Happy End war möglich, wär aber zuviel  gewesen: Schommers debütiert mit Remis

Das Herz hatte sich mehr erhofft, der Verstand konnte nicht mehr erwarten: 1:1 trennt sich der 1. FC Kaiserslautern zum Trainerdebüt von Boris Schommers vom 1. FC Magdeburg. Auf den ersten Blick ist alles so gelaufen, wie es in dieser Saison auch unter Sascha Hildmann öfter gelaufen ist: Der FCK spielt phasenweise ordentlich, geht auch in Führung, verliert jedoch in der Schlussphase den Faden, kassiert den Ausgleich und darf am Ende froh sein, nicht verloren zu haben. Immerhin sei’s eine Steigerung gegenüber dem 1:6 in Meppen am vorangegangen Spieltag gewesen, meinen Spieler und Übungsleiter hinterher. Wär denn wirklich mehr Effekt zu erwarten gewesen vom Trainerwechsel, nur 48 Stunden nach dessen Vollzug? Immerhin: Ein paar Fingerzeige, wie der Fußball auf dem Betzenberg möglichst bald aussehen könnte, waren durchaus zu erkennen.

Ist halt nicht einfach, es nach nur zwei Tagen Zeit zum Einarbeiten allen recht zu machen. Auf der einen Seite wartet im Fritz-Walter-Stadion ein Publikum, das danach lechzt, endlich wieder „Betze-Fußball“ zu sehen – und dass der Neue vom Start weg ein Zeichen in diese Richtung setzt. Auf der anderen Seite weiß der gerade verpflichtete Coach, dass er eine Mannschaft übernommen hat, deren größtes Problem die Abwehrarbeit war und deren Selbstsicherheit unter dem Eindruck der jüngsten 1:6 weiter gelitten hat.

SCHOMMERS’ ERSTER SCHRITT: RÜCKKEHR ZUR EINFACHHEIT

Daher entscheidet sich Boris Schommers für eine Rückkehr zur Einfachheit. Ein 4-4-2 mit zwei eng zusammenstehenden Viererketten. Insgesamt vier Wechsel gegenüber Meppen, von denen nur einer verletzungsbedingt ist: Für den kurzfristig ausgefallenen Philipp Hercher übernimmt Janek Sternberg die linke Verteidigerposition. Ansonsten spielt Simon Skarlatidis für Manfred Starke im defensiven Mittelfeld, sein erster Einsatz im FCK-Dress von Beginn an. Christoph Hemlein kommt für Lucas Röser und bekleidet die rechte Außenbahn, so dass Timmy Thiele wieder zu Christian Kühlwetter nach vorne rückt.

Carlo Sickinger wiederum kehrt für Kevin Kraus in die Innenverteidigung zurück. Ein erster Hinweis darauf, dass der neue Coach in der letzten Linie eher auf Passqualität und Schnelligkeit setzt denn auf körperliche Robustheit. Somit ist der FCK zu der Grundordnung zurückkehrt, in der er auch das Auftaktspiel gegen Unterhaching bestritt.

Und so sieht’s zunächst auch aus. Der FCK präsentiert sich bei gegnerischem Ballbesitz hochkonzentriert, aber auch zurückgezogener, als das Betze-Publikum es sehen will. Was zur Halbzeit ein nicht ohrenbetäubendes, aber doch hörbares Pfeifkonzert bewirkt.

HÄLFTE EINS: TORSZENEN MANGELWARE,  DIE POLONÄSEN ÜBERZEUGEN

Magdeburg presst phasenweise sehr hoch, insbesondere dann, wenn der FCK den Ball auf die Außenverteidigerpositionen spielt. Am kompaktesten verschieben allerdings die Magdeburger Fans in der Osttribüne, ihre Polonäsen setzen die Highlights der ersten Hälfte.

Torszenen sind Mangelware. Lautern mit einer vielversprechenden Freistoßposition aus rund 20 Metern, bei der Hemlein gegenüber dem ebenfalls interessierten Sickinger anscheinend seine Position im Mannschaftsrat geltend macht und die Ausführung für sich proklamiert. Der Ball landet recht unspektakulär in der Mauer.

Ansonsten ist es, wer auch sonst, hauptsächlich Florian Pick, über den die „schnellen Umschaltsituationen“ laufen, zu der FCK in Hälfte einige Male ansetzt. Kurz der Pause glückt ihm im Strafraum auch mal eine scharfe, flache Hereingabe vor die Tormitte, die jedoch findet keinen Abnehmer.

EIN FINGERZEIG: SCHOMMERS MAG KEINE LANGEN ABSCHLÄGE

Zwei Minuten vorher hat jedoch FCM-Stürmer Christian Beck bereits eine ähnliche Vorlage in Richtung seines Kollegen Björn Rother geschlagen, und der verpasst nur äußerst knapp. Somit geht Magdeburg mit einem Chancenplus in die Pause.

Was sonst noch auffiel in diesen ersten 45 Minuten unter Schommers? Die langen  Abschläge sind abgeschafft. Lennart Grill spielt, von Ausnahmen abgesehen, den Ball auf kurzem Weg aus dem Strafraum.

Dies soll künftig stilbildend für den FCK werden, erklärt Boris Schommer später. Er sei kein Freund von langen Abschlägen, die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Mannschaft danach im Ballbesitz bleibe, betrage gerade mal 50 Prozent. Über Kombinationsspiel ins letzte Drittel und zu Torabschlüssen zu kommen, sei erfolgsversprechender, „das ist erwiesen“. Natürlich seien auch länge Bälle eine Möglichkeit, „aber die müssen vorbereitet sein.“

STARKE VIERTELSTUNDE NACH DER PAUSE BESCHERT FÜHRUNGSTREFFER

  Der Neue ist also Verfechter des durchdachten Passspiels à la Kosta Runjaic. Das wird spannend: Das ist nicht unbedingt das, was sich der Mainstream unter Betze-Fußball vorstellt, aber ein guter Ansatz, um in der Dritten Liga dominant aufzutreten und vor allem auch gegen tief stehende Gegner zu überwinden – und diese Neuorientierung ist nötig, wenn der FCK auf Sicht wieder oben angreifen will.

Und, siehe da: In der ersten Viertelstunde nach der Pause bekommt der FCK das gepflegte Aufbauspiel aus der hintersten Reihe bis ins Angriffsdrittel ganz gut hin. Die Viererreihen schieben sich weiter nach vorne, und so langsam wird’s das Spiel, das der Anhang sehen will.

Kühlwetter kommt aus 16 Metern zum Schuss, nachdem er sich im schnellen Kurzpassspiel mit Skarlatidis die Position zurechtgeknoddelt hat – auch das ist ein Element, das sich sicher noch kultivieren lässt.

TOLLES TOR, ABER DANN GEHT’S WIEDER MAL BERGAB

Lauterns Führungstreffer freilich resultiert aus einer typischen Umschaltsituation. Janik Bachmann, der seine gewaltige körperliche Präsenz immer noch nicht oft genug ausspielt, erobert kurz vor der Mittellinie den Ball, passt vertikal auf Kühlwetter, und der setzt wen wohl ein? Pick natürlich. Der flinke Flügelmann markiert seinen siebten Saisontreffer.

Wieder mal eine Lauterer Führung also. Dass die Elf sich nun zurückzieht und auf Konter lauert, ist gute Fußballsitte. Einen davon trägt Pick trägt nur fünf Minuten später vors gegnerische Tor, doch seine Hereingabe streicht erneut durch den Fünfmeterraum, ohne dass ein Lautrer Fuß sie findet. 

Beck zwingt FCK-Keeper Lennart Grill mit einem Flachschuss zu einer Parade, dann holen die Magdeburger eine Ecke nach der anderen heraus. Es kommt, wie es schon so oft gekommen ist: Der Ausgleich fällt. Diesmal in der 78. Minute, nach einer Ecke, die Beck gar nicht mal so absichtlich ans lange Eck verlängert, und da steht Magdeburgs Innenverteidiger Tobias Müller frei. 1:1.

KURIOS: PICKS VERHINDERTE AUSWECHSLUNG VOR DEM AUSGLEICH 

Kuriosum am Rande: Unmittelbar vor Ausführung der Ecke sollte Pick eigentlich gegen Toni Jonjic ausgewechselt werden, doch der Schiedsrichter-Assistent schickte ihn aufs Feld zurück. Als die Ecke heranflog, war Pick noch nicht wieder im Geschehen  angelangt. Der Flügelflitzer war sicher nicht als Bewacher des 1,88 Meter großen Müller eingeteilt, doch dass sich durch sein Fehlen die Gesamtanordnung beim Eckball ein wenig verschoben hatte, lässt sich nicht ausschließen.

Die verspielte Führung damit zu entschuldigen, wär allerdings falsch. Fakt ist: In der Schlussphase hätte der FCK wieder mal verlieren können. FCM-Stürmer Sören Bertram verfehlt das Gehäuse in der Nachspielzeit nur haarscharf.

WIEDER KEINE KONZENTRIERTE LEISTUNG ÜBER 90 MINUTEN: WORAN LIEGT’S?

Zwei Sekunden vor dem Abpfiff hätte allerdings Skarlatidis auch Lautern noch ins Glück schießen können, aber dazu hätte ihm eine absolut perfekte Direktabnahme gelingen müssen. Diese Ende wäre dann doch einen Tick zu happy gewesen.

Nüchtern bleibt festzuhalten erstens: Wieder mal ein Gegentreffer nach einer Standardsituation, wohingegen der FCK nach eigenen Ecken abermals nichts gerissen hat. „Wir werden akribisch daran arbeiten“, verspricht Boris Schommers.

Zweitens: Wieder mal keine konzentrierte Leistung über 90 Minuten. Dafür hat der Neue noch keine schlüssige Erklärung. „An der Physis liegt es jedenfalls nicht“, versichert er. So, wie es auch Vorgänger schon getan hat.

Text: Eric Scherer / Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images