmal nicht auf FCK-Seite gestanden hätte.

PHASE II: PURES ENTERTAINMENT, ABER AUCH VOGELWILD

Gleiches gilt auch für Phase 3, unter der sich die gesamte zweite Halbzeit zusammenfassen lässt. Ein höchst unterhaltsamer, immer aber auch ein wenig vogelwilder Schlagabtausch, in der tolle Lautrer Konter, aber auch Abwehrfehler zu sehen sind. Einige davon scheinen schlicht und ergreifend aus Konzentrationsschwächen zu resultieren.

Vor dem 1:3 etwa spitzt Matuwila der stark in den Strafraum drängenden Lautrer Leihgabe Elias Huth zwar den Ball vom Fuß, was ihm jedoch zum Querpass auf den freistehenden Fabio Viteritti gerät.

Und vor dem 2:4 lässt sich erst der ansonsten aufmerksame Philipp Hercher vom ebenfalls eingewechselten Maurice Schröter ein wenig zu leidenschaftslos abhängen. Schröter flankt in den Strafraum, wo Huth mit dem Kopf vor Kevin Kraus zur Stelle ist. Ausgerechnet Kraus, den Hildmann wieder in den Defensivverband integrierte, um mehr Lufthoheit zu schaffen.

KRAUS GEWINNT LAUTRER „MOMENTUM“

Kraus ist es aber auch, der in Minute 83, beim Stand von 3:4, für ein weiteres „Momentum“ zu Lautrer Gunsten sorgt: Er klärt in höchster Not einen Abpraller Grills, der einen Schuss Königs parierte – und erleidet dabei ums Haar eine schwere Knieverletzung.

Alles in allem ein vergnüglicher Abend für den FCK, nach dem nur der Trainer nicht so richtig glücklich wirkt. Sei es, weil der Gaga-Elfmeter noch nachwirkte, oder weil er sich darüber im Klaren war, dass er sich erst aus der Schusslinie genommen fühlen darf, wenn sein  Team nun auch im kommenden Derby gegen Waldhof Mannheim am kommenden Sonntag was holt. Seine Äußerung, „Ich bin erst zufrieden, wenn wir nachgelegt haben“, deutet auf die zweite Variante hin.

„Wir wissen alle, was kommt“, ergänzt der Coach. In der Tat: Derby-Gegner Mannheim ist nach seinem nicht minder spektakulären 4:3 am Sonntag gegen den MSV Duisburg seit nunmehr 28 Ligaspielen ungeschlagen. Wer am kommenden Wochenende lieber Erste Bundesliga schaut, ist selbst schuld.

Text: Eric Scherer / Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images