Bücherblog: „Es war schunn immer mei Traum gewess…“ – „Miro“ von Ronald Reng

Ronald Reng, Deutschlands erfolgreichster Fußballautor, hat ein Buch über Miroslav  Klose geschrieben, den erfolgreichsten WM-Torschützen aller Zeiten. Auf den ersten Blick könnte also nichts besser passen. Auf den zweiten stellt sich die Frage: Bietet das Leben des braven Miro, der Interviews lange Jahre nur mit niedergeschlagenen Augen gab,  denn neben der Aufzählung seiner Tore und Titel genug Spannendes, um damit 448 Seiten zu füllen? Absolut. Wie alle Bücher Rengs ist „Miro“ kein Sachbuch, sondern ein  Entwicklungsroman, und er ist einmal mehr großartig geworden. Nebenbei löst er für FCK-Fans die Frage auf, wie nah der Mann, der in der Pfalz groß wurde, im Herbst seiner Karriere tatsächlich dran war, nach Lautern zurückzukehren. Nämlich gar nicht. 

Die Star-Qualität einer Hauptfigur hat Reng eigentlich noch nie interessiert. 2004 debütierte der Autor mit „Der Traumhüter“, einem Buch über den deutschen Torwart Lars Leese, der sich als Profi in England versuchte und nie über den Status eines Reservekeepers hinauskam. In „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ erzählte Reng einfühlsam die tragische Geschichte des Nationaltorhüters nach, mit dem er auch persönlich befreundet war. In „Spieltage“ lässt Reng 50 Jahre Bundesliga Revue passieren, in dem er eben keinen Star in den Mittelpunkt stellt, sondern den ehemaligen Spieler und Trainer Heinz Höher, der sich in Vereinen der unteren Mittelklasse abmühte. Und „Mroskos Talente“ widmet er sich der Geschichte eines am Geschäft verzweifelnden Spähers und Spielerberaters, der, ebenfalls ganz bewusst ausgewählt, eben nicht zu den berühmten „Paten“ der Liga zählt.

DER POLE AUS KUSELER „HOLLER“

Was Reng am stillen Miro so fasziniert haben muss, wird bald klar: „„Cristiano Ronaldo war mit elf allein ins Fußballinternat nach Lissabon gezogen, Tausende Kilometer von der Heimat entfernt, Lionel Messi hatte mit dreizehn seine gesamte Familie auf einen anderen Kontinent gebracht, damit er beim FC Barcelona spielen konnte.“ Schon als Jugendspieler wurden ihnen 4000, 5000 Euro im Monat ausgezahlt. Schon mit sechzehn standen ihnen Spielerberater zur Seite. Aber: „Der beste Torschütze aller Weltmeisterschaften wurde Miroslav Klose.“

Und der wurde eben nicht schon als kommender Jahrhundertspieler gefeiert, bevor er sich zum ersten Mal rasierte. Miro Klose hatte das Fußball spielen mit sieben Jahren auf einem Bolzplatz in Kusel gelernt, im nicht gerade vornehmen Wohngebiet „Holler“. Seine Eltern waren 1985, als der Eiserne Vorhang bereits Risse bekommen hatte, aus Polen in die Pfalz übergesiedelt. Zuvor hatte Miro die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich verbracht, wo sein Vater Fußballprofi war. Als Pole, der Französisch besser beherrschte als seine eigentliche Muttersprache,  musste er sich nun also in der nächsten Fremde zurechtfinden.

VON BLAUBACH-DIEDELKOPF NACH HOMBURG

Der Fußball bot ihm die Möglichkeit zur Integration. Mit elf Jahren trat er erstmals in einen Verein ein, in die SG Blaubach-Diedelkopf, die sich dank des ehrenamtlichen Engagements einiger weniger damals einen herausragenden Platz im Jugendfußball der Region erarbeitet hatte.

Mit sechzehn entdeckt Miro hinterm Fußballplatz in Blaubach ein Gestänge, das einem Galgen ähnelt. Ein ehemaliger Flutlichtmast, der provisorisch zum Kopfballpendel umgebaut wurde. An diesem bringt sich der junge Pole, der besser französisch spricht, in langen, einsamen Übungsstunden die Kopfballtechnik bei, die später selbst den Größten der Zunft Bewunderung abnötigt. Mit der gleichen Akribie wird er sich nach und nach all seinen weitere Stärken erarbeiten.

 Auf seiner ersten Station im Erwachsenen-Fußball, in Homburg, fällt er gar nicht mal durch Tore auf. Er kommt auch gar nicht mal so oft im Einsatz, unter anderem wegen eines nicht korrekt diagnostizierten Mittelfußbruchs, der ihm noch Jahre später zu schaffen machen werden. Dennoch werden erste Bundesliga-Späher auf den Jungen mit den außerordentlichen Bewegungsabläufen aufmerksam, erst aus Bochum, dann aus Schalke.

FRITZ WALTER WIRD KLOSES VORBILD

Sein Wunschverein, der 1. FC Kaiserslautern, hält sich jedoch lange zurück. Erst, als ein gewisser Michael Petry, der als Wunschstürmer für die Zweite Mannschaft ausgeguckt ist, dem FCK absagt, erhält Miro eine Chance am Betzenberg. Der Rest ist Geschichte, könnte man sagen.

Reng hat sich bis hierhin bereits 160 Seiten Zeit gelassen, und keine davon ist zu viel. Sie haben viel über den Fußball in der Provinz erzählt und wie dieser insbesondere Miro Klose geprägt hat. Zu seinem weiteren charakterlichen Feinschliff trägt unter anderem die Begegnung mit Fritz Walter bei: Eine Fußballlegende, die nie abgehoben ist und auch auf dem Gipfel ihres Ruhms stets Bescheidenheit und Respekt vor anderen vorlebte. So will Miro auch werden, entschließt er sich, und so bleibt er auch, bis er im fortgeschrittenen Alter zu Lazio Rom wechselt.

Dort schleppt er gemeinsam mit den Nachwuchsspielern die Bälle auf Trainingsplatz, und das ist nur eine dieser demütigen Aktionen, für die ihn die italienischen Journalisten bald schon zu einer Art Heiligen verklären. Na ja, zu dem Zeitpunkt ist er bereits 33 Jahre alt, außerdem ist er gelernter Zimmermann – wo sich dem katholische Rom da gewisse Vergleiche anbieten, ist ja wohl klar.

DER ABSCHIED 2004: EINE ALTERNATIVE GAB ES NICHT WIRKLICH

Am Betzenberg lernt er raue Umgangsformen im Training, aber auch  kameradschaftliche Herzlichkeit davor und danach kennen. Zu den ehemaligen Lautrer Mitspielern, die Reng für dieses Buch interviewt hat, zählen Vratislav Lokvenc, Roger Lutz und Andreas Reinke. Dazu Olaf Marschall, den Miro schon als Betzenberg-Besucher in der Westkurve bewundert hat und von dem er die Rückennummer 11 übernommen hat, den  langjährige Jugendtrainer Ernst Diehl sowie die FCK-vertrauten Journalisten Horst Konzok und Tobias Schächter. So entsteht, anders als in Mario Baslers fast zeitgleich erschienen „Supertyp“-Werk, ein wesentlich differenziertes Bild vom FCK nach der Jahrtausendwende.

In diesem wird auch klar, dass es zu Kloses Abschied vom FCK im Jahr 2004 keine Alternative gab, nicht zuletzt, weil der damalige Vorstandsvorsitzende René C. Jäggi dessen Transferrechte ein Jahr zuvor für fünf Millionen Euro an „Lotto Rheinland-Pfalz“ verpfändet hatte. Das Geld musst ja wieder reingeholt werden, ehe der Vertrag offiziell auslief.

VAN GAAL WIRD SEIN ALPTRAUM 

Klose wechselt zu Werder Bremen, wo er endgültig zum Starstürmer aufsteigt und unter anderem den Umgang mit einem perfekt und einem weniger für passenden „Zehner“ lernt, mit dem Franzosen Johan Micoud und anschließend dem Brasilianer Diego. Gegen seinen Wechsel zu Bayern München sträubt er sich zunächst – „Ich bin doch Kaiserslautern-Fan“ –, erliegt dann jedoch der Überzeugungskraft der Rekordmeisters, insbesondere der eines Uli Hoeneß. In Luca Toni, dessen Grußformel „Ciao, Campione“ zur rituellen Grußformel zwischen beiden wird, findet er einen weiteren Freund fürs Leben.

Er erlebt allerdings auch die schwierigste Zeit seiner Karriere: Trainer Louis van Gaal, dessen genialische Art, Fußball zu denken, Reng nie in Frage stellt, ist der Überzeugung, dass der Mittelstürmer „auf den ersten Pfosten“ zu gehen hat, „immer“. Was Kloses geradezu einzigartig erfolgreicher Art, in einen Kopfball zu gehen, vollkommen zuwider läuft. Doch der Holländer ist nicht bereit, für einen der erwiesener Maßen Besten der Welt seine über Jahre ausgetüftelten Ablaufpläne zu ändern.

DIE WELTMEISTERSCHAFTEN: RONALDO ALS GEGENPART

Entnervt zieht Klose 2011 nach Rom weiter, zu Lazio, wo er endgültig gottähnlichen Status erreicht, als er im Derby gegen AS Rom in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielt. Und wo er genauso lange spielt, wie er am Betzenberg gespielt hat. Und wo es so klingt, wenn ein Sportjournalist an seiner Tastatur ausflippt:

„Mythos Miro, Marsmensch, stratosphärisch, einzigartig und unnachahmlich, eine angenehme Anomalie in diesem kranken Fußball, charismatischer, bescheidener Champion, ruhig, nie vorlaut, Vorbildprofi. Immenser, ewiger, fantastischer Klose. Klosissimo!“

Das dramaturgische Gerüst dieses Tatsachenromans bilden die vier Weltmeisterschaften, die Klose bestritt, mit dem WM-Sieg 2014 als Höhepunkt. Noch gekonnter als dieser Kniff ist die Idee, Miro in diesen Kapiteln einen Antagonisten an die Seite zu stellen: Zu allen vier Turnieren schildert Reng auch die jeweiligen Befindlichkeiten Ronaldos, des brasilianischen Wunderstürmers dieser Jahre. Am Ende löst Klose ihn als WM-Rekordtorschütze ab, während Ronaldo nur noch als Twitterer das Turnier verfolgt. Im allerletzten Kapitel begegnen sich die beiden sogar persönlich.

Dass Rom, wo er auch die italienische Lebensart und Küche schätzen lernt, seine letzte Karrierestation sein wird, ist Miro eigentlich schon früh im Jahr 2016 klar. Wieso hätte er sich nach dieser Zeit noch einmal eine Herausforderung wie Kaiserslautern suchen und eine Enttäuschung riskieren sollen? Dass er auch nur kurzzeitig über eine Rückkehr in die Pfalz als Fußballer nachgedacht hat, wird im Buch erst gar nicht thematisiert. Die vielerorts kolportierte Wandersage, er habe seine Kinder bereits in Kusel zur Schule angemeldet gehabt, darf somit endgültig als Phantasterei abgetan werden.

RÜCKKEHR AUF DEN BETZE? WENN, DANN ALS TRAINER

Mittlerweile ist Klose als Jugendtrainer beim FC Bayern tätig, und Uli Hoeneß traut ihm durchaus zu, eine „große“ Karriere als Coach in Angriff zu nehmen. Wer weiß, vielleicht kehrt er ja in dieser Eigenschaft eines Tages auf den Betzenberg zurück.

Im Herzen Pfälzer geblieben ist er so oder so. Daran hat auch Ronald Reng keine Zweifel, wenn er die unerschüttlichen  Nehmerqualitäten des damals 36-Jährigen in den Partien der WM 2014 beschreibt: 

„Er war mit den Jahren ein Mann des neuen deutschen Fußballs geworden, ein Vertreter des feinen Spiels. Doch kann ein Mensch seine Prägung jemals ganz verlieren? Miroslav Klose, der späte Kombinationsstürmer, war auch immer noch ein Mann des Betzenbergs, des Kämpfens, des Grätschens; des klaglosen Einsteckens.

Diesen Spirit gibt Miro Klose auch an seine Söhnen weiter, den Zwillingen Luan und Noah. An einer Stelle des Buchs spielt er ihnen das Video vor, in dem er sein allererstes Fernsehinterview überhaupt gibt, in der SWR-Sendung „Treffpunkt Betze“. Luan und Noah lachen lange und laut, als er darin den Satz sagt, den der Hesse Reng in gelungener pfälzischer Schriftsprache wiedergibt:

„Es war schunn immer mei Traum gewess, mal do owwe uff em Betze se spiele.“

„Miro“ von Ronald Reng ist im Piper-Verlag erschienen und kostet 22 Euro (Ebook: 18,99 Euro).

Cover-Foto: Piper-Verlag