Bücherblog: Eigentlich war er doch nur Idealist – Ewald Lienens „Ich war schon immer ein Rebell“

Schon klar: In einem FCK-Blog ein Buch von Ewald Lienen zu besprechen, wird diesem nicht gerade mega Klickzahlen bescheren. Lienen? Was hat der mit dem 1. FC Kaiserslautern zu tun? Was hat der schon groß gewonnen? Und: Wer außerhalb von St. Pauli mag den denn überhaupt? Das dürften die typischen Argumente dagegen sein, sich als FCK’ler mit Ewald Lienen auseinanderzusetzen. Schade eigentlich, denn „Ich war schon immer ein Rebell“ bietet eine schöne Gelegenheit, mal über eigene Vorurteile nachzudenken – etwa gegen jemanden, den man vielleicht nur deswegen als „unsympathisch“ empfindet, weil er auf allzu banale Reporterfragen gerne mal pampig reagiert. Und da der heute 65-Jährige immer auch über den Spielfeldrand hinausgeblickt hat, sind seine Lebenserinnerungen nicht nur Rückschau auf 50 Jahre Bundesliga, sondern auch auf fünf Jahrzehnte Zeitgeschichte. Davon abgesehen, haben seine Wege auch immer wieder die alter Lautrer wie Kalli Feldkamp, Otto Rehhagel oder Marco Reich gekreuzt.

Mit dem Lautrer und Bremer Meistermacher Rehhagel ist nicht zuletzt auch das Foto verknüpft, das betagteren Fußballfans auf ewig im Gedächtnis festgebrannt ist: Der Spieler Lienen, auf dem Rasen sitzend, schreiend, die Hände verzweifelt zum Himmel gehoben, den Oberschenkel der Länge nach aufgeschlitzt. Die Wunde klafft so sehr, dass in ihrer Mitte eine weiße Sehne zu sehen ist – viele denken, da wäre der blanke Knochen freigelegt worden. Folgen eines Fouls, das der Bremer Norbert Siegmann an Lienen begangen hatte, in der Partie Borussia Mönchengladbach gegen Werder Bremen an 14. August 1981. 

Auf der Bremer Bank saß  damals Rehhagel, und ihm warf der aufgebrachte Lienen vor, Rehhagel habe zuvor Siegmann aufgefordert, härter gegen seinen Gegenspieler einzusteigen. Er zeigte beide sogar an, wegen Körperverletzung, beziehungsweise Anstiftung zu derselben. Juristischen Erfolg hatte Lienen damit nicht, doch wissen Fußballer seither, weshalb ein grobes Foul auf dem Platz niemals strafrechtliche Konsequenzen haben kann. Durch sein bloßes Mitspielen nämlich habe das Opfer seine Bereitschaft erklärt, Fouls in Kauf zu nehmen, urteilten die Richter. Daher sei ein solches als „durch Einwilligung des Verletzten gerechtfertigte Körperverletzung“ zu werten, also nicht justiziabel.

DER FRÜHE TOD DER MUTTER: ENDE EINER KINDHEIT

Die Episode nimmt ein ausführliches, aber nicht übermäßig langes Kapitel im Lienen-Buch ein, an dem anscheinend kein Ghostwriter beteiligt war. Der Biograph hat sich während der Niederschrift zwar fachkundig beraten lassen, sein Buch aber eigenhändig verfasst, was in diesem Metier nicht unbedingt üblich ist. Wohl deswegen ist es auch so persönlich geworden.

Lienen schildert eindringlich den frühen Tod seiner Mutter, den er als 11-jähriger verarbeiten muss und mit dem er schlagartig seine kindliche Unbefangenheit verliert. Von da an entwickelt er eine fast schon zwanghafte Neigung zum akribischen Arbeiten, die ihn in der Schule zum hochkonzentrierten Mitschreiber macht, worin die Wurzeln dessen liegen dürften, was ihn später zum „Zettel“-Ewald macht. Mit der gleichen Intensität spielt er auch Fußball, bei dem er in seinem Jahrgang bald heraussticht. Und dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, verleiht er sich Ausdruck, indem er sich die Haare lang wachsen lässt.

Erst mit 21 Jahren, im Jahr 1974, wird er Profi bei Arminia Bielefeld. Eine Zeit, in der ein junger Mensch wie er tatsächlich noch lange darüber grübelt, ob er künftig die gleiche Liebe zu diesem Spiel empfinden kann, wenn er dieses zu seiner Profession, zu seiner täglichen Routine macht. 45 Jahre danach dürfte diese Frage für sich wohl beantwortet habe. Lienen war Profi bis zu seinen 39. Lebensjahr, stieg danach direkt ins Trainergeschäft ein und bewegte sich in diesem bis ins Jahr 2017, seither fungiert er auf St. Pauli als Technischer Direktor. Er muss diesem Sport wohl tief verbunden sein.

45 JAHRE ALS TRAINER, SPIELER, FUNKTIONÄR

Bis auf ein rundes Jahrzehnt decken Lienens Schilderungen also die komplette Geschichte der Bundesliga ab, was das Buch in die Nähe von Ronald Rengs „Spieltage“ rückt, in dem der Autor den Spieler und Trainer Heinz Höher durch fünf Jahrzehnte Fußball-Oberhaus begleitet. Der Unterschied: Reng schreibt über Höher, Lienen über sich selbst. „Ich war schon immer ein Rebell“ ist daher nicht ganz so facettenreich wie „Spieltage“, dafür aber persönlicher.

Dazu bietet Lienens Buch den Mehrwert, dass dieser sich nie nur ausschließlich mit Fußball beschäftigte, sondern sich auch politisch engagierte. Mit seinem langen Haar und seinem Ziegenbart erfüllte er in den 1970er Jahren alle Klischees des „langhaarigen Bombenlegers“, der in der Inkarnation eines Fußballprofis bis dato  unbekannt gewesen war. Als RAF-Sympathisant wird er dennoch sofort eingestuft, auch und erst recht von einem prominenten Mitspieler wie Berti Vogts, der in Mönchengladbach Lienens Mannschaftskamerad war.

MIT DEM „BAUHERRENMODELL“ LIESS SICH AUCH DER „LINKE LIENEN“ LEIMEN

„Schau mal, Ewald. Sie jagen wieder deine Freunde“, sagt der bekennende CDU-Wähler zu seinem Teamkollegen, als sie beide im Mannschaftshotel eine Nachrichtensendung verfolgen, in der ein Einsatzkommando der Polizei Mitglieder der berüchtigten Baader-Meinhof-Bande jagt. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie gerne ich da mitmachen würde.“ 

Doch der freche Freak kontert: „Das tut mir sehr leid für dich, Berti, aber bei deiner Körpergröße hast du keine Chance, in die Truppe aufgenommen zu werden.“ Von da an, erinnert sich Lienen, sei  Vogts respektvoller mit ihm umgegangen. Und spendete, auch das vergisst der Biograph nicht zu erwähnen, später einen stattlichen Betrag der Behinderteneinrichtung, in der Lienen sich ehrenamtlich engagierte.

Ebenso macht die Lektüre die Anfänge der Friedensbewegung und die Auseinandersetzung um den sogenannten Nato-Doppelbeschluss, mit dem die Stationierung von Mittelstrecken-Raketen in Europa einhergingen, wieder lebendig. Da Lienen als Trainer auch im Ausland aktiv war, erfährt der Leser auch ein bisschen was über Land und Leute in Spanien, Griechenland und Rumänien. Und so ganz nebenbei beichtet der „linke Lienen“ auch, dass selbst er einst sein gesamtes Privatvermögen durch eines der in den 1980er Jahren berüchtigten Bauherrenmodelle verlor.

LIENEN WAR AUCH PIONIER BEWUSSTER SPORTLER-ERNÄHRUNG

Interessant auch, wie er zum Pionier einer bewussten Ernährung im Profi-Fußball wird. Als er in seinen jungen Profijahren mit einer eigenen Mühle zum Körnerschroten ins Trainingslager reist, wird er noch belächelt – ein „Müsli-Man“ ist er also auch noch, das passt doch nur nur zu gut ins Gesamtbild des „Öko-Freaks“ Lienen.

Als er mit 39 Jahren beim MSV Duisburg noch immer im Profifußball mithält, hat er bereits einige Berufskollegen zu der Einsicht geführt, dass seine dauerhafte Fitness vermutlich mit seiner ausgewogenen Ernährung zusammenhängt. Auch auf seinem späteren Karriereweg als Trainer setzt er seine Missionsarbeit für bewusste Sportlerernährung fort.

Heute haben Topklubs längst eigene Ernährungscoaches – und so mancher Drittligaprofi sollte dringend mal anfangen nachzudenken,  wenn er Selfies mit industriell gefertigten Cheeseburger-und-Pommes-Snacks auch noch in den sozialen Medien postet.

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

Mittelpunkt  von „Ich war schon immer ein Rebell“ bleibt allerdings der Fußball. Lienen liefert plastische Innenansichten aus all seinen Klubs, zunächst aus denen seiner aktiven Jahre in Bielefeld, Mönchengladbach und Duisburg, dann aus den zahlreichen seiner Trainerjahre in Rostock, Teneriffa, Köln, Mönchengladbach, Hannover, bei 1860 München und, und, und. Dabei geht es nicht immer, eigentlich sogar nie um Titeljagden, sondern eher ums Leben und Überleben auf den unteren Etagen des fußballerischen Oberhauses.

Lienen erzählt vom alltäglichen Wahnsinn, etwa, als er in Hannover als Cheftrainer nicht mehr über die Transferaktivitäten seines Klubs informiert wir, weil Manager Ilja Kaenzig Personalpolitik allein für seine Angelegenheit hält. Ebenso schildert er die Abwärtsspiralen, denen das Gros der Trainergilde ausgesetzt ist, das nie die Chance bekommt, bei einem nachhaltig arbeitenden Klub mit gleichbleibenden oder gar wachsenden Budgets zu arbeiten: „Dafür hatte ich mehrfach ein hervorragendes erstes Jahr bei einem Club, verlor daraufhin einige der besten Spieler an finanzstärkere Vereine, natürlich ohne Ablösesummen, und geriet im nächsten Jahr in Bedrängnis. Statt selbst zu einer Spitzenmannschaft zu gehen, die besten Spieler anderer Clubs einzusammeln und dann als guter Trainer zu gelten, musste ich immer von vorne anfangen, das Beste aus den Spielern machen, um sie dann wieder zu verlieren und mir anzuhören, dass ich nur ein, zwei Jahre erfolgreich in einem Club arbeiten können.“

„PROFIFUSSBALL“ GEHT AUCH ANDERS

Die Liebe zu diesem Sport ist dennoch geblieben, und auch dafür findet Lienen treffende Worte. Überhaupt ist er mehr ein Idealist als ein Rebell, der sich „eine fast kindliche Naivität bewahrt“ hat, dass Profifußball auch anders geht. Nämlich mit respektvollem Umgang, Ehrlichkeit, Teamwork, guter Kommunikation und fachlichem Austausch. Ohne persönliche Eitelkeiten, auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und mit solidarischer Unterstützung.“

Ist das nicht auch das, an was auch die Anhänger des großen Fritz-Walter-Klubs gerne noch glauben möchten, obwohl seit Jahren Finanzchaos und falsche Funktionärs-Eitelkeiten ihren Herzensverein zersetzen?

WER VORWÄRTS KOMMEN WILL, MUSS DURCH SCHMERZEN HINDURCH

In der Lienen-Biographie lässt sich auch für sie Hoffnung finden, etwa, wenn der Autor darstellt, wie der FC St. Pauli sich seinerzeit aus einer fast ausweglosen Lage befreite: 

„Wir hatten uns der kritischen Tabellensituation, all unserem Leid und den Enttäuschungen, auch denen unserer Fans, gestellt und all das in neue Energie verwandelt. Wir hatten den Schmerz akzeptiert, und er hatte uns befreit. Wir konnten in dieser Rückrunde etwas Fundamentales erkennen: Wenn wir vorwärts kommen wollen, müssen wir lernen, durch Schmerzen hindurch zu gehen, sie zuzulassen und zu durchleben, denn ohne das gibt es keinen Erfolg, keine Freude.“

 Ein schöneres Schlusswort für die Besprechung eines Fußballbuches gäbe es eigentlich nicht. Doch wollen wir noch kurz den Blick auf Lienens Begegnungen mit Weggefährten richten, die FCK-Anhängern ein Begriff sind. Zu Meistertrainer Otto Rehhagel, den er nach seiner schweren Verletzung 1981 so hart anging, entwickelte Lienen nach eigener Aussage später ein sehr kollegiales Verhältnis. Dass er 1997 im Rahmen einer Pressekonferenz nochmal in Lautern mit Rehhagel aneinander rasselte, erwähnt er allerdings nicht.

REICH, FRONTZECK, PLETSCH: BEGEGNUNGEN MIT EX-FCK’LERN 

Rehhagel habe ihm auch bereitwillig Auskünfte erteilt, als er 2001, als Trainer des 1. FC Köln, den Lautrer Marco Reich zu den Geißböcken holte. Dabei ahnte er nicht, dass der FCK in den Verhandlungen mit dem Kölner Management die Ablösesumme auf drei Millionen Euro hochgeschraubt hatte. Eine Summe, der der junge Stürmer nach Lienens Ansicht niemals gerecht werden konnte und an der schlussendlich in Köln scheiterte. Die Episode zeige, wie hart zu hohe Ablösesummen sich auf Karrieren niederschlagen können.

Mit dem in Lautern mäßig – eigentlich: gar nicht – erfolgreichen Trainer Michael Frontzeck hat Lienen seinerzeit als Gladbach-Profi eine Fahrgemeinschaft gebildet. Frontzeck habe ihn permanent mit Depeche Mode-Songs beschallt, erinnert sich der Genesis- und Supertramp-Fan, was er seinerzeit als Folter empfunden habe, aber nur, weil er da noch nicht ahnen konnte, „was die nächsten Jahrzehnte musikalisch noch auf mich zukommen sollte.“

In seiner Zeit als Trainer von Panionos Athen nahm Lienen unter anderem Marcelo Pletsch unter seine Fittiche, den wohl einzigen Brasilianer, der in den letzten 100 Jahren am Zuckerhut geboren wurde und der nie ein nennenswertes Talent zum Fußballspiel entwickelte. Gleichwohl hatte Pletsch in der Saison 2005/2006 einen Profivertrag beim FCK, wo er den zweiten Abstieg des Klubs in die Zweite Liga mitgestaltete.

Bei Lienen in Athen fiel er ebenfalls nicht unbedingt fußballerisch auf, sondern durch einen Akt von Selbstjustiz, als ein Ordner im Tumult nach einem Spiel-Abpfiff seinen Mitspieler Tamandani Nsaliwa trat. „Bei der abschließenden Verfolgungsjagd waren Tam und Marcelo Pletsch erfolgreich und brachten ihn zur Strecke“, erzählt Lienen. „Konstantinos (Der damalige Panionos-Chef – die Red.) war stolz auf ihre Reaktion und wollte ihre Verträge sofort verlängern.“ Nach seiner aktiven Fußballkarriere versuchte sich Pletsch übrigens in Brasilien als Spediteur und Drogenhändler und ist deswegen auch schon zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt worden.

DIE SCHÖNSTE EPISODE ZUM SCHLUSS: VOM GRÖSSTEN ALLER KALLIS

Die für FCK-Fans der Generation „Kalli“ schönste Episode handelt allerdings von – na, von wem wohl – Karl-Heinz Feldkamp, Lauterns Meistermacher von 1991. Er war der zweite Trainer von Jungprofi Lienen bei Arminia Bielefeld. Die Passage sei hier ungekürzt wiedergegeben, gleichwohl als verspäteter Geburtstagsgruß zum 85. des Größten aller Kallis. Auf dass alle aktuellen und künftigen Trainer des 1. FC Kaiserslautern wieder mehr Kalli in sich entdecken mögen.

„Karl-Heinz Feldkamp war als Trainer viel emotionaler als sein Vorgänger und konnte mit seiner Leichtigkeit und Ausstrahlung Mannschaften mitreißen, wie er im weiteren Verlauf seiner Karriere immer wieder beweisen sollte. Mit ihm spielten wir einen erfrischenden, technisch guten und auch erfolgreichen Fußball, da unsere Abwehrarbeit unter der gestiegenen Torgefahr nicht litt. Seine Emotionalität und Spontaneität waren legendär, störten mich als damals sehr kopfgesteuerten Spieler aber bisweilen. So verwechselte er schon mal Namen und Positionen unserer jeweiligen Gegner und behauptete, dass die anderen auch nicht besser seien als wir. Wir zweifelten zunehmend an diesen Beobachtungen. Vor dem Training erklärte er uns oft seine Marschroute für die anstehende Einheit, um dann alles ganz anders zu machen, weil ihm das dann besser gefiel. Bisweilen spielte er mit, konnte aber nicht mehr wirklich mithalten und foulte dann nach Belieben, was er ungeheuer lustig fand. Einmal ließ er mich im vollen Sprint gegen seine rausgestellte Schulter auflaufen, sodass ich minutenlang kaum noch Luft bekam. Ab da machte ich in solchen Situationen einen großen Bogen um ihn. Abgesehen davon war Kalli ein Paradebeispiel dafür, welch wichtige Rolle Empathie und Ausstrahlung spielen können, um erfolgreich zu sein, und wir profitierten davon.“

Text: Eric Scherer / Coverfoto: Piper-Verlag