Nach dem großen Knall: Am 20. Oktober wartet nicht das Chaos, sondern die letzte Chance zur Kurskorrektur

Am Samstag schenkte sich die Profi-Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern zweieinhalb Eigentore ein, um gegen den TSV 1860 München mit einer 1:3-Niederlage zu gehen. Am Sonntag darauf zerlegte sich die aktuelle Führungsmannschaft des FCK mehr oder weniger selbst – jedenfalls fast. Der Fangschuss bleibt der vorgezogenen  Mitgliederversammlung am Sonntag, 20. Oktober, ab 11 Uhr, vorbehalten. Die Trennung von Sport-Geschäftsführer Martin Bader ist beschlossen, zwei Beirats-, beziehungsweise Aufsichtsratmitglieder sind zurückgetreten, parallel bietet sich nun eine alternative Führungsmannschaft um den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des e.V., Rainer Keßler, und den dreimaligen Weltschiedsrichter Markus Merk an. „Bei der Mitgliederversammlung droht das Chaos“, fürchtet „SWR Sport“. Tatsächlich? Muss doch gar nicht sein – wenn die Mitglieder ihre Rechte mit Bedacht wahrnehmen.

Zunächst mal zu der Frage, wie es zu den Neuwahlen käme, die die alternative Führungscrew ans Ruder bringt. Diese werden am 20. Oktober tatsächlich noch nicht über die Bühne gehen können. Die Mitglieder stimmen lediglich über Entlastung, beziehungsweise Nicht-Entlastung des aktuellen Aufsichtsrats (AR) ab. Verweigern sie ihm diese, kann eine Abwahl beantragt und mit einfacher Mehrheit durchgesetzt werden. Dann folgen auf einer weiteren Versammlung, die als Fortsetzung deklariert ist, spätestens vier Wochen später Neuwahlen. Der exakte Termin kann noch auf der Versammlung verkündet werden, gesondert eingeladen werden muss dazu nicht mehr. So ist es in Artikel 14, Absatz 10 der Vereinssatzung des FCK geregelt.

VERZICHT EINES NACHRÜCKERS BEWIRKT NOCH KEINE NEUWAHL 

Mit Ex-Profi Fritz Fuchs ist bereits ein Aufsichtsratsmitglied für den zurückgetretenen Jürgen Kind in das Gremium nachgerückt. Für den ebenfalls ausgeschiedenen Paul Wüst ist der Lautrer Unternehmer Wolfgang Rotberg vorgesehen, der aber hat sich  noch nicht geäußert, ob er sich der Aufgabe stellen will. Der pensionierte Bankdirektor Bruno Otter hat schon vor Wochen den auf Druck des designierten Investors Flavio Becca zurückgetretenen Michael Littig ersetzt. Mehr als drei Nachrücker von der Liste der letzten Aufsichtsratswahlen darf es laut Satzung jedoch nicht geben. Ist somit eine Neuwahl bereits fällig, wenn Rotberg sein Amt nicht antritt?

Ist sie nicht. Der Aufsichtsrat könnte bis zur nächsten turnusgemäßen Wahl zur JHV 2020 auch zu viert, gegebenenfalls sogar nur zu dritt weiterarbeiten. In diesem Fall erfolgen lediglich Nachwahlen für die freigewordenen Posten. Die alternativen Kandidaten möchten, so ist zu hören, nach Möglichkeit jedoch als geschlossene Gruppe in das Gremium einziehen, um ihre Ideen mit klaren Mehrheiten auf den Weg zu bringen. An dieser Stelle wird es für die Mitglieder tatsächlich ein wenig kompliziert.

WER DEN NEUANFANG WILL, MUSS AUCH DIE UNSCHULDIGEN ABWÄHLEN

Es ist beim FCK gute Sitte geworden, AR-Mitglieder einzeln zu entlasten. Sollte dies auch diesmal so beschlossen werden, dürfte es nach Lage der Dinge zuallererst wohl den noch amtierenden Beiratsvorsitzenden Patrick Banf treffen, erst recht nach dem Bild, das der zurückgetretene Jürgen Kind im Interview mit „Der Betze brennt“ von dessen Führungsstil zeichnet. Die Aussage „Patrick Banf ist und bleibt ein Märchenonkel“ gehört da noch zu den vergleichsweise netten. Auch Beiratsmitglied Jochen Grotepass, der nahezu alle umstrittenen Entscheidungen der letzten Monate mitgetragen hat, droht die Nicht-Entlastung.

Warum aber sollten Fuchs, Otter und gegebenenfalls Rotberg nicht entlastet werden, die noch für keine fragwürdige Entscheidung verantwortlich zeichnen? Das eben ist das Problem: Wer wirklich den Neuanfang will, muss auch die Abwahl der „Unschuldigen“ befürworten. Am besten, indem er für die Nicht-Entlastung des kompletten amtierenden Aufsichtsrats stimmt.

DEM FCK ERNEUT DROHT ZWEISTELLIGES MILLIONENLOCH

Dass es bis 20. Oktober zu der Keßler-Merk-Gruppe eine ernsthafte weitere Alternative geben könnte, ist nicht abzusehen. Und die wirtschaftliche Schieflage des FCK wird immer bedrohlicher. Die aktuelle Aufsichtsrat scheint immer noch voll auf die Finanzkraft des Luxemburgers Becca zu vertrauen. In der Regel gut informierte Personen im Umfeld des Klubs, unter anderem der SWR-Reporter Bernd Schmitt in diversen Kommentaren, weisen schon seit Wochen daraufhin, dass ihren Informationen zufolge vom angeblichen Kapitalgeber Becca bislang lediglich eine Bürgschaft und diverse Absichtserklärungen vorlägen, aber noch kein Geld geflossen sei – offiziell entgegengetreten ist diesen  Darstellungen noch kein Verantwortlicher des FCK.

Es ist weiterhin bekannt, dass der FCK in der Dritten Liga nicht kostendeckend wirtschaften kann, dazu belasten ihn vor allem die Stadionkosten zu sehr, zudem wird die derzeit auf 425.000 Euro pro Jahr reduzierte Pacht nicht ewig aufrecht erhalten bleiben. Wenn sich nun außerdem das Becca-Engagement in Luft auflöst, muss der FCK Anfang nächsten Jahres erneut einen zweistelligen Millionenbetrag stemmen, um die Lizenz für eine weitere Spielzeit zu erhalten. Eine Herkulesaufgabe.

MERK, KESSLER UND CO. – EINE ALTERNATIVE IST NICHT IN SICHT

Insofern ist es schon erstaunlich, wer sich nun bereit erklärt hat, dafür nun seine Reputation aufs Spiel zu setzen. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Markus Merk und der langjährige Spielerberater Martin Wagner verfügen über beste Kontakte in die Sportszene, Martin Weimer, ehemaliges Vorstandsmitglied des SC Freiburg, gilt als Wirtschaftsfachmann, Versicherungsmensch Rainer Keßler ist regional bestens vernetzt. Darauf lässt sich einiges an Hoffnung gründen, dass diese Quartett nicht nur seine Namen in die Waagschale werfen will, sondern auch bereits konkrete Ideen bezüglich neuer Geldgeber mitbringt.

Gleichwohl können gerade die Namen Merk und Wagner für eine breite Zustimmung an der Mitgliederbasis sorgen – und die braucht der zutiefst gespaltene Verein zunächst einmal am dringendsten. Im Übrigen hatten Keßler und Wagner auch bereits die Initiative „FCK Jetzt!“ unterstützt, die Unterschriften sammelte, um eine Außerordentliche Mitgliederversammlung zu den strittigen Themenkomplexen in die Wege zu leiten. Ebenso hatte sich der Ehrenrat des Vereins für eine solche Versammlung ausgesprochen.

KEINE SCHÖNE SITUATION FÜR SCHOMMERS

Auch im sportlichen Bereich wäre diesem Gremium ein glücklicheres Händchen zuzutrauen. Dass der Verzicht auf eine Vertragsverlängerung mit Martin Bader angezeigt war, muss regelmäßigen Lesern dieses Blogs wohl nicht erklärt werden.

Bedauerlich ist die Situation insbesondere für den neuen Trainer Boris Schommers, der zwar noch keine Siege in der Liga vorweisen kann, sich aber dennoch als kompetente Kraft mit Ausstrahlung und Autorität eingeführt hat. Er ist nun exakt in der Situation, die wir bereits in unserem „Zwischenzeugnis“ vor drei Wochen befürchtet haben: Die Leute, die ihn installierten, obwohl ihr Dienstzeitende bereits in Sicht war, sind nun in Kürze weg.

Wie sich ein neuer Sport-Geschäftsführer zu Schommers positionieren wird, lässt sich noch nicht voraussagen. Auch das neue Aufsichtsratsmitglied Fritz Fuchs äußerte gegenüber der „Der Betze brennt“ bereits sein Unverständnis darüber, dass Bader nach der Entlassung Sascha Hildmanns noch einmal mit der Suche nach einem Trainer betraut wurde.

Die Mitglieder, die am 20. Oktober die JHV auf dem Betzenberg besuchen, sollten sich indes bewusst sein: Hier erwartet sie nicht das Chaos, sondern die vielleicht letzte Chance, die Weichen in die Zukunft des FCK noch einmal neu zu stellen.

Update, 1.10., 18.04 Uhr: Wie mich Kollege Moritz Kreilinger vom „kicker“ mittlerweile aufgeklärt hat, ist der Punkt „Nicht-Entlastung“ noch komplizierter. Eine Entlastung von Fritz Fuchs und gegebenenfalls Wolfgang Rotberg ist gar nicht notwendig, da nur das Geschäftsjahr bis zum 30.06.2019 zur Debatte steht. Das heißt: Damit eine Abwahl des Aufsichtsrates beantragt werden kann, müssten Patrick Banf, Jochen Grotepass und der „unschuldige“ Bruno Otter nicht entlastet werden – oder aber, Rotberg tritt sein Amt nicht an, dann genügen zwei Nicht-Entlastungen. Oder aber, der Aufsichtsrat insgesamt wird nicht entlastet, wie beschrieben.

Text: Eric Scherer    / Foto: Dieter Grombkowski/Bongarts/Getty Images