1:3 in München: Eigentor-Festival führt Lautrer Tiefpunktforschung in neue Höhen

Erinnert sich noch irgendjemand an Rudi Völlers legendäre Wutrede aus dem Jahr 2003? Der damalige Bundestrainer flippte nach einem 0:0 gegen Island vor laufender Kamera aus, weil die TV-Analytiker Netzer/Delling klagten, seine Mannschaft sei nun, zum wiederholten Male, an einem „Tiefpunkt“ angelangt. Gut, dass Völler in diesen Tagen nicht Trainer des 1. FC Kaiserslautern ist. Denn wie dessen Mannschaft es schaffte, nach den vielen Tiefpunkten der jüngeren Vergangenheit beim 1:3 gegen den einstigen Völler-Klub TSV 1860 München noch einen draufzusetzen, ist fast schon  einzigartig. Da müsste „Rudi Nazionale“ den Tiefpunktforschern nun wohl konsterniert nachgeben oder vollends gewalttätig werden. Zwei echte Eigentore und ein gefühltes – was soll einem da sonst noch einfallen?

Auf jeden Fall macht es keinen Sinn, sich jetzt die größten Fehlerteufel rauszupicken und zu zerlegen. Die Spieler kriegen nun von anderer Seite schon genug zu hören und zu lesen. Blindwütig auf sie einzudreschen, wird ihnen nicht helfen, aus diesem Tal der Tränen wieder herauszufinden.

Nur so viel: FCK-Trainer Boris Schommers wird in den nächsten Tagen klären müssen, wie tief die Spuren sind, die diese Partie im Seelenleben Lennart Grills und Joe Matuwila hinterlassen hat – und ob ihr Einsatz kommenden Samstag gegen Tabellenschlusslicht Carl Zeiss Jena angezeigt ist. Die beiden dürften nämlich am meisten zu leiden haben, nachdem sim Spiel ihr Anhang und ihre Mitspieler leiden mussten.

DIE ECKE ZUM 0:1: WO WAREN EIGENTLICH DIE KOPFBALLABRÄUMER?

Matuwila hatte bereits in der 7. Minuten einen vollkommen unnötigen Eckball verursacht, der direkt zum Führungstreffer der Münchner führte. Er verlor auf der linken Verteidigerposition einen bereits eroberten Ball wieder an Sascha Mölders. Dass Grill anschließend einen Schuss von Mölders aus kurzer Distanz ins lange Eck nur abklatschte, der Ball gegen das Schienbein von Dominik Schad und  von dort ins Tor sprang, ließe sich im Nachhinein noch in der Rubrik „Shit happens“ ablegen – wenn sonst nichts gewesen wäre.

Gefragt werden muss aber auch: Wieso konnte diese Ecke nicht zuvor mit dem Kopf geklärt werden? Wo waren die Spieler, die aufgrund ihrer Körpergröße eigentlich fürs Abräumen zuständig sein müssten, namentlich Kevin Kraus und Janik Bachmann? Es war bereits das elfte Gegentor in dieser Saison, das die Lauterer nach einem ruhenden Ball kassierten.

NOCH ZWEI GEGENTORE – UND EIN ANSCHLUSSTREFFER OHNE WIRKUNG

Bei seinem Eigentor zum 0:2 in der 48. Minute erwischte Matuwila einen harmlos eindrehenden Ball nicht richtig und fälschte ihn Richtung Tor ab, was seinen Keeper vollkommen überraschte. Dergleichen sieht man auf deutschen Fußballplätzen eigentlich nur in unteren Spielklassen, drum schweigt des Sängers Höflichkeit besser. 

Beim dritten Treffer in der 52. Minute schien Grills Nervenkostüm bereits empfindlich angegriffen zu sein: Er klatscht einen ähnlich harmlos aufs lange Eck eindrehenden Ball nur ab, kann den ersten Ball sogar noch parieren, doch dann ist der Sechziger Timo Gebhardt zur Stelle…

Hier ist zu ergänzen: Das dritte Gegentor fiel nur 55 Sekunden, nachdem Carlo Sickinger mit einem technisch einwandfreien Hinterhaltsschuss das 1:2 erzielt hatte – ein Erfolgserlebnis, an dem sich die Mannschaft wieder hätte hochziehen können. Mit dem Zwei-Tore-Rückstand im Hinterkopf ließ sich jedoch keine rechte Schlagkraft mehr entwickeln.

Auch wenn Christian Kühlwetter noch zwei Einschussgelegenheiten hatte, von denen eine freilich hätte wegen Abseits abgepfiffen werden müssen. Ansonsten hatten die  Sechziger nicht viel Mühe, die Partie nach Hause zu schaukeln, ohne viel zu riskieren.

„ICH FAHRE MIT VIELEN ERKENNTNISSEN NACH HAUSE“

Die deprimierende Darbietung der Lautrer steht in einem bedauerlichen Kontrast zu der stimmungsvollen Kulisse, die ihr Anhang und der der Münchner im Grünwalder Stadion bildete. 15.000 Zuschauer bei einem Drittligaspiel – der FCK ist wenigstens  noch gut genug, in dieser Klasse die Arenen zu füllen. Fragt sich nur, wie lange noch.

Trainer Boris Schommers meinte hinterher, es sei nicht alles schlecht gewesen: „Ich fahre mit sehr vielen Erkenntnisse nach Hause.“ Welche das gewesen sein könnten?

Nun, Schommers Matchplan schien durchaus gut durchdacht. Wie im Verbandspokalspiel gegen den SV Gonsenheim (3:0) unter der Woche erwartete der FCK den Gegner in einem 4-4-2. Simon Skarladitis gab diesmal neben Kühlwetter die zweite Spitze und ließ sich bei Ballbesitz gelegentlich auf die Zehnerposition zurückfallen.

In die Innenverteidigung war Kraus zurückgekehrt, der wohl Lufthoheit herstellen wollte. Da er nicht der Schnellste ist, machte seine Nominierung allerdings auch notwendig, die Viererkette tiefer zu stellen. Sickinger agierte im zentralen Mittelfeld neben Bachmann.

NOCH AUSBAUFÄHIG: „NICHT EINFACH NACH VORNE PÖHLEN“ 

In dieser Ordnung reagierte die Elf auf den frühen Rückstand nicht gerade überragend, insgesamt aber einigermaßen gefestigt. „Nach der Balleroberung soll der erste Blick tief gehen. Wenn der vertikale Ball aber nicht möglich ist, wollen wir in Ruhe aufbauen, nicht einfach nach vorne pöhlen“, hatte Schommers in der PK vorm Spiel seine Ideen umrissen. 

Sickinger und später auch Kühlwetter gelang es, nach solchen Balleroberungen zwei vielversprechende Umschaltsituationen einzuleiten, in denen drei Lauterer gegen zwei Münchner Richtung Tor stürmten. Die erste führte auch zu einem Freistoß aus aussichtsreichen 17 Metern. Dessen Ausführung ist jedoch keine Erwähnung wert.

Der kontrollierte Aufbau gegen einen geordnet stehenden Gegner freilich steckt noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium. Ist allerdings auch kaum zu gewährleisten mit einem Innenverteidiger, der in dieser Partie zum ersten Mal in dieser Saison komplett neben sich stand (Matuwila), und einem Nebenmann, dessen Passspiel generell nicht sehr präzise ist (Kraus). Erst recht, wenn der Gegner die erste Abwehrreihe auch mal gezielt früh attackiert, so, wie die Sechziger es gelegentlich taten.

AUCH FÜR PICK WIRD’S ZUNEHMEN SCHWERER

Kurz vor Pause bot sich zudem Florian Pick eine Großchance zum Ausgleich, als er, o Wunder, nach einem Lautrer Eckball die Kugel sicherte und zum Abschluss kam. Leider landete der Ball am Kopf des vor der Torlinie postierten Leon Klassen.

Apropos Pick: Die Sechziger hatten sich offenbar gut über dessen Laufwege informiert. Wenn der linke Flügelmann in die Mitte zog, um sich in Schussposition zu bringen, nahmen ihn zwei, drei Weißblaue sofort in Schutzhaft. Das dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass dem bislang stärksten Lautrer Offensivmann derart aufmerksam begegnet wird, seine sieben Saisontreffer haben sich eben herumgesprochen. Boris Schommers ist daher auch angehalten, neue Ideen ins Angriffsspiel einzubringen.

ÜBERRASCHUNG, ÜBERRASCHUNG: ZUCK IST WIEDER DA

An solchen versuchte er sich auch schon in München. In Hälfte zwei brachte er zunächst Timmy Thiele für Christoph Hemlein, der kurzzeitig die rechte Außenlinie beackerte – dergleichen war auch unter Sascha Hildmann zu sehen. In der 69. Minute dann eine Überraschung: Für Skarlatidis kam Hendrick Zuck in die Partie, der unter Hildmann in dieser Spielzeit noch gar keine Rolle gespielt hat.

Zuck durfte auch direkt seine Lieblingsposition bekleiden: am rechten Flügel, von dem aus er mit seinem starken linken Fuß in die Mitte ziehen kann. Große Impulse vermochte der 29-Jährige diesmal nicht mehr zu setzen. Immerhin aber gehört er jetzt wieder dazu.

JETZT GEGEN JENA: EIN KELLERDUELL, NICHT MEHR UND NICHT WENIGER

Mit Carl Zeiss Jena kommt nun also der Tabellenletzte auf den Betzenberg, der am Samstag seinen Trainer entließ und somit die berühmte Patrone abfeuerte, die die Lautrer bereits verschossen haben. Der Anhang wird nun erwarten, dass dieser angeschlagene Gegner, der bislang lediglich einen erbärmlichen Punkte auf dem Konto stehen hat, in Grund und Boden gerannt wird.

Es hilft jedoch nichts, die Augen vor der Realität zu verschließen: Nach 22 Gegentreffern in zehn Spielen – genauso viele übrigens wie Schlusslicht Jena – muss der FCK erst mal hinten dicht machen. Lautern steht nunmehr auf Rang 16 und nur noch einen Punkt überm Strich. Die Partie kommenden Samstag ist somit ein Kellerduell, da heißt es „Safety first“ und vor allem „Nerven behalten“.

Die Lautrer U21 von Hans Werner Moser hat ihr Spiel gegen Hassia Bingen am Samstag übrigens mit 5:0 gewonnen und damit ihren vierten Sieg in Folge gelandet, dabei auch vier Mal die Null stehen lassen. Vielleicht lässt sich da ja ein wenig Gewinnermentalität fürs Jena-Spiel absaugen.

Text: Eric Scherer / Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images