Zähne zeigen, aber friedlich bleiben: Der Waldhof kommt – Im Gespräch mit G. Rohrbacher-List 

Manche Journalisten tun, was Fans unmöglich wäre. Günter Rohrbacher-List hat in seinem Leben jahrelang vom Geschehen auf dem Betzenberg berichtet, unter anderem stammt das Buch „Der Berg, das Land und der Ball“ aus seiner Feder. Davor und danach hat er aber auch den SV Waldhof Mannheim journalistisch betreut. Klar, dass der heute 66-Jährige vor dem Derby am kommenden Sonntag, 1. September, innerlich ein wenig zerrissen ist. Im Gespräch gibt er einen Einblick in diese Gefühlslage, analysiert die Situation in beiden Vereinen aber auch sehr nüchtern.

Herr Rohrbacher-List, Sie haben sich als Autor schon beiden Vereinen intensiv gewidmet. Was überwiegt bei Ihnen vor diesem Derby? Vorfreude oder die Angst, dass es es zu Ausschreitungen.

Ich kann mich da, ehrlich gesagt, für kein Gefühl entscheiden. Ja, auch ich habe mir lange Jahre nicht vorstellen können, dass es dieses Derby jemals nochmal in einem Liga-Pflichtspiel zu sehen gäbe. Und eigentlich sollten doch alle froh sein, dass es jetzt wieder eines gibt. Ich jedenfalls kann mich nur an packende Spiele zwischen diesen Mannschaften erinnern. Aber es gibt leider auf beiden Seite Leute, die nur auf diese Gelegenheit gewartet haben, sich mal wieder gegenseitig zu zeigen, was sie voneinander halten. Ich hoffe aber und glaube auch nicht, dass es so schlimm wird, wie es im Vorfeld gemacht wird.

Sie haben lange Jahre in Mannheim auf dem Jugendamt gearbeitet, wohnen aber in Ludwigshafen. Wie ist denn die Stimmung in Ihrem Umfeld? Ludwigshafen ist ja eigentlich klassisches FCK-Gebiet, trotz der unmittelbaren Nachbarschaft zu Mannheim.

Da hat sich leider wohl ein bisschen was geändert. Vor Waldhof-Spielen sehe ich an Straßenbahn-Haltestellen jetzt auch junge Leute in blauschwarzen Trikots, und ab und zu sogar mal einen in einem Hoffenheim-Leibchen. Insgesamt ist Ludwigshafen zwar immer noch FCK-Land, durch die Abstiege der vergangenen Jahre aber hat er einiges abgegeben.

Wie haben Sie denn die Spiele der beiden Vereine bislang verfolgt?

Aktuell schreibe ich über keinen der beiden Vereine mehr regelmäßig. Ich schau mir die Spiele meistens im Fernsehen oder im Internet an. Und da muss ich sagen: Der Waldhof hat mich bislang sehr beeindruckt, bei FCK-Spielen konnte ich schon das ein oder andere Mal nicht mehr zugucken und bin lieber in den Garten gegangen, der Nerven wegen.

Was macht den Waldhof denn stark?

Da ist zum einen Trainer Bernard Trares, der nun im dritten Jahr einigermaßen in Ruhe arbeiten darf. Das macht viel aus. Dann haben auch die unglücklich verpassten Aufstiege die Mannschaft noch stärker zusammengeschweißt. Überhaupt präsentiert sie sich als gewachsene Einheit. Und wenn in den vergangenen Jahren Spieler mal abgegeben worden sind, sind sie immer gut ersetzt worden. Das wäre natürlich alles nicht möglich ohne die Unterstützung von Präsident und Geldgeber Bernd Beetz. Andererseits: Auch der FCK hat sich ja jetzt von Flavio Becca abhängig gemacht.

Wer sind die aktuellen Leistungsträger?

Auf jeden Fall Torhüter Markus Scholz, der zurzeit aber verletzt ausfällt. Ebenso wie Raffael Korte, der mit seinem Bruder Gianluca ebenfalls zu den Aktivposten gehört. Valmir Sulejmani dürfte für diese Spielklasse ein Ausnahmestürmer sein. Aber im Grunde sind die Mannschaftsteile durchgehend stark besetzt. Wenn die Abwehr mal drei Tore fängt, schießt der Sturm eben vier, wie gegen Duisburg geschehen.

Und wer beeindruckt Sie beim FCK am stärksten?

Torhüter Lennart Grill ist schon klasse, aber er ist halt noch jung, da geht es eben noch Auf und Ab. Gleiches gilt für Christian Kühlwetter und Carlo Sickinger. Das Problem beim FCK ist: Der Verein müsste sich mal drei Jahre Zeit nehmen, um ein Team zusammenwachsen zu lassen, das auch in der Zweiten Liga bestehen kann. Aber die Zeit hat man und nimmt man sich nicht. Alle stehen sofort unter Druck, wenn’s mal nicht läuft, vor allem der Trainer.

Die letzte Frage kann leider nicht anders lauten: Wie geht’s aus?

Ich wünsche mir ein 3:3. Dann hätten die Zuschauer ein spektakuläres Spiel gesehen, der FCK könnte mit dem Ergebnis leben und der SV Waldhof könnte sich weiterhin oben halten. Dem traue ich in dieser Saison übrigens durchaus den Durchmarsch zu.

Herr Rohrbacher-List, danke fürs Gespräch.

HILDMANN: DER DRUCK DARF UNS NICHT VERKRAMPFEN

Der enorme Druck, der auf seinem Team lastet, war bei der Pressekonferenz zum Spiel auch für FCK-Trainer Sascha Hildmann ein Thema. Jeder wisse um die Bedeutung dieses Derbys, aber „wir dürfen nicht den Fehler machen, uns selbst und die Spieler so sehr unter Druck zu setzen, dass sie verkrampfen.“

Bereits im Kader steht Stürmer Lucas Röser (25). Den gebürtigen Ludwigshafener eiste der FCK in dieser Woche von Zweitligist Dynamo Dresden los – abermals mit finanzieller Unterstützung von Geldgeber Flavio Becca. Beginnen wird Sascha Hildmann aber wohl mit der gleichen Startelf wie beim jüngsten 5:3-Auswärtserfolg in Zwickau. 

Am Freitag waren bereits über 34.000 Tickets für die Partie abgesetzt. Das ist für Drittliga-Verhältnisse sensationell, aber mal im Ernst: Das ist der Betzenberg, das ist ein Derby – da sollte noch mehr gehen.

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Text und Interview: Eric Scherer

Foto: Jörg Halisch/Bongarts/Getty Images  / Grafik: meineauftstellung.de